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Wahlkampf im Internet : Im Neuland angekommen

Gute Stimmung im Internet? SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz mit Smartphone Bild: dpa

Im Superwahljahr 2017 lassen sich deutsche Parteien erstmals voll auf den Wettbewerb im Netz ein. Wie nicht nur das Beispiel von Martin Schulz zeigt: Das kann heikel sein.

          Eigentlich war Matti Merker auf der Suche nach Wählern. Stattdessen schrieben ihm vergangenes Jahr mehr als hundert homosexuelle Männer, die ihn gerne kennenlernen wollten. „Ich bin aber heterosexuell“, sagt der SPD-Lokalpolitiker aus der Nähe von Darmstadt und lacht. Bei der Dating-App Tinder hatte er trotzdem angegeben, an beiden Geschlechtern interessiert zu sein.

          Sebastian Eder

          Redakteur im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET.

          Auf seinem Profil schrieb er zwar, dass er nicht auf Beziehungssuche, sondern im Wahlkampf für die Kreistagswahl sei – die meisten Tinder-Nutzer schauen sich aber nur die Profilbilder an. „Es ist eine klassische Sex-App“, sagt Merker. „Über Politik habe ich vielleicht mit 30 Leuten geredet. Mehr als zwei, drei Wählerstimmen hat das bestimmt nicht gebracht.“ Für den Einzug in den Kreistag reichte es trotzdem.

          Merker ist Anfang 30 und Teil einer neuen Generation von Politikern, die mit dem Internet aufgewachsen ist und sich nicht davor scheut, im Wahlkampf online zu experimentieren. Auch die Parteien lassen sich im Superwahljahr 2017 zum ersten Mal voll auf die Möglichkeiten des Internets ein – und nehmen das Risiko in Kauf, mal auf die Nase zu fallen.

          Der „Schulzzug“ als Spiel auf dem Smartphone
          Der „Schulzzug“ als Spiel auf dem Smartphone : Bild: dpa

          Die öffentliche Toleranzschwelle für nicht ganz so seriöse Aktionen ist gestiegen: 2013 reichte es noch für einen kleinen Skandal, dass der glücklose SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück auf dem „Peerblog“ gefeiert wurde und nicht klar war, wer das finanzierte; die Seite wurde nach massiver Kritik aus dem Netz genommen. In diesem Jahr zeigte sich die Öffentlichkeit dagegen zunächst begeistert von dem „Schulzzug“, den Unbekannte auf der Plattform „Reddit“ ins Rollen gebracht hatten. Hunderte Memes (Bilder mit Sprüchen) fluteten das Internet, in denen es nicht um Inhalte ging, sondern Schulz etwa als „Gottkanzler“ gefeiert wurde.

          Schulz-Kampagne wurde von online-affinen Fans getragen

          Wie gefährlich es ist, sich als Partei auf so einen Pfad zu begeben, zeigte sich vergangene Woche: Nach der Wahlpleite in Schleswig-Holstein tauchten auf Twitter unter dem Hashtag #Schulzzug fast nur noch Fotos von entgleisten Zügen und schlechtgelaunten SPD-Spitzenpolitikern auf. Christoph Bieber, Politikwissenschaftler an der Universität Duisburg-Essen, sagt: „Das sind die Geister oder die Memes, die man gerufen hat.“ Schulz selbst hatte mit der Kampagne wenig zu tun, sie wurde von online-affinen Fans getragen. Zum Beispiel von Christopher Lauer. Der ehemalige Pirat, inzwischen SPD-Mitglied, hatte im Februar laufend Beiträge geschrieben wie: „DER SCHULZ-ZUG FÄHRT!!! KEINE BREMSEN!!!! NÄCHSTER HALT: KANZLERINNENAMT!!!“

          Bereits vergangene Woche war von der Euphorie auf seinem Account nicht mehr viel zu lesen, stattdessen wurde in alter SPD-Tradition auf die Medien geschimpft. Fragte man Lauer per Privatnachricht, ob er Lust hätte, über das Thema #Schulzzug und das Kippen des Phänomens zu sprechen, veröffentlichte er Minuten später erst mal einen Screenshot der Anfrage auf Twitter und schrieb dazu: „Wie sich ein Journalist im Wahlkampf gegen die SPD engagiert.“ Die Nerven, immerhin so viel ließ er damit ahnen, lagen blank bei der SPD vor der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen. Mit gutem Grund, wie sich am Sonntag zeigte: Bei der „kleinen Bundestagswahl“ triumphierten CDU und FDP, Rot-Grün wurde abgewählt.

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