Weil Märchenprinzessinnen ewig leben, war entweder die böse Schwiegermutter schuld, wenn doch eine stirbt - oder sie war halt keine Märchenprinzessin. Seit drei Monaten wird jetzt der Tod Dianas, der Prinzessin von Wales, in einem Jury-Tribunal vor dem königlichen Gerichtshof in London untersucht.
Es ist der Höhepunkt des Verfolgungseifers von Mohammad al Fayed, der vor zehn Jahren an Dianas Seite seinen Sohn Dodi (und die Hoffnung auf ein halbes Königreich) verlor. Es ist das Ende eines Märchens.
Der Milliardär begehrt Einlass in die Upper Class
Al Fayed erscheint darin als der Milliardär aus dem Morgenland, der weder formell Bürger des Vereinigten Königreiches noch informell Mitglied von dessen Upper Class wurde, der zuerst das Hotel Ritz in Paris, dann das Kaufhaus Harrods in London und schließlich sogar die „Villa Windsor“, das Pariser Exilgehäuse des abgedankten britischen Königs Edward IIX., erwarb, um Einlass zu finden in die Kreise, die ihm keine Aufnahme boten.
Noch heute wirbt er für sein Kaufhaus mit dem Hinweis, Harrods sei (nach Parlament und Big Ben) gemessen an der Zahl der Touristen die drittgrößte Attraktion Londons: „Sie schlägt sogar den Buckingham-Palast.“
Geld und Anwälte gegen den Verrat
Die Sommeraffäre seines Sohnes Dodi mit der geschiedenen Kronprinzessin Diana schien dem ägyptischen Geschäftsmann vor zehn Jahren unvermittelt doch die Chance zu bieten, gesellschaftlich zu avancieren. Seit der Unfallnacht, die diese Aussicht zerstörte, kämpft Al Fayed gegen alle, von denen er sich lange gedemütigt sah: gegen den königlichen Hof, die Justiz, das britische Establishment.
Er setzt Geld, Anwälte und viel Zeit dafür ein. Doch je länger sein Insistieren dauert, je mehr Zeugen vor der Jury über Diana und Dodi berichten, desto mehr zerfällt zugleich das Bild des Traumpaares, das ein stolzer, bitterer, alter Vater retten will, in banale, tragische und peinliche Stücke.
Bloß kein Muslim in der Königsfamilie
Diana sei mit Dodi verlobt gewesen, habe ein gemeinsames Kind erwartet, ihn heiraten und vielleicht sogar die Exilvilla am Pariser Bois du Bologne beziehen wollen. Die königliche Familie aber habe einen angeheirateten Muslim nicht dulden können und beide daher mit Hilfe des britischen Geheimdienstes beseitigt. So lautet die Theorie, die Al Fayeds Anwalt Mansfeld vor Gericht beweisen soll.
Die Zeugenaussagen der vergangenen drei Monate aber ergeben bislang ein anderes Bild: Der Fahrer Henri Paul, der Diana und Dodi am Hinterausgang des Pariser Hotels Ritz abholte und in den Tod steuerte, sei betrunken gewesen, er sei „gelaufen wie ein Clown“, sagte der Barmixer Alain Willaumez. Ein anderer Barmann des Ritz sagte aus, Paul habe zwei Gläser Ricard getrunken, sei ihm aber „in keiner Weise beschwipst“ erschienen.
Diana konnte nicht schwanger sein
Diana wurde in dem Pariser Krankenhaus, in dem sie kurz nach dem Autounfall an inneren Blutungen starb, nicht auf eine Schwangerschaft hin untersucht. „Das wäre eine katastrophale Zeitverschwendung gewesen“ sagte der Chefarzt des Notfallteams. Die Stewardess der Al Fayed'schen Yacht, auf der Diana mit Dodi die Wochen zuvor verbrachte, gab an, sie habe mit der Pille verhütet.
Eine weitere Zeugin, die auf dem Boot zugegen war, berichtete, die Prinzessin habe in dieser Zeit ihre Periode gehabt. Vor ihrer gemeinsamen Romanze führten Diana und Dodi ein Leben mit gelegentlich rasch wechselnden Partnern. Der Anwalt Al Fayeds selber lenkte den Blick auf die mutmaßliche Promiskuität der Prinzessin, indem er - um die behauptete Missachtung Dianas durch die königliche Familie zu belegen - eine Liste ihrer angeblichen Liebhaber verlas.
Mannequin gegen Prinzessin getauscht
Aufgeführt wurden der Kavallerist James Hewitt, der Rugbyspieler Will Carling, der Kunsthändler Oliver Hoare und ihr Personenschützer Barry Mannakee. Das Mannequin Kelly Fisher berichtete der Jury, sie sei im Sommer 1997 mit Dodi verlobt, die Hochzeit sei für den 9. August geplant gewesen. Nur wenige Tage zuvor habe sie in den Zeitungen die Bilder vom Yachturlaub Dodis mit Diana gesehen - und ihn telefonisch zur Rede gestellt.
Dodi habe zuerst eine Verbindung mit Diana abgestritten, dann aber zu seiner Verlobten gesagt, „wir haben doch vor zwei Monaten Schluss gemacht“. Kelly Fisher sagte, sie habe dieses Telefonat damals auf Tonband aufgenommen und wolle es gerne zur Verfügung stellen.
Gemeine Briefe des Schwiegervaters
Eine mit Diana freundschaftlich verbundene Bewegungstherapeutin machte die Aussage, Prinz Philipp, der Gemahl Königin Elisabeths II., habe an die geschiedene Schwiegertochter „grausame und herabsetzende“ Briefe geschrieben, die ihr öffentliches Verhalten missbilligten. Diana habe ihr zwei Schreiben gezeigt, die 1994 oder 1995 entstanden seien.
Die königliche Familie hingegen ließ der Jury einen Briefwechsel Prinz Philipps mit Diana präsentieren, der 1992 in der Zeit der Scheidung entstand und ein herzliches, mitfühlendes Verhältnis zwischen den beiden dokumentiert. Die Familie Al Fayed legte daraufhin zwei Briefe Dianas an Dodi vor, in denen sie sich für einen ersten Yachtausflug bedankte mit dem Satz: „mit aller Liebe in der Welt und wie immer mit einer Million von Herzen empfundenen Dankeschöns dafür, solche Freude in das Leben dieses Hühnchens zu bringen“.
Die eigene Tochter als Hure beschimpft
Dianas Freundin Rosa Monckton sagte, „die Prinzessin neigte zu verschwenderischen Sprech- und Verhaltensweisen“. Dianas Butler Paul Burrell, der sich selber die Funktion eines „Felsens“ für seine Herrschaft zumaß, musste vor der Jury eingestehen, Briefe Prinz Philipps an Diana kopiert zu haben, ohne weder ihr noch sein Einverständnis dafür zu haben - der Inhalt fand sich später in einem Buch Burrells wieder. Er sei „wohl ein ziemlich bröckelnder Fels“ gewesen, mutmaßte ein an der Anhörung teilnehmender Anwalt daraufhin.
Die Stiefmutter Dianas, Raine Gräfin Spencer, sagte der Jury, ihre Stieftochter habe tiefe und glückselige Liebe zu Dodi empfunden. Die Mutter Dianas, Frances Shand Kydd, soll ihre Tochter wegen ihrer Affären mit Dodi und zuvor mit dem pakistanischen Herzspezialisten Hasnat Khan als „Hure“ beschimpft haben - so berichtete es der Butler Burrell der Jury.
Hochzeit willkommen wie ein Ausschlag
Burell sagte, Diana habe nur Khan geliebt, ihn habe sie heiraten wollen. Ihr Verhältnis mit Dodi sei „eine rasche Beziehung“ gewesen, sie habe sich oft in jemanden vernarrt, sei dann erst von dem Betreffenden besessen, bald aber von ihm ermüdet gewesen. Nach dem Scheitern ihrer Beziehung zu Khan habe sie womöglich Dodis Annäherung zugelassen, um ihren früheren Liebhaber eifersüchtig zu machen und zurückzugewinnen.
Dianas Freundin Annabel Goldsmith sagte vor der Jury aus, Diana habe ihr kurz vor ihrem Tod gesagt, der Gedanke an eine neue Hochzeit sei ihr „so willkommen wie ein Ausschlag“. Der Modezar Roberto Devorik sagte der Jury, Diana habe ihm zu verstehen gegeben, sie habe eigentlich immer nur ihren Mann Prinz Charles geliebt.
Ex-Liebhaber will nicht aussagen
Der Herzchirurg Khan hingegen, der demnächst eine Klinik in Malaysia übernehmen will, hält sich von der Londoner Jury fern, solange er nicht zu einer Aussage dort gezwungen werden kann. Khan äußerte sich bislang nur in einem Zeitungsinterview - ohne Geheimnisse preiszugeben.
Er habe die Prinzessin „als eine sehr normale Person“ in Erinnerung, sagte Khan, und setzte hinzu, „natürlich, wir haben alle unsere Fehler“. Warum die Beziehung auseinanderging? Er bitte um Verzeihung, entgegnete Khan, „aber darüber kann ich nicht sprechen.“