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Vor zehn Jahren starb Prinzessin Diana Bilder der Todesnacht bis heute unter Verschluss

 ·  Vor zehn Jahren starb die „Königin der Herzen“. Der französische Fotograf Jacques Langevin schoss damals die letzten Bilder von Prinzessin Diana. Paparazzo war er nie, verurteilt wurde er dennoch. Im Gespräch mit Peter-Philipp Schmitt erinnert sich Langevin an die nächtlichen Ereignisse, die seinerzeit die Welt erschütterten. Ein FAZ.NET-Spezial.

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Es war, wie sich herausstellen sollte, ein mehr als misslicher Zufall, dass Jacques Langevin am Unfallort im Tunnel unter der Place de l'Alma vorbeischaute. Das allein spricht schon dagegen, dass der Franzose ein Paparazzo gewesen sein könnte. Paparazzi lauern ihrer Beute auf, jagen sie, lassen sie nicht aus den Augen, bis sie das eine Bild haben, das Millionen wert ist.

Wäre Jacques Langevin an jenem Abend allerdings zuvor nicht am Hotel Ritz an der Place Vendôme gewesen, und zwar nicht einfach am Vordereingang, wie die meisten seiner Kollegen, sondern am Hintereingang, und hätte er dort nicht pflichtschuldig Ihre einstige Königliche Hoheit, die Prinzessin von Wales, und deren Sommergespielen Dodi Al Fayed fotografiert - er wäre wohl nicht zum Augenzeugen eines Jahrhundertereignisses geworden.

Langevin: Habe nichts Verwerfliches getan

Dabei hat er die mit dem Tode ringende Diana in dem Mercedes-Wrack nicht einmal gesehen - geschweige denn fotografiert. Den schon toten Dodi Al Fayed jedoch, den Notärzte auf den Asphalt des Tunnels gelegt hatten, hielt Langevin damals mit seiner Kamera für die Archive fest. „Warum auch nicht?“, fragt er. „Es war ja kein normaler Unfall, das war allen klar. Außerdem lag er auf einer öffentlichen Straße, und auch die Polizei war schon da.“ Langevin ist sich sicher, nichts Verwerfliches getan zu haben.

Zehnter Todestag Dianas: Fotograf Jacques Langevin erinnert sich

Mohamed Al Fayed, der Vater Dodis, sieht das ganz anders. Jahrelang hat der ägyptische Milliardär Langevin und die anderen „Paparazzi“ mit Klagen überzogen. Sie seien die Ursache des Unfalls gewesen, sie hätten den Mercedes mit ihren Motorrädern erst von der Straße und dann gegen den dreizehnten Pfeiler des Tunnels abgedrängt - und zwar im Auftrag des britischen Geheimdienstes und vor allem von Prinz Philip, dem Gemahl von Königin Elisabeth II. Das Königshaus, so Al Fayeds Theorie, habe verhindern wollen, dass das verliebte Paar seine bevorstehende Verlobung und Dianas vermeintliche Schwangerschaft bekannt gibt.

„Scharfe Bilder“ werden zum Verhängnis

Dass der Fahrer des Wagens, Henri Paul, angetrunken (rund 1,75 Promille Alkohol im Blut) und mit hoher Geschwindigkeit (etwa 105 Kilometer pro Stunde) durch das nächtliche Paris fuhr, was, wie Frankreichs Oberste Richter 2002 entschieden, die Hauptursachen des Unfalls waren, und dass die Fotografen erwiesenermaßen erst einige Zeit nach dem Unfall den Ort des Geschehens erreichten, Langevin sogar erst nach mindestens zehn Minuten, will Al Fayed bis heute nicht wahrhaben.

Jacques Langevin musste sich zuletzt 2006 vor Gericht verantworten, weil er Bilder von dem Paar bei der Abfahrt am Hotel Ritz gemacht hatte - nicht nur auf der Straße, sondern auch in dem Mercedes. Und ein Auto kann nach französischem Recht ein privater Ort sein, in den man nicht fotografieren darf. In letzter Instanz wurde er verurteilt, die beiden Mitangeklagten Fabrice Chassery und Christian Martinez aber nicht, wie Langevin sagt. Warum? „Weil meine Bilder als einzige scharf waren.“

In den Siebzigern zog es ihn in den Orient

Jacques Langevins Büro liegt an der Rue Clairaut im 17. Pariser Arrondissement, gut 30 Gehminuten von dem berühmten Unglückstunnel entfernt. An der Tür hängt ein auf DIN-A-5-Größe gefaltetes Papier mit dem Namen seiner inzwischen fünf Jahre alten Agentur: „Deadline Photo Press“. Langevins Schreibtisch ist übersät mit Zeitschriften, in denen er und seine fünf Deadline-Kollegen kürzlich Bilder veröffentlicht haben, darunter auch „Stern“ und „Focus“. Hinter seinem Schreibtisch hängt ein großes Foto von Zinédine Zidane, weiter rechts steht das Bild einer somalischen Mutter mit ihrem Kind. Es zeugt von einer seiner letzten Fotoreportagen aus dem vergangenen Jahr.

Früher war der inzwischen Dreiundfünfzigjährige die meiste Zeit des Jahres unterwegs. Schon in den späten Siebzigern zog es ihn vor allem in den Orient. So begleitete Langevin für die amerikanische Fotoagentur Associated Press (AP) den Ajatollah Khomeini - zunächst in seinem Pariser Exil, 1979 folgte er ihm nach Teheran. Drei Monate blieb er damals in Iran. Mehrfach reiste er später mit Mudschahedin durch Afghanistan, wurde gleich zweimal verhaftet und saß unter anderem einige Tage in einem Gefängnis in Pakistan fest.

„An der Front wird man ja verrückt“

Den Bürgerkrieg im Libanon dokumentierte der Franzose ebenso wie den Nordirland-Konflikt, den Genozid in Ruanda und den ersten Golfkrieg - er gehörte zu den ersten Fotografen, die mit amerikanischen Soldaten in die befreite Hauptstadt Kuweits einzogen. „Ich bin aber bestimmt kein Kriegsberichterstatter“, sagt Langevin. „Da wird man ja verrückt, wenn man nur an der Front ist.“

Für ihn war vor allem 1989 ein „großartiges Jahr“: Es begann mit dem blutigen Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking, führte Langevin über Ungarn und Ost-Berlin, wo er mit der Kamera in der Hand den Fall der Berliner Mauer erlebte, weiter zur Samtenen Revolution in die Tschechoslowakische Sozialistische Republik und endete in Rumänien am ersten Weihnachtsfeiertag, als Nicolae Ceausescu und seine Frau Elena erschossen wurden. Seine Bilder schmückten damals unter anderem die Titelseiten von „Newsweek“ und „Time“.

Demonstration gegen den Rauswurf

Heute ist vor allem die französische Hauptstadt Langevins Arbeitsgebiet. Davon zeugen die Akkreditierungskarten, die Fotografen bei offiziellen Terminen am Band um den Hals tragen müssen. Neben seinem Schreibtisch hängen sie: „Siège de Campagne de Nicolas Sarkozy“ steht auf einer, eine andere daneben verschaffte ihm Zugang zu „His Holiness“, dem 14. Dalai Lama. Auch Diana näherte er sich zweimal mit Akkreditierung. Für AP fotografierte er sie 1981 bei ihrer Hochzeit mit Prinz Charles in London und 1992 bei einem ihrer Besuche in Frankreich.

Die „Accès Presse“ aus Plastik dienten Langevin auch schon zum Protest: Als die Fotoagentur Corbis, die zu Bill Gates' Imperium gehört, ihn und alle ehemaligen Sygma-Kollegen überraschend vor fünf Jahren auf die Straße setzte, zogen sich 17 der Fotografen nackt aus, um mit ihren Kameras vor Kameras gegen den Rauswurf zu demonstrieren. Jacques Langevin band sich für sein Bild die Akkreditierungskarten um die Hüften - wie einst Josephine Baker Bananen.

„Ich wollte einen anderen Fotografen auftreiben“

Für die Fotoagentur Sygma, die 1999 von Corbis aufgekauft worden war, arbeitete Langevin fast 20 Jahre lang. Von ihr bekam er vor genau zehn Jahren den Auftrag, das am häufigsten abgebildete Paar des Sommers 1997 abzulichten. „Ich wollte nicht“, erzählt Langevin. „Solche Bilder waren noch nie mein Ding.“ Doch es war Wochenende, der 30. August fiel auf einen Samstag, und Langevin hatte Dienst. Der Anruf erreichte ihn gegen 22 Uhr. Er saß mit Freunden beim Abendessen zusammen. „Ich versuchte noch, einen anderen Fotografen aufzutreiben, doch ohne Erfolg.“

Also musste der Diensthabende zum Ritz fahren, das seit 1979 Dodis Vater, Mohamed Al Fayed, gehört. Langevin hatte den von Diana weitestgehend selbstinszenierten Rummel in den Zeitungen verfolgt. Er wusste von dem Techtelmechtel der beiden an Bord von Al Fayeds Yacht „Jonikal“ und von dem Bild der Bilder - vom ersten öffentlichen Kuss Dianas mit einem Mann, der nicht Prinz Charles war. „Das war alles von ihr und den Al Fayeds geplant“, glaubt Langevin. „Wieso sonst legten sie sich vor Saint-Tropez auf eine Yacht.“

Langevin hatte seinen Auftrag schon erfüllt

Was sich am Abend des 30. August im Ritz abspielte, ist rekonstruiert. Der Sohn des ägyptischen Hausherrn und die englische Prinzessin aßen in der Imperial Suite allein zu Abend, während sich der stellvertretende Sicherheitschef des Hotels, Henri Paul, einige Stockwerke tiefer an der Bar „Vendôme“ noch mindestens zwei Pastis genehmigte. Paul war es auch, der später zu den wartenden Fotografen ging. „Er rief uns etwas zu, was ich aber nicht verstand“, sagt Langevin. Kollegen erzählten ihm, dass der Mann für die Sicherheit im Hotel zuständig sei und ihnen verraten habe, wann das Paar herauskomme. „Das macht kein Sicherheitsmann.“ Langevin war klar, dass Diana und Dodi gewiss nicht vorne aus dem Hotel kommen würden, er ging zum Hintereingang.

Zwanzig Minuten nach Mitternacht erschienen die beiden - mit Henri Paul. Urplötzlich fuhr ein Mercedes vor, merkwürdigerweise mit klaren, nicht wie sonst mit abgedunkelten Scheiben, und nach nicht einmal 60 Sekunden raste der Wagen schon davon, verfolgt von einigen Fotografen auf Motorrädern. Langevin indes hatte seinen Auftrag schon erfüllt: „Ich hatte meine Bilder von Diana und Dodi und ging zurück zu meinem Auto, um ins Sygma-Büro zu fahren.“

Angeklagt wegen fahrlässiger Tötung

Der schnellste Weg dorthin führte über die Pariser „Schnellstraße“ an der Seine entlang. „Vor dem Alma-Tunnel waren Menschen auf der Straße, im Tunnel sah ich Blaulicht.“ Langevin hielt und ging neugierig zu Fuß unter die Erde. Selbst als er die Unglücksstelle erreicht hatte, ahnte er nicht, um wen es sich handeln könnte. „Die Polizei war schon da, Notärzte, einige weitere Personen. Dann sah ich einen Kollegen, der eben noch beim Ritz gewesen war.“ Und Langevin begann, wie er später vor Gericht sagte, „meinen Job als Journalist“ zu machen.

Nach etwa 20 Minuten sammelte die Polizei die Presseausweise der verbliebenen Fotografen ein, mindestens zwei waren schon wieder mit ihren Bildern vom Unfallort verschwunden. „Wartet, hieß es, ihr bekommt die Ausweise gleich wieder.“ Stattdessen wurden alle Fotografen aufs Revier gebracht, sie mussten sich nackt ausziehen, wurden gefilzt, stundenlang verhört und schließlich - wie sie zu ihrem Entsetzen erfuhren - unter anderem von einem Richter wegen fahrlässiger Tötung angeklagt.

Langevin schlich sich zur Hintertür hinaus

„Ich habe erst nach Stunden gehört, dass Diana gestorben war.“ Es dauerte auch lange, bevor er einen Anwalt sprechen durfte. Als Langevin schließlich nach 48 Stunden das Gefängnis vorläufig wieder verlassen konnte, warteten Hunderte Fotografen vor dem Eingang auf ihn und seine Kollegen - auf die Mörder Dianas, wie es allenthalben hieß.

Dieses Mal schlich sich Langevin zur Hintertür hinaus. „Auch später wurde ich als Killer beschimpft“, sagt Langevin. Doch er habe mehr Glück als die anderen Angeklagten gehabt. „Es war ja bekannt, dass ich kein Paparazzo war.“ So konnte er fast problemlos weiterarbeiten und veröffentlichen, auch wenn mehr als ein Jahr in fast allen Medien der Welt unwidersprochen kolportiert wurde, die Paparazzi hätten Diana in den Tod gejagt.

„Ich habe in jener Nacht den Film nicht gewechselt“

Jacques Langevin hat das Vorgehen der Behörden und der Presse bis heute nicht verwunden. „Sie wussten anhand der Bluttests schon nach wenigen Stunden, dass Henri Paul unter Alkohol- und Medikamenteneinfluss gestanden hatte. Keiner im Auto war angeschnallt gewesen, und Paul war so schnell gefahren, dass keiner der Fotografen an den Mercedes auch nur herankam.“ Das bewiesen ihre Bilder. Auf keinem sei der Unfall zu sehen, die Paparazzi fotografierten erst, als Dodi Al Fayed und Henri Paul schon tot waren und Diana im Sterben lag.

Langevins Negative bezeugen seine Unschuld: „Ich habe in jener Nacht den Film nicht gewechselt. Auf einem Bild sieht man den Mercedes, wie er beim Ritz davonfährt, auf dem nächsten die Unglücksstelle mit Polizisten.“ Die Fotos jener Nacht sind bis heute unter Verschluss. Nur vor Gericht hat Langevin sie zu Gesicht bekommen. Demnächst werden sie wohl wieder hervorgeholt: Im September beginnt in London ein neues Verfahren. Jacques Langevin ist als Zeuge geladen.

Jacques Langevin hat vor fünf Jahren mit ehemaligen Sygma-Kollegen die Fotoagentur „Deadline Press Photo“ gegründet. Die erste Kamera hatten ihm seine Eltern erst nach der Schulzeit geschenkt. Eigentlich wollte er unbedingt Pilot werden, doch dafür waren, wie er sagt, seine Noten und seine Augen zu schlecht. Langevin, in Laval im Westen Frankreichs geboren, besuchte aus Verlegenheit daraufhin eine Schule für Fotografie in Paris.

Dort entdeckte er seine Leidenschaft: die Fotoreportage. Für die Bildagenturen AP und Sygma hat er die ganze Welt und fast alle Krisengebiete der späten siebziger, der achtziger und neunziger Jahre bereist. Seit 1997 arbeitet er zunehmend in Paris. Zwar zieht es ihn noch immer in die Ferne, zugleich aber zwingt sich der Dreiundfünfzigjährige zu einem ruhigeren Leben: Langevin hat 1999 geheiratet, er hat eine sechs Jahre alte Tochter.

Im Vorraum seines Büros hängt das von ihm fotografierte Plakat zu dem Film „Massaï“ von Regisseur Pascal Plisson. Vor zwei Jahren hatte er zuletzt längere Zeit seiner Familie den Rücken gekehrt. In Ostafrika hat er auch zum letzten Mal mit Filmen gearbeitet, seither fotografiert er nur noch digital.

Quelle: F.A.Z., 30.08.2007, Nr. 201 / Seite 11
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Jahrgang 1967, Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

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