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Veröffentlicht: 31.10.2016, 10:23 Uhr

Sarah und Pietro Lombardi Engel mit nur einem Flügel

Als bekanntestes Castingshow-Paar des Landes haben Sarah und Pietro Lombardi jahrelang vor aller Augen ihre Liebe zelebriert. Genauso öffentlich scheitert nun ihre Ehe.

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© Wolfgang Eilmes „Sarah & Pietro bauen ein Haus“, „Sarah & Pietro bekommen ein Baby“, „Sarah & Pietro – im Wohnmobil durch Italien“ - Eine Auswahl der Produktionen.

Der Tag, an dem das Ehepaar Lombardi sich zum vorerst letzten Mal gemeinsam im Fernsehen zeigte, war der vergangene Sonntag. Beim Koch-Wettstreit „Grill den Henssler“ bereiteten Sarah Lombardi und ihr Gatte Pietro mit Erdbeeren gefülltes Waffel-Cannolo zu und demonstrierten, warum sie als Paar auf dem Bildschirm so außergewöhnlich gut funktionierten. Die patente Sarah, in unschuldigem Weiß und mit Flechtfrisur, hantierte am Herd, während Pietro, wie stets mit Käppi auf dem Kopf, etwas linkisch in der Schüssel mit der Füllung rührte und ein paar der drolligen Kommentare abgab, für die er bekannt geworden ist: „Schatz, wo is’n Messerspitze?“

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Ruth Moschner, die Moderatorin, fand die beiden „so süß zusammen“ und flirtete Pietro Mrs.-Robinson-mäßig an: „Ich mag ja echt Welpen total gerne, aber du bist irgendwie noch niedlicher.“ Worauf Sarah mit gespielter Empörung „Hallo? Das ist meiner!“ rief und Mitspielerin Marijke Amado jauchzte: „Es ist schön, verliebte Leute zu sehen.“

Trennung als Paar?

Ob die beiden oder wenigstens einer von ihnen am Tag, an dem die Sendung aufgezeichnet wurde, tatsächlich (noch) verliebt waren, ist an dieser Stelle nicht zu klären. Fest steht, dass die – um den Fernsehsender RTL2 zu zitieren – „nahezu unglaubliche Liebesgeschichte“ von Sarah und Pietro in dieser Woche ihr Ende gefunden hat. Am Mittwoch gab das Management der beiden bekannt, dass sie „sich als Paar trennen werden“. Die Einschränkung in der Formulierung mutet seltsam an, und es liegt im speziellen Fall der Lombardis begründet, dass man sich fragt, als was sie dann wohl zusammenbleiben möchten: als Eltern des 16 Monate alten Alessio? Oder als Artisten im bunten Fernsehzirkus?

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Sarah und Pietro werden uns darauf keine Antwort geben; außer ein paar knappen Facebook-Statements kommt von ihnen momentan nichts. Für uns ist das nichts Neues. Immer wieder mal hatten wir bei ihrem Management angefragt, ob sich die beiden zu einem Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung treffen möchten, das erste Mal vor anderthalb Jahren, zuletzt vor einigen Wochen, und wenn wir überhaupt einmal eine Antwort erhielten, dann hieß es, die beiden hätten gerade keine Zeit.

Ohne die seriösen Medien

Wir fanden das erstaunlich. Zum einen, weil Prominente ganz anderen Kalibers ungleich leichter für Interviews zu gewinnen sind, zum anderen, weil uns Sarah und Pietro Lombardi trotz ihrer Zeitnot permanent in anderen Medien begegneten, stets bereit zu launigen Worten für Promiportale im Netz, für Blätter wie „Bravo“, „OK!“ oder „Intouch“ oder für die Show-News bei RTL, ProSieben oder RTL2.

Irgendwann aber hatten wir es begriffen. Dass die Lombardis überall dort auftauchen wollten, bei uns hingegen nicht, hatte einen simplen Grund: Es war für sie nicht wichtig. Sie hatten ihren Aufstieg ganz ohne jene geschafft, die wir in aller Unbescheidenheit die seriösen Medien nennen wollen, und sie brauchten sie nicht, um oben zu bleiben. Ganz im Gegensatz zur Maschinerie aus Facebook, Youtube und Instagram, die sie mit täglichen Grußbotschaften an die Fans, Herzchen für den Liebsten und Handy-Filmchen am Laufen hielten.

Wer ist das?

Das erklärt, wie unterschiedlich die Reaktionen auf ihre Trennung ausfallen. Die einen, darunter viele der jeweils mehr als eine Million Fans auf Sarahs und Pietros Facebook-Seiten, sind erschüttert, verbittert, zornig – vor allem auf Sarah; Indizien für ihre vermeintliche Untreue hatten Medien zuletzt begierig ausgebreitet. Die anderen, die sich jenseits des RTL-2-Intouch-Universums bewegen, sind höchstens irritiert: Wer, um alles in der Welt, sind Sarah und Pietro?

Eine Antwort darauf könnte lauten: Sie sind – oder jedenfalls waren – das bekannteste Castingshow-Pärchen Deutschlands. Am 7. Mai 2011 kürte das RTL-Publikum den 18 Jahre jungen Pietro Lombardi aus Karlsruhe zum Sieger der achten Staffel von „Deutschland sucht den Superstar“, mit knappem Vorsprung vor der gleichaltrigen Kölnerin Sarah Engels. Nach der Verkündung seines Siegs hielt Lombardi die Unterlegene sekundenlang an sich gedrückt – sie hatten sich im Laufe der Sendung ineinander verliebt, und RTL machte sich einen Jux daraus, sie bei ihrem finalen Duett in Hochzeitsgewändern durch überdimensionierte goldene Eheringe schreiten zu lassen.

Hochzeit 2013

Dass es am Ende Pietro war, der sich „Superstar“ nennen durfte, und nicht die stimmlich begabtere Sarah, sollte in der Medienkarriere der beiden nur eine Fußnote sein. Zum echten Superstar wird ein RTL-„Superstar“ eben nicht, er wird noch nicht einmal zum Star; wenn’s hochkommt, wird er prominent, und mit ein bisschen Glück und Geschick kann er davon ein paar Jahre leben. Dem treuherzig-tapsigen Pietro hätte das gelingen können, war er doch immer gut für einen – oft auch unfreiwillig – komischen Spruch: „Ich sag’ mal, 60 km/h“, antwortete er auf die Frage eines Radiomoderators, wie schnell man wohl durch eine erogene Zone fahren dürfe. Eine Weile hätte das Publikum mit ihm und über ihn gelacht, irgendwann wäre er im „Dschungelcamp“ gelandet oder im „Big Brother“-Container und auf noch obskureren Fernseh-Resterampen für gefallene Castingshow-Teilnehmer.

Sarah und Pietro Lombardi 3 © dpa Vergrößern Schon im DSDS-Finale wurden sie als Hochzeitspaar inszeniert.

Doch Pietros Geschichte sollte anders verlaufen, weil sich Sarah in ihn verliebte. Die hübsche Sarah, die ihn anfangs, wie sie gestand, „so’n bisschen gruselig“ fand. Die ihn aber einmal, als man bei „DSDS“ den Kandidaten die neuen Titel zum Singen zuteilte, herausforderte: „Wenn du weißt, was ich singe, heirate ich dich.“ Pietro tippte richtig auf Whitney Houston, und Sarah war „so geflasht, dass ich mich im Bus neben ihn gesetzt hab“. Im März 2013 heirateten die beiden. Der „DSDS“-Chefjuror Dieter Bohlen spendierte die Trauringe.

Auf einer Ebene mit dem Publikum

Ausgerechnet eine Castingshow, eine der künstlichsten aller Fernseh-Welten, als Nährboden für wahre Liebe: Das war etwas Neues. Und nimmt man Nähe zu den Fans als Erfolgskriterium, dann waren die Protagonisten perfekt: Sowohl Pietro als auch Sarah stammen aus einfachen Verhältnissen und aus Familien mit – italienischem – Migrationshintergrund.

 
Die Lombardis haben vor aller Augen ihre Liebe zelebriert. Genauso öffentlich scheitert nun ihre Ehe

Sie ließ sich nach der mittleren Reife zur Sprachassistentin ausbilden und steuerte das Fachabitur an, er hatte die Hauptschule ohne Abschluss geschmissen („Ich war eigentlich immer Scheiße“), schlug sich mit Minijobs durch, unter anderem als Swarovski-Steinleger in einer Juwelierwerkstatt, und hatte sich mit seiner Familie überworfen. Sarah und Pietro sahen so aus wie ihr Publikum, sie trugen die gleichen Klamotten und sprachen dieselbe Sprache, und wenn sie sich übers Internet an ihre Anhänger wandten, waren die Botschaften nicht zuvor noch von Rechtschreibfehlern bereinigt worden.

TV-Sternchen ohne Musikerfolg

So wurden sie berühmt – als freundliche Gebrauchsgesichter für Privatfernsehquatsch aller Art: „Das perfekte Promi-Dinner“, „TV Total“, „Star Race“, „Der VIP-Bus – Promis auf Pauschalreise“, „Der große Promi-Kegelabend“. Im März belegte Sarah bei einem vielbeachteten Solo-Auftritt in „Let’s Dance“ den zweiten Platz. Dass die beiden ihre Karriere einst als Sänger begonnen hatten, war da schon fast vergessen. Die Kritik schert sich um Castingstar-Musik ohnehin nicht, und auch kommerziell lief es immer schlechter; das letzte gemeinsame Album „Teil von mir“, erschienen im März, erreichte in den Charts nur Platz 35. Die für November angesetzte Tour der beiden wurde Anfang Oktober kurzfristig abgesagt, angeblich weil Sarah und Pietro sich „auf unsere Sendung und auf Alessio“ konzentrieren wollten.

Robert Beitsch und Sarah Lombardi © dpa Vergrößern Noch im Frühjahr belegte Sarah Lombardi mit Profitänzer Robert Beitsch den zweiten Platz bei „Let’s Dance!“

Unsere Sendung – das waren die Doku-Soaps bei RTL2. „Sarah & Pietro bauen ein Haus“, „Sarah & Pietro bekommen ein Baby“, „Sarah & Pietro – im Wohnmobil durch Italien“ – insgesamt 23 Folgen lang ließen die Lombardis ihren vermeintlichen Alltag vom Fernsehen filmen. Sie luden die Kameraleute selbst in ihr Schlafzimmer, an dessen Wand sich der Spruch findet: „Wir sind Engel mit nur einem Flügel, aber wenn wir uns umarmen, können wir fliegen.“ Liefen gerade keine neuen Folgen, dann filmten die beiden sich einfach selbst.

Früh geheiratet und skandalfrei

Noch die banalsten Themen wie die Frage, ob Pietro sich endlich einen Sixpack antrainieren und ob Sarah dabei mitmachen solle, endeten in Liebesbotschaften, die klangen wie Beschwörungsformeln: „Pietro und ich müssen immer zusammenhalten“, konstatierte Sarah. Hunderttausendfach wurden solche Facebook-Filmchen aufgerufen, einige erreichten Klickraten von über einer Million. Es war ein öffentliches Leben, wie es junge Menschen heute überall auf der Welt führen, allerdings eines mit wesentlich größerer Reichweite.

Zugleich war das Dasein dieses Paares dermaßen wertkonservativ, dass jedem CSU-Landrat das Herz hätte höher schlagen müssen: früh geheiratet, früh eine Familie gegründet, früh ein Haus gebaut. Und bei alledem skandalfrei geblieben: Sarah zog sich nicht für den „Playboy“ aus, Pietro prügelte sich nicht mit Paparazzi. Klar war sie ein bisschen eine Tussi und er ein bisschen ein Proll, doch beide wirkten sympathisch und schienen einander wirklich Halt zu geben in der verstörenden Fernsehwelt mit ihrem falschen schönen Schein. So verfolgten auch wir, die schon vom Alter her nicht zu ihrer Zielgruppe zählen, Sarahs und Pietros Weg gerührt bis belustigt – und doch mit der dunklen Vorahnung, dass das alles nicht gut enden würde.

Sohn Alessio hat einen Herzfehler

Dass das wahre Leben keine Doku-Soap ist, zeigte sich mit voller Brutalität am 19. Juni 2015. Sarahs und Pietros Sohn Alessio kam zur Welt, und er atmete nicht. Der Junge hatte einen Herzfehler und musste operiert werden.

Den Anstand, die aufgezeichneten Folgen von „Sarah & Pietro bekommen ein Baby“ auf Eis zu legen, besaß RTL2 nicht. Die Show musste also weitergehen, und während auf dem Bildschirm der von Sarah zum Einkaufen verdonnerte Pietro auf ulkige Art im Supermarkt verzweifelte („Es gibt hier 80 Millionen Joghurts, ey“), kämpfte sein Kind auf der Intensivstation ums Überleben.

Fragen an Sarah und Pietro

Ein paar Wochen später, da lag Alessio noch im Krankenhaus, hatte RTL2 schon wieder die Regie übernommen. Der Sender strahlte ein Interview mit Sarah und Pietro aus, in dem die beiden tränenreich über die schlimme Zeit sprachen, begleitet von Adeles Klagegesang „Someone like you“. In solchen Momenten, sagte Sarah, „merkt man einfach, was im Leben wirklich wichtig ist“. Monate später veröffentlichte sie auf Facebook ein Foto von Alessios Operationsnarbe.

Sarah und Pietro Lombardi 2 © dpa Vergrößern Auch nach der Geburt ihres Sohnes Alessio blieben die Lombardis in der Öffentlichkeit.

Auch zu diesem Zeitpunkt hätten wir Sarah und Pietro gern ein paar Fragen gestellt: Habt ihr aus dieser Erfahrung Lehren gezogen? Wie frei kann man sein Leben planen, wenn man weiß, dass ein Sender für die neue Staffel Stoff benötigt? Was werdet ihr den Medien noch anzubieten haben? Ein zweites Kind, ein drittes? Was werdet ihr tun, wenn eure Geschichte nach Ansicht von RTL2 auserzählt ist? Werdet ihr euch aus der Öffentlichkeit verabschieden und wenn ja, was werdet ihr dann tun? Was werdet ihr Alessio antworten, wenn er irgendwann fragt, was genau ihr von Beruf seid? Und warum eigentlich habt ihr euch auf das alles eingelassen?

„Nur mit dir“ - Eine Lüge?

Wenigstens die letzte Frage haben Sarah und Pietro hin und wieder beantwortet: Sie wollten „den Fans etwas zurückgeben“ und auch ihr Baby nicht verstecken. So war der kleine Alessio, der heute wieder ganz gesund ist, auch in der bislang letzten Staffel ihrer Doku-Soap zu sehen, an deren Ende Sarah ihren Pietro in Italien mit einem natürlich ganz persönlichen Liebeslied zu Tränen rührte, welches den Zuschauern sogleich zum entgeltlichen Download angeboten wurde: „Nur mit dir“.

Manches deutet nun darauf hin, dass dieser Titel eine Lüge war, und wie bei diesem Paar nicht anders zu erwarten, spielen digitale Spuren eine Rolle. Handy-Selfies und SMS-Protokolle sollen belegen, dass Sarah Pietro untreu war, ja dass sie ihn längst nicht mehr geliebt hat. Binnen kürzester Zeit erfuhr die Öffentlichkeit, was Pietros Eltern sagen, Sarahs Bruder, Pietros Tante. Kein schmutziges Detail dürfte am Ende verborgen bleiben. Die Geister, die Sarah und Pietro riefen, sind entfesselt.

Geschäftsmodell in Trümmern

Als sich die beiden am Mittwoch zu einer Aussprache trafen, schrieben Medien über den „Krisengipfel“, als würde hier ein Koalitionskrach oder ein Friedensplan für Syrien verhandelt. Konsequenterweise fand das Treffen nicht bei einer Eheberatung, sondern in den Räumen ihres Managements statt – schließlich liegt hier nicht nur eine Liebe in Trümmern, sondern auch ein Geschäftsmodell. Die Verträge für die nächste Doku-Soap sind längst unterschrieben. Die für den November geplante Veröffentlichung ihres Fan-Buchs „Unsere Reise“ ist erst einmal in den März kommenden Jahres verschoben worden.

„Sarah und ich haben uns getrennt. Wir haben eine gemeinsame Verantwortung unserem Sohn gegenüber und werden aus diesem Grund immer miteinander verbunden sein“, hat Pietro bei Facebook mitgeteilt. Zyniker im Internet witzeln schon, die neue Staffel der Doku-Soap werde „Sarah und Pietro lassen sich scheiden“ heißen, und das Schlimmste daran ist, dass man sich das durchaus vorstellen kann. RTL2 jedenfalls lässt mitteilen, man befinde sich „in intensiven Gesprächen mit Sarah und Pietro sowie ihrem Management“ und werde sich „freuen, wenn es für die beiden bei RTL2 weiterginge“. Werden sich die Lombardis verdammt sehen zum Weitersenden? Man wünscht es ihnen nicht.

Eines Tages, wenn Alessio Lombardi alt genug ist, wird er sich im Internet zahllose Filme und Bilder aus der Zeit ansehen können, als seine Eltern jung und verliebt waren. Das dürfte schön für ihn sein und zugleich, falls er das nicht längst weiß, eine schmerzliche Lektion: Was man in den Medien sieht, darf man längst nicht alles glauben.

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