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Unabhängigkeitserklärung : Ein Jahrhundertfund für Litauen

Der Politikwissenschaftler Liudas Mazylis nutzte einen verregneten Sommer, um nach dem Verbleib der Unabhängigkeitserklärung zu forschen. Bild: Reuters

In Berlin ist die Unabhängigkeitserklärung Litauens von 1918 aufgetaucht. Das Dokument galt lange als verschollen. Der Entdecker will von seinem Finderlohn jedoch nichts wissen.

          Ein über Jahrzehnte nicht angerührtes Dokument aus dem Politischen Archiv des Auswärtigen Amtes in Berlin lässt ein Land kopfstehen. Am Mittwoch ist dort ein Original der lange verschollen geglaubten Unabhängigkeitserklärung Litauens vom 16. Februar 1918 gefunden worden. Der Fund war am Donnerstag das wichtigste Thema litauischer Medien, und auch Präsidentin Dalia Grybauskaite äußerte sich: Man habe schon im Bundeskanzleramt vorgefühlt, ob Litauen das Dokument bekommen könne. Angesichts der guten politischen Beziehungen zwischen den beiden Ländern und des warmen persönlichen Verhältnisses der Regierungen zweifle sie nicht, dass Deutschland sich entgegenkommend zeigen werde.

          Reinhard Veser

          Redakteur in der Politik.

          Der Verbleib der Unabhängigkeitserklärung war Gegenstand vieler Spekulationen, seit das in Litauen aufbewahrte Exemplar bei der sowjetischen Besatzung des Landes 1940 verschwunden war. Während die einen glauben, die Sowjets könnten es nach Moskau gebracht oder vernichtet haben, vermuten andere, Patrioten könnten es gerettet und versteckt haben. Das Datum der Unabhängigkeitserklärung, der 16. Februar, war in der Sowjetzeit so sehr zu einem Symbol des Widerstands geworden, dass die Machthaber schließlich sogar in Geburtstagsfeiern an diesem Tag regimefeindliche Versammlungen zu sehen begannen.

          Ein Politikwissenschaftler auf der Suche

          Angesichts dieser dramatischen Geschichte kam das Dokument nun sehr unspektakulär zum Vorschein: „Ich bin am Mittwochmorgen ins Archiv gegangen und habe dann einen halben Tag gebraucht“, sagt der Finder Liudas Mažylis, ein Politikwissenschaftler der Universität Kaunas. Es handelt sich dabei um eine handschriftliche Ausfertigung der Erklärung in deutscher und litauischer Sprache, die das Führungsgremium der Unabhängigkeitsbewegung, der „Litauische Rat“, im Februar 1918 den Vertretern des Kaiserreichs übergeben hatte, das am Ende des Ersten Weltkriegs in Litauen Besatzungsmacht war. Ein weiteres Exemplar war vermutlich nach Russland gegangen, zu dem Litauen seit dem Ende des 18. Jahrhunderts gehört hatte.

          Von Hand geschrieben: Litauens Unabhängigkeitserklärung von 1918 im Archiv des Auswärtigen Amts
          Von Hand geschrieben: Litauens Unabhängigkeitserklärung von 1918 im Archiv des Auswärtigen Amts : Bild: Liudas Mazylis

          Eine gewisse Mitschuld an dem Fund trägt der verregnete Sommer des vorigen Jahres: Weil es nichts anderes zu tun gab, begann sich Liudas Mažylis mit der Vorgeschichte der Unabhängigkeit zu befassen. „Danach habe ich verschiedene Historiker und Archivare ganz schüchtern gefragt, ob man nicht in Deutschland suchen müsste.“ Sie hätten ihm geraten, es doch einfach mal zu versuchen – obwohl er kein Historiker ist. Der 62 Jahre alte Professor war ursprünglich Chemiker, geriet während der Unabhängigkeitsbewegung Ende der achtziger Jahre in die Politik und so schließlich in die Politikwissenschaft.

          Eine Millionen Euro für den Finder

          Seine Gefühle angesichts des Fundes schildert er sehr zurückhaltend: „Wenn das Original in Vilnius ausgestellt würde, wären die Emotionen vermutlich viel stärker als bei meiner eher kühlen wissenschaftlichen Reaktion.“ Einen Vorgeschmack darauf gab die Wirkung, die der Fund am Donnerstag in der litauischen Öffentlichkeit hatte.

          Einer der reichsten Männer Litauens hatte schon vor einigen Wochen eine Belohnung von einer Million Euro für denjenigen versprochen, der das Original bis zum hundertsten Jahrestag der Unabhängigkeitserklärung am 16. Februar 2018 nach Litauen bringt. Damit will Liudas Mažylis aber nichts zu tun haben. Diese „eigenartige Idee“ würde er am liebsten gar nicht kommentieren: „Wenn jemand eine Million übrig hat, soll er überlegen, was er sinnvolles damit macht und nicht damit rumwedeln.“

          Quelle: F.A.Z.

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