Home
http://www.faz.net/-gum-75r04
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER
50 plus

Unwort des Jahres „Opfer-Abo“ folgt auf „Döner-Morde“

Das „Unwort des Jahres 2012“ geht auf einen Ausspruch von Jörg Kachelmann zurück: In Interviews hatte er gesagt, dass Frauen bei Vergewaltigungsvorwürfen ein „Opfer-Abo“ hätten. Auf die Kritik der Unwort-Jury antwortete er nun per Twitter.

© Matthias Lüdecke Im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung sprach Jörg Kachelmann davon, dass Frauen in Deutschland ein „Opfer-Abo“ hätten und deshalb Männer in Vergewaltigungsprozessen leicht falsch beschuldigen könnten.

„Opfer-Abo“ ist das Unwort des Jahres 2012. Das gab die Jury der sprachkritischen Aktion am Dienstag in Darmstadt bekannt. Der frühere Wettermoderator Jörg Kachelmann hatte diesen Begriff unter anderem in einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung geprägt. Nachdem er selbst vom Vorwurf der Vergewaltigung freigesprochen worden war, sagte er, dass Frauen in Deutschland Männer allzu leicht fälschlicherweise beschuldigen könnten.

Das Wort „Opfer-Abo“, urteilte die Jury, stelle damit aber Frauen „pauschal und in inakzeptabler Weise“ unter den Verdacht, sexuelle Gewalt zu erfinden und somit selbst Täterinnen zu sein.

Dies sei vor dem Hintergrund, dass sich in Deutschland nur eine kleine Minderheit der von sexueller Gewalt betroffenen Frauen überhaupt an die Polizei wendeten, „sachlich grob unangemessen“. „Das Wort verstößt damit nicht zuletzt auch gegen die Menschenwürde der tatsächlichen Opfer“, so die Unwort-Jury.

Jörg Kachelmann selbst kommentierte die Wahl auf Twitter:  „Hui, das Unwort des Jahres“, schrieb er am Dienstagnachmittag. „Wer hats erfunden? ;-) Leider ist es die Wahrheit, die manchmal politisch unkorrekt ist.“ In einem weiteren Tweet deutete er an, dass nicht er, sondern seine Frau Miriam Kachelmann, mit der zusammen er im vergangenen Jahr das Buch „Recht und Gerechtigkeit“ geschrieben hatte, das Wort geprägt habe: „Der Erfinder des Unwort des Jahres ist uebrigens eine Erfinderin, was aber fuer den #vollpfostenjournalismus sicher zu anstrengend ist.“

Mehr als 2200 Vorschläge

Als zweites und drittes Unwort des Jahres 2012 wurden die Begriffe „Pleite-Griechen“ und „Lebensleistungsrente“ gekürt. Wer von „Pleite-Griechen“ rede, diffamiere ein ganzes Volk und damit auch einen Teil der in Deutschland lebenden Bevölkerung, urteilten die Sprachwissenschaftler. „Lebensleistungsrente“ wurde wiederum ausgewählt, weil damit die „Lebensleistung“ eines Menschen auf „irreführend bis zynische“ Weise reduziert werde. Auch versuche die Politik unter dem Begriff der „Lebensleistungsrente“ eine „marginale staatliche Leistung“ als umfassende Maßnahme gegen Altersarmut zu verkaufen.

Gemeinsam mit der Börse Düsseldorf wurde am Dienstag zudem der Begriff „freiwilliger Schuldenschnitt“ als Börsen-Unwort 2012 präsentiert. Statt freiwilligem Verzicht von Schulden habe es sich bei dem Schuldenerlass gegenüber Griechenland für viele Privatanleger um eine „Enteignung“ gehandelt, hieß es zur Begründung.

In den vergangenen zwölf Monaten waren mehr als 2200 Begriffe bei der Unwort-Jury eingegangen. Am häufigsten genannt wurden die Wörter „Schlecker-Frauen“, „Anschlussverwendung“, „Moderne Tierhaltung“ und „Ehrensold“. Die Jury kürt das Unwort des Jahres aus den eingesandten sowie eigenen Vorschlägen seit 1991. Im Dezember hatte die Gesellschaft für deutsche Sprache den Begriff „Rettungsroutine“ zum „Wort des Jahres“ erkoren.

Mehr zum Thema

2011 war die Bezeichnung „Döner-Morde“ für die Mordserie der NSU-Extremisten auf Platz eins der Unwort-Negativliste gesetzt worden. Die Jury kürt das Unwort des Jahres seit 1991.

Quelle: FAZ.NET mit KNA

 
()
Permalink

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Selbstjustiz im Internet China jagt das Menschenfleisch

Es braucht nicht viel für eine Hatz im Internet: Ein Thema, das jeder kennt. Und ein Opfer, das von der Meute verfolgt wird. Manchmal bis in den Tod. Mehr Von Hendrik Ankenbrand

29.07.2015, 06:50 Uhr | Politik
Frauen berichten Entkommen aus der Sklaverei des IS

Menschenrechtsgruppen zufolge hat die Extremistenmiliz Islamischer Staat weit über 3000 jesidische Frauen und Mädchen entführt. Sie wurden an die Kämpfer als Sklavinnen verkauft, vergewaltigt und zur Konvertierung gezwungen. Diese beiden Frauen berichten über ihr Martyrium. Mehr

27.07.2015, 16:50 Uhr | Politik
Italien Der Wachhund von Pompeji ist restauriert

Zuletzt war er ein Symbol für den schlampigen Umgang mit der antiken Stadt: Der bekannte Wachhund von Pompeji ist restauriert worden. Das Mosaik hatte einen Wasserschaden – wie vieles mehr in Pompeji. Mehr Von Jörg Bremer, Rom

20.07.2015, 17:26 Uhr | Gesellschaft
Jörg Schmadtke im Interview Trainerentlassung ist eine Niederlage für alle

Jörg Schmadtke, ehemaliger Fußballtorwart, ist nun seit fast zwei Jahren Sportdirektor beim 1. FC Köln. Seine dritte Station nach Engagements in Aachen und Hannover. Er gilt als Mann, der kein Blatt vor den Mund nimmt. Mehr

28.04.2015, 12:00 Uhr | Sport
Nach Vergewaltigungsvorwürfen Cosby geht zum Gegenangriff über

Der wegen Missbrauchs beschuldigte Bill Cosby verteidigt sich gegen den Vorwurf ein Vergewaltiger zu sein. Auch viele andere Menschen hätten in den siebziger Jahren vor dem Sex Drogen genommen. Mehr

22.07.2015, 21:51 Uhr | Gesellschaft

Veröffentlicht: 15.01.2013, 10:12 Uhr

Paris Gisele Bündchen versteckt sich mit einer Burka

Gisele Bündchen geht in Burka und Flipflops zum Schönheitschirurgen, Ex-One-Direction-Boy Zayn Malik will mal in eine andere Direction gehen und Ed Sheeran geht unter die Mörder – der Smalltalk. Mehr 17



Nachrichten in 100 Sekunden
Nachrichten in 100 Sekunden