Herr Geier liebt Filme. Er liebt Filme so sehr, dass er sich gelegentlich morgens um zehn ins Kino fahren ließ und nachts um zwei wieder abholen. Nach jeder Vorstellung trugen ihn die Mitarbeiter des Kinos von einem Saal in den nächsten. Sie setzten ihn in die Sessel, legten ihm einen Gurt um die Brust und schnallten ihn an der Rückenlehne fest. Bald schmerzte sein Gesäß, doch Herr Geier hielt durch, schaute Kriegsfilme und Kinderfilme, Abenteuer und Liebesschnulzen. In guten Filmen, sagt er, könne er versinken. Dann tauche er ein in die Handlung, sei ganz und mittendrin dabei.
In seinem eigenen Leben aber, sagt Herr Geier, habe er das Gefühl, nicht mehr als eine Statistenrolle zu spielen.
Morgens, wenn er aufwacht, fällt Herrn Geiers erster Blick auf die graue Tür am anderen Ende seines Zimmers. Im Bett liegt er immer auf der rechten Seite, außer er kippt auf den Rücken, aber dann wacht er auch nicht morgens auf, weil er sowieso die ganze Nacht nicht geschlafen hat. Strengt er sich etwas an, kann Herr Geier seinen Kopf nach oben drehen und mit den Augen auf die Wanduhr schielen, die über ihm tickt. Meist ist es ungefähr acht, die Sonne scheint schon unter dem Rollladen durch. Hellwach liegt Herr Geier dann da und lauscht dem Hörspiel, das er über Nacht in Endlosschleife hat laufen lassen, oder dem Fernseher, den er nicht ausgeschaltet hat. Mit etwas Glück liegt die Fernbedienung noch so bei ihm im Bett, dass er mit seinem linken Zeigefinger drankommt, dann kann er die Programme umschalten.
Und so wartet Herr Geier auf Schritte hinter der grauen Tür. Hofft, dass sie nicht vorbeigehen, eine Viertelstunde lang, eine halbe, eine ganze, und hofft, dass die Schritte endlich zu ihm kommen. Dass ihn endlich jemand aus dem Bett hievt, ihn wäscht, ihn abtrocknet, ihn eincremt, ihn rasiert, ihm den Urinbeutel anlegt, ihm die Zähne putzt, ihn anzieht, ihn in seinen Elektrorollstuhl setzt, ihn festschnallt - und dass dann noch genug Zeit bleibt für ein kurzes Frühstück. Dass er pünktlich um zehn zur Arbeit fahren kann.
Herr Geier ist spastisch gelähmt. Sein Gehirn hat weitgehend die Kontrolle über die Muskulatur verloren, es kann deren Reflexe nicht bremsen. Manche Muskeln sind immer angespannt, die Finger seiner rechten Hand pressen sich seit Jahren zu einer Faust zusammen. Die anderen Muskeln stehen ständig in Alarmbereitschaft, sein Nervensystem leitet Befehle des Gehirns nicht an einzelne Muskeln weiter, sondern posaunt sie in den ganzen Körper hinaus, wie ein großer Schreck durchfährt es ihn, Arme, Beine, Bauch- und Rückenmuskulatur, alles verkrampft sich auf einmal. Viel anfangen kann Herr Geier mit seinem Körper deshalb nicht. Den Kopf kann er bewegen und ein bisschen auch seine linke Hand, in einem kleinen Radius vor dem Bauch, hoch bis zum Mund kommt er mit ihr nicht. „Die Liste der Sachen, die ich selbst kann: Rolli fahren“, sagt Herr Geier. „Und denken kann ich auch.“
Ein Hauch von Freiheit und Eigenständigkeit
Weshalb Herrn Geiers Nervensystem so stark geschädigt ist, weiß niemand sicher, seine Eltern vermuten, dass ein falsch gesetztes Komma schuld daran ist. Im Alter von ein paar Monaten musste ihr Sohn William Frederic wegen eines Leistenbruchs ins Krankenhaus, eine Routine-Operation. Zur Ruhigstellung der Muskulatur sollte er eine kleine Dosis des Nervengifts Atropin bekommen, doch statt 0,06 schrieb der Arzt 0,6 Milligramm auf, und eine Krankenschwester spritzte die viel zu hohe Dosis. Nach der Operation gab es Komplikationen. Was genau passierte, weiß Herr Geier selbst nicht, denn seine Eltern sprechen nicht gern von damals; von der Zeit, „als passierte, was passierte“, so sagen sie in der Familie.
Heute ist Herr Geier 38, fast 39, doch die grau-weißen Haare und die krumme Haltung, mit der er in seinem Rollstuhl sitzt, lassen ihn älter aussehen. Selbst das Sprechen strengt ihn an, auf seiner Stirn wachsen Schweißtropfen, irgendwann laufen sie ihm übers Gesicht und in die Augen, dann sieht Herr Geier nichts mehr, bis ihm jemand mit einem Lappen die brennenden Augen auswischt. Herr Geier könnte langsamer sprechen, mit Pausen, damit sich seine Muskeln entspannen und nicht verkrampfen. Aber er hat Angst, dass die Menschen ihn auch noch für geistig behindert halten, deshalb bleibt er stur, ignoriert es einfach, wenn sich sein Körper im Gespräch immer wieder aufbäumt. Außerdem hat er viel zu erzählen, vor allem von seinem großen Traum, für den er seit sechs Jahren kämpft: endlich ausziehen zu dürfen aus dem Behindertenheim.
Mit sieben musste William Frederic seine Familie verlassen. Er kam in ein „Rehabilitationszentrum für Kinder und Jugendliche“, wo er eine Förderschule besuchen konnte. Er vermisste seine Eltern, die umhüllende Liebe seiner Mutter, die Schwester, die ihm oft aus dem alten Märchenbuch vorgelesen hatte. Doch in der Schule fand William Frederic bald Freunde, und er genoss es, herausgefordert zu werden. Er bekam ein Dreirad, mit dem er, festgeschnallt an den Pedalen und an der Rückenlehne, allein über das weitläufige Gelände fahren durfte, ein Hauch von Freiheit und Eigenständigkeit - auch auf die Gefahr hin, dass er sich unterwegs in eine Ecke lenkte, in der er so lange feststeckte, bis zufällig jemand vorbeikam und ihn herausschob.
Nach der Grundschule zog William Frederic noch einmal um, in das Internat des Antoniushauses in Hochheim. Er machte dort einen Hauptschulabschluss, einen mittleren Bildungsabschluss mit kaufmännischem Schwerpunkt, Note 1,8, und besuchte ein Jahr lang die höhere Handelsschule. Bei Klassenarbeiten saß jemand neben ihm, der schrieb und las, der ihm die Hände ersetzte und die Augen, denn auch deren Muskeln entziehen sich der Kontrolle des Gehirns. Einzelne Wörter eines Textes können sie nicht fixieren, stattdessen springen sie wild zwischen den Zeilen umher.
Die Jugendjahre waren vorbei, Herr Geier blieb im Heim
Im Antoniushaus lernte William Frederic auch Matthias kennen, der sein bester Freund wurde, mit ihm schlug er sich durch die Abenteuer des Heranwachsens. Vorsichtig wagten sie erste Annäherungen an die Mädchen im Internat, quatschten und lachten gemeinsam den ersten Liebeskummer weg, tranken ihr erstes Bier, und an den Wochenenden verbarrikadierten sie sich im Disco-Keller, drehten die Anlage auf, Van Halen, „Jump“, und rollten zur Musik über die Tanzfläche, vor und zurück, im Kreis, „Go ahead, jump - jump, go ahead, jump!“, der Körper bewegte sich irgendwie mit, bebte zum Bass.
Dann waren die Jugendjahre vorbei. Matthias verließ das Internat. Er hatte nach seiner Ausbildung zum Bürokaufmann eine Anstellung in einer Beratungsstelle für Menschen mit Behinderung gefunden. William Frederic dachte darüber nach, eine kaufmännische Ausbildung zu machen, doch er durfte nicht; zu schwer sei seine Behinderung, wurde ihm vom Arbeitsamt mitgeteilt. Er wechselte in den Erwachsenenwohnbereich des Antoniushauses, wo er noch heute lebt.
Morgens, wenn er endlich in seinem Rollstuhl sitzt, bekommt Herr Geier im Verwaltungsgebäude einen Briefkoffer hinten draufgepackt, dann beginnt seine Frühschicht als Bote, ein Minijob, 352,24 Euro für 35,24 Stunden im Monat. Er fährt zur Post, einmal quer durch Hochheim. Den Weg kennt er auswendig, jede Engstelle, jede Bordsteinkante, auf dem Rückweg ein Abstecher zur Rosen-Apotheke. Mittagessen gibt es für Herrn Geier zwischen halb zwölf und zwölf, ein Pfleger begleitet ihn in die Kantine, schneidet ihm das Tagesmenü klein und hält ihm die Häppchen hin.
Drei bis vier Pfleger sind pro Schicht für Herrn Geiers Stockwerk zuständig, für ihn und seine 20 Mitbewohner, von denen 16 nicht nur körperlich, sondern auch geistig behindert sind. Es gibt zwei Aufenthaltsräume, es gibt Gemeinschaftsaktivitäten wie die Malgruppe und die Brettspielgruppe, auf dem Flur hängen bunte Stundenpläne. Doch Herr Geier verbringt die meiste Zeit in seinem Zimmer, auf seinen 16,6 Quadratmetern, gerade breit genug, dass er mit dem Rollstuhl wenden kann. Er sitzt vor seinem Computer, den er über ein Sprachprogramm bedient, mit dem er, wenn ihm zuvor jemand das Headset aufsetzt, E-Mails diktieren und anhören kann. Die Regale sind vollgestellt mit Hörspiel-Kassetten und DVDs, einem Briefmarkenalbum mit Kinokarten, und an den Wänden hängen Harry-Potter-Poster, über der Tür steht „Hogwarts“. Das Kinderzimmer eines Erwachsenen.
Ein Leben unter dem Mikroskop
Zweimal hatte Herr Geier eine Freundin. Mit Anfang zwanzig verliebte er sich in Katrin, eine Berufsschülerin aus dem Internat, etwas jünger als er, spastische Lähmungen, rote Haare, entwaffnendes Lächeln. An den Wochenenden übernachtete Katrin oft bei ihm. Wenn der Spätdienst ihn ins Bett gebracht hatte, legte sie sich dazu, zu zweit auf 90 Zentimetern, ein größeres Bett war nicht vorgesehen. Trotzdem liebte es Herr Geier, morgens aneinandergekuschelt liegen zu bleiben, gemeinsam auszuschlafen. Bis sich eines Tages ein Pfleger beim Mittagessen laut darüber beschwerte, alle anderen hörten mit. Herrn Geiers zweite Freundin Annemarie, eine ehemalige Nachtschwester des Antoniushauses, neun Jahre jünger als er, blieb nie über Nacht. Sie spazierten durch die Hochheimer Weinberge oder schauten Filme. Abends aber fuhr Annemarie nach Hause, weil sie keine Lust hatte, dass am Morgen plötzlich der Frühdienst im Zimmer stand. Sie hasste die verschmitzten Blicke und das Getratsche.
Im Heim führe er ein Leben unter dem Mikroskop, sagt Herr Geier. Manchmal fühle er sich unfreier als damals mit fünfzehn. Ende 2006, Annemarie hatte ihn gerade verlassen, stellte er den Antrag, in eine Wohnung ziehen zu dürfen, betreut von einem Pflegedienst.
Draußen, sagt Herr Geier, würden sich seine Probleme natürlich nicht wie mit einem Zauberstab weghexen lassen. Aber er hätte mehr Kontrolle über sein Leben. Er wäre nicht gefangen in den Abläufen einer Einrichtung, müsste nicht für jeden Handgriff auf einen Pfleger warten, einen Pfleger um Hilfe bitten, der auch für die Bedürfnisse von 20 anderen zuständig ist. Er hätte die Freiheit, selbst bestimmen zu können, wann er aufsteht und wann er schlafen geht, wann er isst und was er isst, womit und mit wem er seine Tage verbringt.
Doch die Betreuung durch einen ambulanten Dienst kostet viel Geld. Das Antoniushaus bekommt monatlich 6305,10 Euro für Herrn Geiers Platz, von denen er 85 Euro von seinem Lohn selbst zahlt. In einer Wohnung müsste er rund um die Uhr einen Assistenten bei sich haben, ein Pflegedienst erstellte einen Kostenvoranschlag: 11.602,19 Euro pro Monat.
Sechs Jahre dauert die juristische Auseinandersetzung schon
Zusammen mit einem Sozialpädagogen des Antoniushauses füllte Herr Geier ein langes Formular aus, den sogenannten Integrierten Hilfeplan, der auf einer Hilfeplankonferenz den beteiligten Behörden vorgestellt wurde. Die sprachen sich zunächst für Herrn Geiers Umzug aus, eine passende Wohnung in Hochheim war schnell gefunden, da verschoben sich die Zuständigkeiten, wechselten zwischen Regionaldirektionen des Landeswohlfahrtsverbands und zwischen Landkreisen. Es gab eine neue Konferenz, und wenig später erhielt Herr Geier den Bescheid, dass sein Antrag abgelehnt werden müsse. Die Mehrkosten seien unverhältnismäßig.
Herr Geier legte Widerspruch ein, der wurde abgewiesen, dann klagte er, aber auch das Sozialgericht entschied: Die Unterbringung im Antoniushaus sei zumutbar. Herr Geier, schrieb der Richter in seinem Urteil, sei im Heim sozial integriert, er habe seinen Botendienst, außerdem sei er zum zweiten Vorsitzenden des Fördervereins der Berufsschule für Körperbehinderte gewählt worden. Herr Geier ging in Berufung, wieder wechselten Schriftsätze hin und her, er traf sich mit Vertretern des Landeswohlfahrtsverbands zur Mediation, auf einen Kompromiss konnten sie sich nicht einigen. So vergingen Wochen, Monate, Jahre. Ein Termin für die Verhandlung vor dem Landessozialgericht steht bis heute nicht fest.
„Die Höhe der Kosten ist etwas, was auch mich belastet. Mir ist bewusst, dass das kein Pappenstiel ist“, sagt Herr Geier. „Aber es ist nicht meine Schuld, dass das so teuer ist. Meine Lebenswünsche unterscheiden sich ja nicht von denen gesunder Menschen.“ Und diese Lebenswünsche, da ist sich Herr Geier sicher, können sich nur erfüllen, wenn er aus dem Heim ausziehen darf, wenn die Gesellschaft bereit ist, ihm die notwendige Hilfe zu bezahlen. Deshalb kämpft er weiter, deshalb träumt er weiter, von seiner eigenen Wohnung, von einer neuen Beziehung, von einer Familie.
Und wenn er von diesen Träumen erzählt, wenn er „meine Wohnung“ sagt und „meine Frau“ und: „Einfach wird das nicht, ich kann ja nachts nicht aufstehen, wenn mein Kind brüllt, und ihm ein Fläschchen geben“ - dann merkt man, wie oft Herr Geier diesen Traum schon geträumt hat, wie oft er ihn in Gedanken ablaufen lässt. Diesen Film seines eigenen Lebens, in dem er so gerne Regie führen würde.
Hoffentlich kommen die Roboter nicht zu spät...
Sven Deichmann (sdeichmann)
- 02.09.2012, 09:15 Uhr
Kampf gegen Windmühlen
Stefan Hackstein (wuzznas)
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eine lösung habe ich leider auch nicht
peter myer (peter123bln)
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Anstatt den Bergbau zu subventionieren oder unsinnige Biotreibstoffe...
Closed via SSO (mfoe)
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Rechenfehler?
Jan Grothe (jangrothe)
- 26.08.2012, 16:21 Uhr