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Goethes letzte Worte : Mehr Licht war nicht

Johann Wolfgang von Goethe starb am 22. März 1832 in seinem Schlafzimmer. Bild: Helmut Fricke

Was waren nun wirklich Goethes letzte Worte? Mit Licht hatten sie jedenfalls nichts zu tun. In den Minuten vor dem Tod des Dichters in seinem Haus in Weimar ging es viel irdischer zu.

          Weimar, den 24. Juli 1797: Goethe hatte noch 34 Jahre, sieben Monate und 28 Tage zu leben, machte aber schon einmal sein Testament. Dabei wurde ihm zu Lebzeiten und vor allem nach seinem Tod eine glückliche Konstitution nachgesagt. Goethe galt als robust, ohne es gewesen zu sein. Er erreichte ein hohes Alter, war jedoch zeitlebens oft krank und mehr als einmal dem Tode nahe. Das Krankenblatt, das der Germanist Gero von Wilpert zusammengestellt hat, beginnt mit der Nabelschnurumschlingung des wie leblos geborenen Säuglings und endet mit dem Herzinfarkt des Hochbetagten. Dazwischen litt Goethe unter Masern, Windblattern, Pocken, Katarrhen, Infekten, Mandelentzündung, Verdauungsstörungen, Rheuma, Kopfschmerzen, Schwindelanfällen, einer Gesichtsrose, Angina pectoris, Netzhautentzündung, Lungenentzündung, Herz- und Kreislaufstörungen, einem Blutsturz bei Erhalt der Meldung vom Tod seines Sohns August, Gehirnhautentzündung, Nierenkoliken, Herzbeutelentzündung und üblen Zahnschmerzen. Außerdem war er seelisch leicht erschütterbar, wetterfühlig, kälteempfindlich, licht- und wärmebedürftig und wohl auch, nun ja, ein wenig hypochondrisch. Krankheiten hielt er für „das größte irdische Übel“, glaubte aber daran, dass Leiden „dem Gemüt doppeltes Leben und Kraft“ verleihe. Sprechen wollte er über seine Gebrechen nicht: „Nur die Gesundheit verdient, remarkiert zu werden.“

          Hubert Spiegel

          Redakteur im Feuilleton.

          Vier seiner fünf Kinder starben früh. Im Testament von 1797 setzte Goethe „den mit meiner Freundin und vieljährigen Hausfreundin, Christianen Vulpius, erzeugten Sohn August“ zum Universalerben ein. Aber August starb im Alter von 40 Jahren an einer Pockeninfektion in Rom. Seine letzten Worte sind nicht überliefert, auch er selbst wird nicht länger „remarkiert“: Die Inschrift auf dem Grabstein, vom trauernden Vater verfasst, nennt nicht einmal den Vornamen des Verstorbenen. Für die Nachwelt soll August nur „Goethe Filius“ sein, Goethes wider die natürliche Ordnung vor dem Vater verschiedener Sohn.

          Der Tod, so wird Goethe später gegenüber seinem Vertrauten Eckermann äußern, „ist doch etwas so Seltsames, dass man ihn, ungeachtet aller Erfahrung, bei einem uns teuren Gegenstand nicht für möglich hält und er immer als etwas Unglaubliches und Unerwartetes eintritt. Er ist gewissermaßen eine Unmöglichkeit, die plötzlich zur Wirklichkeit wird. Und dieser Übergang aus einer uns bekannten Existenz in eine andere, von der wir auch garnichts wissen, ist etwas so Gewaltsames, dass es für die Zurückbleibenden nicht ohne die tiefste Erschütterung abgeht.“

          Als Goethe am 22. März 1832 im Alter von 82 Jahren starb, zeigte sich, dass auch aus tiefster Erschütterung nicht zwangsläufig große Dichtung erwächst: „Es staunt ihn Deutschland, so die Menschheit an / so hoch, so groß, so unerreichbar fern, / sein Haupt, erhoben wie des Donn'rers Haupt“, hieß es in einem „Canzone, geschrieben bei der Nachricht von Goethe's Tod“, das 1832 anonym veröffentlicht wurde. Friedrich Rückert, der Orientalist und Verfasser der „Kindertotenlieder“, dichtete: „Als er abtrat nun vom Streite, War das letzte Wort, das quoll / Aus der Brust erhobner Weite: „Mehr Licht!“ Nun, o Vorhang, roll / Auf, daß er hinüber schreite / Wo mehr Licht ihm werden soll“. Christoph Wilhelm Hufeland, Mediziner, Sozialhygieniker und Volkserzieher, drückte es nicht viel anders aus: „Er endete mit den Worten: „Mehr Licht“ - Ihm ist es nun geworden. - Wir / wollen es uns gesagt sein lassen, als Nachruf, zu Ermunterung und Erhebung“.

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