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Ein Vater erzählt: Wie rettet man seine Söhne aus den Fängen des IS?

Foto: dpa

Wie rettet man seine Söhne aus den Fängen des IS?

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Wenn Jugendliche aus Deutschland nach Syrien gehen, um sich dem „Islamischen Staat“ anzuschließen, heißt es oft: Die kommen aus schlechten Verhältnissen. „Viele Eltern schämen sich deswegen“, sagt Joachim Gerhard. Er nicht.

10.11.2017
Text: SEBASTIAN EDER

Es war spät am Abend, als Joachim Gerhard zum ersten Mal nach seinem Auftritt bei „Stern TV“ im September 2016 einkaufen ging, ganz Deutschland kannte jetzt sein Gesicht: Er war der Vater, dessen Söhne aus einem malerischen Vorort von Kassel ausgerissen waren, um sich in Syrien dem Islamischen Staat (IS) anzuschließen. „Ich dachte, die Leute zerreißen mich. Vielleicht würden sie sich bei mir vor dem Haus versammeln.“ Aber niemand kam, und im Supermarkt näherten sich ihm nur vorsichtig ein paar Frauen: „Es tut uns so leid, was Sie durchmachen müssen.“ Gerhard sagt: „So waren fast alle Reaktionen. Die Menschen waren fassungslos und haben gefragt, wie sie mir helfen können. Sogar völlig Fremde haben mich angerufen und mir geschrieben, darunter auch Eltern, die selbst betroffen waren.“

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Mehr als 930 Islamisten aus Deutschland – viele davon noch sehr jung – sind laut Verfassungsschutz in Richtung Syrien und Irak gereist, um dort den IS zu unterstützen. Bereits 2016 hatte das Amt von „wachsenden Sorgen“ berichtet, die der „Zustrom von Kindern und Jugendlichen zum IS“ bereite. Im Juli entdeckten irakische Sicherheitskräfte nach der Befreiung Mossuls in der völlig zerstörten Stadt ein 16 Jahre altes Mädchen aus Sachsen – sie war ein Jahr vorher aus ihrem Elternhaus ausgerissen.

Foto von Gerhard mit seinen Söhnen: Sind sie noch am Leben? Foto: privat

Sehr selten sprechen betroffene Eltern öffentlich über ihr Schicksal. Auch Gerhard zögerte zunächst. Im Mai 2015 erschien erstmals ein Artikel in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung über seine Geschichte, ohne Namen. „Ich hatte Angst davor, in der Öffentlichkeit zusammengeschissen zu werden. Wenn Jugendliche aus Deutschland nach Syrien gehen, heißt es ja immer: Die kommen aus schlechten Verhältnissen, die Eltern haben sich nicht richtig gekümmert. Viele Eltern schämen sich deswegen.“

Für Gerhard sind daran auch Experten wie Peter Neumann schuld. Der „wichtigste ISIS-Jäger der Welt“ („Bild“-Zeitung) lehrt am Londoner Kings College, wird nach jedem großen Terroranschlag interviewt und erklärt regelmäßig, dass die Mehrheit der deutschen IS-Kämpfer keinen Schulabschluss habe, vorbestraft sei und „aus sozial prekären Verhältnissen“ komme. Zumindest auf Gerhards Kinder trifft davon nichts zu. Der 53-Jährige ist ein erfolgreicher Geschäftsmann, er wohnt in einem Haus mit Swimmingpool, in Kassel gehören ihm mehrere Immobilien. Er wurde bei Darmstadt geboren und hat keinen Migrationshintergrund.

Seine Söhne spielten als Jugendliche Fußball und gingen feiern, nach dem Abitur zog der Ältere nach Berlin und besuchte eine Schauspielschule. Sein kleiner Bruder folgte ihm und wollte sich dort zum Fotografen ausbilden lassen. Er ging aber mit dem Älteren zurück, als der seine Schauspielausbildung beendet hatte. In Kassel zogen sie zu ihrem Vater, der von der Mutter mittlerweile getrennt lebte, und arbeiteten beide in dessen Immobilienfirma. Über einen alten Schulfreund fanden sie zum Islam. Im Büro machten sie plötzlich Pausen, um in einem Waldstück zu beten.

Gerhard war beunruhigt, weil er die Geschichten von konvertierten Islamisten kannte, die in den Krieg nach Syrien zogen. Er sprach seine Söhne darauf an, sie wiesen Sympathien mit dem IS empört zurück. Gerhard blieb alarmiert. Nach einem gemeinsamen Besuch einer Moschee in Kassel war er beruhigt:


„Die Predigt hat sich nicht groß von dem unterschieden, was ich auch in evangelischen Gottesdiensten schon gehört hatte.“
MAX MUSTERMENSCH

Deswegen schöpfte er keinen Verdacht, als sich seine damals 19 und 23 Jahre alten Jungen im Oktober 2014 sein Auto für einen Wochenendausflug nach Österreich leihen wollten. Erst sechs Wochen später meldeten sie sich wieder – aus Syrien.

Gerhards Lebensinhalt seitdem kann man mit vier Worten beschreiben: „Ich hole euch zurück.“ So hat er auch sein Buch über seine Suche genannt, das gleichzeitig mit dem Auftritt bei „Stern TV“ erschienen ist. Der Geschäftsmann glaubt bis heute daran, dass seine Söhne noch leben. Er selbst war unzählige Male an der türkisch-syrischen Grenze, verhandelte mit Schleusern, ehemaligen IS-Kämpfern, Geheimdienstlern und Soldaten. Am Ende war Gerhard immer um ein paar tausend Euro ärmer – und so weit von seinen Söhnen entfernt wie vorher.

An der türkischen Grenze, in der Nähe von Elbeyli. Foto:dpa

„Die bisher größte Schweinerei“ erlebte Gerhard Anfang 2017. Er bekam eine SMS, in der es sinngemäß hieß: „Hallo Papa, ich bin Vater geworden und brauche dringend 15 000 Euro, um in die Türkei zu kommen.“ Gerhard fielen sofort zwei Dinge auf: Sein angeblicher Sohn hatte nicht mal erwähnt, ob das Kind ein Junge oder ein Mädchen sei. Außerdem fielen ihm die vielen Rechtschreibfehler auf – „mein Sohn war da aber eigentlich immer sehr genau“. Also zeigte er die Nachricht einem Jungen, der 2014 zusammen mit seinen Söhnen nach Syrien gegangen war und den Gerhard selbst später mit Hilfe von Schleusern herausgeholt hatte.

Joachim Gerhard ist Unternehmer – seine Söhne zogen in den Krieg. Foto: Mario Wezel

Seine Söhne hatten ihn 2015 in den „Islamischen Staat“ eingeladen: Er solle sich mal anschauen, „wie es wirklich ist“. Gerhard reiste in den türkischen Ort Elbeyli, an der Grenze zu Syrien versperrten ihm Soldaten den Weg. In einem Teehaus wartete er auf eine Nachricht von seinen Jungen. Stattdessen meldete sich der Freund der Söhne. Er wolle raus aus Syrien, wisse aber nicht, wie er über die Grenze komme. Gerhard gab dem Teehausbesitzer Geld, damit er zwei Motorradfahrer auf Schleichwegen nach Syrien schickte. Sie fanden den Jungen tatsächlich. Heute ist er wieder in Kassel.

Und dieser Junge ermutigte ihn angesichts der seltsamen SMS: Das sei doch eine super Nachricht und die vielen Rechtschreibfehler bestimmt auf große Eile zurückzuführen. In der nächsten SMS war die Rechtschreibung plötzlich perfekt und die Geschlechtsfrage geklärt, obwohl er danach nie gefragt hatte. „Da wusste ich, dass der Junge dahintersteckt“, sagt Gerhard.

Er ging mit diesem Verdacht zu den Sicherheitsbehörden und ließ sich auf eine Geldübergabe in einem Baumarkt ein, bei dem die angeblichen Mittelsmänner verhaftet wurden. Der frühere Freund der Söhne sei vorher mit den Festgenommenen beobachtet worden. „Ich war unfassbar enttäuscht“, sagt Gerhard. „Zumal sich meine Söhne von mir losgesagt haben, weil ich den da rausgeholt hatte.“ Ihre Message war per Video gekommen: „Du hast jemandem geholfen, hier abzuhauen. Du hast gegen uns gearbeitet, und du hast gegen den Islam gearbeitet. Dieses Video ist eine Lossagung von dir.“ Seitdem hat Gerhard nie wieder etwas von ihnen gehört.

Seit drei Jahren sucht und wartet Joachim Gerhard jetzt – drei Jahre emotionaler Ausnahmezustand. Und trotz der persönlichen Katastrophe immer wieder auch ermutigende Erlebnisse. „Ich habe viel Unterstützung bekommen – und durch das ganze Chaos viele nette Leute kennengelernt: das Ehepaar aus Bayern zum Beispiel, das mein Schicksal teilt und immer sagt, es könne mit niemandem außer mir reden.“ Doch es gibt auch andere Momente. „Da hat man auch mal ein Glas Alkohol mehr getrunken, wenn man abends plötzlich alleine zu Hause saß.“

Seine Kinder sieht er nur noch auf Fotos, mal normal, mal mit Gewehr. Foto: Mario Wezel

Der Schritt in die Öffentlichkeit, vor dem so viele betroffene Eltern Angst haben, hat ihm geholfen. Mittlerweile ist Gerhard auf einer Art Mission unterwegs. In diesem Sommer hat er auf einer Veranstaltung der Universität Koblenz jungen Lehrern erzählt, wie schnell sich seine Kinder radikalisiert hatten – und worauf die Lehrer achten sollten. „Die fanden es gut, dass es jemanden gibt, der darüber redet. So sehe ich das auch: Wenn das alles keiner mitkriegt, können die Verbrecher von dieser Sekte immer weiter unsere Kinder mit ihren Lügengeschichten ködern.“

Für Gerhard ist bis heute auch die Politik daran schuld, dass seine Söhne einfach in den Krieg reisen konnten. Wenn er darüber nachdenkt, wächst die Wut in seinem Bauch. „Bei einem Besuch im Bundestag bin ich kürzlich richtig ausgerastet und habe rumgeschrien, der Sicherheitsdienst hat mich rausgebracht“, sagt er. „Mittlerweile ist mir manchmal alles scheißegal.“ Danach fühlte er sich trotzdem besser.

In diesem Sommer hat er endlich etwas geschafft, für das ihm lange die Kraft fehlte: „Ich habe 40 Bilder von meinen Kindern im ganzen Haus aufgehängt“, sagt er. Vor lauter Tränen habe er die Nägel zwar manchmal kaum sehen können. Jetzt blickt er seinen Jungen jeden Tag in die Augen – nachdem er es lange nicht mal schaffte, ihr Zimmer zu betreten. „Irgendwann blendet man aus, dass sie gar nicht mehr da sind“, sagt Gerhard. „Ein bisschen zumindest.“

Das Buch „Ich hole euch zurück“. Ein Vater sucht in der IS-Hölle nach seinen Söhnen von Joachim Gerhard mit Denise Linke erschien im Fischer Verlag.

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Quelle: Frankfurter Allgemeine Quarterly

Veröffentlicht: 10.11.2017 15:00 Uhr