08.04.2008 · „Der Flirter“ Phillip von Senftleben hört sich im Radio ziemlich cool an. Er ruft dort wildfremde Frauen an und kriegt sie dazu, ihre Handynummer herauszurücken. „Ist der wirklich unwiderstehlich?“ fragte sich Katrin Hummel - und traf ihn quasi „privat“.
Von Katrin Hummel„Ich freue mich sehr, Sie zu hören“, sagt Phillip von Senftleben, 42, als erstes. „Warum freuen Sie sich, Sie kennen mich ja noch gar nicht?“ frage ich. Er meint, meine Stimme klinge ganz bezaubernd, irgendwie zerbrechlich, so dass er sehr behutsam mit mir umgehen müsse.
Ich will mich ihm unerkannt nähern, ihn sozusagen ausspähen. Nicht als Journalistin, sondern als unglückliche Alleinerziehende aus dem Münsterland. Meine Geschichte: Geschieden, zwei Kinder, verliebt in den Fußballtrainer meiner Söhne. Meine Mission: Herausfinden, wie Phillip von Senftleben sich verhält, wenn er nicht auf Sendung ist.
Zwei Stunden „privates Flirtcoaching“
Wie man an ihn herankommt, habe ich im Internet recherchiert: Ein Klick auf seine Homepage „Der Flirter“ zeigt, dass man ihn nicht nur im Radio hören, sondern auch im wirklichen Leben kennen lernen kann. Und zwar, indem man entweder ein Flirt-Seminar bei ihm bucht - oder eine Einzelbetreuung für 120 Euro die Stunde. Ich entscheide mich für die Einzelbetreuung, denn ich will mich ihm so privat wie möglich nähern. Also buche ich zwei Stunden „privates Flirtcoaching“.
Zunächst telefoniere ich mit Senftlebens Geschäftspartner Dirk Stiller. Ich muss oft anrufen, bis er versteht, dass ich kein Gruppenseminar will, sondern eine Einzelbetreuung. Das scheint nicht so oft vorzukommen. Doch Stiller ist von Anfang an sehr höflich, fast besorgt, als fürchte er, ich könne mich vor lauter Verzweiflung von einer Brücke stürzen. Vielleicht liegt auch das an meiner Stimme. Die habe ich nämlich verstellt, weil ich mich möglichst verzweifelt anhören will.
Von Berlin nach Münster
Nachdem Stiller die geschäftlichen Dinge geklärt hat (ich zahle die 240 Euro im Nachhinein, per Überweisung), ruft Senftleben mich an. Unser Telefonat soll dazu dienen, das Flirt-Coaching inhaltlich vorzubereiten. Er sagt, dass er von Berlin nach Münster kommen will, um mich zu treffen, weil er sowieso auf dem Weg ins Ruhrgebiet sei. Da könne man das doch verbinden, dann sei es für mich nicht so teuer. Und wir könnten auch ruhig länger machen als die zwei Stunden, falls es so richtig nett werde. Das müsse ich dann nicht bezahlen. Ich denke: Entweder hat er wirklich Spaß an seinem Job. Oder er arbeitet schon daran, mich ins Bett zu kriegen, bevor er mich überhaupt gesehen hat. Oder beides.
Nachdem der Termin steht, bittet er mich, ihm schon mal ein Foto von mir zu mailen: Er will angeblich checken, wie ich aussehe, damit er weiß, wie ein Mann mich wahrnimmt. „Sie kennen doch die Theorie vom sexuellen Marktwert?“ fragt er. Sein Coaching sei zwar sehr individuell, aber „manche Dinge funktionieren eben immer. Wir kommunizieren auch durch unser Aussehen.“ Aber natürlich gehe es vorrangig um innere Werte. „Ich habe mich gerade wieder in eine Dame verliebt, nur am Telefon“, erzählt er und signalisiert mir damit, dass er sich auch in mich jederzeit verlieben könnte, wenn ich mir nur ein bisschen mehr Mühe mit ihm geben würde.
„Ich bin etwas hingerissen von Ihnen.“
Wie in alle attraktiven Frauen. Er kann mit kaum einer sprechen, ohne mit ihr zu flirten, sagt er. Irgendwann hat sein Freund Dirk Stiller dann erkannt, dass man diesen Charakterzug zu Geld machen kann. Seitdem produziert Senftleben jeden Tag einen Comedy-Beitrag für's Radio und bedient damit so ungefähr sämtliche privaten Radiosender zwischen Hamburg und München. Hit Radio FFH zählt ebenso zu seinen Abnehmern wie Radio Hamburg, RTL Radio oder Radio NRW. Auch die Sender 104,6 RTL, Radio SAW und Antenne Düsseldorf senden seine Beiträge - um nur einige zu nennen. Stets ruft Senftleben in dem Format wildfremde Frauen bei der Arbeit an und versucht, sie so um den Finger zu wickeln, dass sie ihm innerhalb von zwei bis drei Minuten ihre Handynummer geben.
Das hört sich dann so an:
„Du hast ne zartbitterschokoladenmäßige Stimme.“
„Ich bin etwas hingerissen von Ihnen.“
„Ich ruf Sie irgendwann noch mal an, und wir gucken, ob Sie mich auf wunderbar spirituelle Weise erheitern.“
Man ahnt: Es könnte sein, dass seine zupackende Art nicht nur dem Radioformat geschuldet ist. Und dennoch wird man neugierig, wenn man ihn hört. Ist der wirklich so? fragt man sich.
Er hört sich genauso an wie im Radio
Zumindest hört er sich genauso an wie im Radio. Wir treffen uns in einer Lounge in der Münsteraner Innenstadt, Senftleben ist schlank und eher klein, vielleicht 1,70 Meter. Er trägt ein schwarzes Poloshirt zur weißen Leinenhose, hat dunkle Haare, blaue Augen und eine beige Baskenmütze, um seine beginnende Glatze zu verdecken. Seit er sie trägt, bekommt er „acht Mal mehr Zurücklächel-Reaktionen von Frauen in der Öffentlichkeit“, wird er mir später anvertrauen. Aber noch befinden wir uns in der Begrüßungsphase. Er lächelt mich an und sagt: „Ich setze mich mal ganz dicht neben Sie, damit wir besser reden können, ja?“
Er hat zwar die gleiche Stimme, spricht aber langsamer als im Radio: „Ich finde das ganz, ganz spannend Sie jetzt so zu sehen. Ich habe Sie mir ganz anders vorgestellt.“ Ich hatte ihm kein Foto von mir gemailt, sondern behauptet, ich wisse nicht, wie das gehe. Nun stellt sich heraus, dass er dachte, ich sei klein, dick und hätte Locken. „Ich habe Ihre Stimme gehört und eine gewisse Vorstellung gehabt.“ Jetzt ist er froh, denn weil ich „attraktiv“ bin, weiß er, dass ich „kein Problem“ habe. Ich wende ein, dass für die Männer, in die ich mich verliebe, Attraktivität nicht alles ist. Er sagt, dass sie jedenfalls hilfreich sei.
„Augenkontakt ist Seelenkontakt“
Ach so. Ich muss an die Tipps denken, die er auf seiner Homepage gibt:
„Weichen Sie Blicken nicht aus. Augenkontakt ist Seelenkontakt.“
„Machen Sie ihr Lachen zum Geschenk.“
„Machen Sie besondere Komplimente, etwa: Ihr Haar hat den selben Farbton wie Herbstlaub.“
„Sprechen Sie mir reiner Stimme. Eine reine Stimme spricht auch für gesundes Erbgut.“
Beschließe, von der Begrüßungsphase direkt in die Beratungsphase zu wechseln und komme auf mein Problem zu sprechen: Den Fußballtrainer. Nennen wir ihn Peter. Wie soll ich auf Peter zugehen?
Senftleben fragt: „Wie alt ist er denn?“ und ich sage, er sei ein Jahr jünger als ich, also 38. Er verzieht das Gesicht. „Das Schlimme an Kerlen in unserem Alter ist ja, dass wir auf 25-jährige reagieren. Das ist furchtbar, ich weiß, aber das ist so“, sagt er. Er hält es für möglich, dass Peter nach etwas anderem Ausschau hält. Ein Freund von ihm, ein 45 Jahre alter Juraprofessor, heirate jetzt eine 19-jährige Studentin, und das mache ihm Angst in unserem Fall: „Dass Männer in dem Alter noch mal einen Fips kriegen.“ Er merkt es ja an sich selbst. Er ist „ein bisschen“ mit einer 25-jährigen Akademikerin liiert.
Die Phase der Geständnisse
Wir haben die Kennenlernphase übersprungen und nun ganz offensichtlich die vertrauensbildende Phase erreicht - die Phase der Geständnisse. Er beugt sich vor, ich kann riechen, dass er überhaupt keinen Eigengeruch besitzt, vielleicht hat er den mit Atempastillen beseitigt, ein neutraler Atem spricht vielleicht auch für gesundes Erbgut. Er sagt, er sei „nur ein bisschen“ mit der Dame liiert. Nebenbei gebe es da noch andere. Deshalb trage er auch einen Ehering. Weil er immer Signale aussende wie „Fang' was mit mir an oder so“, es sei furchtbar. Und durch den Ring möchte er das konterkarieren oder der Dame gleich sagen, dass, wenn sie was mit ihm anfängt, sie sich nur auf eine Affäre einlässt. „Das ist irgendwie ein Symbol.“
Er wechselt souverän zurück auf die Beratungsebene. Ich lerne: Wenn ich Peter einfach fragen würde, ob wir mal ein Glas Wein zusammen trinken sollen, hätte er instinktiv Angst, weil er denke, „hey, Moment mal, es ist meine Aufgabe, das zu sagen. Was will denn die Frau? Da stimmt doch irgendwas nicht.“ Es komme nicht oft vor, dass eine wirklich attraktive Frau einen Mann um ein Date bitte. Senftleben sagt: „Das sind meistens Frauen, die nicht gut aussehen. Ohne dass das abschreckend sein muss, wenn sie ansonsten großartige Menschen sind.“ Statt Peter zum Wein einzuladen, soll ich „so sanft wie es geht irgendwo eine Bereitschaft signalisieren.“ Das kleinste Signal aber, das Männer als Offerte ansähen, sei ein Lächeln.
Eine Skala von 1 bis 10
Senftleben will jetzt wissen, wie Peter auf einer Skala von 1 bis 10 aussieht. Ich sage: „Er sieht aus wie 10.“ Senftleben gibt sich selbst mit Baskenmütze eine 7 und ohne eine 6. Und ich? will er wissen. Ich sehe ihn an und denke, na ja, im Vergleich zu ihm… „Hmm, eine 8 vielleicht“, sage ich mutig. Er scheint erschüttert: „Eine 8?“ fragt er, „Catherina Zeta-Jones hat eine 8!“
Ich finde die 8 jetzt auch übertrieben, will aber nicht so schnell umschwenken, daher behaupte ich einfach, Catherina Zeta-Jones gefalle mir nicht. „Mir gefällt die auch überhaupt nicht“, sagt er nun, und ich frage mich, ob wir jetzt direkt in die Anbaggerphase wechseln oder ob er mir Peter erst noch ein bisschen mehr ausreden wird.
„Ich habe schon Frauen über 6 geliebt“
Und überhaupt: Was, wenn ich wirklich unglücklich und verzweifelt wäre? Dann würde ich mich nach diesem Gespräch ganz sicher von besagter Brücke stürzen - so entsetzt, wie er mich wegen der „8“ eben angeguckt hat. Im Prinzip ist es doch so: Ich gebe mich trotz meiner unglücklichen Situation relativ selbstbewusst, und er vermittelt mir die ganze Zeit: Für diesen Peter siehst du nicht gut genug aus, also schlag ihn dir aus dem Kopf.
Senftleben scheint gemerkt zu haben, dass er nicht eben feinfühlig war, denn nun sagt er, er würde mir eine 7 geben, und als ich lache, sagt er sogar: „Dann geben Sie sich doch die verdammte 8, sollen Sie sie haben. Aber eine 7 ist auch super. Ich habe schon Frauen über 6 geliebt, weil mir das völlig egal ist.“
Schwierig sind ältere Akademikerinnen
Ich frage mich, was er mir eigentlich sagen will. Auf seiner Homepage gibt er vor, „Menschen auf die feinfühligste und am meisten tiefgreifende Weise“ für sich gewinnen zu können. Ich hatte eigentlich gehofft, seine Ratschläge entsprächen diesem Anspruch. Aber alles, was wir bisher getan haben, ist, über Aussehen zu reden.
Senftleben hat mal in einem Interview gesagt: „Eigentlich ist jede Zielperson, wenn ich das mal so sagen darf, rumzukriegen.“ Schwierig seien lediglich ältere Akademikerinnen - also Frauen wie ich. Liegt es also vielleicht an mir? Bin ich beratungsresistent? Oder ist es vielleicht vermessen, sich eine Strategie für eine ganz konkrete Situation ausdenken zu wollen?
Angewinkelt hinstellen
Ist es nicht, findet Senftleben. Und hat jetzt einen ganz konkreten Ratschlag für mich: Wenn Peter auf dieser Party, die wir demnächst gemeinsam besuchen werden, irgendwann mal eine Sekunde lang alleine dasteht, soll ich einfach auf ihn zugehen - aber nicht frontal. Ich soll mich ein bisschen „angewinkelt“ hinstellen. Eher ein bisschen seitlich näher rangehen und den Kopf ein bisschen nach rechts drehen. Wichtig ist dann, dass ich eine kleine Bemerkung mache, etwas Positives, vielleicht über seine Schuhe, oder aber einen so genannten Downer, also eine kleine Provokation, und dass ich danach sofort weggehe, so dass Peter nicht antworten muss. Sonst würde ich ihn schon wieder bedrängen. Das Ganze muss auf eine „nonchalante Nebenbei-Weise“ passieren.
Im Radio hört sich das so an:
„Sie sind eine der ganz wenigen Franziskas, die blond klingen.“
„Haben Sie Ihren Namen gesagt? Ich würde Ihnen, wenn ich ihn hören würde, vielleicht dazu gratulieren.“
„Sie haben diesen Hauch von arrogantem Unterton, der schon wieder einladend sein kann, wenn man dem gewachsen ist. Ich bin dem gewachsen.“
Wenn meine Bemerkung gut ist, werde ich es merken. Es wird irgendwie in Peter arbeiten. Und wenn er mich mag, kommt er irgendwann zu mir und sagt „ich habe mir neue Schuhe gekauft“ - oder so. Senftleben sagt: „Und dann wissen Sie, Sie brauchen sich nur noch zurück zu lehnen und vielleicht zu sagen: Ich will den Kerl jetzt gar nicht mehr.“
„Okay, komm, wir gehen …“
Er fixiert mich auf eine „Nebenbei-Weise“ und sagt dann sehr beiläufig: „Sie strahlen etwas sehr Zerbrechliches aus, wenn ich das mal so sagen darf - was ich sehr süß finde. Aber ich stehe ja hier nicht zur Debatte.“ Sagt wieder, dass er ein furchtbarer Mensch sei und zu viele Frauen möge und sich mir gar nicht zumuten möchte. Allerdings, wenn ich blond wäre, etwas längere Haare hätte und so auf ihn zukäme, wie er es mir gerade empfohlen hat, dann würde er natürlich da auf dieser Party auf meinen Downer etwas Freches zurück sagen. Dann würde er mich zum Lachen bringen und sagen „okay, komm, wir gehen …“
Bevor die Abschlepp-Phase beginnt, zahlen wir. Am nächsten Tag höre ich ihn wieder im Radio. Während er seinen Job macht, überlege ich, wie es sich anfühlen muss, so zu leben, als seien weite Teile des eigenen Lebens eine Comedy-Show. Und woran es liegt, dass die Show interessanter klingt als das Leben selbst.
Tihi, irgendwie habe ich sowas erwartet
Johanna Geisel (Jea.nne)
- 07.04.2008, 23:22 Uhr
Ich habe noch nie was von Senftleben gehört
Max Schreiber (maxschreibermax)
- 08.04.2008, 10:45 Uhr
Erfolgstyp
Marvin Parsons (mapar)
- 08.04.2008, 11:36 Uhr
Flirten
Marta Rublik (Vitruvia)
- 08.04.2008, 15:12 Uhr
langweiliger Typ
Joe Cool (JoeCool2a)
- 16.04.2008, 18:35 Uhr
Katrin Hummel Jahrgang 1968, Redakteurin im Ressort „Gesellschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Jüngste Beiträge