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Ukrainische Straßenkinder Raus aus den Abwasserkanälen

12.06.2007 ·  Für die Straßenkinder Kiews gibt es bald das erste privat geführte Heim in der Ukraine. Damit wollen die Initiatoren den staatlichen Waisenhäusern sowjetischen Stils etwas entgegensetzen. Aber die Behörden machen es den Betreibern nicht leicht.

Von Konrad Schuller, Kiew
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Am Leningradski-Platz, gleich hinter McDonald’s, zwischen den Buden und Garküchen der äußeren Blockviertel, klafft in einer Bauruine ein Loch im Boden. Tagsüber ist es hier totenstill. Das Loch, eine eingestürzte Kellerdecke, ist lose mit zerrissenen Mülltüten gefüllt, mit zerbrochenen Sparren und beuligem Blech. Die Sonne des ukrainischen Sommers brütet. Aus der Tiefe steigt ein feines Aroma von Feuchtigkeit und Menschenkot, und allenfalls ein paar schillernde Fliegen surren durch die Hitze. Gegen Abend aber wird die Grube lebendig. Etwas scharrt in der Tiefe, etwas raschelt im Halbdunkel durch die Plastiksäcke, ein Glutfunke tanzt, und schon ist Vika hochgeklettert, die Zigarette zwischen den Zähnen.

Ihr schwangerer weißer Bauch mit dem vorstehenden Nabel streift über die Grubenkante, und noch ehe sie oben zum stehen gekommen ist, sind auch die anderen aus dem Versteck herausgehuscht – Dima, der jüngste, kurz geschoren und kaum neun Jahre alt, das Gesicht bis unter die Augen mit dem hochgezogenen T-Shirt bedeckt, damit niemand sieht, wie oft er an der Tüte mit dem Kleber schnüffelt, Tolek mit den vernarbten Armen, dessen Vater sich totgesoffen hat und der deshalb nur Bier trinkt und keinen Schnaps, Julitschka mit dem hautengen Playboy-Top, die schon genauso zielbewusst flirtet, wie die Fräuleins im Stadtzentrum, und zuletzt Schenja, der Größte im Rudel, der die Kopfhörer seines Walkmans selbst dann nicht ablegt, wenn er im Licht der Neonreklamen die Fäuste durch die Abendluft sausen lässt, damit jeder sieht, wer hier am besten Kung Fu kann.

Verwahrungsanstalten sowjetischen Stils

Niemand weiß genau, wie viele Straßenkinder in der Ukraine noch in Kellerlöchern leben, in Abwasserkanälen und aufgebrochenen Dachböden. Nikolai Kuleba von der Kiewer Jugendbehörde kann allenfalls schätzen, dass es bis zu 40.000 sein könnten. Klar ist jedoch, dass zumindest in der Hauptstadt ihre Zahl seit einiger Zeit stetig abnimmt. Die Polizei hat neuerdings strikte Order, jedes streunende Kind aufzugreifen, so dass es zu seinen Eltern zurückgebracht oder in ein staatliches Heim eingewiesen werden kann. Bis zu 150 Minderjährige im Monat sind allein im Kiew zuletzt gefasst worden, und von den Straßen der Innenstadt sind die Bettelkinder, die vor ein paar Jahren noch jeden Ausländer ständig umschwärmten, fast völlig verschwunden.

Das heißt nicht, dass das Problem damit gelöst wäre. Denn die ukrainischen Behörden sind zwar effizient und schnell im Aufgreifen der jungen Obdachlosen, doch danach beginnt für die Kinder oft ein Leidensweg. Julitschka und Schenja in ihrem Grubenversteck erzählen davon: Wer aufgegriffen wird, kommt nur selten an einen besseren Ort. Andrij Waskowycz von „Caritas Ukraine“, der selbst in Lemberg (Lwiw) eine mobile Sozialstation betreibt, kann das bestätigen. Die staatlichen Internate sind zwar gelegentlich gut geführte Anstalten mit engagiertem Personal, doch ebenso oft hat er hinter ihren Mauern verheerende Zustände vorgefunden: Verwahrungsanstalten sowjetischen Stils, Kinderkasernen, in denen oft mehrere hundert Kinder aus Mangel und Desinteresse sich selbst überlassen werden, und in denen die Gesetze der Straße hinter geschlossenen Toren weitergelten.

Netzwerk nach dem Modell der „SOS-Kinderdörfer“

Kinder, die solche Plätze gesehen haben, erzählen von der Terrorherrschaft der Großen über die Kleinen, von Plünderungen und Strafen, von Selbstverstümmelung aus Verzweiflung (die typischen Armnarben, gerissen mit einer Glasscherbe oder einer Konservenbüchse in den Krämpfen des kalten Rauschgiftentzugs, haben hier ihren Ursprung) und schließlich immer wieder von Flucht und Rückkehr auf die Straße. Differenzierte Methoden, sagt Waskowycz, etwa betreutes Wohnen, seien nur in Ansätzen vorhanden, und privaten Vereinen, die hier helfen könnten, hätten die Behörden bisher stets das Leben schwergemacht, weil der postsowjetischen Kommando- und Bevormundungsmentalität vieler Staatsangestellter der Gedanke, Kinder einer nichtstaatlichen Organisation zu überlassen, immer noch als Provokation erscheine.

Jetzt aber ist in Kiew ein kleines Wunder geschehen. Ein privater Verein mit deutschen Wurzeln, die „Deutsch-Polnisch-Ukrainische Gesellschaft“ unter dem Vorsitz der Berlinerin Barbara Monheim, hat die Erlaubnis bekommen, in den Außenbezirken Kiews, zwischen den Blocks an der Metrostation Lewobereschnaja, ein privates Kinderheim zu eröffnen. Das Konzept des Hauses ist für ukrainische Verhältnisse revolutionär. Statt eines Großinternats soll nach dem Modell der „SOS-Kinderdörfer“ ein Netzwerk von bis zu zehn Kleingruppen entstehen, in denen bis zu acht Kinder von jeweils einem „sozialen Elternpaar“, das auch an Ort und Stelle wohnt, permanent betreut werden.

Sechs Jahre langer Abwehrkampf der Verwaltung

Das Projekt mit dem Namen „Our Kids“ ist wegen seiner dezentralen Gestaltung und seiner privaten Trägerschaft erst möglich geworden, als Ministerpräsident Viktor Janukowitsch persönlich Ende Mai ein Sonderdekret unterschrieb, das es „Our Kids“ erlaubt, als experimentelles Pilotprojekt bis zum Jahr 2011 anstelle des Staates obdachlose Kinder in Obhut zu nehmen. Auch ein Haus samt Garten steht durch die Hilfe privater Sponsoren und der Kiewer Stadtbehörden jetzt zur Verfügung, und am 30. Mai hat Barbara Monheim mit ihren Mitstreitern Richtfest gefeiert.

Der Erfolg macht beinahe vergessen, welche Hindernisse bis zu diesem Tag gemeistert werden mussten. Denn obwohl es den Initiatoren von „Our Kids“ früh gelungen war, mächtige Sponsoren zu finden, vom ukrainischen Stahlmilliardär Sergej Taruta („Industrial Union of Donbass“) über den Chef des Metro-Konzerns, Hans-Joachim Körber, bis hin zu Matthias Graf Krockow vom Bankhaus Sal. Oppenheim, obwohl zuletzt Präsident Viktor Juschtschenko persönlich einen Gratulationsbrief zum Richtfest schickte und Ministerpräsident Janukowitsch einen seiner Stellvertreter, hat die mittlere Ebene der Verwaltung erst nach einem sechs Jahre langen zähen Abwehrkampf ihren Widerstand gegen diesen zivilgesellschaftlichen Fremdkörper in der regulierten Welt des Waisenhaus- und Internatswesens aufgegeben.

Die ganz normale Alltagskorruption

Vor allem die Stadt Kiew hat sich bis zuletzt nicht entschließen können, für das Projekt eines der vielen leerstehenden Häuser der Vorstädte bereitzustellen. Die Gründe sind einfach: „Die Beamten sind es gewöhnt, aus jedem Immobiliengeschäft ihre private Provision zu bekommen“, sagt etwa Andrij Waskowycz von der „Caritas“. Wer als karitative Organisation ohne Profiterwartung nicht schmieren könne, habe kaum eine Chance. Zuletzt hat erst Hilfe von ganz oben – unter anderem eine Intervention der deutschen Botschaft in Kiew – die Dauersperre der Amtsstuben durchbrechen können.

Die ganz normale Alltagskorruption hat ein Übriges getan, das Projekt zu erschweren. Als etwa die polnische Dependance der Firma Viessmann vor ein paar Wochen einen Transport gespendeter Heizkörper samt Zubehör und Montagekonsolen über den Grenzübergang Terespol in die Ukraine bringen wollte, entdeckte der Zoll sofort einen der unvermeidlichen „Fehler“ in den Papieren – nicht ohne durchblicken zu lassen, dass 200 Dollar helfen könnten, ihre Strenge etwas zu mindern.

Die Klebertüte lässt alles vergessen

Als die polnischen Fahrer beteuerten, sie hätten so viel Geld nicht dabei, wurden sie kurzerhand wegen Schmuggels in Arrest genommen, wobei abermals deutlich wurde, das eine angemessen Summe – diesmal 100 Dollar – dazu beitragen könnte, die Haftzeit zu verkürzen. Erst als ein Anwalt intervenierte, wurden die Fahrer wieder nach Polen zurückgelassen, mit dem Erfolg, dass die gespendeten Heizkörper immer noch in einem Lager in Polen liegen statt bei „Our Kids“ in Kiew.

Während einen Kilometer weiter die Kinder ein Zuhause finden, haben sich andere am Leningradski-Platz hinter McDonald’s ein wenig Bier besorgt und ein paar Zigaretten. Die kleineren unter den Jungs balgen sich wie Hundewelpen in den dampfenden Müllhaufen, die Größeren hocken in der Wärme der Nacht wie ein Nomadenstamm im Kreis und lassen die Klebertüte kreisen, die alles vergessen lässt. Zwar wird nach ein paar Zügen die Zunge schwer und das Gesicht schlaff wie ein Putzlumpen, aber innen im Kopf, da beginnen Trickfilme zu laufen, bunter als jede Fernsehshow.

Vika mit dem schwangeren Bauch hatte eigentlich von ihren Babys erzählen wollen. Das erste, das vom vergangenen Jahr, hat sie im Winter in irgendeinem Waisenhaus aus den Augen verloren. Jetzt wollte sie eigentlich vor allen anderen schwören, dass sie das Nächste, das jetzt in ihrem Bauch ist, so sicher bei sich behalten werde, wie Jesus der Erlöser sei – als aber beim Wort „Jesus“ nur brüllendes Gelächter losbrach, als Julitschka und Schenja, Dima und Tolek, ja sogar die Knirpse zwischen den Mülltüten sich nicht mehr halten konnten, da ist sie stumm geworden. Dann hat sie noch einen Zug aus der Tüte genommen, und jetzt sieht sie nur noch Filme, bunter als jede Show.

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Jahrgang 1961, politischer Korrespondent für Polen und die Ukraine mit Sitz in Warschau.

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