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Mittwoch, 19. Juni 2013
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Vampir-Serie „House of Night“ Es gab immer nur uns zwei

 ·  P.C. Cast und ihre Tochter Kristin haben mit „House of Night“ eine sehr erfolgreiche Vampir-Serie erfunden. Bei ihrem ersten Besuch in Deutschland verraten sie auch viel über sich.

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© Julia Zimmermann Eine fröhliche Mutter-Tochter-Beziehung: P.C. Cast (links) schreibt die Bestseller, Kristin ergänzt popkulturelle Referenzen.

Ach, gäbe es hier doch nur einen Funken Geist, ein kleines bisschen Magie, wie sie die Vampire aus Oklahoma betreiben!

Auf der Bühne eines Berliner Kinos sitzt ein blonder Jüngling, der mit dem Phantasienamen „Ajax, der Schauspiellehrer“ eingeführt wurde, und ist heillos überfordert. Eben noch hat er eine Passage aus dem druckfrischen zehnten Band der Serie um das Vampir-Internat „House of Night“ gelesen („Verloren“, Fischer FJB, 16,99 Euro). Es ging um die der Finsternis verfallene Hohepriesterin Neferet, die dem Kater des Kriegers Dragon Lankford die Kehle durchtrennt, um Aurox durch die Kraft des Blutes in einen wütenden Stier zu verwandeln, der wiederum Rephaim töten und auf diese Weise Zoeys Freundin Stevie Rae davon abhalten soll, einen Enthüllungszauber zu vollenden. Wer hier den Überblick verliert, weil er es versäumt hat, die 3840 Seiten der Vorgängerbände zu verschlingen, dem sei verziehen. Das jugendliche Publikum jedoch, das über seine Lieblingslektüre Sätze sagt wie „man wünscht sich einfach, dabei sein zu können“ kennt seine Pappenheimer und folgt gebannt.

Nach der Lesung sitzen zum ersten Mal, seit 2009 die laut Verlagswerbung „derzeit erfolgreichste Vampyr-Serie auf dem deutschen Markt“ startete, die beiden Autorinnen auf einer deutschen Bühne: das Mutter-Tochter-Duo P.C. und Kristin Cast. Und Ajax, der Schauspiellehrer, der aussieht, als wäre er einer Foto-Love-Story der „Bravo“ entsprungen, soll jetzt Moderator und Übersetzer sein. Leider kann er nicht ausreichend gut Englisch, um die Fragen der Fans und die Antworten der amerikanischen Fantastik-Stars in die jeweils andere Sprache zu übertragen. Weder die blaue Mondsichel, die er sich auf die Stirn gemalt hat, noch die Ornamente, die sich wie bei den Buch-Vampiren über seine Schläfen ranken, können ihm da helfen.

Bis 2014 sollen alle fünf Filme fertig sein

“Alles, was in den Büchern an Ideen kommt, ist naturwissenschaftlich bewiesen“, übersetzt Ajax zum Beispiel. Dabei hat Mutter Cast gerade nur erklärt, dass sie ihre Theorie über die körperliche und geistige Verwandlung menschlicher Teenager zu Vampiren mit Hilfe ihres Vaters erfunden habe, und der ist Biologe. Kurz darauf geht es um die Verfilmung der Serie, also um die wohl am häufigsten und am heißesten diskutierte Frage in allen Fan-Foren. P.C. Cast berichtet, fünf Filme werde es geben, der erste komme hoffentlich 2014 in die Kinos.

Da schaltet sich Kristin ein. Die Sechsundzwanzigjährige rüffelt von der Seite, sie dürften das Datum doch noch gar nicht nennen, woraufhin die Ältere mit ihrem Mikrofon selbstironisch ein paar Hiebe in Richtung der Jüngeren andeutet. Eine kleine spontane Darbietung: So also geht es zu, wenn Mutter und Tochter gemeinsam Bücher schreiben!? Der Schönling mit dem aufgeschminkten Mond unterdessen wünscht viel Glück: Bis 2014 sollten alle fünf Filme fertig sein, übersetzt er.

„Der nächste Trend muss demnächst erspürt werden“

Nun sind mangelnde Englischkenntnisse das eine. Das andere sind Wissen und Unwissen um die komplexen phantastischen Welten, in die lesende Teenager sich gerne hineinträumen, um sich selbst darin zu entdecken. Die Serie um das Vampir-Internat „House of Night“ ist die Verlängerung eines Trends, der mit Harry Potter (Internat!) begann und von Stephenie Meyers „Twilight“-Trilogie (Vampire!) beflügelt wurde - und den Renate Reichstein, designierte Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft von Jugendbuchverlagen, „die Neuzeit der Kinder- und Jugendliteratur“ nennt. Eines Tages irgendwann in den Nuller Jahren war es für Menschen jenseits der zwanzig nicht mehr peinlich, mit einem dunkel glänzenden Buch mit aufgeprägten Ornamenten in der S-Bahn zu sitzen.

In der Hoffnung auf einen neuen Markt gründeten Erwachsenenverlage Jugendbuchsparten, Kinderbuchverlage erweiterten ihr Programm für Ältere, und die „All-Age-Literatur“ war geboren. Das Gros dieser Titel ist dem weiten Feld „Fantasy und Science Fiction“ zuzuordnen. Dessen Anteil an der Belletristik wiederum liegt laut Börsenverein des Deutschen Buchhandels seit einigen Jahren stabil zwischen sieben und acht Prozent. Allerdings stellt Renate Reichstein fest: „Der Markt ist übersättigt. Der nächste Trend muss demnächst erspürt werden.“

Bis es aber soweit ist, bringen die Verlage weiterhin mehr oder weniger austauschbare Bücher über Gestaltwandler, Geistermädchen und eben Vampire in die Regale, deren Erfolg- wenn er sich denn einstellt - nicht nur auf überzeugenden Charakteren und solidem Handwerk beruht, sondern auch auf geschicktem Marketing.

„Teenager sind doch wie Vampire“

“House of Night“ ist so ein Phänomen. Zum ersten Mal, sagt die bei Fischer für „Young Adult- und Crossover-Bücher“ zuständige Caroline Roser, habe der Verlag sein Werbebudget zu achtzig Prozent in den Online-Sektor gesteckt. Es gibt eine eigene „HoN“-Homepage, auf der die Nutzer ihre Fotos hochladen und mit Vampir-Tattoos schmücken können. Sie dürfen Fantasygeschichten schreiben, an Malwettbewerben teilnehmen und sich über ihre Helden austauschen. Wann immer es eine Frage gibt, und wird sie auch nachts um drei Uhr gestellt, sorgen eine Agentur und vier Kollegen im Verlag dafür, dass wenige Stunden später die Antwort gepostet wird. „Das Ziel ist, die Leute wirklich an sich zu binden“, sagt Roser.

Der Erfolg kann sich sehen lassen. Sowohl das Portal als auch der Facebook-Auftritt haben jeweils mehr als 50 000 Nutzer, und der Suchtfaktor scheint groß: Acht von neun „House of Night“-Bänden sind auf Anhieb an die Spitze der Bestsellerliste geschnellt. Fast zwei Millionen Bücher haben die Casts hierzulande bisher verkauft.

“Teenager sind doch wie Vampire“, sagt P.C. Cast. „Randvoll mit Hormonen, glauben sie, unsterblich zu sein. Und wer wäre nicht gerne schön und verführerisch?“

„Eines unserer Hauptthemen ist Toleranz“

Mutter und Tochter trinken Kamillentee in einem Berliner Hotel und plaudern freundlich über das, was sie gern als „unsere Welt“ bezeichnen: eine Version ihrer Heimatstadt Tulsa in Oklahoma, in der Vampir-Teenager den Kampf gegen das Böse führen: „Unsere Welt ist komplett einzigartig“, sagt P.C. Cast, die offiziell die Vornamen Phyllis Christine trägt. „Wir haben die einzigen matriarchischen Vampire. Unsere Magie ist erdverbunden. Und unsere Kids haben mit Dingen zu tun, mit denen Kids halt zu tun haben. Würde man das Paranormale weglassen, es wäre einfach eine Geschichte über Jugendliche, die versuchen, erwachsen zu werden, ihren Platz zu finden und die richtigen Entscheidungen zu treffen.“

Eine Botschaft? „Eines unserer Hauptthemen ist Toleranz für die Überzeugungen anderer Menschen, für ihre sexuelle Orientierung, ihre Hautfarbe, ihr Geschlecht, ihrer Religion“, sagt Kristin Cast. P.C. ergänzt, die Idee einer matriarchischen Vampir-Gesellschaft solle junge Frauen stärken. Sie schreibt übrigens durchgängig von „Vampyren“ - „weil ich fand, dass es schöner aussieht“.

Meistens sagen Mutter und Tochter „wir“. Es gibt aber eine klare Arbeitsteilung. Mutter Cast, eine durchaus erfahrene Fantasy- und Romanzen-Autorin, die ursprünglich Lehrerin war, denkt sich die Geschichten aus. Sie hatte von Anfang an einen Handlungsbogen im Kopf, den sie von zunächst geplanten drei Bänden auf zwölf dehnte. Sie recherchiert und lässt sich durch Reisen inspirieren. Den Rest, behauptet sie, „machen meine Figuren alleine“.

Die Tochter ist nicht so stolz wie die Mutter

Erst wenn das Manuskript fertig ist, übergibt die Zweiundfünfzigjährige es ihrer Tochter, die allzu drastische Passagen streicht und popkulturelle Referenzen einstreut: Im „House of Night“ gibt es Vampire mit Vorlieben für Louboutin-Stiefel und „Count Chocula“-Flocken. Ursprünglich, mit damals 19, war Kristin vor allem für eine jugendliche Sprache zuständig. Aber das ist nicht mehr nötig. Auch wenn die Vampire im aktuellen Band Sätze sagen wie: „Kannst du vielleicht mal nachdenken, statt Müll zu labern?“ Oder: „Das ist zwar depri, aber da müssen wir dabei sein“ - sie kenne ihre Figuren mittlerweile so gut, dass sie wisse, wer wie redet, sagt P.C. Cast.

Kristin Cast gibt zu, dass sie deshalb von Band zu Band weniger zu tun habe. Sie sei deshalb auch nicht so stolz wie ihre Mutter, wenn sie das fertige Buch in den Händen halte. Trotzdem ist sie über das Gemeinschaftsprojekt zur Autorin geworden: Die Uni hat sie nach sechs Jahren in verschiedensten Disziplinen - von Chemie über Englisch bis hin zu Kommunikation - geschmissen. Sie hat Kurzgeschichten veröffentlicht, andere Werke lektoriert, demnächst wird ihr erstes eigenes Buch fertig. „Beeindruckend“, lobt die Mutter, die das Gros des Texts schon kennt.

„Zoey ist sehr ehrlich. Und Kristin ist sehr ehrlich“

So erstaunlich es für viele Mütter und Töchter klingen mag: Diese Mutter und diese Tochter behaupten tatsächlich, sie hätten keine Konflikte. P.C. Cast trennte sich, als ihr Kind zwei Jahre alt war, zum Vater gibt es keinerlei Kontakt. Und weil sie selbst bis heute eine schlechte Beziehung zu ihrer Mutter habe, sagt P.C., habe sie deren Fehler vermeiden wollen und Kristins Bedürfnisse über alles gestellt: „Sie ist die wichtigste Person in meinem Leben. Niemand ist mir näher als sie.“ Die Tochter sagt: „Es gab immer nur uns zwei. Ich kenne es nicht anders.“

Tatsächlich hat sich die Autorin für Zoey, ihre Hauptfigur im Vampir-Internat, von ihrer Tochter inspirieren lassen - nicht nur des indianischen Einschlags wegen, der vom Vater kommt und in Oklahoma nichts Ungewöhnliches ist.

Kristin: „Wir haben dieselben Persönlichkeitszüge: Sie flucht nicht, sie trinkt nicht und sie mag gern Cola.“

P.C.: „Das sind keine Persönlichkeitszüge. Das sind Eigenarten.“

Kristin: „Ja schon, aber ich erkläre gerade . . .“

P.C.: „Zoey ist sehr ehrlich. Und Kristin ist sehr ehrlich.“

Kristin (ärgerlich): „Mami, ich wollte das sagen. Ich kenne den Unterschied zwischen Persönlichkeitszügen und Eigenarten.“

Wieder so eine Kabbelei. Dann lachen die Frauen entspannt. Und reden nacheinander: dass sich Zoeys Charakter auf dem Papier verselbständigt habe und sie selbst nie mit drei Jungs gleichzeitig zusammen gewesen sei (Kristin). Dass Tochter und Figur aus ihren Fehlern lernen würden und denselben trockenen Humor besäßen (P.C.).

„Man fühlt sich halt so wie in den Büchern“

Mutter und Tochter sind derweil durchaus verschieden. P.C. Cast, die eine Ranch auf dem Land besitzt, beschreibt das anhand ihrer Reitstile: Während sie selbst am liebsten wild herumgaloppiere, betrachte die Tochter ihr Pferd als lebensgefährliche Maschine. „Ich bin die Verantwortungsbewusstere“, sagt Kristin. Die beiden Frauen sehen sich täglich, zum Lunch, zu Fernsehabenden oder einfach so. Sie wohnen in derselben Straße. Und sie teilen dieselben Werte: Ehrlichkeit. Loyalität. Ein positiver Blick aufs Leben.

Und weil sie vor allem sehr freundliche, höfliche Amerikanerinnen sind, bedanken sie sich nach ihrer Lesung bei Ajax, dem stammelnden Schauspiellehrer, für seinen guten Job. Derweil bildet sich eine lange Schlange junger Frauen, die eine Widmung wollen: Zwölfjährige mit Zahnspange. Langhaarige Elfen. Walrosse, die knapp ein Dutzend Bände Cast auf den Signiertisch stapeln.

„Es ist nicht so krass kitschig wie die meisten Vampirsachen“, sagt die vierzehnjährige Yahel.

„Es ist so geschrieben, wie man wirklich jetzt reden würde in unserer Zeit“, sagt Alessa, 19 Jahre.

Saskia, 18 Jahre: „Man fühlt sich halt so wie in den Büchern.“

Die Mütter, die ihre minderjährigen Töchter begleitet haben, bleiben indessen sitzen. Keine kennt „House of Night“.

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Jahrgang 1971, freie Autorin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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