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Das ist die Liebe der Senioren : Die letzte große Liebe wartet im World Wide Web

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Dichter und Denker: Günther Franzen weiß, wie er sich auf dem Fleischmarkt verkaufen muss, denn auch für Dörrfleisch gibt es Liebhaber. Bild: F.A.S.

In unserer Reihe „Das ist die Liebe der Senioren“ erzählt Autor Günter Franzen von seiner Suche nach der letzten großen Liebe. Dafür begibt er sich auf ein Online-Dating-Portal.

          Wenn ein Mann in vorgerücktem Alter einer Frau, deren Zuneigung er zu erringen hofft, versichert, ihr im Bedarfsfall bis ans Ende der Welt zu folgen, kann er in der Regel darauf vertrauen, nicht beim Wort genommen zu werden. Ich hatte das Pech, an eine willensstarke Vertreterin des schönen Geschlechts zu geraten, die diese Regel entweder nicht kannte oder sie schlichtweg ignorierte, als sie mich aufforderte, sie nach Dux zu begleiten, wo sie 60 Jahre zuvor das Licht ebendieser Welt erblickt hatte.

          Im Rahmen meiner widerwillig getroffenen Reisevorbereitungen brachte ich in Erfahrung, dass der in diesem nordböhmischen Kaff residierende Graf Joseph Karl von Waldstein sich einstmals des berüchtigten Schwerenöters Giacomo Girolamo Casanova erbarmt und den greisen, von Gicht, Heimweh und querulatorischen Ausbrüchen geplagten Italiener von 1785 bis zu seinem Tod im Jahre 1798 ganz selbstlos durchgefüttert hatte. Er habe, heißt es in einem zeitgenössischen Dokument des Fürsten de Ligne, 13 Jahre lang darauf bestanden, tagtäglich um Punkt 12 in der Schlossbibliothek seine Makkaroni serviert zu bekommen.

          Abgesehen davon, dass ich die Beschäftigung mit dem Niedergang lebender und verstorbener Altersgenossen als wenig erbaulich empfinde, stand das ganze Projekt unter keinem guten Stern. Auf der Flucht vor den in beiges Einheitstuch gehüllten, vorwiegend aus dem Ruhrgebiet stammenden Reha-Patienten, die sich mit ihren Trinkbechern in Divisionsstärke durch die bezaubernd fragilen Kolonaden der Jugendstilhochburgen von Marien-, Franzens- und Karlsbad wälzten, erreichten wir unseren Bestimmungsort bereits in einem ziemlich angefressenen Gemütszustand.

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          Die Fassade des Hotels erstrahlte im schönsten Habsburger Gelb, im Foyer hing der Geruch von Krautwickeln und Moder. Der magenkrank wirkende Objektleiter knöpfte uns eine Parkgebühr in ungeahnter Höhe ab und legte uns nahe, den kleinen japanischen Sportwagen meiner Gefährtin zusätzlich mit einer Wegfahrsperre zu versehen, die gegen Zahlung von 3000 Kronen käuflich bei ihm zu erwerben sei. Beim Gang durch die Stadt reihte sich eine Enttäuschung an die andere. Das Grab des legendären Frauenhelden war bereits von prüden Angehörigen der Roten Armee eingeebnet worden, das Elternhaus meiner Geliebten in den letzten Tagen des kommunistischen Regimes den Baggern des Braunkohletagebaus zum Opfer gefallen, kurzum: Das Ganze wirkte so besucherfreundlich wie das heimische Bitterfeld im Jahr nach dem Mauerfall. Wir saßen auf der verwitterten Terrasse der nach dem toten Schürzenjäger benannten Gaststätte, die Fallwinde aus dem nahen Erzgebirge ließen mich frösteln, der Kaffee schmeckte nach einer Mischung aus Zichorie und Robusta, bedürftige Kinder vom Stamme der Roma oder Sinti umkreisten das scheinbar wohlsituierte, von historischen Schuldgefühlen gebeutelte linksliberale Liebespaar, und ich grummelte halblaut vor mich hin: „Erst schleppst du mich zurück in den verdammten Ostblock, und jetzt haben wir auch noch die Zigeuner an den Hacken.“

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