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Volksmusik Kanonen auf Kastelruther Spatzen

Die Erfolgsgruppe des volkstümlichen Schlagers soll ihre CDs nicht selbst eingespielt haben. Alles normal, heißt es. Ein Problem ist es trotzdem.

© POP-EYE Vergrößern Fesch schaun´s aus: Die Kastelruther Spatzen um Albin Gross und Norbert Rier (obere Reihe von links)

Die Kastelruther Spatzen sind gestern Abend im „Musikantenstadl“ aufgetreten, und sie haben eines ihrer Lieder gespielt. Das ist durchaus eine Nachricht, obgleich die Südtiroler Trachtenkombo in der ARD-Show zu den Dauergästen zählt. Wenn nämlich in Sendungen wie dem „Stadl“ die Musikanten auf der Bühne schunkeln, dann sorgt für die einzigen echten Töne gewöhnlich das Publikum mit seinem wie eine Zwangshandlung wirkenden Mitklatschen; die Musik kommt vom Band. Gestern in Innsbruck aber wollten die Spatzen auf das übliche Playback verzichten und sämtliche Instrumente live spielen, Keyboards, Schlagzeug, Gitarre, Akkordeon, Saxophon, Trompete. Wirklich bemerkenswert wird das erst dadurch, dass die Gruppe ebendas seit Ewigkeiten nicht gemacht hat, ihre Instrumente selbst zu spielen, zumindest nicht auf ihren zahllosen Alben.

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Wer der Volksmusik oder besser dem volkstümlichen Schlager, der sie in der öffentlichen Wahrnehmung ersetzt hat, mit Aversion oder Desinteresse begegnet, dem sei mitgeteilt, dass die Kastelruther Spatzen in der Szene nicht irgendeine dahergelaufene Gauditruppe sind. Die sieben gestandenen Mannsbilder in Leinenhemd und Lederhose, die sich hinter dem putzigen Namen verbergen, bilden die erfolgreichste deutschsprachige Gruppe des Genres, die in dreißig Jahren mehr als hundert goldene Schallplatten errungen und allein in Deutschland mehr als 15 Millionen Tonträger verkauft hat. Beim Deutschen Schallplattenpreis Echo sind die Spatzen mit 13 Auszeichnungen Rekordhalter.

„Ich kann nicht länger mit dieser Lüge leben“

Als „Dolomiten-Beatles“ wird die Gruppe angeblich gern bezeichnet, zweifellos steht sie in der folkloristisch-kitschigen Bergkulisse ihrer Zunft auf dem höchsten Gipfel. Nun aber ist ein Sherpa, der ihnen jahrzehntelang beim Aufstieg behilflich war, untreu geworden und hat das Seil gekappt. Wie tief der Sturz wird, ist offen, die „Bild“-Zeitung jedenfalls schreibt vom „wahrscheinlich größten Schwindel aller Zeiten“. Ihren Kronzeugen Walter Widemair nennt sie „Produzent“, die Band selbst bezeichnet ihn als „Aufnahmeleiter, Arrangeur und Komponist“. So oder so war Widemair für die Spatzen nicht nur irgendeine Studio-Hilfskraft. Umso gewichtiger wirkt das, was er „Bild“ zu sagen hatte: Auf den Alben der Kastelruther Spatzen sei einzig die Stimme des Sängers Norbert Rier echt, alle anderen Klänge stammten von Studiomusikern, unter anderem, etwa die Trompetentöne, von ihm selbst.

Musikantenstadl © dpa Vergrößern Im Musikantenstadl: Die Spatzen bei der Generalprobe für die ARD-Sendung, mit Instrumenten

“Ich habe den Betrug immer für mich behalten, aber ich kann nicht länger mit dieser Lüge leben“: So erklärt Widemair die Beweggründe seiner Beichte. Ganz nebenbei hat er, was in „Bild“ nicht unerwähnt bleibt, aber auch ein Buch geschrieben, das in diesem Monat erscheinen soll und den so dramatischen wie metaphorisch zweifelhaften Titel trägt: „Wenn Berge nicht mehr schweigen“. Geredet zumindest hat Widemair, jedenfalls mit „Bild“, und was er gesagt hat, lässt ahnen, dass die Kastelruther Spatzen in seinem Werk nicht gut wegkommen werden: „Bierzeltmusikanten“ seien sie, die allenfalls „durchschnittlich“ spielten: „Ich habe mich oft für die unsägliche Schrammelei geschämt.“ Und wo er schon dabei ist, kündigt er auch noch Enthüllungen über das Privatleben der Spatzen an, die in Wahrheit „gierig-geizig-geil“ seien.

„Billige Vorpromotion“

Mit mächtigen Kanonen wird da auf die Spatzen geschossen, doch die feuern mit gleichem Kaliber zurück. Eine „Mixtur aus Eitelkeit und persönlichem Kapitalbedarf“ sieht Manager Helmut W. Brossmann bei Widemair, der „billige Vorpromotion“ für sein Buch betreibe, und zwar mit „mentalen Presswehen und geistigen Blähungen“. In Krisenzeiten, da die Tantiemen „abrutschen wie eine zu Tal stürzende Lawine“, könne man eben „leicht den Verstand verlieren“. Verloren hatte Widemair auf jeden Fall kürzlich seinen Job. 1984 war er im Tonstudio Koch II in Lienz vom freien Mitarbeiter zum Arrangeur und Studiomusiker aufgestiegen und hatte sogleich für die Spatzen komponiert und produziert. Das aber, wegen der Marktflaute, zuletzt immer weniger, weshalb man versucht habe, die „Konditionen anzupassen“, sagt Ralf Schedler, beim Label Koch Universal zuständig für die Spatzenmusik. Damit aber sei Widemair nicht einverstanden gewesen.

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Veröffentlicht: 11.11.2012, 11:35 Uhr

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