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Udo Lattek im Interview „Ich teile immer noch gern aus“

14.01.2005 ·  Udo Lattek, der vom Bauernjungen zum erfolgreichen Fußballtrainer aufstieg, wird 70. Im Gespräch mit F.A.Z. blickt er zurück auf seine Begegnungen mit Beckenbauer und Maradona und erläutert seine Antipathie gegen Rehhagel.

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Er ist mit 15 Titelgewinnen nach Ottmar Hitzfeld der erfolgreichste deutsche Fußballtrainer. Er mischt immer noch mit in seinem Geschäft, das er von der Pike auf gelernt hat. Er wird an diesem Sonntag 70 und ist kein bißchen leise. Udo Lattek, inzwischen Kolumnist und Fernseh-Fußballfachmann, bleibt in seinem Genre gefragt und will, von wegen 70, auch in Zukunft keine Ruhe geben.

Jahrzehntelang feiern die Menschen ihre Geburtstage, dann werden sie 70 und möchten diesen Feiertag am liebsten vergessen. Sie werden am Sonntag 70. Wie ist Ihnen dabei zumute?

Die 7 vor der 0 tut schon ein bißchen weh. Ich habe kein Problem mit dem Alter, aber wenn mich jemand fragt, wie alt wirst du denn eigentlich, und ich sage 70, dann heißt es: Oh, schon 70? Die 70 erschreckt wahrscheinlich schon einige. Ich werde diesen Geburtstag mit meiner Familie feiern - in Ruhe, aber nicht zu Hause.

Wären Sie jetzt noch mal 30 und wie vor 40 Jahren ausgebildeter Lehrer für Sport und Englisch, würden Sie dann aufs neue die Aufgabe als Fußballehrer vorziehen?

Mit der Erfahrung, die ich jetzt habe, sage ich ganz klar: ja. Ich muß im nachhinein sagen: Wäre ich Lehrer geblieben, hätte ich meinen Beruf verfehlt. In der Schule bist du von zu vielen Leuten umgeben, die vom Leistungsprinzip nicht so viel halten. Wenn ich vierzig Jungs in der Klasse hatte - früher gab's das noch -, waren vielleicht fünf dabei, die sich wirklich reingehängt haben, und zehn, die einigermaßen mitgemacht haben. Der Rest waren die, die gesagt haben, na gut, uns bleibt nichts anderes übrig, aber gerne tun wir es nicht. Das wäre auf Dauer nicht meine Welt gewesen.

Wie sind Sie denn Trainer geworden?

Das war eher Zufall. Ich war während meines normalen Studiums zwischen meinem 20. und 23. Lebensjahr an der Kölner Sporthochschule. Da wurde auch ein Fußballehrer-Lehrgang angeboten, um in der Bundesliga trainieren zu können. Eines Tages war wunderschönes Wetter in Köln, und ich bin anstatt zum Fußballehrer-Lehrgang lieber zum Schwimmen gegangen. Da kam mir anschließend mein Ausbilder, Hennes Weisweiler, mit seiner Borgward Isabella entgegen, als ich pfeifend und singend mit meinem Freund vom Schwimmen kam. Weisweiler stoppte und raunzte mich an: "Warum sind Sie nicht zum Fußball gekommen, wenn Sie noch mal fehlen, fliegen Sie raus." Meine Antwort lautete: "Rutschen Sie mir doch den Buckel runter." Dann habe ich mich umgedreht, und damit war das Thema Fußball erst mal für mich erledigt.

Wie wir wissen, nicht für immer...

Als ich dann 30 war, habe ich mir gesagt, verdammt noch mal, das Fußballehrerdiplom könntest du vielleicht gut gebrauchen, du bist nicht so ausgelastet. Dann habe ich mich wieder angemeldet, bin zurück zur Sporthochschule gegangen und traf abermals auf Weisweiler (der in seinem "Zweitberuf" die später weltberühmte Mönchengladbacher Fohlenelf formte). Der Ausbilder Weisweiler hat mich dann getriezt, wo es nur ging, Er wollte mich damit provozieren, hat aber schnell gemerkt, es geht nicht.

War das die Wende zu einem besseren Verhältnis?

Auf jeden Fall. Wenn der Hennes später schlecht gelaunt oder morgens noch müde war, hat er oft gesagt: "Lattek, machen Sie dat mal." Dann habe ich den Unterricht gemacht. Dann kam die Prüfung, und Helmut Schön (der damalige Bundestrainer) war der Prüfungsleiter. Nach drei Tagen kam Schön und sagte mir: "Haben Sie nicht Lust, mein Assistent zu werden?" Undenkbar heutzutage. Ich ziehe aber im nachhinein noch den Hut vor Weisweiler, meinem Trainervorgänger bei Borussia Mönchengladbach. Er hatte mich bei Schön empfohlen.

War das auch in Ihren Augen der traumhafte Beginn einer märchenhaften Karriere?

Das kann man wohl sagen. Und das ging auch noch so weiter. Ich war von 1965 bis 1969 beim DFB und habe das Training der Nationalmannschaft gemacht. Eines Tages kam Franz Beckenbauer zu mir und sagte, er habe den Auftrag von Bayern-Manager Robert Schwan und Bayern-Präsident Wilhelm Neudecker, mich zu fragen, ob ich nicht Lust hätte, zum FC Bayern zu kommen. Schwan und Neuberger hatten den Franz, Sepp Maier und Gerd Müller gefragt, ob sie nicht irgend jemand kennten, der Branco Zebec, mit dem sie nicht mehr so zurechtkamen, ersetzen könne. Die sagten dann: "Beim DFB gibt's so einen jungen Trainer, der zwar noch keine Erfahrung hat, mit dem wir aber gut zu Rande kommen." Und so ging ich nach München. Ein Verein wie die Bayern könnte sich so was heutzutage gar nicht mehr erlauben, ein unbeschriebenes Blatt zu nehmen.

Hat die Jahr für Jahr fortgeschriebene Erfolgsgeschichte des FC Bayern wesentlich damit zu tun, daß Sie damals an die Säbener Straße wechselten?

So würde ich das nicht sagen. Aber immerhin habe ich 1970 Paul Breitner und Uli Hoeneß mitgebracht, die ich schon kannte, seit sie 14 waren. Der Paul war praktisch schon bei 60 München und der Uli beim VfB Stuttgart. Bedenkt man, daß auch der Franz ursprünglich einmal zu den "Löwen" wollte, würden die Bayern heute vielleicht da spielen, wo 60 jetzt ist.

Sie haben, ob mit Bayern, Mönchengladbach oder Barcelona, 15 Titel im Laufe Ihrer Trainerjahre gewonnen und sind damit neben Ottmar Hitzfeld der bis heute erfolgreichste deutsche Fußballehrer. Was hat Sie an diesem Beruf fasziniert, was hat Ihren Ehrgeiz immer wieder neu angestachelt?

Du mußt Spaß daran haben, mit Menschen umzugehen. Dabei war ich auf der Penne ein sehr schweigsamer Schüler. Mancher meiner früheren Lehrer wird sich gar nicht mehr an mich erinnert haben. Wenn ich ein Gedicht aufsagen mußte, bin ich fast immer im Erdboden versunken. Ich bin ja als Bauernjunge und Einzelkind in der Landwirtschaft groß geworden und war tagsüber fast immer allein. Einen richtigen Freundeskreis bekam ich erst, als ich anfing, Fußball zu spielen und Leichtathletik zu treiben.

Was sind die Momente im Trainerjob gewesen, die Sie speziell gereizt haben?

Grenzsituationen, Augenblicke, in denen man mit dem Rücken zur Wand stand. Je schwieriger es wurde, desto mehr habe ich mich in solchen Stunden reingekniet.

Sie haben vorhin gesagt, daß Sie die Kunst des richtigen Umgangs mit Ihnen anvertrauten Menschen im Trainerberuf gelernt haben. Wie war Ihre Methode?

Bei mir sah vieles so aus, als ob ich immer aus dem Bauch heraus gehandelt hätte. Aus dem Bauch heraus handeln kannst du aber nur, wenn du viel weißt, gut vorbereitet bist und alle Facetten durchgearbeitet hast. Die Mischung aus einem gesicherten Wissen und dem richtigen Gefühl hat es bei mir ausgemacht. Ich bin manchmal in Spielersitzungen gegangen und wußte noch gar nicht, wer am Samstag spielen sollte. Dann habe ich mir die Gesichter angeschaut und gesagt: "Du spielst", wenn einer mich gerade angeguckt hat, und: "Du spielst nicht", wenn einer sich verkrochen hat.

Der oft zitierte "harte Hund" waren Sie als Trainer nie, auch wenn Sie heute als Fußballfachmann des DSF im Fernsehen manchmal so wirken. Wie würden Sie Ihren Führungsstil von damals beschreiben?

Ich habe versucht, den Spielern im Spiel sehr viel Freiraum zu geben. Ich habe den Rahmen gesetzt und den Spielern gesagt: "Paßt mal auf, Jungs, der Rahmen ist nur dazu da, daß wir eine gemeinsame Auffassung von den Dingen haben." Bei mir hatte jeder die Möglichkeit und das Recht, aus diesem Rahmen auszuscheren, wenn es im Sinne der Mannschaft war. Wer nur dazu da war, um selbst zu brillieren, der kriegte was auf die Nuß. Aber ich hasse es auch, wenn ein Spieler auf dem Platz fragend zum Trainer guckt und wissen will, was er in dieser oder jener Situation machen soll. Das Wort Eigenverantwortung war für mich immer wichtig, und deswegen finde ich die Überversorgung vieler Profis von heute nicht in Ordnung.

Auch die heute immer wieder gern gestellten Fragen nach System und Taktik scheinen Sie nur bedingt zu interessieren. Warum?

Was der Trainer in der Taktikstunde gesagt hat und was die Spieler dann auf dem Platz machen, unterscheidet sich oft erheblich. Alle Systeme und jede Taktik hängen zuallererst von der Bereitschaft der Spieler ab, sich zu helfen und zu ergänzen. Wenn man das will, spielt Taktik absolut keine Rolle. Die sich intensiv mit Fußball beschäftigt haben, hängen das Wort Taktik nicht zu hoch. Natürlich muß Taktik sein, aber die Stärke des Trainers ist es, zu spüren, welche Möglichkeiten er mit welcher Mannschaft hat, und dann das taktisch Bestmögliche dabei herauszufiltern.

Welcher der Vereine, in denen Sie gearbeitet haben, ist Ihnen immer noch am nächsten?

Ganz eindeutig Bayern. Wenn man neun Jahre bei einem Verein war, ist die Bindung schon groß. Zumal die Leute in den Führungsgremien, Beckenbauer, Hoeneß, Rummenigge, alle meine Spieler waren.

Ihr Bild in der Öffentlichkeit schwankt zwischen eiskalter Profi, kühler Analytiker und einfühlsamer Mensch. Was ist richtig?

Ich habe manchem weh tun müssen und war manchmal auch ungerecht, aber ich kann allen, mit denen ich zusammengearbeitet habe, immer noch in die Augen sehen. Ich teile immer noch gern aus, kann aber auch ebenso gut einstecken.

Wer war der beste Spieler, mit dem sie je das Vergnügen hatten?

Der Franz wird es mir verzeihen: Diego Maradona. Wenn du den im Training in Barcelona erlebt hast, dann war das zuweilen unglaublich. Der hat sich mit mir unterhalten, mir in die Augen geguckt und gleichzeitig, rechter Fuß, linker Fuß, Hacke, mit dem Ball jongliert. Unfaßbar. Mit den Künstlern ist es andererseits auch nicht einfach. Wenn anderen in der Mannschaft mal ein Ball versprang, konnten die das, auch der Franz gelegentlich, nicht verstehen. Kein Wunder, daß mittelmäßige Spieler (Lattek kam über ein Engagement beim VfL Osnabrück nicht hinaus) später oft die besseren Trainer sind.

Sie waren kein großer Spieler, Ihr jahrelanger Trainerwidersacher Otto Rehhagel auch nicht. Woher rührt Ihre Antipathie gegen den Kollegen, der Griechenland zum Europameister machte?

Der Mann ist mir zu unwichtig, um mich darüber weiter auszulassen. Nur soviel: Die Geschichte fing an mit einem Pokalspiel in München, als Rehhagel die Offenbacher Kickers trainierte. Damals ging Offenbach bei Bayern aus Versehen 1:0 in Führung und hat dann natürlich die Kiste vollgekriegt. Nach dem 1:0 aber tanzte der Rehhagel vor unserer Trainerbank herum mit Sprüchen wie: "Jetzt zeigen wir's dir." Da habe ich mir gesagt, ich zeige es dir mein Leben lang. Ich schätze seine Arbeit, aber seine Außendarstellung gefällt mir nicht. Ich muß nicht ständig zeigen wollen, was ich für ein toller Kerl bin. Entweder ich bin es, oder ich bin es nicht. Wenn ich ihn in Talkshows gesehen habe, wie er die Augen verdreht hat, war mir ganz anders. Er hat seine Komplexe, ich habe studiert. Ich bin auch ein Bauernjunge. Was ist, verdammt noch mal, schlecht daran, wenn man Anstreicher gelernt hat?

Wird es den Trainer Udo Lattek noch einmal geben?

Mit Sicherheit nicht mehr. So bekloppt kann nicht einmal ich mehr sein. Ich habe an den fünf Spieltagen meiner Rettungsmission bei Borussia Dortmund im Jahr 2000 (Latteks letzte Trainerstation) gelitten wie ein Hund. Mit 70 noch den Vorturner zu machen, das ist nicht mehr meine Welt.

Sie haben sich auch nach dem Ende Ihrer Trainerlaufbahn nicht aus der aktiven Begleitung des Profifußballs verabschiedet. Was treibt Sie an der Schwelle zum 70. Geburtstag, weiter im DSF als Fachmann aufzutreten oder Kolumnen zu schreiben?

Wenn ich mich ausgeklinkt hätte, hätte ich aufgehört zu leben. Ich kann mich nicht zu Hause hinsetzen und darauf warten, bis schönes Wetter ist, damit ich Golf spielen kann. Ich bin auf der Sonnenseite des Lebens, bin finanziell absolut unabhängig und kann das tun, was mir Spaß macht. Mindestens bis zur WM 2006 will ich dem Fußball erhalten bleiben.

Gibt es bei all dem Fußball auch noch den Privatmenschen Udo Lattek?

Wenn ich zu meiner Frau nach Hause komme, ist Fußball kein Thema mehr. Fußball hat im privaten Bereich nichts zu suchen. Das einzige, was bei mir daheim an Fußball erinnert, ist eine Nachbildung der Meisterschale in meinem Büro, die ich von Bayern München geschenkt bekommen habe.

Das Gespräch führte Roland Zorn.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung
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