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Veröffentlicht: 10.04.2017, 12:08 Uhr

Katholische Kirche Drei Inder für Welver

Ausländische Priester werden gebraucht, ins Land geholt, aber nur selten integriert. Ein kleiner Ort will das ändern. Wie kann das funktionieren? Eine Beobachtung zwischen Karnevals- und Fastenzeit.

von Michaela Schwinn, Daniel Pilar (Fotos)
© Daniel Pilar Sie sollen den Führerschein machen, zu Fußballspielen gehen, Hirschbraten essen – und Messen halten: Indische Priester mit ihrer Gemeinde.

Es ist nur eine einfache Pappschachtel, die der Pastor öffnet. Und doch starren drei Augenpaare darauf, gespannt und ängstlich zugleich. Was wird das nun wieder sein? Pastor Aßheuer holt eine blonde Perücke heraus, mit rotem Pagenschnitt und einer Kappe mit Pfauenfeder. Jeder der drei Inder, die am Esstisch der Pfarrwohnung sitzen, soll eine davon tragen. Am Wochenende ist Karnevalssitzung. Dann werden sie mit den Perücken auf den Köpfen zwischen Piratinnen und Feuerwehrmännern stehen, ein Bier trinken oder zwei. In der ersten Strophe der Karnevalsrede wird es heißen:

„Vor vier Jahren hatte unser Pastor eine irre Idee, / keine einheimischen Priester – ne, ne. / Deutsche haben wir sowieso nicht mehr, / also müssen indische Priester her.“

Shijo, Nelson und Joby sind indische Priester und Teil eines Projekts, das Pastor André Aßheuer das „Welveraner Modell“ nennt. Welver, das sind 85 Quadratkilometer Wiesen, Felder, Windräder. „Der Mittelpunkt Westfalens“ steht in großen Lettern über dem Eingang des Bahnhofs. Hierher kommen jedes halbe Jahr drei Priester aus Indien. Genauer gesagt: aus „Gottes eigenem Land“, so nennen Einheimische den Bundesstaat Kerala: 38.000 Quadratkilometer, Kokosnusspalmen, Hausboote und Teeplantagen; fast jeder vierte Einwohner ist Christ.

Führerschein machen, Messen halten, zu Fußballspielen gehen

Deutschen Gemeinden gehen die Seelsorger aus. Die Zahl der Priesterweihen sinkt jedes Jahr. 2015 erreichte sie einen neuen Tiefpunkt: Nur 58 Männer wurden zum Priester geweiht. Ausländische Geistliche sollen das auffangen. Seit langem kommen jährlich Hunderte aus Osteuropa, Afrika oder Asien. Sie bleiben nur einen Sommer lang oder mehrere Jahre, im Schnitt sind es sieben bis zehn Jahre. Missionare aus Europa trugen ihren Glauben einst in die weite Welt, von dort soll er nun zurück in deutsche Pfarreien. Das kann schiefgehen, gerade in Dörfern mit eingeschworener Gemeinschaft und festen Traditionen. Wie in einem Dorf wie Welver.

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Nur dass hier etwas anders ist: In der kleinen katholischen Pfarrei St.Maria will man Großes erreichen, ihr Modell soll Vorbild sein für andere Pfarreien, ja ganze Diözesen. So gewöhnlich Pastor Aßheuer daherkommt, mit Kurzhaarschnitt, roten Bäckchen, weißem Kragen, so unkonventionell war seine Idee. Es reichte ihm nicht, die Priester ins Land zu holen. Er wollte, dass sie Teil der Dorfgemeinschaft werden: Sie sollen den Führerschein machen, Messen halten, zu Fußballspielen gehen. Mittags Hirschbraten essen und abends im Finanzausschuss sitzen. Aber kann das funktionieren? Drei Inder in der deutschen Provinz?

„Deswegen bin ich hier.“

Heidi Gerdes sitzt Shijo gegenüber, in dem kleinen Klassenraum im Gemeindezentrum. Sie formen die Münder wie Schimpansen. „CH-H-Heidi“, sagt Shijo. Das „H“ macht ihm immer noch zu schaffen. Immer vormittags gibt Gerdes den Priestern Nachhilfe. Sie ist pensionierte Lehrerin, weiße Dauerwelle, Pünktchenbluse – und nicht getauft. Shijo ist der jüngste der drei Priester, 36 Jahre ist er alt, und könnte doch leicht als Anfang 20 durchgehen. Seine Statur ist schlaksig, der Haarschnitt bubenhaft. Lächelt er, dann so breit, dass man seine Zähne zählen kann. Von Heidi Gerdes, die hier alle wie die indischen Priester nur beim Vornamen nennen, weiß er, was ein Schneidersitz ist und das rollende „R“.

45742461 © Daniel Pilar Vergrößern Seinen ganzen Lohn spendet er an Leprakranke: Shijo,36, aus dem indischen Kerala.

Gerdes umgekehrt weiß von ihm, wie schlecht es vielen Indern geht. Shijo war 29 Jahre alt und gerade erst zum Priester geweiht, als er Mutter Teresa in Kalkutta hörte. Ihre Worte berührten ihn so, dass er von Kerala in Südindien in eine Mission im Norden ging. Dort kam er täglich zum Bahnhof, brachte denen Essen, die keiner mehr wollte: den Leprakranken und Obdachlosen. „Mein ganzer Lohn geht dorthin“, sagt Shijo, „deswegen bin ich hier.“

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