http://www.faz.net/-gum-8icn4
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER
F+ Icon
F.A.Z. PLUS
abonnieren

Veröffentlicht: 18.06.2016, 11:27 Uhr

Druckgewerbe Der Papier-Pionier

Papier ist heiß begehrt und der Verbrauch nimmt weltweit zu. Dass der Werkstoff günstig in großen Mengen hergestellt werden kann, hat man vor allem Friedrich Gottlob Keller zu verdanken. Dessen Erfindung sorgte vor fast 150 Jahren für eine technische Revolution.

von
© dpa Starker Verbrauch: Trotz sinkender Auflagen vieler Zeitungen und Magazine ist Papier noch immer gefragt.

Auch wenn die Auflagen vieler Zeitungen und Magazine sinken – die Nachfrage nach Papier wird dadurch nicht wesentlich gebremst. Der Papierverbrauch auf der Welt nimmt sogar zu. Vor allem Verpackungs- und Hygienepapiere werden dank des Internethandels und einer älter werdenden Gesellschaft lebhaft nachgefragt. Der Rohstoff ist immer Holz, das zunehmend auch aus Eukalyptusplantagen in Südamerika und Asien stammt. Tropische Wälder werden verdrängt. Und alle fragen sich, wie eine nachhaltige, ökologisch vertretbare Faserversorgung sichergestellt werden kann.

Georg Küffner Folgen:

Schon die Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern durch Johannes Gutenberg Mitte des 15. Jahrhunderts hatte einen Papierboom nach sich gezogen. Bücher, Zeitungen und andere Druckwerke konnten nun in großer Stückzahl hergestellt werden. Die Zahl der Neuerscheinungen stieg allein im deutschsprachigen Raum von 1760 bis 1800 auf mehr als 4000 Titel – was den Rohstoff, der zu dieser Zeit für die Papierproduktion benutzt wurde, extrem verknappte.

Mehr zum Thema

Papier wurde damals hierzulande, im Gegensatz zu Japan, wo man Bastfasern verwendete, aus verschlissenen Kleidungsstücken hergestellt, die man in Papiermühlen zu einem feinen Faserbrei stampfte. Diese Hadern, die heute noch genutzt werden, etwa für das Herstellen von Banknotenpapier, waren so knapp geworden, dass eine allseitige „Lumpennot“ beklagt wurde, es kam zu Gerangel um den Rohstoff. Die Behörden wussten sich nicht anders zu helfen, als das Haderngeschäft zu reglementieren. Lumpensammlern wurden Konzessionen erteilt, der Handel mit den Hadern über Grenzen hinweg verboten. Leinenlumpen wurde geschmuggelt, ein regelrechter Schleichhandel kam auf. Mit Geboten und Verboten wollte man die Situation beruhigen. Frankreich schuf schon 1764 einen freien inländischen Lumpenhandel, während Preußen mit mehreren Edikten noch über Jahre den Lumpenhandel gängelte.

Suche nach Hadernersatz

Kein Wunder also, dass intensiv nach einem Hadernersatz gesucht wurde. Erfolgreich war letztlich der am 27. Juni 1816 in sächsischen Ort Hainichen als Sohn eines Webermeisters geborene Friedrich Gottlob Keller. Er notierte 1841/42, im Alter von nur 25 Jahren, seine Lösung in einem Ideenbüchlein: „Papier zu fertigen, von Holzfasern, welche durch Friction erzeugt werden“.

Die Überlegung, die begehrten Fasern aus Holz zu gewinnen, flog Keller nicht aus heiterem Himmel zu. Er kannte Veröffentlichungen des in Regensburg lebenden Theologen und Naturforschers Jacob Christian Schäffer (der eine von ihm konstruierte Hadern-Stampfmühle zu einer der ersten mechanischen Waschmaschinen umbaute) und des Naturforschers Antoine Ferchault de Réaumur. Ihnen waren schon mehr als 100 Jahre zuvor die papierähnlichen Nester amerikanischer Wespen aufgefallen. Schäffer hatte auch versucht, Papier aus alternativen Rohstoffen, etwa aus Hopfenranken, Weinreben und Sägespänen, herzustellen. Mit wenig Erfolg. Nur wenn seinem Papierbrei größere Mengen Hadernfasern beigemischt wurden, konnte wenig attraktives Packpapier gewonnen werden.

„Wespenpapier“

Doch Keller wollte hochwertige Druckpapiere herstellen. Er erinnerte sich an die Hinweise zum „Wespenpapier“ und an sein „Kirschkern-Schmuckschleifen“ aus Jugendtagen: Um kleine Holzringe zu einer Kette zusammenfügen zu können, hatte er Kirschkerne, die er zum Schutz seiner Fingerspitzen in ein Holzbrettchen steckte, von zwei Seiten so lange auf einem Schleifstein abgerieben, bis er die feinen Kettenglieder in der Hand hatte.

Friedrich Gottlob Keller © Picture-Alliance Vergrößern Papier-Pionier: Friedrich Gottlob Keller bewies viel Erfindergeist – aber wenig kaufmännisches Geschick.

An diese Schleiferei und die als Abfall dabei angefallenen Holzfasern erinnerte sich Keller nun. Er baute einen größeren Schleifapparat und stellte so viel Holzschliff her, dass er in einer Altchemnitzer Papiermühle das Papier für eine Teilauflage des „Intelligenz- und Wochenblatts für Frankenberg und Umgebung“ produzieren lassen konnte. Keller glaubte an den Erfolg seiner Idee und pachtete für die massenhafte Produktion von Holzschliff und Holzschliffpapier eine Papiermühle in Kühnhaide bei Marienburg im Erzgebirge. Mangelndes kaufmännisches Geschick und eine magere Ausstattung mit Eigenkapital ließen das Projekt jedoch scheitern.

So war der Erfinder des noch heute verwendeten und für die industrielle Produktion von Papier so wichtigen Verfahrens, das von Keller 1846 zum Patent angemeldet wurde, gezwungen, seine Entwicklung an Heinrich Voelter, den damaligen Direktor der Bautzener Papierfabrik zu verkaufen. Er entwickelte in den Jahren darauf zusammen mit Johann Matthäus Voith das Kellersche Holzschliffverfahren weiter. Die Präsentation des Voith-Schleifers auf der Weltausstellung 1873 in Wien brachte den Durchbruch. Papier konnte nun günstig in großen Mengen hergestellt werden. Das Druckgewerbe prosperierte – und Buch- und Zeitungsverlage profitierten von der so einfachen wie genialen Erfindung.

Royaler Besuch in München Silvia von Schweden erhält das Bayerische Verdienstkreuz

In München werden schwedische Fahnen geschwungen, der Urenkel von Queen Elizabeth feiert seinen vierten Geburtstag und Ben Affleck will „Batman“ bleiben – der Smalltalk. Mehr 23

Frankfurter Allgemeine Stil auf Facebook
Nachrichten in 100 Sekunden
Nachrichten in 100 Sekunden
Zur Homepage