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„Unser Star für Baku“ Der zweite „Lena-Moment“

17.02.2012 ·  Das Zuschauerinteresse an „Unser Star für Baku“ war bescheiden – dabei kann Roman Lob, der für Deutschland beim „Eurovision Song Contest“ im Mai antreten wird, mit seinem Lied durchaus punkten.

Von Peter-Philipp Schmitt
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Schon vor fünf Jahren konnte Roman Lob mit einem Eurovisions-Song begeistern. Es sei einfach unglaublich, was da aus ihm herauskomme, so der Juror Heinz Henn damals. Er habe noch nie einen Sechzehnjährigen mit so viel Soul in der Stimme gehört. Und: „Du bist genau das was wir wollen!“ Der Schüler Lob ließ sich für „Deutschland sucht den Superstar“ (DSDS) casten, dafür sang er den Grand-Prix-Titel „Can’t Wait Until Tonight“ von Max Mutzke aus dem Jahr 2004. Henn und auch der DSDS-Großinquisitor Dieter Bohlen wählten Lob unter ihre besten 20. Der jüngste Teilnehmer galt schnell als Favorit auf den Sieg. Doch der vermeintlich sichere „Superstar“ aus dem kleinen Rott, einem Ortsteil von Neustadt an der Wied, war schlau genug, der Show schon bald den Rücken zu kehren.

In dem Dokumentarfilm „Mad World“ von Pete Schilling über ehemalige Teilnehmer bekannter deutscher Fernseh-Casting-Formate erzählt der 21 Jahre alte Roman Lob von seinen DSDS-Erfahrungen. Dass seine Mutter ihm vorgeschlagen habe, sich zu bewerben, weil er selbst ja noch sehr jung gewesen sei. Dass er in der Show „einfach so sein wollte, wie er ist“, dass man aber auch ihn habe verkaufen wollen. „Du unterschreibst, so gesehen, Deinen Arsch.“ Der Stress habe ihn krank gemacht. Nach kurzer Zeit schon versagte damals Lobs Stimme. Selbst nach überstandener Kehlkopfentzündung quittierte er Bohlens Angebot, in die Show zurückzukehren, mit einem: „Leute, für mich ist Aus.“ Ein Jahr später war ihm nach seinem Realschulabschluss dann sogar seine Ausbildung zum Industriemechaniker wichtiger als eine „Wildcard“ bei der neuen DSDS-Staffel.

„Ich würd’s nie wieder machen“, zeigte sich Roman Lob in Pete Schillings Dokumentation überzeugt. Der Film wurde im Sommer 2011 fertig gestellt. Wenige Wochen später, im Herbst 2011, bewarb er sich bei der Castingshow „Unser Star für Baku“ (USFB). Wieder schaffte er es unter die besten 20, wieder war er von Anfang an der Favorit – auch bei den Juroren, die ihn in keiner der sieben Ausscheidungsshows, in denen er antrat, auch nur einmal ernsthaft kritisierten. Am Donnerstagabend gewann Roman Lob, wie erwartet, den Vorentscheid für den „Eurovision Song Contest“ (ESC). Immer wieder hatte er zuvor verkündet, was für ein Wahnsinn diese Show sei. Und an junge Künstler gerichtet, sagte er: „Leute, macht hier mit!“ Für ihn sei es wie eine Klassenfahrt gewesen, „nur vier Wochen lang“.

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© dapd Ornella de Santis arbeitet als festangestellte Sängerin im Europapark Rust

Das Zuschauerinteresse aber sank von Sendung zu Sendung. Selbst das Finale wollten nur etwas mehr als zwei Millionen Menschen sehen, eine bescheidene Quote, auch für eine anspruchsvolle Casting-Show. Die Spannung fehlte bis zuletzt, die drei Juroren klopften ihre ewig gleichen Sprüche, die durchaus talentierten Kandidaten präsentierten sich ohne Ecken und Kanten. Es gab kein Gebrüll, keine Beleidigungen, keine Skandale – höchstens mal Freudentränen. Das ist nett und hat Niveau, das wollen die deutschen Zuschauer aber offenbar nicht sehen und schalten darum lieber Bohlen und DSDS ein. Zudem wurden die insgesamt acht USFB-Sendungen noch unnötig bis auf zuletzt fast zweieinhalb Stunden in die Länge gezogen.

Roman Lob hatte nichts zu verlieren. Fast als einziger warnte er davor, seine Konkurrenz zu unterschätzen. Er sollte recht behalten. Der zweiten Finalistin, Ornella de Santis, gelang es fast als einziger Kandidatin, sich von Mal zu Mal zu steigern, so dass sie schließlich gleich zwei andere vermeitlich größere Favoritinnen auf einen Platz in der Endrunde (Shelly Phillips und besonders Yana Gercke) übertrumpfen konnte. Mit ihrem von den Zuschauern für sie ausgewählten Titel, „Quietly“, mit dem sie bei einem Sieg in Baku angetreten wäre, hatte sie aber keine Chance. Roman Lobs „Standing Still“ hingegen kann auch auf der großen ESC-Bühne im Mai bestehen – und dort auch punkten. Dass sich das Publikum für dieses Lied entschieden, ist für Lob ein Glücksfall, weil er den Song, wie er sagt, von Anfang an geliebt hat. Einen Top-Ten-Platz wie Lena im vergangenen Jahr könne er damit durchaus erreichen.

Die rockige Popnummer „Standing Still“, die durch eingängige Tiefen und Höhen führt, stammt von drei gefeierten Musikern – Steve Robson, Wayne Hector und Jamie Cullum –, die schon für und mit Künstlern wie Jeffrey Steele, Leona Lewis, Take That, James Morrison, Tina Turner und Ronan Keating gearbeitet haben. Mit ihr hat Lob das Zeug, für einen zweiten „Lena-Moment“ in Deutschland zu sorgen. Der Einundzwanzigjährige, der im Januar seine Ausbildung zum Industriemechaniker abgeschlossen hat und danach von seinem Betrieb (Trosifol) sogleich übernommen worden ist, kam über seinen Großvater Heinrich („Er hat in der Kirche Orgel gespielt“) zur Musik. Der Enkel versteht sich auf Klavier und Schlagzeug, singt seit sieben Jahren in verschiedenen Bands. Im Viertelfinale von USFB präsentierte er sogar eine Eigenkomposition: „Day By Day“.

Die Familie, Schwester Kati, Mutter Irma, Vater Leo und Opa Heinrich, sind ihm das Wichtigste. Und gute Freunde. Für Opa Heinrich trennte sich Lob im Laufe der Shows von seiner Kappe, mit der er sonst eigentlich immer auftritt. In Baku werde er gewiss nicht im großkarierten Hemd antreten, sagte er noch am Finalabend, aber auch nicht im Smoking. Ob seine Band Rooftop Kingdom am 26.Mai in der aserbaidschanischen Hauptstadt mit ihm auf der Bühne stehen wird? Wohl kaum. Die verbleibenden vier, die ihren Sänger, wie Gitarrist Dejan Stankovic sagt, nur als „Leihgabe an den ESC“ sehen, wollen aber unbedingt nach Baku reisen – im Flugzeug oder, wenn das Geld nicht reicht, „werden wir zur Not auch trampen“.

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Jahrgang 1967, Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

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