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Uhrmacher Dietmar Koester : Von Zeitmessern, Smartphones und Katzendarm

  • -Aktualisiert am

Restauriert alte Uhren: Dietmar Koester in Mainz Bild: Cornelia Sick

Zeit ist Geld, das sagt auch Dietmar Koester. Der Mainzer Restaurator und Uhrmacher hat aber auch noch eine andere Sicht auf Zeit und Zeiger und die Besonderheiten alter Uhren.

          Herr Koester, die meisten Uhren hier bei Ihnen stehen still.

          Das stimmt. Es dauert nun mal mindestens acht Wochen, eine Uhr zu restaurieren.

          Zeit ist ja auch Geld, sagt man.

          Ja, durchaus. Aber in der Uhrmacherei gilt das nicht. Da braucht man viel Ruhe und Konzentration.

          Die Welt wird immer hektischer. Bräuchten wir nicht alle Stillstand zwischendurch?

          Da stimme ich zu. Die Jüngeren sind es gewohnt, auf ihrem Smartphone die Zeit abzulesen. Ich sage immer, wenn Sie auf ein Handy schauen, haben Sie sicherlich eine gewisse Vorstellung davon, was sich da hinter dem Display abspielt. Dass da irgendwelche elektronischen Teile kommunizieren. Aber es ist nicht anschaulich.

          Bei Ihren Uhren ist das anders?

          Ja, ist es. Wenn Sie eine Uhr besitzen, können Sie in das Uhrwerk reinschauen und sehen: Da bewegt sich was, Zahnräder, die ineinandergreifen.

          Jetzt stand gerade die Zeitumstellung an.

          Sie bringt objektiv gesehen keinen Vorteil. Was dem Menschen keinen Nutzen bringt, sollte man abschaffen.

          Ihre Großeltern waren Uhrmacher, auch Ihre Mutter war Uhrmacherin.

          Allerdings. Ich bin in der dritten Generation.

          Der Beruf hat sich bestimmt verändert, richtig?

          Wenn Sie mit antiken Uhren zu tun haben, eigentlich gar nicht. Aber der Beruf des Uhrmachers als solcher, der hat sich mit Sicherheit geändert.

          Das heißt?

          Der moderne Uhrmacher stellt nicht mehr so viele Großuhren her. Oder: Früher war es noch möglich, dass der Uhrmacher zu Ihnen nach Hause kam. Den Uhrmacher in seinem Laden wiederum besuchen viele heute nur noch mit Armbanduhren, zum Batteriewechsel, zum Austauschen von Armbändern. Das ist bei mir aber nicht der Fall.

          Sie restaurieren antike Uhren. Gehen Ihnen nicht die Ersatzteile aus?

          Nein. Vieles habe ich im Laufe des Lebens gesammelt. Anderes bestelle ich über das Internet. Zum Beispiel Katzendarm.

          Katzendarm, wofür denn das?

          Es gibt Uhren mit Seilen aus Katzendarm. Die sind an der Aufzugstrommel befestigt. An ihnen hängt das Gewicht, mit dem die Uhr angetrieben wird. Das ist, als die Uhren hergestellt wurden, reißfester gewesen als Hanf. Und dann hängt eben das Gewicht an einem Katzendarm. Den Ersatz dafür bekomme ich heute aus England.

          Heutzutage hat fast jeder ein Smartphone, aber wer besitzt noch antike Uhren?

          Es wird immer einen gewissen Anteil geben, der sich für Kunst, Antiquitäten oder eben für antike Uhren interessiert. Wer das von zu Hause aus mitbekommen hat, wird das Interesse ein Leben lang beibehalten. Die breite Masse ist das aber nicht, und die kommt auch nicht hierher.

          Wer alte Uhren besitzt, darf nicht zu unachtsam sein.

          Nein, sie unterliegen einem Verschleiß, wie Maschinen oder Autos auch. Deshalb sollte man antike Uhren alle vier, fünf Jahre zur Durchsicht vorbeibringen. Viele wissen das nicht.

          Sie haben hier mehr als 100 Uhren. Wissen Sie von jeder, wann sie hergestellt wurde?

          Ja. Wenn Sie hier aufgewachsen sind, ist das überhaupt kein Problem.

          Es ist aber sicher schwer, sich das zu merken.

          Ach was! Das sehen Sie an der Struktur des Uhrwerks. Wenn Sie mal hierhin schauen: ein typisches Stück aus dem Historismus. Mit diesen gedrechselten Türmchen oben drauf, das ist so 1880.

          Die haben auch Uhren aus dem Schwarzwald.

          Hier ist zum Beispiel eine von 1820. Wenn Sie mal hier hineingucken, dann sehen Sie: Die Räder wurden aus Messing gemacht, die Wellen aber sind aus Holz. Es handelt sich also um eine frühe Uhr. Bei den meisten Uhren aus dem Schwarzwald, die in Richtung Massenanfertigung gingen, wurden schon Metalle verwendet, um die Wellen herzustellen, also Eisen, Stahl, was eben so da war damals.

          Ihre Uhren müssen wertvoll sein.

          Wirklich teure Uhren sind französische Pendulen, die Ende des 18. Jahrhunderts, Anfang des 19. Jahrhunderts gebaut wurden. Eine Besonderheit sind zum Beispiel Pendulen mit schwarzen Figuren, die Mainzer sagen Neescher-Uhren: Die sind extrem selten und kosten zwischen 18 000 und 45 000 Euro.

          Wer waren die Stars unter den Herstellern?

          Bei den Pendulen ist hinten ein Stempel drauf. Bekannte Hersteller waren Japy Frères, Mougin, Marti. Aber auch Perrelet, Breguet oder Oudin. Es gibt sehr viele Uhren, die sind sogar signiert. Die werden bei Auktionen höher bewertet als andere.

          Für Uhren mit Schlagwerk gilt: Die Zeiger nie zurückdrehen. Sonst gehen die Zeiger kaputt. Jetzt wird die Uhr aber vorgestellt.

          Da muss man aufpassen. Bei der Zeitumstellung rate ich, die Uhr einfach anzuhalten und erst am nächsten Tag zu stellen.

          Würden Sie eigentlich gerne mal die Zeit zurückdrehen?

          Das sollte sich keiner von uns wünschen. Jeder von uns hat doch im Laufe des Lebens Fortschritte gemacht.

          Und durch die Zeit reisen?

          Das könnte ich mir schon eher vorstellen, das wäre interessant, ja. Eine Reise durch die gesamte Neuzeit.

          Beschweren sich Ihre Nachbarn manchmal über das ständige Schlagen der Uhren in Ihrem Geschäft?

          Überhaupt nicht.

          Es muss die doch nerven. . .

          Die sagen sich wohl: Es gibt Schlimmeres in der Mainzer Altstadt. Zum Beispiel wenn hier 20 Mal das Bierbike durchfährt.

          Quelle: F.A.S.

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