Die Kastelruther Spatzen sind gestern Abend im „Musikantenstadl“ aufgetreten, und sie haben eines ihrer Lieder gespielt. Das ist durchaus eine Nachricht, obgleich die Südtiroler Trachtenkombo in der ARD-Show zu den Dauergästen zählt. Wenn nämlich in Sendungen wie dem „Stadl“ die Musikanten auf der Bühne schunkeln, dann sorgt für die einzigen echten Töne gewöhnlich das Publikum mit seinem wie eine Zwangshandlung wirkenden Mitklatschen; die Musik kommt vom Band. Gestern in Innsbruck aber wollten die Spatzen auf das übliche Playback verzichten und sämtliche Instrumente live spielen, Keyboards, Schlagzeug, Gitarre, Akkordeon, Saxophon, Trompete. Wirklich bemerkenswert wird das erst dadurch, dass die Gruppe ebendas seit Ewigkeiten nicht gemacht hat, ihre Instrumente selbst zu spielen, zumindest nicht auf ihren zahllosen Alben.
Wer der Volksmusik oder besser dem volkstümlichen Schlager, der sie in der öffentlichen Wahrnehmung ersetzt hat, mit Aversion oder Desinteresse begegnet, dem sei mitgeteilt, dass die Kastelruther Spatzen in der Szene nicht irgendeine dahergelaufene Gauditruppe sind. Die sieben gestandenen Mannsbilder in Leinenhemd und Lederhose, die sich hinter dem putzigen Namen verbergen, bilden die erfolgreichste deutschsprachige Gruppe des Genres, die in dreißig Jahren mehr als hundert goldene Schallplatten errungen und allein in Deutschland mehr als 15 Millionen Tonträger verkauft hat. Beim Deutschen Schallplattenpreis Echo sind die Spatzen mit 13 Auszeichnungen Rekordhalter.
„Ich kann nicht länger mit dieser Lüge leben“
Als „Dolomiten-Beatles“ wird die Gruppe angeblich gern bezeichnet, zweifellos steht sie in der folkloristisch-kitschigen Bergkulisse ihrer Zunft auf dem höchsten Gipfel. Nun aber ist ein Sherpa, der ihnen jahrzehntelang beim Aufstieg behilflich war, untreu geworden und hat das Seil gekappt. Wie tief der Sturz wird, ist offen, die „Bild“-Zeitung jedenfalls schreibt vom „wahrscheinlich größten Schwindel aller Zeiten“. Ihren Kronzeugen Walter Widemair nennt sie „Produzent“, die Band selbst bezeichnet ihn als „Aufnahmeleiter, Arrangeur und Komponist“. So oder so war Widemair für die Spatzen nicht nur irgendeine Studio-Hilfskraft. Umso gewichtiger wirkt das, was er „Bild“ zu sagen hatte: Auf den Alben der Kastelruther Spatzen sei einzig die Stimme des Sängers Norbert Rier echt, alle anderen Klänge stammten von Studiomusikern, unter anderem, etwa die Trompetentöne, von ihm selbst.
“Ich habe den Betrug immer für mich behalten, aber ich kann nicht länger mit dieser Lüge leben“: So erklärt Widemair die Beweggründe seiner Beichte. Ganz nebenbei hat er, was in „Bild“ nicht unerwähnt bleibt, aber auch ein Buch geschrieben, das in diesem Monat erscheinen soll und den so dramatischen wie metaphorisch zweifelhaften Titel trägt: „Wenn Berge nicht mehr schweigen“. Geredet zumindest hat Widemair, jedenfalls mit „Bild“, und was er gesagt hat, lässt ahnen, dass die Kastelruther Spatzen in seinem Werk nicht gut wegkommen werden: „Bierzeltmusikanten“ seien sie, die allenfalls „durchschnittlich“ spielten: „Ich habe mich oft für die unsägliche Schrammelei geschämt.“ Und wo er schon dabei ist, kündigt er auch noch Enthüllungen über das Privatleben der Spatzen an, die in Wahrheit „gierig-geizig-geil“ seien.
„Billige Vorpromotion“
Mit mächtigen Kanonen wird da auf die Spatzen geschossen, doch die feuern mit gleichem Kaliber zurück. Eine „Mixtur aus Eitelkeit und persönlichem Kapitalbedarf“ sieht Manager Helmut W. Brossmann bei Widemair, der „billige Vorpromotion“ für sein Buch betreibe, und zwar mit „mentalen Presswehen und geistigen Blähungen“. In Krisenzeiten, da die Tantiemen „abrutschen wie eine zu Tal stürzende Lawine“, könne man eben „leicht den Verstand verlieren“. Verloren hatte Widemair auf jeden Fall kürzlich seinen Job. 1984 war er im Tonstudio Koch II in Lienz vom freien Mitarbeiter zum Arrangeur und Studiomusiker aufgestiegen und hatte sogleich für die Spatzen komponiert und produziert. Das aber, wegen der Marktflaute, zuletzt immer weniger, weshalb man versucht habe, die „Konditionen anzupassen“, sagt Ralf Schedler, beim Label Koch Universal zuständig für die Spatzenmusik. Damit aber sei Widemair nicht einverstanden gewesen.
Für Manager Brossmann ist er nun der „Spatzenjudas“ - was so klingt, als habe er ein Heiligtum geschändet. Im Religiösen kennt Brossmann sich aus, er ist ein Freund des Papst-Bruders Georg Ratzinger und hat, wovon man sich auf der Facebook-Spatzenseite überzeugen kann, mehrfach auch den Heiligen Vater selbst besucht - und ihm die jeweils neueste CD der Spatzen überreicht. Dass Benedikt XVI. die CDs gehört hat, ist nicht auszuschließen; wohl aber, dass er tatsächlich die Kastelruther Spatzen zu hören bekam.
Studiomusiker spielen „um vieles besser“
Der Kern von Widemairs Vorwürfen nämlich wird von der Gruppe gar nicht bestritten: Tatsächlich kamen auf den Alben mit Ausnahme des Sängers statt der bekannten Bandgesichter ausschließlich Studiomusiker zum Einsatz, weil diese schlicht „um vieles besser“ spielten, wie Albin Gross einräumt. Gross, der viele Spatzen-Titel komponiert hat und in der Gruppe Akkordeon und Keyboard spielt, erreichen wir am Telefon in einer Teepause während der Proben zum „Stadl“ in Innsbruck. Jene Studiomusiker aber, so Gross, die man bei jeder Produktion im CD-Booklet namentlich genannt habe, seien in der Regel „nicht bühnentauglich“ - ganz im Gegensatz zu den originalen Spatzen, die das Publikum mitreißen könnten. Und bei allen Konzerten, betont Gross, habe die Gruppe ihre Instrumente ohnehin immer selbst gespielt.
Unter den Freunden der volkstümlichen Musik scheint die Aufregung dann auch weit geringer als außerhalb. Im Internet versichern zahlreiche Fans der Band ihre Unterstützung und beteuern, dass die Vorwürfe seit Jahren bekannt und nie bestritten worden seien. Ein Indiz dafür liefern die Kastelruther Spatzen auf ihrer Facebook-Seite: Dort haben sie ganz frisch einen Enthüllungsartikel veröffentlicht, der fast auf den Tag genau vor zwanzig Jahren in der „Bild“-Zeitung erschien - und den Spatzen vorwarf, sie seien „Gaukler wie ,Milli Vanilli’“, weil ihre Musik aus dem Computer stamme. „Das ist billiger“, bekannte der Mann, der diesen Computer bediente, und verteidigte die Band mit den Worten: „Das macht doch heute jeder.“ Sein Name: Walter Widemair.
In der volkstümlichen Musik macht es fast jeder
Es macht, jedenfalls in der volkstümlichen Musik, wohl tatsächlich fast jeder. „Die Leute sind im Tournee-Alltag eingebunden, und im Studio brauche ich Notisten, die das runterspielen“, sagt Helmut W. Brossmann. Der „Höranspruch des Publikums“ sei nun mal „einem Zeitgeist und einer musikalisch-technischen Entwicklung“ unterworfen, die man nicht zurückdrehen könne - es sei denn, „wir wollen wieder vor der Holztrommel sitzen“. Im „Musikantenstadl“ nun „die Hosen herunterzulassen“, darauf hätte sich Brossmann an der Stelle der Band gar nicht eingelassen. Schließlich wüssten die Leute ohnehin nicht mehr, was „live“ heute bedeute, Musik ganz ohne Hall und Echo, so etwas wolle niemand mehr hören. Von den CDs der Regensburger Domspatzen, die Brossmann ebenfalls produziert, mit weit weniger technischen Hilfsmitteln, würde „weniger als ein Hundertstel“ von dem verkauft, was die weit kommerzielleren Kastelruther Spatzen absetzen.
Über deren Musik hat der Produzent Dieter Falk gerade der „Stuttgarter Zeitung“ gesagt: „Aber eigentlich ist es bei dem, was da eingespielt wird, egal, wer es macht.“ Ganz so egal ist es indes doch nicht. Die sogenannte Volksmusikszene mag für manche nur eine lustig ausgestattete Parallelwelt sein, mit ihrer Heimattümelei und Heile-Welt-Romantik aber zieht sie nicht von ungefähr mehr Häme auf sich als jede andere Unterhaltungsbranche. Und eine Gruppe wie die Kastelruther Spatzen nimmt hier eine ganz besondere Stellung ein, selbst wenn sie immer wieder versucht hat, in ihre seichten Klänge die eine oder andere Botschaft einzubetten. In der keineswegs völlig heilen Spatzenwelt gibt es das „Mädchen mit den erloschenen Augen“, das seinem idyllischen Dorf in Richtung Großstadthölle entflieht, wo es nach Drogenmissbrauch und Prostitution geläutert zurückkehrt, und es wird auch mal ein ausgesetzter Hund besungen: Heimatkitsch mit sozialem Anspruch sozusagen.
Kleines Spatzen-Imperium
Und natürlich, gibt Albin Gross am Telefon zu, sei es „eine unangenehme Sache und einige Fans auch enttäuscht“ darüber, dass auf ihren Platten die Musiker gar nicht zu hören sind, die sich sonst so authentisch und bodenständig geben. „Ehrlich währt am längsten“ lautet laut Website das Motto des Sängers Norbert Rier, der wie die meisten seiner Mitstreiter bis heute im 2000-Seelen-Ort Kastelruth lebt; in der Musikkapelle des dörflichen Trachtenvereins fand die Gruppe einst zusammen. Und trotz Ruhm und Reichtum gehen zumindest einige der sieben nach wie vor ihren erlernten Berufen nach; Rier etwa ist immer noch Landwirt.
Was für die Gruppe auf dem Spiel steht, das ahnt, wer sich das kleine Imperium anschaut, das um die Kastelruther Spatzen errichtet wurde. Im Südtiroler Spezialitäten-Shop von Schlagzeuger Rüdiger Hemmelmann kann man sechs Flaschen Kastelruther-Spatzen-Wein „Rosentropfen“ für 53,90 Euro bestellen, Trompeter Walter Mauroner betreibt in Kastelruth das Spatzenmuseum mit angegliedertem Fan-Shop. Auf der Band-Homepage finden sich Links zum Getränkegroßhandel und zum Hotel von Albin Gross sowie zum Haflinger-Gestüt des Pferdezüchters Norbert Rier. Wer schließlich Mitglied wird im „Spatzen-Club“, der bekommt nicht nur die neuesten CDs zugeschickt, die im Jahresrhythmus beim Clubmitglied ankommen und damit so verlässlich wie die „Apotheken-Umschau“ und die Rentenüberweisung; es wird der betagten Klientel auch ein „Kranken-Rückhol-Dienst im In- und Ausland“ angeboten.
“Ein Schaden ist es natürlich, aber noch größer ist der Schmerz, den man im Herzen hat, wenn ein vermeintlicher Freund uns auf diese Weise in die Pfanne haut“, sagt Albin Gross. Widemair, der für diese Zeitung nicht zu erreichen war, kann er nicht verstehen: „Da muss sich über die Jahre ein großer Frust angestaut haben.“ Dabei sei es niemand anderes als Widemair selbst gewesen, der die Jungmusiker, die anfangs noch alles selbst spielen wollten, „aus dem Studio gedrängt“ und gesagt habe: „Liebe Jungs, das machen wir schneller und besser.“ Ins selbe Horn bläst Brossmann: Widemair als Aufnahmeleiter habe die Arbeit mit Studiomusikern „gefordert und initiiert“. Gegen Widemair soll nun ein Anwalt vorgehen.
Leben und leben lassen
Es sei „schon vorstellbar“, dass man die echten Spatzen bei künftigen Alben „vermehrt einsetzen“ werde, sagt Ralf Schedler von der Plattenfirma. Allerdings sei die persönliche Enttäuschung bei den Musikanten so groß, dass offen sei, „ob sie unter diesen Voraussetzungen überhaupt noch weitermachen möchten, wo sie von allen Seiten so aggressiv attackiert werden“.
Entwarnung gibt Albin Gross: „Die Spatzen wird’s noch lang geben“, ruft er zum Abschied ins Telefon. Für den „Musikantenstadl“ haben sie den Titelsong ihres neuen Albums vorbereitet. „Leben und leben lassen“ heißt das Lied, und es enthält die Zeilen: „Ohne etwas Toleranz tanzen wir alle den letzten Tanz, doch ich hoff’, wir fangen ganz neu an.“
Tränen passen nicht zu dir Die Kastelruther Spatzen gründeten sich 1983 im Südtiroler Dorf Kastelruth (Castelrotto) am Rande der Dolomiten; im gleichen Jahr hatten sie mit „Das Mädchen mit den erloschenen Augen“ ihren ersten Hit, der ihnen eine goldene Schallplatte einbrachte. Der endgültige Durchbruch kam 1990 beim Grandprix der Volksmusik, den sie mit dem Lied „Tränen passen nicht zu dir“ gewannen. Heute gelten sie als erfolgreichste deutschsprachige Gruppe des volkstümlichen Schlagers, die unter anderem mit 13 Echos ausgezeichnet wurde. Seit 1985 erscheint in jedem Jahr mindestens ein neues Album. 1998 wurde der damalige Manager Karl-Heinz Gross, Bruder des Bandmitglieds Albin Gross, nach einem Auftritt der Gruppe in Magdeburg ermordet; bis heute ist die Tat nicht aufgeklärt worden. „Ich kann nicht länger mit dieser Lüge leben“, sagt der ehemalige Arrangeur. „Ein Schaden ist es natürlich, aber größer ist der Schmerz, den man im Herzen hat.“