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Erziehung : Was tun, wenn die Kinder die falschen Freunde haben?

Bild: mauritius images

Jakob war erst zwölf, als er sich eines schönen Tages bewaffnen wollte. Wie sollen Eltern reagieren, wenn ihre Kinder falsche Freunde haben?

          Das erste Mal fragte sich Kerstin Reher, ob sie irgendetwas unternehmen solle, als ihr zwölfjähriger Sohn Jakob vom Spielen nach Hause kam und nach Zigarettenrauch roch. Sie stand ihm im Flur ihres hübschen Einfamilienhauses gegenüber und forderte: „Hauch mich mal an.“ Was sie roch, ließ ihr keine andere Wahl. Die 46-Jährige fragte unverblümt: „Hast du geraucht?“ Jakob nickte.

          Katrin Hummel

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Sie erklärte ihm, wie der Teer sich in der Lunge absetzt und wie man süchtig nach Nikotin werden kann. Jeder probiere das zwar mal aus, sagte Reher ihrem Sohn, sie selbst habe das früher auch getan, aber es sei dann wichtig, schnell wieder damit aufzuhören. „Ich habe versucht, kein Drama draus zu machen, aber ihm trotzdem klarzumachen, wie gefährlich Zigaretten sind, und er hat mir sofort versprochen, dass er nie wieder rauchen würde“, erinnert sich Reher, die wie auch alle in diesem Text vorkommenden Kinder eigentlich anders heißt und mit ihrem Mann und zwei Söhnen in einem kleinen Dorf in Norddeutschland wohnt.

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          Was sie Jakob nicht sagte: Sie war sich sicher, dass sein neuer Freund Kevin ihn zum Rauchen verführt hatte. „Der war ein Jahr älter als Jakob, ein Junge aus dem Dorf, auf den ersten Blick nicht unhöflich, aber er hatte ungepflegte Zähne, ganz braun. Im Dorf erzählte man sich, dass sein Vater Drogenhändler war und im Gefängnis gesessen hat und nach seiner Entlassung ermordet worden sei“, berichtet Reher. Außerdem habe Jakob ihr mit einer Mischung aus Abscheu und Verwunderung berichtet, dass Kevin zu Hause in seinem Zimmer aus Spaß seinen Hund gegen die Wand geworfen habe.

          Reher überlegte also, ob sie ihrem von der Andersartigkeit seines neuen Freundes faszinierten, behüteten Sohn verbieten solle, sich mit Kevin zu treffen. Ob sie den immer neugierigen und aufgeschlossenen Jakob daran hindern sollte, das soziale Milieu, in dem Kevin lebte, kennenzulernen. Sie entschied sich dagegen. Es erschien ihr unrealistisch, da Kevin im gleichen Dorf lebte und sich Jakob dort wie alle Kinder frei bewegte. „Und außerdem ist Jakob jemand, den verbotene Sachen ganz besonders reizen.“

          „Neugierde auf das Fremde“

          Tatsächlich üben verbotene Dinge und „wilde“ Freunde auf manche Kinder eine große Anziehungskraft aus. Während Freundschaften bei Kindern wie auch Erwachsenen in der Regel auf Ähnlichkeiten und gleichen Werten basieren, sind manche Kinder und Jugendliche von Gleichaltrigen, die völlig anders sind als sie selbst, regelrecht fasziniert. „Gegensätze ziehen sich an“, sagt der Wuppertaler Familientherapeut Achim Schad. Ob behütete und vernachlässigte Kinder aufeinandertreffen oder arme und reiche – es ist das Anderssein des anderen, was manche Kinder interessiert. „Da kann Bewunderung mitschwingen oder auch Neugierde auf das Fremde“, sagt Schad, „das kann einen großen Reiz haben.“ Doch was sollen Eltern tun, wenn sie der Meinung sind, dass ihre Kinder die falschen Freunde haben?

          Kerstin Rehers Entscheidung, sich nicht einzumischen, brachte zunächst das gewünschte Ergebnis. Kevin zog weg, in eine Wohngruppe für Schwererziehbare, so dass Rauchen tatsächlich kein Thema mehr für Jakob war. Dafür traf er sich nun aber plötzlich regelmäßig mit einer Mitschülerin namens Saba. Zuerst nachmittags an der Schule, die eine halbe Busstunde entfernt vom Wohnsitz der Rehers liegt, nach ein paar Wochen auch bei Saba zu Hause. Dafür nahm der Zwölfjährige eine Busfahrt von jeweils einer Stunde pro Wegstrecke auf sich, Umsteigen am Bahnhof inklusive. Denn Saba wohnte nicht in dem Stadtteil, in dem das Gymnasium lag, sondern in einer weit entfernten Hochhaussiedlung, die als sozialer Brennpunkt gilt.

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