14.12.2004 · Das Fernseh-Duell zwischen Ralf Schumacher und Stefan Raab ist beendet. Im ungleichen Kampf streckte der als „Porno-Ralle“ verhöhnte Rennfahrer die Waffen - und holte sich in Raabs Studio die Absolution.
Von Jörg ThomannVerletzungen der Ehre zogen in früheren Zeiten oft tatsächliche nach sich. Wer die Mannesehre eines anderen in den Dreck zog oder sich gar lästerlich über dessen Gattin äußerte, der mußte noch bis ins zwanzigste Jahrhundert hinein damit rechnen, zum Duell aufgefordert zu werden; eine Sitte der höheren Stände, die dem beteiligten Beleidigten die Ehre zurückgab, mitunter aber auch das Leben nahm.
Mit der Vormachtstellung der Adligen und Militärs sind auch derlei fragwürdige Gepflogenheiten verschwunden. Zu den heute Mächtigen zählen Aufsteiger, die unfallfrei schnelle Autos fahren können oder allabendlich im Fernsehen Witze auf Kosten anderer machen. Kriegen sich solche Leute in die Haare, weil einer dem anderen ein Geschäft vermasselt etwa oder ehrenrührige Zoten über seine Ehefrau verbreitet, dann wird die Sache nicht mehr wie einst mit der Pistole, sondern mit zeitgemäßen Waffen ausgefochten, also mit Anwälten und den Medien.
Ein gleichwertiger Gegner
Mit dem Rennfahrer Ralf Schumacher hatte Stefan Raab, der sich in seiner Pro-Sieben-Show „TV Total“ ansonsten meist Schwächere vornimmt, diesmal einen Gegner seines Kalibers gewählt. Ein durch einen Pressebericht bekanntgewordenes Investment Schumachers bei einer Beate-Uhse-Tochter hatte Raab zum Anlaß genommen, den Sportler in seiner Sendung als „Porno-Ralle“ und seine Frau Cora als „Hard-Cora“ zu schmähen und übers Internet T-Shirts mit seinen Namensschöpfungen zu verbreiten. Schumacher wehrte sich so, wie schon mehrere Raab-Opfer vor ihm: juristisch. Sein Anwalt schickte ein Abmahnungsschreiben und drohte eine Klage an.
Es war eine Steilvorlage für Raab, der die willkommene Gelegenheit nutzte, sich endlich einmal als mutiger Klassenkämpfer zu präsentieren. Der Showmaster, der sich schon äußerlich als Mitglied des Medienproletariats präsentiert, schlug Schumacher öffentlich ins Gesicht, verlas in seiner Show das Anwaltsschreiben und spottete weiter. Für seinen Gegner war es längst ein aussichtsloses Rennen, bei dem ihm nicht einmal die Unterstützung der mit Raab verfeindeten „Bild“-Zeitung half. Der bessere Populist war in diesem Fall der Medienprofi Raab, von dem sich der Großverdiener Schumacher vorhalten lassen mußte, seine Steuern nicht in Deutschland zu zahlen; spätestens als Raab auch noch ankündigte, den Erlös des T-Shirt-Verkaufs einem Verein gegen sexuellen Mißbrauch zu spenden, der von seinem Glück noch gar nichts wußte, ging es für Schumacher nur noch darum, den TV-Totalschaden zu vermeiden.
Verwandelter Elfmeter
Denn niemand wird in unserer Zeit, in der das öffentliche Bild der entscheidende Maßstab ist, stärker geächtet als derjenige, der scheinbar keinen Humor besitzt. Weshalb Schumacher am Montag abend nach Canossa ging, um sich in den „TV Total“-Hallen vom Hohepriester Raab die Absolution zu holen - und gute Miene zu machen zum Abschluß des Spiels, bei dem Raab, wie Schumacher eingestand, den von ihm verursachten Elfmeter verwandelt habe. Schlaflose Nächte, wie zuvor zu lesen war, habe ihm und seiner Frau das Treiben nicht verursacht, beteuerte Ralf, und überhaupt habe man ja „sehr viel Humor“. Die abschließende Umarmung unter Männern belegte sinnbildlich, wie die entgegen anderslautender Gerüchte noch höchst vitale Spaßgesellschaft den verlorenen Sohn wieder in die Arme schloß.
Aus dem Erotik-Zusatzgeschäft will der Rennfahrer nun aussteigen, Raab hat seins schon eingestellt: Die T-Shirts werden nicht mehr verkauft, die erlösten 101.917 Euro erhält - mit Schumachers Zustimmung - der Verein „Cora eV.“. „Ein feiner Schachzug“ lobte Raab und bekundete Schumacher seinen „außerordentlichen Respekt“. So heiligt am Ende der gute Zweck alle Mittel. Von den Sitten hingegen sollte man besser schweigen.
Jörg Thomann Jahrgang 1971, Redakteur im Ressort „Gesellschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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