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Unbekannte Halbgeschwister : Warum hast du mir das verschwiegen?

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Für viele ein „Schock“

Da ist der Fünfundzwanzigjährige, der durch Papiere im Nachlass des gerade verstorbenen Vaters nicht nur von einem älteren Halbbruder in Norwegen erfuhr, sondern auch, dass der Vater mit der Mutter jenes Kindes verheiratet war, dass sie nach Kriegsende mit ihm nach Deutschland gekommen und eine Zeitlang im Heimatdorf des Vaters gelebt hatte, wo sie von der Familie ihres Mannes so lange gehasst wurde, bis sie die Scheidung einreichte und mit dem Kind nach Norwegen zurückkehrte. Als er dieses Vorleben entdeckte, erzählt er, habe er verstanden, warum sein Vater depressiv gewesen sei. Der anfänglich unbeschwerte Gedanke „Vater verloren, Bruder gewonnen“ ließ ihn schnell mit dem Bruder Kontakt aufnehmen, er reiste nach Norwegen, und es kam zu einer freundlichen Begegnung. Nach der Rückkehr aber brach er völlig zusammen und geriet in eine Depression, aus der er fast zwei Jahrzehnte nicht herausfand.

Das mag extrem sein – doch in den Erzählungen derer, die Ähnliches erlebt haben, taucht fast immer das Wort „Schock“ auf. Eine Psychotherapeutin erläutert, eine solche Enthüllung sei „ein sehr belastendes Thema für die drei betroffenen Menschen, mit denen ich zu unterschiedlichen Zeitpunkten in Kontakt stand – so belastend, dass sie sich weigerten, die Tatsache anzuerkennen, darüber zu sprechen und dafür sehr vieles bereit waren in ihrem Leben in Kauf zu nehmen. Meist kam die Wahrheit über Bemerkungen von Verwandten ans Licht, die Offenbarungen unter großem Druck zustande. Kein Interesse an Aufarbeitung oder genauerer Recherche. Die Geschichte wird am liebsten verschwiegen und ignoriert.“ Das sei doch, habe jemand aufgebracht gesagt, als erfahre man, dass man von seinem Ehepartner nach Strich und Faden betrogen worden sei. Von den Eltern aber könne man sich nicht scheiden lassen.

Wann ist der richtige Zeitpunkt für die Wahrheit?

Da ist die Vierzigjährige, die einen Brief an die Tochter ihres Vaters schrieb, von der ihre Mutter wusste, sie selbst aber bis vor kurzem nichts. „In meinen Augen waren meine Eltern immer für mich ein Vorbild“, schrieb sie. „Sie waren beide sehr moralisch, korrekt, hilfsbereit gegenüber allen, so weit wie möglich. Das Bild meiner so von mir geschätzten Eltern brach bei dem Gedanken über das, was in der Vergangenheit mit Dir geschehen war, in tausend Scherben. Ich fühlte nur noch eine große Leere in mir und habe für mich geweint. Das Weinen ging vorbei, aber die totale Leere blieb.“

Durch gute und durch schlechte Zeiten? Wenn ein bislang unbekanntes Familienmitglied auftaucht, stimmt diese Formel nicht mehr.

Die Eltern hatten der Schwester beharrlich jeden Kontakt verweigert. Und die Frau fragte sich: Hätten sie – unter anderen Umständen – auch sie selbst verraten, im Stich gelassen, verleugnet? Was brachte den Vater dazu, von diesem Kind zu schweigen, was die Mutter, das zu decken? Schämten sie sich für den Fehltritt des Mannes? Schwiegen sie, weil diese Lieblosigkeit sogar ihre eigenen Maßstäbe dafür verletzte, was richtig und anständig gewesen wäre? Peinigte es sie, dass sie ihre gemeinsame Tochter belogen? Empfanden sie die Geheimhaltung überhaupt als Lüge? Vielleicht hatten sie es ihr erzählen wollen. Aber wie allgemein bekannt, ist der richtige Zeitpunkt für eine solche Eröffnung schwer zu finden; irgendwann ist es einfacher, es ganz zu lassen. Schmerzlich für die Tochter war auch die Entdeckung, dass nicht nur ausnahmslos alle Verwandten, sondern das halbe Dorf über das voreheliche Kind ihres Vaters Bescheid wussten.

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