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Die Zentrale der Bundesmonopolverwaltung für Branntwein in Offenbach bei Frankfurt: Das Gebäude, erbaut zwischen 1953 und 1954, steht heute unter Denkmalschutz. Bild: Wolfgang Eilmes

Behörde für Branntwein : Dienst ist Schnaps, und Schnaps ist Dienst

Heimlich, still und leise mickert eine deutsche Behörde ihrem Ende zu. Wie kam es dazu?

          Es kommt nicht oft vor, dass eine Behörde sich abschafft. Aber gerade passiert es. Ende dieses Jahres wird sie weg sein. Trotzdem kriegt man kaum was davon mit. Warum eigentlich? Immerhin ist es eine Bundesoberbehörde; die kommt direkt unter dem Bundesministerium, und sie schafft sich auch nicht aus Langeweile ab, sondern weil sie muss. Was sie bisher getan hat, verstößt gegen die Regeln der EU. Das hat sie mit der alten Glühbirne gemeinsam. Die Glühbirne ist schon weg. Jetzt also die Behörde. Von 650 Mitarbeitern sind abschaffungsbedingt noch 20 übrig. Was sagen die dazu?

          Erst mal müssen sie erklären, was ihre Behörde überhaupt tut. Da war die Glühbirne klar im Vorteil. Sie leuchtete einfach. Die Behörde – schwieriger. Schon ihr Name. Wer ihn aufsagen will, muss ihn auswendig lernen: Bundesmonopolverwaltung für Branntwein.

          Die Behörde hat ihre Zentrale in Offenbach bei Frankfurt. Der Volksmund oder jedenfalls der Offenbachermund nennt das Gebäude „Schnapspalast“. Drinnen sagen sie scherzhaft „Alcatraz“, weil die Architektur an ein Gefängnis erinnert. An ein außerirdisch schönes Gefängnis allerdings, inklusive Glaskunstfassade aus echtem Kathedralenglas. Ist das jetzt ein Geisterhaus, wo 20 Beamte in den Gängen spuken, durch die einst 650 strömten? Nein, die 650 waren sowieso auf verschiedene Standorte verteilt. Und im „Alcatraz“ ist vor einigen Jahren ein Teil der Zollverwaltung mit eingezogen. Normale Stimmung, „Mahlzeit“-Rufe über den Gang, ein älterer Beamter sagt „Guten Tag“. Das ist Ulrich Metzen, Vertreter des Vertreters des Präsidenten der Bundesmonopolverwaltung, dennoch wichtigster Mann.

          Der letzte Präsident ist nämlich 2012 in den Ruhestand gegangen, danach wurde kein neuer benannt, weil schon damals das Ende der Behörde absehbar war. Der ständige Vertreter des Präsidenten ist bereits mit neuen Aufgaben beschäftigt, er wechselte in die Generalzolldirektion. Bleibt Ulrich Metzen. Er ist derjenige, der die Abwicklung der Behörde leitet. Der Letzte, der gehen wird.

          Das Karrieremodell der Stunde: rauf oder raus

          In Metzens Büro erzählt alles von der Vergangenheit. In der Ecke steht ein knorriger Kaktus. Den hat Metzen sich vor über dreißig Jahren zugelegt. Damals war er Student und der Kaktus fünf Zentimeter klein. In dem Zimmer steht außerdem ein Fliesentisch, der schon einige Jahrzehnte aus der Mode ist. Auf dem Tisch ein Aschenbecher, trotz Rauchverbots. Das Ledersofa dahinter hat Metzen von einem ehemaligen Präsidenten der Behörde übernommen.

          Metzen arbeitet seit 1993 in der Behörde, also seit 25 Jahren. Das können sich viele heute gar nicht mehr vorstellen: nicht, dass es geht, und erst recht nicht, dass jemand es will. Wer dort bleibt, wo er ist, gilt als Sparbrief unter Bitcoins, das Karrieremodell der Stunde nennt sich „Up or out“, rauf oder raus, schnell aufsteigen oder Job wechseln. Metzen ist nicht schnell aufgestiegen, und jetzt steigt er stetig ab. Seine Macht schrumpft mit jedem Tag. Erstaunlicherweise schwärmt er aber nicht davon, wie viel besser früher alles war, wie viel leichter für Leute wie ihn.

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