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Veröffentlicht: 19.03.2017, 14:09 Uhr

Erdogan-Wähler in Deutschland „Ein Diktator würde ganz anders reagieren“

Stimmen die Türken im April für das Präsidialsystem, bekommt Erdogan noch mehr Macht. In Deutschland wählten ihn zuletzt 60 Prozent der Deutschtürken, die ihre Stimme abgaben. Wieso stehen sie immer noch hinter ihm? Wir haben fünf Wähler gefragt.

von Daniela Gassmann und Michaela Schwinn
© AP Angst vor Erdogan? „Der ist doch seit 15 Jahren an der Regierung.“

Ich kenne Deniz Yücel

Bülent Güven, 45 Jahre, studierter Politikwissenschaftler, Unternehmensberater in Hamburg, seit 40 Jahren in Deutschland, doppelte Staatsbürgerschaft.

„Ich habe lange hin und her überlegt, aber ich werde beim Referendum wahrscheinlich für das Präsidialsystem stimmen. Das bedeutet aber nicht gleichzeitig ein „Ja“ für Erdogan. Ich wünsche mir politische und wirtschaftliche Stabilität in der Türkei, und das präsidiale System könnte dazu beitragen. Ich kenne auch Leute, die Erdogan gut finden, aber trotzdem dagegen stimmen, weil sie nicht wissen, wer sein Nachfolger wird.

Erdogan hat vieles gut gemacht, die Löhne sind gestiegen, er hat die Infrastruktur ausgebaut und das Sozialsystem. Aber es gibt auch Dinge, die ich nicht gut finde. Er hat den EU-Beitritt der Türkei in den letzten Jahren nicht vorangetrieben. Natürlich hat ihm die EU eine Absage erteilt, trotzdem sollte er die Bemühungen fortsetzen.

45346639 © Henning Bode Vergrößern Bülent Güven lernte kürzlich Deniz Yücel kennen. Die Verhaftung kritisiert er, trotzdem wird er für „Ja“ stimmen.

Auch dass der Journalist Deniz Yücel in der Türkei in Haft sitzt, kann ich nicht akzeptieren. Ich habe ihn vor einigen Monaten in Istanbul kennengelernt, als er an einer Veranstaltung teilnehmen wollte und Probleme mit seiner Akkreditierung hatte. Ich habe ihm geholfen. Danach haben wir noch ein paar Mal telefoniert. Ich hoffe, dass er so schnell wie möglich wieder freikommt.

Ich glaube, wir haben in Deutschland große Probleme, die Situation in der Türkei zu verstehen. Auch weil sie sich momentan in einem Übergangsprozess befindet, ähnlich wie damals die Ostblockstaaten vom Kommunismus zum Kapitalismus.

Auf Facebook werde ich fast täglich von Deutschen angemacht, warum ich Erdogan unterstütze. Ich leide sehr unter den Zerwürfnissen zwischen Deutschland und der Türkei. Für mich ist es, als würden sich Vater und Mutter streiten und ich als Kind könnte nur dabei zusehen. Das macht mich sehr traurig.“

„Ein Diktator würde ganz anders reagieren“

Hadice Altunova, 44 Jahre, Krankenschwester und Krankenhausseelsorgerin, in Hamburg geboren, doppelte Staatsbürgerschaft.

„In meinem Freundeskreis haben viele Angst, dass Erdogan die Türkei zu Iran macht, dass die Kopftuchpflicht und das Minirock-Verbot kommen. „Der ist doch seit 15 Jahren an der Regierung, warum hat er das bis heute nicht gemacht?“, sage ich dann. So viele Frauen wie Erdogan hat keine andere Regierung ins Parlament geholt. Das ist ja so makaber: Früher durften Frauen mit Kopftuch in einem muslimischen Land nicht in die Uni, haben aber in Deutschland, einem christlichen Land, dank der Demokratie studieren dürfen. Jetzt hat dieser angebliche Diktator Erdogan die Freiheit in die Türkei gebracht, dass Schüler mit Kopftuch und Minirock nebeneinander studieren dürfen. Die Frauen in der Türkei sind heute viel freier.

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Beim Referendum werde ich selbstverständlich für „Ja“ stimmen. Aber nicht, weil Erdogan ein Diktator ist oder ich einen möchte. Diese ganzen Festnahmen beruhen nicht darauf, dass Leute Journalisten oder Juristen sind. Es wurden Verbindungen zu terroristischen Organisationen nachgewiesen. Die Türkei kämpft seit Jahrzehnten mit der Terrororganisation PKK, vergangenen Juli gab es den Putschversuch – und die Reaktion der restlichen Welt war in etwa: „Oh wie schade, dass das nicht gelungen ist.“ Ich möchte nicht, dass so etwas noch einmal vorkommt, deshalb finde ich die Verhaftungen richtig. Ein Diktator würde ganz anders reagieren. Es gibt ja so viele, die gegen Erdogan sprechen, und die laufen immer noch frei rum.

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