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Video über Waffengewalt : Ist das Amerika?

Waffengewalt und Rassismus: Das Video von Childish Gambino löst politische Diskussionen aus. Bild: Youtube/Vevo

„This is America“ wurde in 24 Stunden zehn Millionen mal aufgerufen. Der amerikanische Künstler Childish Gambino zeigt in dem Video auf schockierende Weise eine Welt voll Waffengewalt und Rassismus: die Realität.

          Das ist Amerika: Entspannte Musik, die von Sonnenschein und Party erzählt, dazu ein exaltiert tanzender schwarzer Mann, dem eine Pistole gereicht wird – und der einer verhüllten Person kurzerhand das Gehirn wegballert. Gerade eben hatte der Getötete noch Gitarre gespielt.  „This is America“, bemerkt Donald Glover aka. Childish Gambino daraufhin, aus fröhlichen Gospel-Rhythmen wird todernster Trap. Das Video zu eben diesem Song, „This is America“, wurde in den vergangenen drei Tagen bereits mehr als 48 Millionen mal aufgerufen und gilt schon jetzt als eines der besten Musikvideos des Jahres.

          Johanna Dürrholz

          Redakteurin im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET

          Donald Glover rappt seit 2008 unter dem Namen Childish Gambino. Einem größeren Publikum ist er jedoch als Darsteller in der Comedyserie „Atlanta“ bekannt geworden, bei der er auch Regie führt und am Drehbuch schreibt. Für seinen Song „Redbone“ erhielt er 2016 einen Grammy. Glover wird außerdem in den Star-Wars-Spinoffs über Han Solo die Rolle des jungen Lando Calrissian übernehmen.

          Mit „This is America“ kehrt er nun als Musiker zurück, nicht etwa mit einem Paukenschlag, sondern mit dem Knattern einer Maschinenpistole. „Grandma told me: Get your money, black man“, rappt Childish Gambino, singt der Gospelchor, und Gambino tanzt und tanzt, während im Hintergrund die Welt untergeht. Sein Tanzen lenkt ab von der Katastrophe, vom Krieg, vom Irrsinn der Waffengewalt und dem Wahnsinn des institutionalisierten Rassismus. Er und seine Tänzerinnen und Tänzer lächeln einfach weiter, tanzen einfach weiter, und der Zuschauer bemerkt kaum, was da eigentlich vor sich geht, so viel Rauch, so viel Gewalt und so viele Waffen werden sichtbar. Nun diskutiert die halbe Welt und ganz Twitter über die verschiedenen Bedeutungen und Symbole des ohne Frage symbolträchtigen und schockierenden Videos:

          Nur zwei Perspektiven für schwarze Menschen

          Als schwarze Person hat man in den Vereinigten Staaten zwei Möglichkeiten, sagt Gambinos Video. Entweder du gehst ins Showbiz und tanzt bis zum Umfallen. Oder aber du entscheidest dich für das Gangstertum, Kriminalität, Gewalt, Drogen. Und die, die sich für das Showgeschäft entschieden haben, lächeln einfach weiter, während ihre Brüder und Schwestern umgebracht werden oder sich gegenseitig umbringen oder kriminell werden. Denn Lächeln, das ist es, was die Leute eigentlich sehen wollen.

          Stereotype

          Die Art des Tanzens, die Gambino darbietet, erinnert an Jim-Crow-Karikaturen, mit denen im 19. Jahrhundert schwarze Personen dargestellt wurden, tanzend und fröhlich und angeblich minderbemittelt.

          Waffengewalt und Anschläge

          Besondere Bedeutung wird in den Videos den Waffen beigemessen. Gerade vor seinem allerersten Schuss liegt der Fokus der Aufmerksamkeit auf der Pistole, auf der fast liebevollen Weise, mit der Childish Gambino sie hält, nicht etwa auf dem Opfer. Dessen Kopf ist mit einem Sack verhüllt, es ist namenlos. Die Szene, in der Gambino seinen Gospelchor mit einer Maschinenpistole niederschießt, erinnert wiederum an den Anschlag in einer Kirche in Charleston. Ein weißer Mann hatte aus rassistischem Motiv neun Afroamerikaner während einer Bibelstunde erschossen. Der Kontrast zwischen dem Unterhaltung liebenden, schillernden Showgeschäft der Vereinigten Staaten und der real ausgeübten Waffengewalt wird durch die explizite Darstellung des Tanzens auf der einen und der rohen Gewalt auf der anderen Seite besonders sichtbar.

          Öffentlichkeit und Trauma

          Der Umgang mit der demonstrativ ausgeübten Waffengewalt ist sinnbildlich für die gesellschaftliche Verarbeitung dieser Gewalt: Ein großer Aufschrei, Schock, möglicherweise ein Tweet (auch im Video ist eine Person am Smartphone zu sehen) – und dann kehrt man schon wieder zurück in den Alltag, der alles verdrängt. Und das Trauma bleibt. Zugleich spiegelt dies auch den Umgang der afroamerikanischen Gemeinschaft mit alltäglicher Gewalt wider.

          Kritiker werfen Childish Gambino Gewaltverherrlichung vor. Aber verherrlicht man die Realität, wenn man sie darstellt?

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