23.08.2010 · Es sind Orte, die den meisten von uns nur von außen bekannt sind: türkische Männercafés. Die Fotografin Loredana Nemes hat sich ihnen genähert - und Läden und Gäste porträtiert. Es entstanden Bilder unserer Fremde.
Es sind Parallelwelten mitten in deutschen Städten. Den Frauen zwar nicht verboten und doch den Männern vorbehalten. Dort trinken sie Tee, spielen Karten, gucken Fußball, lesen Zeitung, beten, sitzen und sinnieren vor sich hin. Die Fotografin Loredana Nemes hat sie porträtiert - durch die Ladenscheiben hindurch.
Frau Nemes, was hat Sie gereizt, die Außenansichten türkischer Männercafés zu fotografieren?
Die Idee ist aus dem Alltag heraus entstanden. Ich wohne und arbeite in Kreuzberg und Neukölln, und mein täglicher Weg auf dem Fahrrad von zu Hause zum Atelier führt mich an vielen solcher Cafés vorbei. Diese Orte sind meist unzugänglich; der Blick in sie hinein ist verstellt durch Vorhänge, Pflanzen, Milchglas oder Folien. Man erkennt, dass da eine gewisse Lebendigkeit ist, aber man sieht nicht genau, was vor sich geht; man kommt nicht hinein. Das stachelt natürlich die Neugier an: Was spielt sich da für ein Leben neben meinem ab?
Ihre Fotos übernehmen die Perspektive, welche die meisten Deutschstämmigen auf die Cafés haben, die Perspektive der Mehrheitsgesellschaft: von draußen in Räume, die man undeutlich wahrnimmt und selbst nie betreten wird. Das ist die Absicht, oder?
Ja. Ich simuliere den Blick im Vorübergehen, den Blick der meisten, denn die meisten bleiben draußen. Und erst recht bleibe ich als Frau draußen, denn diese Cafés sind zwar nicht auf dem Papier als Männerorte definiert, werden aber letztendlich nur von Männern genutzt. Meine Fotografien zeigen beides, die Außenwelt, gekennzeichnet durch das Pflaster und Fassaden, sowie die Innenwelt, Einblicke in diese beinahe aquarienhaft wahrgenommenen Räume, lichtdurchflutet, in denen sich Schemen zeigen, aber meistens nicht mehr.
Warum immer bei Nacht?
Weil sie den Voyeurismus steigert. Und weil sie hilft, die Außenwelt zu isolieren; so kommt sie nicht als Spiegelung in den Bildern vor.
Es sind Berliner Cafés, wo genau?
Schwerpunktmäßig in Kreuzberg, Wedding und Neukölln, weil da viele Kulturen nebeneinander leben und die Viertel mir bekannt sind. Ich habe zwar vornehmlich Türken da getroffen, aber auch Libanesen oder Aserbaidschaner.
Sie sind zu den Cafés gefahren und haben die Kamera aufgestellt?
Ja, meine Assistentin und ich; sie war mir auch organisatorisch eine Hilfe. Denn die Belichtungen dauern lange, manchmal bis zu 60 Sekunden, sodass der Gehsteig abgesperrt werden muss, damit keine Passanten durchs Bild laufen, und dergleichen. Ich arbeite mit einer alten Linhof-Plattenkamera, die Negative haben das Format 10 mal 13; das ist ein großes Format und führt zu einer hohen Wiedergabegenauigkeit. Wir haben sogar für jede Aufnahme vor dem Café gekehrt, damit Unwichtiges nicht zu stark hervortritt.
Und die Besitzer und Gäste der Cafés, die wussten Bescheid?
Wir sind meistens hingegangen, haben geklopft und gewartet, bis jemand rauskam, den ich um Erlaubnis fragen konnte. Ich wollte diese Räume nicht betreten, bevor die Außenaufnahme fertig war, um mir das Mysteriöse zu erhalten.
Wie haben die Leute reagiert?
Bis auf zwei Orte, wo wegen der Sprache der Zugang nicht möglich war, haben alle zugestimmt, haben uns entweder machen lassen oder sich dazugesellt. Meine alte Kamera hat die Neugier vieler Männer auf sich gezogen. Sie hat keinen Sucher; auf einer Mattscheibe sieht man das Bild – aber auf dem Kopf. Um es überhaupt zu sehen, muss man unter das schwarze Tuch schlüpfen.
Sie sind dann aber auch reingegangen in die Cafés, wenn die Aufnahme fertig war?
Wir sind fast immer eingeladen worden; noch während wir draußen standen, hat man uns Tee gebracht oder sogar ein Sandwich, wenn man fand, dass es gar zu lange dauerte mit der Aufnahme.
Eigentlich sind diese Cafés Orte der Abschottung, oder?
Richtig. Es sind Orte, die Intimität wahren, die Blicke von außen nicht zulassen sollen. Während die Frauen im häuslichen Zuhause ihre Reviere haben, suchen sich die Jungs, die Männer, die alten Herren – denn alle Generationen sind vertreten – in diesen Cafés so etwas wie ein zweites Zuhause. Sie trinken Tee, spielen Karten, gucken Fußball, lesen Zeitung, beten, sitzen und sinnieren vor sich hin.
Sie sind da ja eigentlich doppelt nicht vorgesehen – als Nicht-Türkin und als Frau.
Nicht vorgesehen, das stimmt, aber auch nicht unerwünscht. Frauen nutzen diese Räume nicht, aber sie sind ihnen nicht verboten. Es ist wie ein stilles Abkommen. Ich war für die Leute dort ähnlich exotisch, als Frau, als Fotografin, unterwegs bei Nacht, mit einem Hünen von Kamera, wie diese Männer für mich.
Diese Situation kennen Sie ähnlich aus Ihrer Kindheit, oder?
Ja, als ich zwölf war, habe ich die nahöstliche Welt kennengelernt, weil mein Vater eine Weile in Iran gearbeitet hat. Ich erinnere mich daran mit viel Freude – aber eben auch an die mir unbekannte Geschlechtertrennung. Ich hatte schon immer eher mit Jungs gespielt als mit Mädchen und sollte nun plötzlich bei den Frauen hocken, während mein Vater in verqualmten Räumen mit anderen Männern zusammensaß und spannende Gespräche führte. Ich habe immer Vorwände gesucht, um anzuklopfen, den Vater rauszulocken und Blicke reinzuwerfen.
Worüber haben Sie mit den Männern in den Cafés geredet?
Ich komme selbst ursprünglich aus Rumänien, lebe aber schon lange in Deutschland. Die Entwurzelung, der Neuanfang in der Fremde, aber auch der Stolz auf die Heimat waren für viele dieser Männer ebenso ein Thema wie für mich. Das hat uns verbunden. Es gab aber auch Orte, die wir fotografiert haben, in die wir aber nicht eingeladen wurden. Ich wollte nicht nur ein Bild machen, ich wollte auch meine eigene Neugierde stillen: Wie sieht’s darin aus?
Im „Tagesspiegel“ habe ich gelesen, auch manche Türken betrachteten die Cafés als Zeitverschwendung. Eltern erkundigen sich vor der Hochzeit, ob der Schwiegersohn ein „Kahveci“, ein notorischer Cafégänger, ist.
Ich habe mich auch gewundert, wie man so viel Zeit im Café verbringen kann. Ein Besitzer sagte mir, manche sitzen stundenlang da mit einem einzigen Tee. Da stellt sich auch die Frage, wie rentabel diese Cafés sind. Manche von denen, die ich fotografiert habe, haben inzwischen einen anderen Besitzer oder existieren schlichtweg nicht mehr. Wenn das Café wie ein Wohnzimmer genutzt wird, passiert das eben.
Sie haben ja auch Porträts einiger Männer gemacht. Wie haben die Männer auf die Frage nach einem Porträt reagiert?
Meine Frage hat viele überrascht. Viele haben mitgemacht, manche auch nicht, manche sagten: „Komm, Ali, geh du vor.“ Das ist nicht so leicht, man wollte bloß einen Tee trinken, auf einmal ist da so eine Fotografin. Außerdem waren die Männer irritiert, weil ich sie hinter Glas fotografierte, wo man nicht weiß, wie man wirkt.
Wie ging es dann vor sich?
In der klassischen Porträtsituation gibt es einen Dialog; hier konnte man einander weder hören noch sehen, ich musste durch ein Klopfzeichen signalisieren: Jetzt bitte stillsitzen. Die Schärfe liegt bei den Bildern ja auf der Fensterscheibe; sichtbar ist nur, was nahe an der Scheibe ist. Es ist kein Porträt mehr im eigentlichen Sinn.
Stärker noch als in den Außenansichten sehe ich in den Porträts aber schon sehr – das Fremde.
Genau, das Fremde, das Unergründete, wovor man sich vielleicht fürchtet, was aber vielleicht auch Neugier weckt: Wie sieht der hinter der Scheibe aus? Für mich visualisiert die Scheibe die Fremdheit: Oft betrachtet man einen Mensch, besonders wenn er aus einer fremden Kultur kommt, nicht mit völliger Offenheit; man ordnet ihn irgendwie ein mit Hilfe der Muster, die im eigenen Kopf vorhanden sind, und genau diese Muster, durch die wir Fremde betrachten – das sind die Muster der Scheiben.
Was mir gerade auffällt: Sie haben Bilder gemacht, die eine bestimmte Neugier nicht auflösen . . .
Ja, Gott sei Dank.
Für sich selbst aber haben Sie diese Neugier gestillt, indem Sie in die Cafés reingegangen sind.
Ja, das ist mein Privileg. (lacht) Trauen Sie sich doch mal rein! – Genau dieses Spiel mit der Neugierde, das wollte ich. Gerade für die Fotografie, die so vieles zeigt, mit einer Kamera, die so detailgetreu abbildet, dass man sogar die Telefonnummer der Praxis neben dem Café lesen kann, ist das Unsichtbare, Verhüllte eine Herausforderung – trotzdem sehen wir nicht, was drinnen passiert. Diese Parallelwelten gibt es, wir leben dieses Nebeneinander ja, nicht nur in Berlin.
ganz wichtige Sache...
Michael Meier (never1)
- 23.08.2010, 12:33 Uhr
Sehr ästhetisch ...
Renate Babiel (Fanila)
- 23.08.2010, 17:10 Uhr
Die Cafes finde ich interessant...
Markus Leibold (MSL)
- 23.08.2010, 18:39 Uhr
Hurz
K. Christen (tusch)
- 23.08.2010, 20:32 Uhr
ganz wichtig
Wolfgang Salewski (Singener)
- 23.08.2010, 21:50 Uhr