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Twiggy Das solide Zweiglein

31.01.2012 ·  Früher war sie das Gesicht der Sechziger. Doch auch das Altern steht Twiggy gut. In der britischen Gesellschaft hört man auf ihre Stimme – ob als Mode-Ikone, als Sängerin oder Fernseh-Jurorin.

Von Jennifer Wiebking
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Das hätte man nun wirklich nicht erwartet: Dass aus Twiggy, dem Magermodel aus den sechziger Jahren, jetzt - in ihren eigenen Sechzigern angekommen - ein Wesen geworden ist, das dem Durchschnittsbürger aus der Seele spricht. Dieses dürre Ding, dem einst die Strumpfhose um die Knie schlackerte? Das Tausende Teenager dazu veranlasste, sich für ein Schönheitsideal selbst zu quälen? Es ist schwer vorstellbar, dass aus dieser Twiggy eine Frau geworden ist, die das Leben einer, sagen wir, durchschnittlichen Mary Smith aus England und vielleicht auch einer Frau Schmidt aus Deutschland versteht und zu einem gewissen Grade teilt - und die dazu auch noch so ähnlich aussieht.

Doch man glaubt es sofort, wenn man Twiggy zum Tee in einem Berliner Hotelzimmer trifft. Von weitem hört man sie schon. Sie ist gerade dabei, ihre Getränkebestellung aufzugeben.

„I just have me tea.“ Me tea! Ein erstes Indiz. Seit 46 Jahren bewegt sich Twiggy nun zwischen Glanz und Gloria, die sprachliche Einfärbung der unteren Mittelschicht scheint sie dabei nicht verloren zu haben. Sie kommt jetzt um die Ecke gehuscht und bereitet sich, bevor man überhaupt hallo sagen kann, auf die ganz große Geste vor. „Es schneit“, ruft sie begeistert und reißt ihre Arme auseinander, als wolle sie zu einem Schneeengel ausholen und sich vom vierten Stock rückwärts runter in den weißen Flaum fallenlassen.

Resoluter Silver-Ager

Nun, Twiggy versteht es, die Romantik eines Augenblicks für ihre eigenen Vorstellungen zu nutzen. So heißt auch ihr neues Album, das am Freitag in Deutschland erscheint, nicht einfach „Yours“, sondern dramatischer „Romantically Yours“. Und entsprechend setzt sie sich auf dem CD-Cover in Pose.

In einem hellblauen Tutu-Rock, einem schimmernden, trägerlosen Satinbody und einem rosa Jäckchen schaut sie dort für das Foto verträumt zu Boden, streckt den rechten Arm aus und legt den linken so über den Kopf, dass sie interessanterweise fülliger daherkommt, als sie eigentlich ist.

Das kann unvorteilhaft wirken. Es kann aber auch, besonders im Hinblick auf die Vergangenheit ihres Body-Mass-Index, Strategie sein. Mit ihren weichen Gesichtszügen, den blonden, gestuften Haaren und schließlich dem eine Spur zu kräftigen Oberkörper kommt sie auf diesem Album-Cover der Durchschnittsbritin erstaunlich nah.

Im richtigen Leben ist sie ein resoluter Silver Ager. Mit ihrer soliden Art passt sie so gut in die heutige Gesellschaft wie damals, in den sechziger Jahren, in den gerade von Mary Quant erfundenen Minirock. Es könnte also jetzt, da niemand so recht vor oder zurück weiß, ein guter Zeitpunkt sein, um sich von Twiggy etwas ins Ohr singen zu lassen.

Poesiealbum mit nostalgischen Liedern

Seit 1971 ist sie als Sängerin im Geschäft. Auf der aktuellen CD singt sie Coversongs, die nicht nur aus den sechziger und siebziger Jahren stammen, jener Zeit, mit der man sie noch immer am stärksten verbindet. Stattdessen hat sie sich eine Art Poesiealbum zusammengestellt mit gefühlsseligen, nostalgischen Liedern verschiedener Epochen, die wie alte Liebesmarken hintereinanderkleben.

Da sind Songs, die ihr Vater früher auf dem Klavier spielte, wie George Gershwins „Someone To Watch Over Me“ aus den Zwanzigern, „My Funny Valentine“ von Richard Rodgers aus den Dreißigern oder „Bewitched, Bothered and Bewildered“ aus dem Musical „Pal Joey“ der Vierziger. Da ist auch Twiggys guter Freund Richard Marx zu hören, mit dem sie „Right Here Waiting For You“ singt. „Der ultimative Hochzeitssong. Auf wie vielen Hochzeiten wurde der wohl schon gespielt?“, überlegt sie. „Richard wohnt in Chicago, und ich habe ihn einfach ganz frech angerufen und gefragt, ob er mit mir singen würde“, erzählt sie. „Ganz frech“ hat Twiggy daraufhin ebenso bei Bryan Adams nachgefragt und bei ihrer mittlerweile 33 Jahre alten Tochter Carly Lawson.

„Wie eine Freundin, die auf meiner Schulter sitzt“

Zu Twiggys Popularität hat auch diese Spur Selbstironie beigetragen; als Model der Vergangenheit, das immer noch mitmischt, will sie nicht missverstanden werden. „Die Leute können ja schnell genug von einem bekommen: ,Nicht die schon wieder!’“ Twiggy rollt ihre Augen, lacht und wird dann wieder ernst. „Ich spreche immer das aus, was ich denke. Wenn man so lange wie ich dabei ist, sind die Leute daran gewöhnt, einem zu vertrauen. Das ist schön.“

Ihren Künstlernamen Twiggy, übersetzt „dünner Zweig“, hat sie dabei nie verloren. Schon in der Schule nannte man das zierliche, im Jahr 1949 als Lesley Hornby geborene Mädchen seiner Statur wegen „Twigs“. „Ich sah damals wirklich lustig aus“, sagt sie. Es ist das einzige Mal in ihrer Erzählung, dass die Twiggy von damals mit der Twiggy von heute eins wird. Ansonsten verwendet sie, wenn sie von den Sechzigern und Siebzigern spricht, die dritte Person. „Sie ist wie eine Freundin, die auf meiner Schulter sitzt“, sagt sie über Twiggy und möchte damit wahrscheinlich auch sicher gehen, näher bei den erwachsenen Briten zu sein als bei den heute Vierzehnjährigen in kurzen Kleidern und flachen Ballerina-Schuhen.

Schließlich feierte Twiggy 2005 ein Comeback als Model - für das gestandene englische Modehaus Marks & Spencer, den Kleiderschrank von Middle England. „Die Sachen sind nicht billig“, erklärt sie, „aber eben auch nicht teuer.“ Ohne einen vergleichbaren Händler in Deutschland zu kennen, schaut sie aus dem Fenster herunter auf eine Gerry-Weber-Filiale und erkundigt sich neugierig: „Gerry Weber, was ist denn das?“ Ja, etwa das - nur in Deutschland.

Für viele eine gute Bekannte

Mit Twiggy geht also eine Generation in England einkaufen, die schon mit ihr erwachsen geworden ist und jetzt langsam anfängt, auch mit ihr zu altern. Sie ist für viele eine gute Bekannte, mit der man sich, auch ohne jemals im Leben auf einem roten Teppich gestanden zu haben, identifizieren kann. Man weiß, dass sie sich, wie sie sagt, noch nie für die Schönheit unters Messer gelegt hat, dass sie seit den Achtzigern glücklich verheiratet ist und vor ein paar Jahren in ihrer Heimat Großbritannien die Grünen gewählt hat. Twiggy lebt in London und erzählt jetzt von Fremden, die sich ihr gegenüber dort wie Freunde verhalten.

„Als wir kürzlich das Album in England lancierten, sind die Leute auf mich zugekommen, als wären wir befreundet“, erzählt sie und klingt dabei nicht weiter erstaunt. „Die haben mit mir geplaudert, als würden wir uns kennen, und sagten Dinge wie: ,Oh, hi, Twigs. Wie geht’s eigentlich Carly? Und ich überlege mir dann immer, ob ich die nicht doch irgendwo schon mal gesehen habe.“

„Die Welt werde ich nicht verändern können“

Wenn Twiggy spricht, dann reizt es den Zuhörer häufig zum Schmunzeln. Weder in diesem Gespräch noch während öffentlicher Auftritte wie vor einiger Zeit als Jurorin von „America’s Next Top Model“ kommt sie überheblich daher. Ein früher mal sehr erfolgreich gewesenes Model, dazu eine Fernsehsendung, die auf „Next Top Model“ endet, das kennt man doch auch hierzulande: Heidi Klum. Dass Twiggy trotz zahlreicher Werbeverträge, trotz „America’s Next Top Model“ geachtet wird und nicht wie Heidi Klum von vielen kritisch beargwöhnt, spricht für ihr solides Wesen. „Obwohl, da gab es schon ein paar Mädchen, die ich nicht leiden konnte“, sagt sie über die Kandidatinnen der amerikanischen Sendung. „Die waren so von sich eingenommen. Ich habe versucht, konstruktiv zu bleiben, aber für sie stimmen konnte ich nicht.“

Über „America’s Next Top Model“ kommt Twiggy auf die Anekdote an einer Kasse im Supermarkt zu sprechen. „Wenn ich länger von zu Hause weg bin, dann wohne ich gerne irgendwo mit einer Küche. Hotels, die sind ja schön und gut, aber wenn man sich noch nicht einmal eine Tasse Tee kochen kann . . .“ Twiggy steht also in einem amerikanischen Supermarkt an der Kasse, als es zum Überfall kommt - zum Überfall der amerikanischen Teenager. „Oh mein Gooott, es ist Twiggy, oh mein Gooott! Wird Suzy wohl gewinnen? Und ich dachte, worüber reden die bloß, bis es mir wieder eingefallen ist. Na klar, es geht um ,America’s Next Top Model’. Diese Welt ist wirklich verblüffend.“

Ganz Geschäftsfrau, stört sich Twiggy aber nicht weiter daran und fügt sich dem System. „Erstens werde ich die Welt sowieso nicht verändern können und zweitens ist es lustig, da mitzumachen. Ich meine, schauen Sie sich das Musikgeschäft von heute doch an.“ Twiggy verzieht ihr Gesicht zu einer Grimasse und suggeriert damit, dass sie aus den Veränderungen heute nicht mehr schlau wird. Nichts sei wie damals, sagt sie, als Musikläden noch Einfluss hatten und sich die Leute ihre Alben noch nicht herunterladen konnten. „Da ist eine Castingshow doch eine tolle Plattform, um als junger, talentierter Sänger gehört zu werden.“

Sitzt sie also auch, wenn „X Factor“ läuft - ein britisches „Deutschland sucht den Superstar“ - vorm Fernseher? „Na klar, ich liebe diese Shows. Ich kann mich da richtig hineinsteigern. Bei uns war neulich so eine tolle irische Sängerin dabei. Wunderschön, ich habe sie geliebt. Und wissen Sie was? Ich habe jede Woche angerufen und für sie gestimmt.“

Twiggy damals und heute

Twiggy wurde 1949 als Lesley Hornby in London geboren. Ihren Spitznamen bekam das zierliche Mädchen schon als Kind in der Schule. Kurze Zeit später, in ihrer Jugend, folgte dann die große Karriere. Der Londoner Friseur Leonard Lewis schnitt ihr die Haare radikal ab, eine Moderedakteurin wurde auf die Sechzehnjährige aufmerksam, und schon hatte sie die britische Tageszeitung "Daily Express" zum Gesicht der Sechziger erklärt. Aber so schnell wie Twiggy als Model gekommen war, sollte sie auch wieder gehen: Nach fünf erfolgreichen Jahren nahm sie Anfang der Siebziger Abstand vom Model-Geschäft. Sie begann zu singen und zu schauspielern, heiratete zweimal und wurde Mutter einer Tochter. Heute lebt sie in London, wo sie neben der Musik und der Schauspielerei auch wieder als Model tätig ist. Ihr neues Album "Romantically Yours" erscheint am Freitag. "Sie ist wie eine Freundin, die auf meiner Schulter sitzt": Twiggy über Twiggy. Sie ist seit den Achtzigern glücklich verheiratet und hat die Grünen gewählt.

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