Home
http://www.faz.net/-gun-qath
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Trauung in Windsor Gruppenbild mit Sphinx

11.04.2005 ·  Nach der Hochzeit in Windsor vermied es die Königin, ihre neue Schwiegertochter anzublicken. Die erste öffentliche Amtshandlung von Charles und Camilla wird die Eröffnung eines Spielplatzes in Schottland sein.

Von Bernhard Heimrich, London
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Den Stoßseufzer der Erleichterung konnte man sogar durch die dicken Mauern von Schloß Windsor hören.

In den acht Wochen seit der hastigen Verkündung der Heiratspläne des Kronprinzen ist fast alles schiefgegangen. Aber am Tag hat es nicht geschneit, nicht einmal geregnet; die Menge war überschaubar, aber durchweg freundlich; die Schwester der Braut, die mit einem Immobilienmakler verheiratet ist, hat vor dem Standesamt wild um sich gewinkt, aber die Braut selbst hat sich benommen, als wäre sie gerade Herzogin geworden; die fortwährend angekündigten Außerirdischen sind nicht gelandet, sieht man einmal ab von dieser Schwiegerfamilie; und auch das Würfelspiel für die bessere Gesellschaft und die vergangenen 44Tage wurde zuletzt ins Unrecht gesetzt: „Noch vier Tage, und Prinz Philip bietet an, die Rede zu halten. Drei Kästchen zurück. Kontrolliere währenddessen, ob Fergie auf der Liste steht!“

Witzig und warmherzig

Die Herzogin von York ist nicht gekommen, und die Rede an die 800 Gäste, die nach der Andacht zum Häppchenfassen in den Festsaal des Schlosses geschlendert waren, hielt die Königin. Wie üblich wurde der Vortrag von ausgesuchten Zuhörern nachher als witzig und warmherzig gerühmt. Warmherzig war vor allem, daß Elisabeth der gepeinigten Versammlung sagte, was sie wirklich durstig war zu hören, wer nämlich gerade das „Grand National“ von Aintree gewonnen hatte. Sieger ist ein Pferd namens Hedgehunter.

Und ihr Sohn, ergänzte die Rednerin, als sei ihr gerade eine Idee gekommen, sei nun zu guter Letzt auch durchs Ziel geprescht über Hürden, Gräben und überhaupt. Der Termin dieses Rennens, ein Hochfest im Kalender aller Pferdeliebhaber und ihrer Königin, hatte zuletzt ebenfalls das Gelingen der Hochzeit bedroht. Aber das ist jetzt alles Vorgeschichte und vergessen. Ein Kästchen weiter.

Erste Amtshandlung auf dem Kinderspielplatz

Der nächste Teil dieser Geschichte wird nicht in den Palästen geschrieben, sondern in den Dörfern. Ballater zum Beispiel, ein Dorf in Schottland, wird die ersten öffentliche Amtshandlung des Kronprinzen und der Herzogin von Cornwall erleben. Am Donnerstag eröffnen Charles und Camilla dort einen Kinderspielplatz. Bei anderen Neuvermählten wäre die Einladung eine zwinkernde Ermunterung des Gemeinderats; aber hier geht es nicht um das Sujet, sondern um den Ort.

Die Leute von Ballater sind die Nachbarn von Birkhall, dem Landhaus am Rand des Anwesens von Schloß Balmoral, in dem die beiden ihre altersgerechten Flitterwochen begehen. Der Prinz hatte Camilla das Haus aber schon seit den Jahren ihrer ersten Ehen oft und ausgiebig gezeigt, denn es ist von Wald umgeben und von der nächsten öffentlichen Straße praktisch nicht einsehbar. Als loyale Hintersassen des königlichen Großgrundbesitzes werden die Dörfler den Ansturm des Fernsehens auf ihren neuen Kinderspielplatz gutmütig, ja begeistert ertragen.

Eine wundersame Wirkung

Ein anderer Ort hätte ebenfalls eine Chance gehabt, in die feudale Geschichte einzugehen, hat sie aber ausgeschlagen. Auf der Insel Bute am anderen, westlichen Ufer Schottlands liegt Rothesay, das dem schottischen Titel des Paares den Namen gibt. Herzog von Rothesay ist eine der Würden, die der Kronprinz erbt und mit seiner Frau teilt. Auf manche Titel und Würden der königlichen Familie hat die Grenze zu Schottland eine wundersame Wirkung. Selbst Königin Elisabeth wird bei jedem Herbsturlaub auf dem Weg von Windsor nach Balmoral von einer Anglikanerin zu einer Presbyterianerin, denn beim Betreten Schottlands wird das Oberhaupt der Kirche von England zum Oberhaupt der Kirche von Schottland.

Ebenso unversehens wird die englische Herzogin von Cornwall bei der Reise zur Herzogin von Rothesay. Beim erstenmal war es zum Eingewöhnen sogar ein dreifacher Wechsel, denn am Samstag morgen war sie noch als Frau Parker Bowles wach geworden. Jedenfalls hatte der Gemeinderat der Insel darüber nachgedacht, ob man die Neuvermählten aus Anlaß ihres denkwürdigen Aufenthalts in der Gegend artig nach Rothesay einladen solle. Die Antwort war ein schroffes Nein. Man war sich sogar so einig, daß es gar keine Debatte gab. Ein Gewährsmann berichtet, der Tagesordnungspunkt „wurde abgeschossen und stürzte in Flammen zu Boden“. Denn auch mit ihrer Zuneigung gehen Schotten sparsam um, und in Rothesay gehört sie eindeutig noch der vorigen Trägerin des Titels.

Der versteckte Gegenpol

Das dritte Dorf heißt Snettisham und liegt an wieder einer anderen Ecke der Insel in Norfolk. Dort wohnen, wenn sie „auf dem Lande“ sind, Sir Robert Fellowes, der frühere Privatsekretär der Königin, und seine Frau, Lady Jane. Als Prinz Charles zum erstenmal heiratete, waren sie noch dabei, denn Jane ist Dianas ältere Schwester. Zum fraglichen Wochenende haben die Fellowes sich den Grafen Spencer eingeladen, Janes und Dianas Bruder und das heutige Familienoberhaupt der Spencers.

Damit wurde das Dorf ganz nebenbei der bescheidene, versteckte Gegenpol der Hochzeit von Windsor. Der Anlaß war eine kirchliche Wohltätigkeitsveranstaltung, als deren Attraktion der junge Graf aus seinem Buch über eine Schlacht von 1704 vorgelesen hat, die ebenfalls fortwährend ihren Namen wechselt. In England heißt sie die Schlacht von Blenheim, in Deutschland die Schlacht von Blindheim, und der Krieg ist der Spanische Erbfolgekrieg gegen die Franzosen gewesen. Der ruhmreiche englische Heerführer aber war ein Vorfahre der Spencers.

Ein Zufall, keine Demonstrantion

Diese Familie hat überhaupt einen älteren und knorrigeren Stolz als die Windsors. Als Charles und Diana heirateten, war für die alten Sippen gar nicht ausgemacht, wer in Wahrheit wem die Ehre gab. An diesem Wochenende ist es wieder einmal an der Zeit gewesen, subtil daran zu erinnern. Der Kirchenvorstand von Snettisham versichert allerdings, die Überschneidung der Termine habe sich zufällig ergeben und sei nicht etwa als Demonstration zu verstehen.

Außerdem ist Snettisham nur ein Dorf, dessen Namen man in Windsor und seinem Vorort London wohl noch nie gehört hat. Doch für die königliche Firma sind die eigenwilligen privaten Meinungen auf den Dörfern, die ihre Jahresringe nur bedächtig ansetzen und wahren, auf lange Sicht vielleicht wichtiger als die wechselhafte, mit Werbebudgets beeinflußbare öffentliche Meinung der Städte.

Die drei Rätsel der Queen

Die Königin hat dem Land das Gesicht einer freundlichen Sphinx gezeigt. Nur das erste ihrer drei Rätsel scheint gelöst: Warum hat sie nicht an der Ziviltrauung teilgenommen? Offiziell hatte es geheißen, sie richte sich nur nach den Wünschen des Paares, das möglichst wenig Aufwand wolle. Später wurde berichtigt, Elisabeth sei überzeugt, ihre Rolle als weltliches Oberhaupt der Kirche von England vertrage sich nicht mit der billigenden Anwesenheit bei dieser Zeremonie, die der Kirche nur Verlegenheit bereite.

Das zweite Rätsel arrangierte sich, als das Paar am Schluß der Andacht in der Schloßkapelle an Elisabeth vorbeischritt. Die Fernsehkameras waren auf Charles und Camilla gerichtet, wie er sich verbeugte und sie in einen eleganten Hofknicks versank. Man hätte in diesem Augenblick aber viel lieber das Gesicht der Königin kontrolliert. Hat sie herzlich gelächelt, oder hat sie nur jene freundliche Miene gezeigt, mit der sie „arbeitet“? Die nämlich benutzte sie draußen auf der Freitreppe.

Die Enttäuschung des Tages

Für die Fotografen war die Treppenszene die Enttäuschung des Tages. Nach der Trauung des Prinzen Edward hatten die Gäste noch eine Weile hier herumgestanden. Daraus wurde ein zwangloses Hochzeitsfoto mit Familie. Es war nicht alles ideal. Prinz William hatte sein Gesicht so verkniffen, daß für die Zeitungen der Computer ein bißchen nachhelfen mußte, der noch jeden zum Lachen bringt. Doch es war zumindest ein Bild fürs Album der Nation, und auf den Stufen war es gemütlich eng geworden. Diesmal war es zu rasch vorbei, und es blieb zuviel Zwischenraum. Gewandt wie eine Schlange vermied Elisabeth es, ihre neue Schwiegertochter auch nur direkt anzublicken, geschweige denn, dem Paar eine familiäre Geste zu widmen.

Die Fotografen hätten der ganzen Familie dieselbe Regieanweisung zurufen können, die sie zwei Wochen früher dem Prinzen und seinen Söhnen beim mißratenen Fototermin im Schnee von Klosters gegeben hatten: „Tun Sie doch mal, als ob Sie sich kennten!“ Camilla war aber gut beraten, der Schwiegermutter nicht irgendeine öffentliche Intimität aufzunötigen. Schaudernd erinnert das Land sich heute noch an Elisabeths versteinerte Miene, als Premierminister Blair sie bei der Jahreswende 1999/2000 beherzt untergegriffen und zum Schunkeln genötigt hatte.

Der Verlierer: „Clan Royal“

Das also wäre die dritte Frage, und diesmal stellt die Sphinx sie ihrem Volk in Stadt und Land: Soll ich tun, als ob ich Sie kenne? Vielleicht kann die Königin nicht vergessen, was sie der Festgemeinde nicht verraten hatte. Denn bei dem bewußten Pferderennen hatte es nicht nur einen Gewinner gegeben, sondern auch einen Verlierer, und der hieß ausgerechnet „Clan Royal“.

Das Pferd war im Vorjahr Zweiter geworden, und wegen des ominösen Namens und Tages hatte es diesmal geradezu abergläubisches Interesse auf sich gezogen. Dasselbe gilt für das Ergebnis. Dabei hatte „Clan Royal“ selbst vom Start weg alles richtig gemacht. Roß und Reiter wurden erst ganz zuletzt aus dem Rennen geworfen von anderen Pferden, die außer Kontrolle geraten waren.

Quelle: F.A.Z., 11.04.2005, Nr. 83 / Seite 7
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen