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Transgender in Indien : Weder er noch sie

  • -Aktualisiert am

Ein großer Tag: Hirjas in ganz Indien freuen sich über den Gerichtsbeschluss Bild: AP

In Indien gibt es mehrere Millionen Hijras, weibliche Seelen in männlichen Körpern. Auf den Straßen Delhis werden sie verachtet, verspottet, missbraucht. Seit kurzem sind sie offiziell als „drittes Geschlecht“ anerkannt. Ob sich dadurch viel ändert?

          Sanjana reißt die Arme in die Luft. Sie klatscht in die Hände und dreht sich schwungvoll um die eigene Achse. Wild wirbeln die Enden ihres grünen Sari durch die stickige Luft des kleinen Zimmers. Es ist drückend heiß in Indiens Hauptstadt Delhi, doch das kann Sanjana in ihrer Freude nicht bremsen. „Neu geboren, ich bin wie neu geboren“, singt sie zu einer bekannten Melodie aus einem indischen Bollywoodfilm. „Komm tanzt mit mir und lasst uns feiern.“

          Sanjana tanzt im Zeenat-Club im Osten Delhis. Zeenat bedeutet übersetzt Schönheit, Anmut. Doch das Gebäude ist eher unscheinbar, versteckt an einer schmalen, eng verwinkelten Seitengasse im Stadtteil Khajoori Khas. Am Eingang hängt lediglich ein kleines Schild. Man will nicht auffallen. „Die Nachbarschaft hat sich inzwischen an uns gewöhnt“, sagt Anjan Joshi, Leiter des Zeenat-Clubs. „Trotzdem müssen wir vorsichtig sein, es gibt zu viele Vorurteile gegen uns.“

          Weibliche Seelen in männlichen Körpern

          Drinnen sind die Wände rosa gestrichen, auf dem Boden sitzen Sanjanas Freundinnen, sie haben einen kleinen Kreis gebildet, trommeln und klatschen zur Musik. Sie alle sind Transgender, Hijras, wie sie in Indien genannt werden, weibliche Seelen in männlichen Körpern. Auf den Straßen Delhis werden sie verachtet, verspottet, oft auch missbraucht. Doch hier in der Obhut der Nichtregierungsorganisation Space (Society for Peoples’ Awareness, Care & Empowerment) fühlen sie sich sicher.

          Hier werden sie in juristischen Fragen beraten, gesundheitlich untersucht und können vor allem ihrer Freude freien Lauf lassen: Vor wenigen Wochen hat der Oberste Gerichtshof in Delhi offiziell die Existenz eines „dritten Geschlechts“ in Indien anerkannt. „Es ist das Recht eines jeden Menschen, sein Geschlecht frei zu wählen“, begründeten die Richter ihre Entscheidung.

          Zwei bis drei Millionen Hijras leben in Indien. Eine von ihnen ist Sanjana. Sie ist 28 Jahre alt und stammt aus dem indischen Bundesstaat Uttar Pradesh. Als sie vor 13 Jahren in die indische Hauptstadt kam, kannte sie niemanden. Keiner wollte etwas mit ihr zu tun haben, weil sie eine Hijra ist. Nun sitzt sie auf dem kleinen Sofa im Zeenat-Club und erzählt von ihrem bisherigen Leben - von einer Zeit, als sie noch Sanju hieß und der ersehnte Junge ihrer Eltern war.

          Doch schon als kleiner Junge wollte sie nie mit den anderen Jungs aus der Nachbarschaft spielen, Cricket interessierte sie nicht, sondern Puppen. Statt dunkler Stoffhosen trug sie lieber farbenfrohe Saris, sie kochte zu Hause für die ganze Familie und kümmerte sich um den Haushalt. „Ich war anders, wusste lange Zeit aber nicht, was es war.“

          Im Alter von 14 Jahren suchte sie das Gespräch mit ihren Eltern. Doch die reagierten mit Härte. Sie sei krank und müsse daher zu Hause bleiben. Sie nannten sie eine Schande für die Familie und verboten ihr, weiter zur Schule zu gehen. Zu Hause, so hofften die Eltern, käme ihr Kind sicherlich wieder zur Vernunft. Doch als Sanjana sagte, sie sei eigentlich eine Frau, jagten die Eltern sie aus dem Haus. Im Grunde hörte Sanjana in jenem Moment auf zu existieren.

          Bislang hatten Hijras in Indien keinen Geschlechtsstatus und bekamen daher keine offiziellen Dokumente wie einen Führerschein oder Pass. Für einen solchen Ausweis hätten sie sich zwischen dem männlichen und dem weiblichen Geschlecht entscheiden müssen. Wer sich nicht in eine der beiden Kategorien pressen lassen wollte, existierte für die indischen Behörden nicht.

          Die Hijras umgibt ein Aberglaube

          Sanjana verließ ihr Heimatdorf und kam nach Delhi, doch auch in der indischen Hauptstadt traf sie auf Vorurteile, auf Missachtung und Hass. „Die Leute grölen, sie schreien und pfeifen uns hinterher, wenn wir die Straße überqueren. Es ist wie ein Spießrutenlauf.“ Viele Krankenhäuser lehnen es ab, Transsexuelle zu behandeln. Sie dürfen kein Eigentum besitzen, nicht heiraten oder ihre Identität in ihrem Pass oder Führerschein vermerken. „Wir sind ganz normale Menschen. Und um hübsch zu sein, müssen wir auch mal in den Salon. Aber keiner bedient uns“, erzählt Sanjana. Eigentlich wollte die Achtundzwanzigjährige Sängerin werden oder Tänzerin in einem Bollywoodfilm.

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