http://www.faz.net/-gum-992i8

TV-Kritik: Echo 2018 : „Provokation im Rap muss Grenzen haben“

Protzen mit dicken Muskeln: Kollegah und Farid Bang bei der Echo-Verleihung Bild: dpa

Trotz des Ärgers um ihre antisemitischen Textzeilen gewinnen Kollegah und Farid Bang einen Echo. Campino und Kollegah nutzen die Bühne für politische Ansagen. Schlauer ist danach aber niemand.

          Kurz vor der Echo-Verleihung hat das Internationale Auschwitz Komitee noch erklärt, die Teilnahme von Kollegah und Farid Bang an der Preisverleihung sei „für alle Überlebenden des Holocaust ein Schlag ins Gesicht und ein für Deutschland beschämender Vorgang“. Am Donnerstagabend haben die beiden Rapper in Berlin dann nicht nur einen Auftritt gehabt, sondern auch den Echo in der Kategorie Hip-Hop/Urban National gewonnen.

          Leonie Feuerbach

          Redakteurin in den Ressorts Gesellschaft und Politik bei FAZ.NET.

          Das wird wohl Gesprächsthema Nummer eins nach dem diesjährigen Echo sein. Dabei gäbe es durchaus noch andere. Etwa, wie viel Werbung Vox zeigte, wodurch die vermeintliche Live-Übertragung sich verzögerte und die Gewinner bereits bei Twitter nachzulesen waren, bevor sie im Fernsehen ausgerufen wurden. Oder dass viele der Gewinner wie zum Beispiel Ed Sheeran und Pink nicht einmal anwesend waren. Oder dass nach wie vor nicht ganz klar ist, auf welcher Grundlage die Preise vergeben werden. Einerseits gehen sie an die kommerziell erfolgreichsten Künstler, andererseits darf eine Jury mitreden – aber deren Votum kann die Bedeutung der Verkäufe dann doch nicht ganz übertrumpfen, sondern zählt nur halb.

          „Ich will hier keine Politikdebatte daraus machen“

          Gesprächsthema Nummer eins wird die Debatte um Kollegah und Farid Bang aber auch wegen des emotionalen Auftritts von Campino sein. Der Frontmann der Toten Hosen las mit etwas nervöser Stimme eine Rede vom Zettel ab, als er den Preis der Kategorie Rock National entgegennahm. Provokation müsse auch im Rap ihre Grenzen haben, sagte Campino. Und bei frauenverachtenden, homophoben, rechtsextremen und antisemitischen Beleidigungen sei die überschritten. Viele Zuschauer applaudierten ihm stehend.

          „Ich will hier keine Politikdebatte daraus machen“, reagierte Kollegah erst ganz cool. Wem das Thema wirklich am Herzen liege, der könne ihn ja auf der Aftershowparty darauf ansprechen. Als er dann mit seinem Kollegen Farid Bang für die Echo-Übergabe auf die Bühne kam, trat er doch noch mal nach. Campino habe sich als moralische Instanz aufgespielt, obwohl er, Kollegah, sich jetzt doch schon so oft zu dem Thema geäußert habe. Das gebühre einem so großen Musiker nicht, sagte Kollegah unter Buhrufen und Pfiffen aus dem Publikum.

          Später traten Kollegah und Farid Bang wie angekündigt auf der Bühne auf. Während sie rappten, standen Dutzende vermummte Typen in bedrohlicher Pose im Hintergrund herum. Die Auschwitz-Zeile ließ Kollegah aus. Stattdessen rappte er, seine Musik werde menschenverachtend bleiben – aber nicht so menschenverachtend wie Reality-Shows im Fernsehen. Das sieht das Auschwitz Komitee vermutlich anders.

          Der ganze Streit war unter anderem um die Textzeile „Mein Körper definierter als von Auschwitzinsassen“ vom neuen Album der beiden „Jung, brutal gutaussehend 3“ entbrannt. Der Echo sah sich genötigt, seinen Ethik-Beirat einzuschalten. Das Album sei zwar ein „Grenzfall“, erklärte der. Die künstlerische Freiheit werde von den Rappern aber „nicht so wesentlich übertreten, dass ein Ausschluss gerechtfertigt wäre“. Es klang irgendwie hilflos, wie die Veranstalter weiter erklärten: „Kollegah & Farid Bang treten als zwei außerordentlich erfolgreiche Repräsentanten des Genres HipHop auf, das seit über einem Jahrzehnt von sehr vielen Menschen hierzulande gehört wird.“ Und: „Wir sehen doch, dass wir über ein weitaus größeres, gesellschaftliches Thema sprechen als über einen Musikpreis.“

          Sollte der Ethik-Beirat damit meinen, dass es auch außerhalb des Gangstaraps Antisemitismus gibt, so hat er natürlich Recht. Damit verschwindet aber die Frage nach Antisemitismus im Hiphop nicht. Das scheint aber Kollegah so aufgefasst zu haben, der in seiner kindischen Antwort auf Campino auf der Echo-Bühne auch noch den Ethik-Beirat erwähnte, als habe der ihn von jeglichen Antisemitismus-Vorwürfen freigesprochen. Dabei ist es natürlich nicht damit getan, sich wie Farid Bang bei einer Musikerin zu entschuldigen, die den Holocaust überlebt hat oder wie Kollegah zu erklären, alle jüdischen Fans würden fortan kostenlos seine Konzerte besuchen dürfen. Die Frage bleibt, ob im Gangstarap, der von der Beleidigung und Erniedrigung anderer (Rapper) mit grenzüberschreitenden Wortspielen lebt, das, was sich anhört wie Antisemitismus, wirklich kein Antisemitismus ist.

          Es ist zu vermuten, dass der Echo mit seiner umstrittenen Preisvergabe darauf keine Antwort geben will. Die unpassende Auszeichnung wird dem Musikpreis aber vermutlich auch nicht schaden. Denn über den Echo schimpfen Kritiker schon so lange, wie es ihn gibt. Die Show und die (Playback-)Auftritte seien langweilig und blutleer und die prämierte Musik schlecht, weil die Deutschen einen miesen Musikgeschmack hätten, der Echo aber die Musik auszeichnet, die sich am besten verkauft.

          Der Echo hatte also kaum etwas zu verlieren. Und dass die Musikbranche mit ihrem Kommerzpreis gerne um jeden Preis Schlagzeilen macht, hat sie schon bewiesen, als sie letztes Jahr Xavier Naidoo moderieren ließ, der in einem seiner Lieder in Anspielung auf die jüdische Bankiersfamilie Rothschild von „Baron Totschild“ schwadroniert. Und als sie im Jahr davor der Band Frei.Wild einen Echo verlieh, die sie noch ein paar Jahre zuvor wegen ihrer nationalistischen Texte ausgeschlossen hatte.

          Aber wer weiß: Vielleicht ist ja jemand auf Kollegahs Angebot eingegangen und auf der Aftershowparty gab es dann doch noch ein paar fruchtbare Gespräche darüber, wo Grenzen des guten Geschmacks im Hiphop verlaufen. Außer Kollegah hätte es dafür zumindest noch einen anderen interessanten Gesprächspartner gegeben: den jüdischen Rapper Spongebozz. Auch er war in der Kategorie Hiphop/Urban National nominiert. Wäre der Echo ein Kritiker- und kein Kommerzpreis: Vielleicht hätte er dann sogar gewonnen. Ihm wird immerhin kein Antisemitismus vorgeworfen. Sondern „nur“ Frauenfeindlichkeit und Homophobie.

          Die wichtigsten Preise beim Echo 2018

          Künstlerin Pop National: Alice Merton
          Künstler Pop National: Mark Foster
          Band Pop National: Milky Chance
          Rock National: Tote Hosen
          Hiphop/Urban National: Kollegah und Farid Bang
          Schlager: Helene Fischer
          Dance National: Robin Schulz
          Kritikerpreis National: Haiyti
          Newcomer National: Wincent Weiss
          Hit des Jahres: Ed Sheeran
          Album des Jahres: Ed Sheeran
          Künstler International: Ed Sheeran
          Band International: Imagine Dragons
          Newcomer International: Luis Fonsi

          Lebenswerk: Klaus Voormann

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Deutschlandbesuch : Kein großer Auftritt für Erdogan

          In der Vergangenheit hatte der türkische Präsident Ansprachen vor mehr als 10.000 Menschen in Deutschland gehalten. Darauf wird er beim Besuch kommende Woche verzichten. Stattdessen gibt es zwei Treffen mit der Kanzlerin.

          Kramp-Karrenbauer zu Maaßen : Koalition wäre fast zerbrochen

          Die Gefahr von Neuwahlen habe konkret im Raum gestanden. So versucht die CDU-Generalsekretärin ihren Parteimitgliedern den Postenwechsel zu erklären. Laut Umfrage wünschen sich die meisten Deutschen, dass Maaßen gänzlich abtritt.
          In Trumps Fadenkreuz: Amerikas Justizminister Jeff Sessions

          Trump über Jeff Sessions : „Ich habe keinen Justizminister“

          Der amerikanische Präsident macht Jeff Sessions unter anderem dafür verantwortlich, dass die Russland-Ermittlungen noch laufen. Außerdem sei dieser auch schuld daran, dass es immer noch illegale Immigration gebe.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.