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Mittwoch, 19. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Vietnam Ein Land wird entgiftet

 ·  Vietnam kämpft noch immer mit den Folgen von „Agent Orange“, dem giftigen Stoff, der während des Kriegs über dem Land abgeworfen wurde. Die Vereinigten Staaten helfen nun dabei.

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© REUTERS Die Anfänge des Entgiftungs-Projekts am Flughafen in Danang

Phan Than Koa malt mit der Hand einen imaginären Horizont in die Luft. Von dort kamen die Hubschrauber, die weißen Wolken mit „Agent Orange“ wie einen Schweif hinter sich herziehend. Der Soldat und seine Kameraden hatten sich im Dschungel versteckt. Er erinnert sich noch an den stechenden Geruch von Pflanzenschutzmittel.

Phan Than Koas Lunge brannte, er musste unaufhörlich niesen. An den Bäumen verfärbten sich die Blätter gelb und fielen auf den Boden. Das Atmen fiel ihm noch am nächsten Tag schwer, als sich die Soldaten ein neues Versteck an einem anderen Ort suchten. Die Amerikaner zerstörten mit dem Entlaubungsmittel bewusst die Vegetation des Landes, das Wirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) gerade besucht.

Denn der Gegner hatte sich im Dickicht des Dschungels quasi unsichtbar gemacht. Das Herbizid ging auch auf Feldern nieder. So sollte die Versorgung der Vietcong, der „Nationalen Front für die Befreiung Südvietnams“, gestört werden.

Mehr als 40 Millionen Liter

Phan Than Koa wurde 1951 geboren. Als er 18 Jahre alt war, kam er zur Armee und kämpfte danach auf der Seite Nordvietnams gegen den imperialistischen Klassenfeind. Präsident John F. Kennedy hatte die Entlaubungsoffensiven unter dem Namen „Operation Ranch Hand“ („Operation Farmhelfer“) seit Anfang der sechziger Jahre genehmigt.

Seit 1965 versprühten die Amerikaner auch „Agent Orange“, das seinen Namen von den orangefarbenen Streifen auf den Fässern hatte, in denen es gelagert wurde - „Agent“ bedeutet in diesem Fall Stoff oder Wirkstoff. Mehr als 40 Millionen Liter sollen davon über dem südostasiatischen Land abgeworfen worden sein. Die milchige Flüssigkeit war eine Mischung verschiedener Herbizide (2,4,5-T und 2,4-D).

Aber es enthielt auch größere Mengen giftigen Dioxins. Die Auswirkungen auf die Bevölkerung sind bis heute zu spüren. Mehr als drei Millionen Menschen sollen an den direkten Folgen und den Spätfolgen gelitten haben und noch immer leiden. Bis heute kommen Kinder mit Missbildungen zur Welt.

Erste Schritte

Amerika sträubt sich bislang, den Zusammenhang offiziell zuzugeben. Tatsächlich ist er wissenschaftlich auch nicht nachgewiesen. In sehr vielen Fällen lässt er sich aber dadurch belegen, dass ein Familienmitglied während des Krieges dem Gift ausgesetzt war oder durch die kontaminierte Umwelt geschädigt wurde.

Nun wird erstmals ein verseuchter Flughafen in dem heutigen Touristenort Danang in Zentralvietnam mit amerikanischer Hilfe gesäubert. Danang war damals ein Luftwaffenstützpunkt der Amerikaner. Dort wurde das Herbizid gelagert, auf die Hubschrauber und Flugzeuge geladen und über dem legendären „Ho-Chi-Minh-Pfad“ versprüht.

Für knapp 35 Millionen Euro sollen nun 73.000 Kubikmeter Erde abgetragen und entgiftet werden. Dazu wird die Erde auf 335 Grad erhitzt. „Wir machen erste Schritte, um die Hinterlassenschaften aus unserer Vergangenheit zu begraben“, sagte der amerikanische Botschafter David Shear beim ersten Spatenstich im August.

Kur im „Dorf der Freundschaft“

Phan Than Koa kaut auf einem Zahnstocher herum. Die gesundheitlichen Probleme hätten im Alter zugenommen, sagt der Veteran in Hanoi. Er leide unter Atemproblemen, Bluthochdruck, Kopfschmerzen und einem wiederkehrenden Juckreiz auf der Haut. Sein Arzt glaube, es handle sich um Spätfolgen der Vergiftung mit Dioxin. Phan Than Koa stammt aus der Provinz Thai Nguyen nördlich der Hauptstadt.

Einen Monat lang schickte ihn die Regierung gerade zur Kur in einen Vorort. Er verbrachte sie zusammen mit 60 anderen Veteranen im „Dorf der Freundschaft“, das eine vietnamesische Veteranen-Organisation mit internationaler Hilfe aufgebaut hat. Einige von ihnen lassen sich gerade in der Kantine an einem langen Tisch zum Essen nieder. Es ist ihr letzter Tag im Dorf.

In den Gebäuden leben außerdem etwa 120 Kinder und junge Erwachsene, die aufgrund einer Vergiftung der Eltern oder Großeltern geistig und körperlich behindert sind. Sie sind die Opfer der zweiten und dritten Generation. Auch Phan Than Koa hat offenbar etwas von der Wirkung des Giftes vererbt.

Die Gefahr wurde nicht sofort erkannt

Seine 26 Jahre alte Tochter sei geistig behindert. Sie könne zwar mehr oder weniger gut für sich selbst sorgen, sei aber „sehr langsam“, sagt der Veteran. Über die Argumentation der Amerikaner, ein Zusammenhang mit dem Herbizid sei „nicht sicher“, schüttelt er den Kopf. „Ich bin kein Arzt und kein Wissenschaftler. Aber ich bin mir sicher, dass ich ‚Agent Orange‘ ausgesetzt war.“

Damals habe man die Gefahren der Vergiftung nicht sofort erkannt, sagt Dang Vu Dung, der Direktor des Freundschaftsdorfs, ebenfalls ein Veteran des Vietnamkriegs. Die Soldaten seien zu ihren Familien zurückgekehrt. Viele Ehefrauen hätten später Fehlgeburten erlebt, die sich keiner erklären konnte. „Wenn sie älter werden, kommen die Krankheiten, auch Krebs. Aber die größte Gefahr ist die Weitergabe an die Kinder.“

Die jüngsten Opfer, die im „Dorf der Freundschaft“ leben, sind erst fünf Jahre alt. Die jüngeren Kinder bekommen Unterricht, die Älteren werden in einfachen Fertigkeiten geschult, die ihnen ein selbständiges Leben erlauben sollen. So sitzt im Computerraum ein Rollstuhlfahrer vor einem der Bildschirme.

Vietnams Vorzeigeprojekt

Nebenan stickt eine junge Frau, deren Knochen stark verwachsen sind, ein Bild in ein Stofftuch. Eine andere Frau, ohne Hände geboren, schneidet in der Nähwerkstatt Stoffe zurecht. Die Wohn- und Unterrichtsgebäude sind frisch renoviert, die Wände bunt bemalt und die meisten Gesichter fröhlich.

Im Hof gibt es einen Spiel- und einen Fußballplatz sowie einen grünen „Friedensgarten“. In einer Klinik werden die Kinder und die Veteranen untersucht und behandelt. Nur ein paar Kinder, die den Aktivitäten nicht folgen können, bleiben den Tag über in den Schlafräumen und werden von Betreuerinnen versorgt. Eine junge Frau ist blind und taubstumm.

Es ist Vietnams Vorzeigeprojekt, das auch von einem Verein in Deutschland unterstützt wird. In einem der Klassenräume sitzen etwa 15 Schüler. Ein Mädchen schmeißt Plastikfiguren vom Tisch. Alle Kinder seien geistig behindert, sagt die Lehrerin, die meisten könnten nicht einmal allein auf die Toilette gehen. Auf einem der Stühle sitzt der neun Jahre alte Nguyen Quan Tuan. Er ist erst seit einer Woche hier.

Der Junge trägt ein T-Shirt mit japanischen Superhelden darauf. In der Schule war er immer überfordert. Die Eltern brachten ihn zum Arzt, der den Jungen als geistig behindert einstufte. Die meisten Kinder bleiben nur für ein paar Jahre hier, dann gehen sie in der Regel zurück in ihre Familien.

Dang Vu Dung, der Direktor des Freundschaftsdorfs, ist enttäuscht darüber, dass die Vereinigten Staaten die verheerende Langzeitwirkung von „Agent Orange“ immer noch nicht eingestanden haben. Die Vietnamesische Vereinigung für die Opfer von Agent Orange/Dioxin (Vava) hatte deshalb in den Vereinigten Staaten einen Prozess gegen die Hersteller der Herbizide angestrengt, darunter das bekannte Chemieunternehmen Dow Chemical.

Doch der Richter lehnte das Verfahren im März 2005 ab. Auch die Berufung wurde im Jahr 2009 abgeschmettert. Zur Zeit plant Vava wieder vor Gericht zu gehen, sagt die Vizedirektorin der Vereinigung, Ha Thin Mac. Aber sie könne noch nicht sagen, gegen wen und wo. Immerhin haben die Vereinigten Staaten seit dem Jahr 2007 schon rund 50 Millionen Euro für die Sanierung der Umwelt und soziale Dienste in Vietnam gezahlt.

„Es kommt 40 Jahre zu spät“

Ha Thin Mac von der Opferorganisation Vava fragt sich aber, wo das Geld eigentlich geblieben ist. Sie hätten davon nichts bekommen. Das neueste Projekt ist nun also die Flughafensäuberung in Danang. Die Vizedirektorin von Vava findet es „gut für die Umwelt - aber es kommt 40 Jahre zu spät“. Immerhin könnten einige weitere Opfer verhindert werden.

Denn in der Umgebung des Flughafens soll es in erhöhter Zahl zu Fehlbildungen bei Kindern und Krebserkrankungen bei Eltern und Großeltern gekommen sein, wie die Nachrichtenagentur AFP berichtete. Anwohner hätten in einem nahe gelegenen See gebadet, gefischt und Lotusblüten von der Wasseroberfläche gepflückt. Erst vor fünf Jahren sei das Areal gesperrt worden. Der Flughafen ist für Besucher deshalb nur schwer zugänglich.

Das Entgiftungsprojekt befindet sich noch in den Vorbereitungen. Erst nach Ende der Regenzeit in Danang im Frühjahr sollen die Grabungen auf vollen Touren laufen. Der Kampf gegen die Folgen von „Agent Orange“ wird aber noch sehr viel länger dauern. „Wir wissen nicht, wann unsere Arbeit zu Ende sein wird“, sagt Ha Thin Mac. „Denn es kommen immer noch neue Opfer hinzu.“

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Jahrgang 1976, politischer Korrespondent für Südostasien.

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