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Kinderlose Frauen : Es geht auch ohne

  • -Aktualisiert am

„Sex and the City“-Girl Samantha Jones ist das perfekte Beispiel für eine kinderlose Powerfrau. Bild: Reuters

Frauen, die keine Kinder haben, werden oft behandelt, als müsse ihnen doch etwas fehlen. Das aber muss gar nicht so sein. Wieso bleiben manche lieber kinderlos?

          Ich will keine Kinder – ein brisanter Satz in unserer Gesellschaft. Wenn eine Frau diesen Satz sagt, erntet sie oft verständnislose Blicke. Oder sie hört Belehrungen wie diese: Na, werde erst einmal 30 oder 35 Jahre alt, dann fängt die Uhr schon an zu ticken. Oder sie wird für egoistisch gehalten. Oder für gefühlsarm. Was, kein Kinderwunsch? Irgendwas kann mit ihr nicht stimmen.

          Dass man als Frau keine Kinder will, kommt vielen Menschen sonderbar vor, vielleicht, weil viele Menschen tatsächlich schon immer felsenfest wussten, dass sie Kinder haben wollen. Aber ist es wirklich so, dass Frauen von Natur aus Kinder bekommen wollen müssen? Ist Mutterschaft das Ziel jeder Frau? Und warum werden Männer nicht an den Pranger gestellt? Kinderlosigkeit, ob bewusste Entscheidung oder eine Entscheidung der Natur, führt bei Frauen immer wieder zu Stigmatisierung und Vorurteilen. Doch die Gründe, keine Kinder zu haben, sind meist sehr vielschichtig.

          „Du kannst dein Leben frei gestalten und bist ungebunden.“

          Simone Fischer (Name geändert) will keine. Und das schon, solange sie zurückdenken kann. „Ich konnte mir ein Leben mit Kindern einfach nicht vorstellen und hatte auch nie einen Kinderwunsch.“ Freunde sagten: Finde erst einmal den richtigen Mann, dann kommt auch der Kinderwunsch. Mit Ende zwanzig war sie in einer langen Beziehung – in dieser Zeit fangen viele Paare an, über das Thema Kinder nachzudenken –, aber auch da konnte sich Simone Fischer ein Leben mit Kindern nicht vorstellen. Ihr damaliger Freund meinte: „Das kommt schon noch.“ Es kam aber nicht. Mittlerweile ist sie 43 Jahre alt und hört immer noch keine biologische Uhr ticken.

          Mit ihrer persönlichen Lebenseinstellung geht sie offen um. Ihre Mutter fand von Anfang an absolut in Ordnung, dass sie keine Kinder will, und sagte ihr: „Du kannst dein Leben frei gestalten und bist ungebunden.“ Von ihren Freunden hört sie manchmal, dass man ohne Mann und Kind nicht glücklich sein könne. Oder dass sie ja nichts für die Rente tun würde. „Das nervt mich schon“, sagt sie. Auch Sätze wie diese: „Diese bedingungslose Liebe wirst du nie kennenlernen, wenn du keine eigenen Kinder hast.“ Oder: „Sie geben einem so viel zurück.“ Oder: „Im Alter wirst du es bereuen.“ Fischer aber sagt: „Ich werde nichts vermissen, was ich nicht kenne und mir nicht wünsche. Es kann natürlich sein, dass ich im Altersheim allein sitze, alle bekommen Besuch von ihren Kindern und Enkeln, nur ich nicht.“

          Rationale Gründe gegen Kinder

          Und natürlich könne sie sich zwar vorstellen, dass die Liebe zwischen Kindern und Eltern etwas Besonderes ist, aber es sei kein Grund für sie, deshalb ein Kind zu bekommen. „Ich habe einen großen Freundeskreis, ich führe ein erfülltes und glückliches Leben, habe einen Job, der mir Spaß macht, auch wenn ich keine Karriere im klassischen Sinn gemacht habe, das geht auch alles ohne Kinder“, betont sie. Fischer hat auch kein Problem mit Kindern – etwas, was Kinderlosen gerne unterstellt wird. „Ich werde zu Kindergeburtstagen eingeladen, wo ich gerne hingehe, es ist immer ein schöner und lustiger Nachmittag.“ Aber dann sei sie doch froh, dass sie keines der Kinder mit nach Hause nehmen muss.

          Neben der bewussten Entscheidung gegen Kinder, weil die Uhr einfach nicht tickt, gibt es auch rationale Gründe, sich gegen ein Leben mit Kindern zu entscheiden. In den siebziger Jahren beispielsweise hörte man von vielen kinderlosen Paaren, dass man in diese schreckliche Welt keine Kinder setzen könnte. „Heute haben viele Frauen Angst davor, in der Kleinfamilie zu verschwinden“, sagt Sarah Diehl, Autorin von „Die Uhr, die nicht tickt – kinderlos glücklich“. Frauen wollten sich ihre Freiräume aufrechterhalten. Es gehe nicht unbedingt darum, dass diese Frauen kein Interesse an Kindern hätten; sie sähen jedoch die Kleinfamilien als sehr isoliert an. Dieses Leben, das auch das in Deutschland sehr dominante Mutterideal vorgebe, wolle nicht jede Frau, sagt Diehl, die für ihr Buch mit zahlreichen Frauen gesprochen hat, die sich gegen Kinder entschieden haben. „Es wird als naturgegeben angesehen, dass eine Frau ein Kind haben möchte“, sagt Diehl. Unser Familienkonzept sei sehr eng. Frauen werde von unserer Gesellschaft unterstellt, dass der Kinderwunsch automatisch zum Frausein dazugehöre, auch wenn es durchaus erfüllende andere Lebenswege gebe.

          Aus gesundheitlichen Gründen oder wegen einer genetischen Vorbelastung

          Diehl hat den Eindruck, dass der Kinderwunsch oft nur deshalb Thema bei Frauen sei, weil ihnen von allen Seiten suggeriert werde, dass sie zeitlich unter Druck stehen und diese essentielle Erfahrung in ihrem Leben unbedingt machen müssten – egal, ob sie tatsächlich ein Familienleben haben wollten oder nicht.

          Viele Frauen schieben das Thema Kinder auch einfach auf später, wenn sie nach Kindern gefragt werden, obwohl für sie selbst bereits klar ist, dass sie keine Kinder wollen. Diehl berichtet auch von Frauen, die erleichtert waren, als sie in die Wechseljahre kamen, weil dann das Thema Nachwuchs abgeschlossen war – und keiner mehr Fragen stellte.

          Es gibt aber auch Paare, die aus gesundheitlichen Gründen oder wegen einer genetischen Vorbelastung keine Kinder bekommen können oder wollen. „Die Botschaft nach außen ist aber erst einmal, dass diese Menschen keine Kinder wollen“, sagt Carsten Wippermann vom Delta-Institut für Sozial- und Ökologieforschung, der im Rahmen einer repräsentativen Studie 5000 kinderlose Frauen und Männer im Alter zwischen 20 und 50 Jahren befragt hat. „Hier werden Kinderlose schnell stigmatisiert, vor allem von Familien. ,Ach, die Frau wollte doch nur Karriere machen. Sie war so ehrgeizig, dass sie auf Kinder verzichtet hat.’ Hier wird schnell geurteilt, anstatt genau hingesehen, was die Gründe sind“, sagt Wippermann.

          20 Jahre Schmerzen, Eisenmangel, schwere Blutungen

          „Es wird erst einmal davon ausgegangen, dass Frauen Kinder bekommen wollen“ – das ist auch die Erfahrung von Asmona Logan, die selbst keine Kinder hat. „Da bauen Familienangehörige auch schon einmal gedanklich das eigene Büro in ein Kinderzimmer um“, berichtet Logan von recht übergriffigen Erlebnissen. Sie selbst wird keine Kinder bekommen, da sie sich aufgrund von Myomen die Gebärmutter hat entfernen lassen. „Wenn mich Bekannte fragen, wann es denn bei mir endlich so weit sei, dann sage ich: Nie“, erzählt Logan, die mit dem Thema selbst im Reinen ist; den Fragenden ist dies dann aber meist recht unangenehm.

          Hinter ihr liegen aufgrund der Myome fast 20 Jahre Schmerzen, Eisenmangel, schwere Blutungen, durch die sie oft nicht das Haus verlassen konnte, und mehrere Operationen. „Der Tag, an dem ich mir die Gebärmutter habe entfernen lassen, war wie ein zweiter Geburtstag, den ich auch feiere, denn endlich kann ich verreisen, Sport machen und mein Leben ohne Einschränkungen und Schmerzen genießen.“

          Logan wird immer wieder auf das Thema Kinder angesprochen: „Nur weil ich etwas kann, heißt es ja noch lange nicht, dass ich es auch muss. Muttersein wird heute nicht in Frage gestellt, sondern es wird als eine angenommene Tatsache gesehen, dass Frauen Kinder bekommen wollen.“ Nicht zuletzt durch die medizinischen Fortschritte in der Reproduktionsmedizin wird mittlerweile auch vielfach suggeriert, alle Frauen könnten Kinder bekommen.

          „Hier werden Kinder oft idealisiert“

          So ist es aber nicht; bei vielen streikt der Körper, ohne dass die Medizin hilft oder man sie überhaupt in Anspruch nehmen möchte. Für Frauen mit unerfülltem Kinderwunsch kann die Frage nach Kindern immer wieder Wunden aufreißen, weiß Logan. „Ich wünsche mir mehr Sensibilität von anderen Frauen und Männern. Kinder sind für viele ein sehr privates Thema, da wäre es hilfreich, wenn Bekannte oder auch fremde Menschen ab und zu ihre Gedanken für sich behalten. Ich frage ja auch nicht, warum sich jemand für Kinder entschieden hat.“

          Was auch Logan sich immer wieder anhören muss, ist die Bemerkung: „Du kannst nicht mitreden, du weißt ja nicht, wie es ist.“ Ein Mann sagte auch einmal: „Du bist keine richtige Frau, wenn du kein Kind bekommst.’ Auch, dass man ohne Kinder im Alter allein sei, wird immer wieder von Familien als Argument in den Raum geworfen. „Ich habe bei meinen eigenen Großeltern gesehen, dass auch Menschen mit Familie im Altersheim allein sein können“, entgegnet Logan. Auch verstünden sich schließlich nicht immer alle Familien bis ins hohe Alter, oft gingen Vorstellungen auseinander, oder die Kinder zögen in andere Länder. „Hier werden Kinder oft idealisiert“, so Logan.

          Die Vorurteile und Stigmatisierungen von kinderlosen Frauen sind allgegenwärtig. Männer bekämen die Frage dagegen selten gestellt, kritisiert Logan, „da gilt es eher als cool, wenn man der ewige Junggeselle ist“. Auch fehle es an Vorbildern: „Glückliche Frauen ohne eigene Kinder tauchen in der Öffentlichkeit oder in den Medien wenig auf.“

          Keine Rechtfertigungspflicht für kinderlose Frauen

          Was aber sagen die Debatte und die Glorifizierung der Mutter über das Frauenbild, das wir in unserer Gesellschaft haben? Wir meinen oft, das klassische Rollenbild hinter uns gelassen zu haben, da Frauen selbstverständlich arbeiten und finanziell unabhängig sind. Sobald es aber um das Thema Mutterschaft geht, verfallen Paare und ihre Umgebung wieder sehr schnell in traditionelle Rollenbilder: Die Frau bleibt selbstverständlich erst einmal zu Hause und kümmert sich um Kind und Haus, der Mann geht arbeiten.

          Bevor Kinder da sind, treffen sich Paare auf Augenhöhe und leben gleichberechtigt, danach ändert sich das oft, und das macht vielen Frauen Angst, sagt Soziologe Wippermann. Finanzielle Abhängigkeit, Teilzeitarbeit, Altersarmut und traditionelle Rollenbilder sind Gründe, warum sich Frauen bewusst gegen Kinder entscheiden oder den Wunsch immer weiter nach hinten schieben, bis er oft nicht mehr erfüllt werden kann.

          Die klassische Karrierefrau jedenfalls, die sich aus egoistischen Gründen gegen Kinder entscheidet und erfolgreich durch die Welt jettet, ist meist nur das Klischee. Denn die Gründe für ein Leben ohne Kinder sind vielschichtig. Und am Ende steht vor allem die Erkenntnis: Auch ohne Kinder lässt sich ein erfülltes Leben führen. Und nicht jede Frau kann sich mit der Rolle der Mutter anfreunden oder findet in der Kleinfamilie den Sinn ihres Lebens. Und dafür sollte sich keine Frau rechtfertigen müssen.

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