http://www.faz.net/-gum-8ahd8

Valéry Giscard d’Estaing : „In Wahrheit ist die Bedrohung heute nicht so groß wie damals“

  • -Aktualisiert am

„Ein wahrer, treuer Freund“: Valéry Giscard d’Estaing über Helmut Schmidt Bild: Valérie Saunier

Anlässlich des Staatsaktes für Helmut Schmidt spricht der ehemalige französische Staatspräsident über seine Freundschaft zum deutschen Altkanzler, Terrorbedrohung und seine Erwartungen an Europa.

          „Bonjour, Guten Tag!“ Valéry Giscard d’Estaing empfängt in der majestätischen Eingangshalle seines Pariser Stadthauses. Ein Hauch von Elysée-Palast liegt über seinem privaten Reich: schwere Vorhänge, Orientteppiche, Lüster, Stuck und alte Möbel. Von der Terrorbedrohung, die auf Frankreich lastet, lässt sich der frühere Präsident nichts anmerken. Eher beiläufig erwähnt er, dass Präsident François Hollande ihn nach den Anschlägen angerufen und um Rat gefragt habe.

          Michaela Wiegel

          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          Dem 89 Jahre alten Staatsmann bereitet es sichtlich Vergnügen, sich auf Deutsch zu unterhalten. „Wer reitet so spät durch Nacht und Wind“, beginnt er aus Goethes „Erlkönig“ zu zitieren. Er habe noch einen sehr traditionellen Deutschunterricht erlebt und „so nützliche Vokabeln wie Armbrust gelernt“, sagt er. Er wurde 1926 in Koblenz geboren, sein Vater gehörte zu den französischen Besatzungskräften. Er erinnere sich noch an sein deutsches Kindermädchen, Mathilde, sagt er. Als er Präsident wurde, lud er sie einmal in den Elysée-Palast ein, „sie war überhaupt nicht eingeschüchtert“. Sonntags gehe er gelegentlich zur deutschsprachigen Messe in die kleine Kirche, die nur ein paar Schritte von seinem Domizil entfernt liege.

          Zum Gespräch bittet Giscard d’Estaing in seine Bibliothek. Die Bücherregale reichen bis unter die hohe Decke. Eine große Glasfront gibt den Blick auf einen gepflegten Garten frei, den eine hohe, mit Efeu bewachsene Mauer begrenzt. In der Mitte der Bibliothek steht ein großer Kartentisch mit grüner Filzdecke, ein Telefon schrillt. Giscard spricht von seinen Reisen durch Deutschland, über die er sich mit seinem Freund Helmut austauschte. Zum Schluss habe sie die tiefe Sorge über Europas Zukunft verbunden. Für ihn bleibe Helmut Schmidt der größte Kanzler der Nachkriegszeit.

          Welche Bedeutung messen Sie Ihrer Präsenz beim Staatsakt für Helmut Schmidt in Hamburg bei?

          Helmut Schmidt war mir ein wahrer Freund, ein treuer Freund. Unser Verhältnis war kein politisches. Außenstehende verstehen oft nicht, dass zwei Staatsmänner eine solche Freundschaftsbeziehung entwickeln konnten. Wir haben uns sehr lange gekannt und vertrauten einander absolut. Und wir haben schwierige, manchmal auch bedrohliche Zeiten erlebt, aber auch viele glückliche Momente.

          Wie erklären Sie sich diese ungewöhnliche Freundschaft?

          Die Entwicklungen in unserem Leben sind parallel verlaufen. Wir sind beide in den Krieg gezogen, er in der deutschen Armee, ich in der französisch-amerikanischen. In der Nachkriegszeit hatten wir den gleichen intellektuellen Werdegang. Er wirkte als Finanzminister, als ich den gleichen Posten innehatte. Das war Anfang der siebziger Jahre. Wir waren die beiden einzigen Politiker aus großen europäischen Ländern, die sich für monetäre Fragen interessierten. Großbritannien hielt sich damals raus. Wir waren beunruhigt über die Abwertung des Dollars und die europäischen Kursschwankungen und überzeugt, dass dies nicht gut war. Die Kursschwankungen beschädigten den europäischen Markt.

          Und dann kamen Sie beide im Mai 1974 an die Macht.

          Die politische Krise in Bonn hat die Ernennung Helmut Schmidts zum Bundeskanzler nach sich gezogen. Drei Tage nach seinem Amtsantritt bin ich in den Elysée-Palast gewählt worden. Wir sind beide fast zur gleichen Zeit abgetreten, ich 1981, er 1982. Danach haben wir weiter zusammengearbeitet. 1986 haben wir das Komitee für eine europäische Währungsunion gegründet. Wir haben wie Studenten gearbeitet und der europäischen Kommission einen Bericht übergeben. Das war der Anfang des Euros.

          Dabei gehörten sie beide nicht dem gleichen Parteienlager an.

          Ja, aber es gab keine doktrinären Unterschiede zwischen uns. Er sagte immer: „Ich bin kein Sozialist, ich bin ein Sozialdemokrat.“ Helmut Schmidt schien damals zu bedauern, dass Frankreich nicht zur Führungsmacht Europas wurde.

          War er der Bundeskanzler, dessen Willen zur Kooperation mit Frankreich am stärksten war?

          Zwei Dinge sprachen damals für Frankreich. Erstens: Deutschland war geteilt. Wenn ich Helmut fragte, ob er an die Wiedervereinigung glaube, sagte er: Sie wird kommen, aber nicht zu meinen Lebzeiten. Zweitens: Der Bundesrepublik wurde international noch mit Misstrauen begegnet. Die Sowjetunion stand der Teilnahme der Bundesrepublik an großen internationalen Konferenzen feindselig gegenüber. Helmut hat es geschafft, sein Land wieder in den Kreis der Großen zurückzuführen. Bei der Konferenz auf Guadeloupe 1979 hat zum ersten Mal wieder ein deutscher Kanzler auf Augenhöhe mit den Weltmächten verhandelt.

          In vielen ihrer Gespräche ging es um Amerika. „Die Amerikaner dürfen nicht länger glauben, dass wir nach ihrer Pfeife tanzen“, mit diesen Worten zitieren Sie Schmidt. Hat sich Deutschland in dieser Hinsicht verändert?

          Helmut hat die unterwürfige Beziehung zu Amerika beendet. Es gab mehrere Zwischenfälle. Mitten im Rüstungswettlauf 1977 haben die Amerikaner angekündigt, dass die Nato-Kampfflugzeuge mit Neutronenbomben bestückt werden sollen. Die Deutschen waren nicht begeistert, denn sie wussten, dass die Bomben im Ernstfall auf ihrem Territorium eingesetzt würden. Die Amerikaner haben darauf bestanden und Helmut hat unter großen Mühen den Bundestag überzeugt. Zwei Monate später hat Jimmy Carter das Neutronenbombenprojekt aufgegeben, ohne jemand darüber zu informieren. Helmut war außer sich.

          Was war der zweite Zwischenfall?

          Nach der sowjetischen Invasion in Afghanistan 1979 haben die Vereinigten Staaten und andere Länder einen Boykott der Olympischen Spiele in Moskau gefordert. Ich habe gesagt, dass wir die Spiele nicht boykottieren, aber Helmut zögerte. Jimmy Carter hat uns seinen Sicherheitsberater Zbigniew Brzezinski geschickt. In Paris hat Brzezinski kein Wort über den Boykott verloren. Helmut rief mich an: Was hat er euch zu den Spielen gesagt? Nichts. Helmut entschloss sich dennoch widerwillig, sich der amerikanischen Boykottforderung anzuschließen. Am Tag darauf rief mich Helmut zurück: Brzezinski hat mit mir nicht über die Spiele gesprochen! Hält er mich zum Narren? Daraufhin hat Helmut mir gesagt: Ich habe genug davon, von außen gesteuert zu werden.

          Die Regierungszeit Schmidts wurde auch durch die Terrorbedrohung durch die Rote Armee Fraktion geprägt. Wie haben Sie diese schwierige Zeit erlebt?

          Das war eine furchtbare Prüfung. Wir erlebten nichts Vergleichbares in Frankreich und waren nicht einbezogen. Helmut stellte mir zu diesem Thema keine Fragen. Er sagte mir nur: Ich habe sehr schwierige Entscheidungen zu treffen. Wir waren an der Diskussion nicht beteiligt.

          Verlangen die Terroranschläge auf französischem Boden jetzt eine besondere Solidarität Deutschlands?

          Ja, Solidarität ist gefragt. Wir müssen die Verbindungen zwischen unseren Geheimdiensten verstärken. Aber die Frage des Terrorismus bleibt ein internes Problem. Was geschehen ist, ist kein Krieg! Es handelt sich um gewalttätige und koordinierte Angriffe. Aber ein Krieg setzt grundsätzlich einen Invasionsversuch und Grenzverletzungen voraus.

          Helmut Schmidt war ein Verteidigungsfachmann und stand der pazifistischen Linken kritisch gegenüber. Ist Deutschland nicht seit dieser Zeit auf der Stelle getreten und interessiert sich immer weniger für strategische Fragen, obwohl die Bedrohung genauso groß ist?

          In Wahrheit ist die Bedrohung heute nicht so groß wie damals! Es gab zu dieser Zeit ein reales Risiko einer Invasion und einer massiven Zerstörung. Diese Bedrohung ist aufgrund des Zusammenbruchs der Sowjetunion verschwunden. Keine Macht hat diese Rolle übernommen. Die Gefahr einer nuklearen Bombardierung Deutschlands oder eines Invasionsversuchs wurde sehr ernst genommen. Helmut sagte mir immer: Wenn eine Atombombe auf Deutschland fällt, wird niemand kämpfen. Erst nach der Invasion Afghanistans durch die Sowjetunion 1979 haben wir festgestellt, dass die Bedrohung langsam abnimmt.

          Ist die deutsch-französische Beziehung nach der Ära Mitterrand und Kohl immer schwächer geworden?

          Zwischen Helmut und mir gab es eine Generationen- und Amtsparallelität. Nach uns begann eine andere Geschichte. Mitterrand und Kohl waren in der Frage der Wiedervereinigung uneins. Dann haben sie dieses Zerwürfnis überwunden. Sie haben gute Arbeit geleistet und sind bis zum Maastrichter Vertrag gelangt. Seither hat man die Riten bewahrt, die Gespräche und einen gewissen guten Willen, aber die Intimität ist verschwunden. Wir müssen wieder Staats- und Regierungschefs finden, die in der Lage sind, eine enge Beziehung zueinander aufzubauen.

          Schon im Jahre 2000 haben Sie die übereilte EU-Erweiterung verurteilt. Erklärt das Ihren Pessimismus angesichts der Zukunft Europas?

          In jener Zeit hatten die Verantwortlichen keine klare Vorstellung in dieser Frage. Helmut Kohl hat mich damals empfangen. Ich habe ihm meine Beunruhigung mitgeteilt. Kohl hat mir geantwortet: Wir werden die Tschechen, die Polen und die Ungarn aufnehmen, das ist alles. Der Rest, hat er mir gesagt, sei grotesk. Über die Frage der Erweiterung wurde nicht ernsthaft nachgedacht. Deshalb ist sie auch nicht gut verlaufen.

          Halten Sie die EU mit 28 Mitgliedstaaten für regierbar?

          Leider nicht. Wenn wir die 28 in vier oder fünf Gebilde aufgeteilt hätten, hätte das vielleicht funktioniert. Aber wir haben die entgegengesetzte Richtung einschlagen und Gleichheit zwischen den großen und kleinen EU-Ländern hergestellt. Das System wurde unregierbar und ist es immer noch.

          Was hätten sie beide getan, wenn sie noch an der Macht gewesen wären?

          Helmut und ich wären die Wächter des Maastrichter Vertrages gewesen, der Währungskonvergenz, aber auch der Konvergenz in der Wirtschafts- und Haushaltspolitik. Wir hätten den Respekt für den Stabilitätspakt durchgesetzt, und wir hätten weder unser Einverständnis zur Aufnahme Griechenlands in die Euro-Zone, noch zu einer unüberlegten EU-Erweiterung gegeben. Wir hätten uns gegen die Niedrigzinspolitik der EZB gewandt.

          Was erwarten Sie heute von Europa?

          Dass es weiter geht in der Vereinheitlichung unserer Steuersysteme. Warum soll es zwischen der Lombardei, Bayern und dem Rhône-Tal drei unterschiedliche Steuersysteme geben? Wir müssen mit den Ländern, die dazu bereit sind, mit der europäischen Integration weiter gehen und einen genauen Zeitplan ankündigen, der in die Zukunft weist.

          Weitere Themen

          Kronprinz seit 66 Jahren

          Prinz Charles wird 70 : Kronprinz seit 66 Jahren

          Prinz Charles wird 70 Jahre alt. Der Tag, an dem er den Thron besteigen könnte, rückt näher. Wird er seine Leidenschaften auch als König ausleben, fragen sich viele Briten bang?

          Topmeldungen

          Es ist die erste Regionalkonferenz, auf der sich Kramp-Karrenbauer, Merz und Spahn den Mitgliedern ihrer Partei präsentieren.

          CDU-Regionalkonferenz : Gezielte Spitzen im Nebel der Nettigkeiten

          Stimmungstest für die potentiellen Merkel-Nachfolger an der CDU-Basis: Merz trifft nur einmal nicht den richtigen Ton, Kramp-Karrenbauer gibt sich bestimmt, Spahn tritt als Erneuerer auf – und jeder setzt ein paar gezielte Spitzen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.