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Mittwoch, 19. Juni 2013
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Vampir-Serie „True Blood“ Würden Sie mich bitte mal beißen?

 ·  Noch ein Vampir-Duo: Anna Paquin und Stephen Moyer, Hauptdarsteller der Serie „True Blood“, sind die erwachsene Version der „Twilight“- Liebenden. Ein Paar sind sie auch im wahren Leben.

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© REUTERS „Es war das Sahnehäubchen“: Anna Paquin und Ehemann Stephen Moyer im Mai

Mag ja sein, dass Kristen Stewart, 22, und Robert Pattinson, 26, gerade das Rampenlicht auf sich gerichtet haben: Alltäglich werden in der internationalen Boulevardpresse die Chancen dafür neu berechnet, dass das schmachtende Paar aus der Kino-Vampirsaga „Twilight“, wieder zusammenkommt, nachdem Stewart zugegeben hat, eine Affäre mit Rupert Sanders, dem Regisseur eines anderen Films (und einem verheirateten Familienvater), gehabt zu haben. Unter Filmschaffenden hatten sich zwischenzeitlich sogar zwei Lager gebildet: für ihn (Reese Witherspoon gewährte Unterschlupf), für sie (Jodie Foster schrieb einen offenen Brief gegen die Kristen-Hatz: „Genug damit!“).

Dabei müssen als das aufregendste Pärchen der Vampirwelt nicht Pattinson und Stewart, sondern Anna Paquin, 30, und Stephen Moyer, 42, gelten. Die beiden Hauptdarsteller aus der bluttriefenden, lüsternen und immer wieder schockierenden Serie „True Blood“ sind so etwas wie die erwachsene Version des skandalumtobten „Twilight“-Duos. Sie ist offen bisexuell, er hat für die Moralwächter Amerikas allenfalls Verachtung übrig. Zusammen mit Moyers Kindern Lilac und Billy aus zwei früheren Beziehungen leben die beiden in L.A.s Hippie-Stadtteil Venice; im Herbst erwartet das Paar Zwillinge. Und wie sie uns im schicken Four Seasons Hotel in Beverly Hills gegenübersitzen, sie im kurzen, schwarzen Moschino-Kleid, das ihren Babybauch umspannt, er in dunkler Jeans und legerem grauen Shirt, da möchte man glatt ebenfalls mal gebissen werden.

Auch Moyer und Paquin lernten sich bei den Dreharbeiten kennen; auf dem Set von „True Blood“ wurden sie zum Paar. Auch hier ist er der Vampir mit düsterem Blick und Sixpack (das waren noch Zeiten, als die aufregenden Blutsauger ihre Körper unter langen Umhängen verbargen), und sie die Unschuld vom Lande, die indes nicht bloß von konkurrierenden Vampiren und Werwölfen, sondern außerdem von Formwandlern, Mänaden, Feen und Hexen begehrt wird. Auch hier wird, ziemlich regelmäßig sogar, herumgeschlafen, sogar vor laufender Kamera - „True Blood“ zeigt mehr Sex als vermutlich jede andere Serie im amerikanischen Fernsehen. „Ich habe damit kein Problem“, sagt Paquin schulterzuckend dazu, „es sind halt Körper.“

Der Vampir ist seit Bram Stokers „Dracula“ von 1897 das literarische Symbol dunkler sexueller Lüste - „Ladyporn“, wie „True Blood“-Schöpfer Alan Ball sagt, der auch für außergewöhnliche Filme wie „American Beauty“ und gewagte Serien wie „Six Feet Under“ verantwortlich war.

Karrierestart im Rückwärtsgang

Doch was in „Twilight“ als zittrige Romanze in Erscheinung tritt, ist bei „True Blood“ ein vielschichtiges Tableau sexueller Identitäten und erotischer Phantasien. Das eigentlich Aufregende an einem Vampir, sagt Moyer, sei die Kombination von altmodischen Gentleman-Manieren und physischer Übermacht. „Das ist sehr sexy.“ Und ihre Südstaaten-Kellnerin Sookie, sagt Paquin, sei weiß Gott keine, die gerettet werden muss. Während „Twilight“ im Internet Hohn und Spott über sich ergehen lasssen muss (“,Twilight’ ist wie Fußball“, ätzte ein Tweet, „zwei Stunden Rumgerenne, keiner kommt zum Zug, und Milliarden Fans beteuern, dass wir’s einfach nicht kapieren“), hat „True Blood“ mit einem Golden Globe und einem Emmy die wichtigsten Fernsehpreise Amerikas gewonnen.

Aber es ist halt nur Fernsehen, oder? Paquin blickt halb amüsiert, halb abschätzig auf. Sie hat eine ungeduldige, trockene Art, die haarscharf am Schnippischen vorbeigleitet. „HBO“, sagt sie über den renommierten amerikanischen Bezahlsender, auf dem ihre Serie läuft, „ist besser als fast alles andere, was es da draußen zu sehen gibt.“

Paquin war neun Jahre alt, als man sie in ihrer Heimat Neuseeland für das Kostümdrama „Das Piano“ castete - eine Rolle, für die sie mit einem Oscar ausgezeichnet wurde. „In Neuseeland war Kinderschauspielerin keine Laufbahn“, sagt sie. „Meine Eltern fanden Ruhm nie attraktiv, keiner sagte: Hier, nehmt unser Kind und macht uns berühmt. Niemand forcierte mich, also konnte ich echtes Interesse entwickeln.“ Mit neunzehn spielte sie in New York unter der Regie von Philip Seymour Hoffman Theater. Es war eine Art Karrierestart im Rückwärtsgang: „Erst ein Kinofilm und ein Oscar, dann einige kleine Filmnebenrollen - und dann interessante Bühnenrollen.“ Es folgten Blockbuster wie „X-Men“ und vielfach preisgekrönte Independentfilme wie „The Squid and the Whale“ und schließlich „True Blood“.

Paquin hatte immer schon ihren eigenen Kopf, was ihr bisweilen zum eigenen Nachteil gereichte, wie sie sagt. Sie gibt zu, dass allzu verbissene Selbständigkeit ihr manchmal im Weg steht: „Ich bin immer ziemlich taff gewesen und habe es vermieden, um Hilfe bitten zu müssen. Frauen geben das nicht gern zu, weil das schwach wirkt. Aber es gibt eine gute Mitte.“ Doch in Hollywood hebt sie, die sich einen kühlen Kopf bewahrt hat, sich wohltuend ab. Auf ihre Zahnlücke angesprochen, sagte sie einmal: „Interessanterweise sind mir meine Zähne egal.“

„Meine Frau, eine Seelenverwandte“

Als sie 2010 im Rahmen einer Kampagne für die Gleichberechtigung sagte: „Ich bin bisexuell“, stürzte der Server der Kampagnenwebsite wegiveadamn.org ab, so sehr überraschte sie die Öffentlichkeit mit ihrem Statement. „Ich habe nie ein Geheimnis darum gemacht“, sagte sie später, „es hat mich einfach nie jemand danach gefragt.“ Ein halbes Jahr später trat sie mit Moyer vor den Traualtar.

Es war Paquins private Reserviertheit gewesen, ein krasser Kontrast zu ihrer schauspielerischen Offenheit, die auch Moyer faszinierte, als er sie bei den Proben zu „True Blood“ kennen lernte. Also begann er mit ihr zu skypen - er lebte damals noch in London, sie in Los Angeles -, und bald verbrachten sie täglich Stunden am Videotelefon. Sie vertraute sich ihm an, erklärte ihm auch ihre Bisexualität, und er war dahin. „Ich war noch nie in einer Beziehung, in der in den ersten drei Tagen alle Karten auf den Tisch gelegt wurden“, sagte er einem anderen Interviewer einmal.

Inzwischen sind sie seit zwei Jahren verheiratet. „Ich hätte nie gehofft, in dieser Serie meine Frau, eine Seelenverwandte, kennenzulernen“, sagt Moyer jetzt und seufzt lächelnd. „Es war das Sahnehäubchen auf einem sowieso schon sehr leckeren Kuchen.“ Moyer ist ein zugänglicher, liebenswerter Kerl mit hinreißendem britischen Akzent und ironischem Witz, und er sagt, Anna sei vermutlich die klügste Person, die er kenne. „Der macht man nichts vor. Sie weiß, was sie tut.“ Ja, Familie und Arbeit seien tatsächlich zu einem Universum verschmolzen. „Ich habe jetzt ein Stück Land auf dem Studiogelände gekauft, um uns dort ein Haus zu bauen“, sagt er und lacht fröhlich.

Moyer wuchs in England auf und sang als Kind für sein Leben gern im Kirchenchor. Als Teenager gründete er eine Band, und später eine eigene Theatertruppe, die „Reject Society“. Er studierte an der London Academy of Dramatic Arts, war Mitglied der Royal Shakespeare Company und hatte eine eigene Sitcom, und als er in Amerika aufschlug, kannte ihn kein Mensch. Heute ist er ein so überragendes Sexsymbol, dass ihn die Leute auf der Straße fragen, ob er sie mal beißen könne. Und er singt inzwischen in Hollywood in einer Elternband - gemeinsam mit Ewan McGregor, Ben Harper und Chris Shifflet von den „Foo Fighters“. „Ist das nicht irre?“, fragt Moyer. „Fragen Sie jetzt nicht, warum ich in einer Elternband spiele!“

Vielleicht sollten wir eher nach den Vorteilen fragen, die eine Arbeitsbeziehung randvoll mit Sexszenen mit sich bringt? „Es ist verdammt hart“, sagt Moyer mit bierernster Miene. „Ich meine, ich arbeite sehr an mir, aber bei uns sind ja Wesen aus anderen Welten unterwegs. Alexander Skarsgård ist einsdreiundneunzig groß, und jetzt haben wir auch Joe Manganiello, eine Art Superman, der dreimal so groß ist. Da kriegt sogar Alex Minderwertigkeitskomplexe.“

Wie erleben die beiden den Ruhm? Moyer berichtet, ihn beglückwünschten inzwischen siebzigjährige Männer, deren Frauen und Töchter Fans der Serie sind. „Sie ist Unterhaltung für Erwachsene, die sich nicht beim Publikum anbiedert und keine sauberen Abschlüsse hat. Ich mag so was“, sagt Moyer. Und weil „True Blood“ (das in Deutschland beim Bezahlsender Sky zu sehen ist, die fünfte Staffel von November an) Erwachsenenfernsehen ist, dürfen seine beiden Kinder, die inzwischen elf und dreizehn sind, die Serie des Vaters nicht sehen. Da müssen Billy und Lilac eben noch ein Weilchen für „Twilight“ und Robert Pattinson und Kristen Stewart schmachten.

Wo wir gerade von ihnen reden: Pattinson hat inzwischen eingewilligt, sich noch einmal mit Stewart zu treffen; man will sich aussprechen. Angeblich soll er Verhaltensregeln für eine Fortführung der Beziehung aufgestellt haben. Ist das jetzt kindisch, oder ganz besonders erwachsen? Und wie würden Vampire, diese Geschöpfe des Maßlosen, zu solchen Regeln stehen?

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