http://www.faz.net/-gum-7wm1z
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER
Best Ager - Für Senioren und Angehörige

Veröffentlicht: 25.11.2014, 15:16 Uhr

Verlust eines lieben Menschen Nach zwei Wochen Trauer ist aber bitte Schluss!

Der Schmerz über den Tod eines geliebten Menschen hat im öffentlichen Leben kaum noch Platz. Getrauert werden soll allein im Privaten, möglichst still und bloß nicht zu lang – das erwartet mittlerweile gar die Medizin.

von Andrea Freund
© dpa Die Trauerzeit soll heutzutage genauso schnell vergehen wie die Haltbarkeit von Grablicht und Blumen.

Manches Grablicht, das in diesen Novembertagen auf dem Friedhof lebendig flackert, tut nur so. Statt einer Flamme brennt darin eine LED-Leuchte mit „realistischem Kerzenschein“. Die alten Kerzen im roten Plastikbecher schaffen es gerade über ein Gedenkwochenende, die künstliche Konkurrenz hält mit ihrer Batterie 200 Tage durch. Mehr als ein halbes Jahr. Und damit deutlich länger, als ein Mensch trauern darf, ohne als seelisch krank zu gelten. Zumindest, wenn es nach dem DSM-5 geht, der neuen Auflage des Diagnosemanuals für psychische Störungen der amerikanischen psychiatrischen Vereinigung. Anfang Dezember erscheint die deutsche Übersetzung davon, in der ebenfalls stehen wird, dass zwei Wochen nach dem Verlust eines geliebten Menschen Symptome wie Niedergeschlagenheit, Appetitverlust, Gewichtsabnahme, Antriebslosigkeit, sozialer Rückzug und Schlafstörungen als Depression diagnostiziert werden können.

Das DSM-3 von 1980 hatte für Trauer noch ein ganzes Jahr zugestanden, das DSM-4 von 2000 schon nur noch zwei Monate. Und jetzt also vierzehn Tage.

Mehr zum Thema

Beinahe hätte das DSM-5 gar nicht mehr zwischen natürlicher Trauer und Depression unterschieden. „In der ursprünglichen Fassung sollte jede ausgeprägtere Trauer Depression sein“, sagt Professor Wolfgang Maier, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde. Doch da der Protest gegen diese knappe zeitliche Definition zu groß wurde, sei nachträglich ins DSM-5 eine Anmerkung hineingeschrieben und eine Fußnote zum Umgang mit Trauer angeklebt worden, sagt Maier. „Die Autoren lassen es nun offen, eine feste Grenze zu setzen zwischen Trauer und Depression.“ Das Problem dabei: Wenn der Arzt diese Ergänzungen im Einzelfall nicht mit Sorgfalt anwende, könne es zu einer Überdiagnose kommen, sagt Maier. Nicht nur aus den Vereinigten Staaten kommt Kritik, dass Symptome von Trauer dann zu schnell mit Medikamenten wie Antidepressiva behandelt werden könnten.

„Trauer ist sehr persönlich und individuell“

„Trauer ist sehr persönlich und individuell, folglich dauert sie bei jedem Menschen unterschiedlich lang“, sagt Maier, „aber erst, wenn die Verarbeitung des Verlustes, dass ein Mensch gestorben ist, nicht glückt, es zu einer langfristigen Trauerreaktion kommt und jemand seinen Alltag etwa auch nach einem Jahr nicht bewältigen kann, wird daraus eine Erkrankung.“ Zehn bis 15 Prozent aller Trauernden sind von dieser „prolongierten“ oder „pathologischen“ Trauer betroffen. Es heißt, die Verfasser des DSM-5 konnten sich aber nicht darauf verständigen, diese spezielle Form aufzunehmen. Und so kommt sie im DSM-5 gar nicht vor. Anders als im ICD, einem weiteren Diagnosemanual, dessen elfte Auflage die Weltgesundheitsorganisation 2017 herausgeben will. Darin wird vermutlich die „pathologische Trauer“ benannt sein. Das ICD wird in Deutschland vor allem von niedergelassenen Ärzten genutzt, das DSM in Kliniken.

Doch vielleicht beschreibt – allen wissenschaftlichen Diskussionen und fachlichen Definitionen zum Trotz – das DSM-5 eigentlich nur die gesellschaftliche Entwicklung. Denn wie „normal“ ist Trauer tatsächlich heute noch? Wie viel Raum geben wir dieser tiefsten aller Verlusterfahrungen noch, dem Gefühlschaos aus Traurigkeit, Wut, Angst, manchmal auch Schuld? „Nach 14 Tagen jedenfalls hat man den Verlust noch gar nicht ermessen“, sagt die Schweizer Psychoanalytikerin und Psychologieprofessorin Verena Kast, „da ist man noch wie vor den Kopf geschlagen.“

1 | 2 | 3 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Unglück am Teich Obduktion der Geschwister bestätigt Tod durch Ertrinken

Nun ist es Gewissheit: Die drei Kinder sind in einem Teich in Nordhessen ertrunken. Doch noch gibt es offene Fragen: Haben die Eltern ihre Aufsichtspflicht verletzt? Hätte die Stadt den Löschteich sichern müssen? Mehr

21.06.2016, 15:46 Uhr | Gesellschaft
Nach dem Massaker von Orlando Amerika trauert

Eine Nation trauert um die Opfer von Orlando. Der mutmaßliche Attentäter Omar Seddique Mateen hat 50 Menschen in einem Nachtclub erschossen, bevor die Polizei die Diskothek stürmt und Mateen tötet. Der Club in Florida wurde vor allem von Schwulen und Lesben besucht. Viele Clubbesucher werden noch vermisst. Mehr

13.06.2016, 19:35 Uhr | Politik
Dankbarkeit und Trauer Weggefährten nehmen Abschied von Götz George

Die Trauer über den Tod von Götz George ist groß. Allerorts wird der Schauspieler als Ausnahmetalent gewürdigt, dessen künstlerisches Wirken weit über seine Rolle als Tatort-Kommissar hinaus ging. Mehr

27.06.2016, 12:01 Uhr | Feuilleton
Simbach am Inn Seehofer sagt Flutopfern weitere Hilfen der Landesregierung zu

Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer hat am Samstag das in der vergangenen Woche vom Hochwasser verwüstete Simbach am Inn besucht. Bei den schweren Unwettern in Niederbayern waren mehrere Menschen in den Fluten ums Leben gekommen. Seehofer wollte sich vor Ort selbst ein Bild von der Lage und dem Stand der Aufräumarbeiten machen und zeigte sich dabei sehr bürgernah. Mehr

05.06.2016, 22:57 Uhr | Gesellschaft
Massaker in Orlando Was wir über den Anschlag in Orlando wissen

Es ist der schlimmste Anschlag auf amerikanischem Boden seit dem 11. September. 49 Menschen wurden getötet, 53 weitere verletzt. Was wissen wir bisher über die Tat und was nicht? Ein Überblick. Mehr

13.06.2016, 11:12 Uhr | Politik

Wegen Hochzeitsstress? Kevin-Prince gratuliert Jérôme Boateng verspätet zum Tor

Kevine-Prince Boateng vergisst seinen Bruder, Beyoncé hat einen Überraschungsauftritt, und die italienische Designerin Chiuri wird wohl neue Dior-Chefin – der Smalltalk. Mehr 0

Frankfurter Allgemeine Stil auf Facebook
Nachrichten in 100 Sekunden
Nachrichten in 100 Sekunden