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Begegnung mit Thees Uhlmann : Der ewige Sabbler

Vom Blockflötenjungen über den Punk ohne Krankenversicherung zum gediegenen Rock’n’Roller und Romanautor: Thees Uhlmanns Lebensweg ist verschlungen. Bild: Andreas Pein

Wenn Thees Uhlmann damit anfängt, was er Sabbeln nennt, kommt meist etwas Originelles heraus. Viele Songs der Band Tomte sind so entstanden - und nun ein Roman. Ein Treffen in Berlin.

          Die Postkartenweisheit „Lebe jeden Tag, als wäre es dein letzter“ sollen sich andere an den WG-Kühlschrank hängen. Thees Uhlmann schimpft, darin komme doch nur ein fast moralischer Anspruch auf Abgeklärtheit und Überlegenheit zum Ausdruck, die eitle Botschaft: „Ich bin so ein cooler Typ und hab die Checkung!“ Typisch Uhlmann. Der einstige Tomte-Frontmann, Heimatpoet und romantischster Rocker des deutschen Pop, kann es auch nicht leiden, wenn Musiker vorgeblich bescheiden in Interviews herumdrucksen, eigentlich aber zu arrogant sind, um über ihr Werk zu sprechen. Oder wenn Eltern ihre Kinder als Verlängerung des eigenen Egos missbrauchen und sie in Ramones-T-Shirts stecken, weil das der eigenen Punk-Vergangenheit so vorzüglich steht.

          Julia Schaaf

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Interessanter findet Uhlmann die Frage, die er als universales Spiel bezeichnet und über die er gerade seinen ersten Roman geschrieben hat: Was würdest du machen, wenn du noch 48 Stunden zu leben hättest? „Das ist doch ein ganz zentraler Bestandteil des menschlichen Lebens, sich gegenseitig Fragen zu stellen“, sagt der Einundvierzigjährige, „das finde ich toll.“ Was ist dein Lieblingsessen? Was war dein Lieblingskleidungsstück als Kind? Was machst du, wenn du nicht einschlafen kannst? Was tust du gerne, was andere nicht gerne tun? Und hast du mal an Gott geglaubt? In Uhlmanns Buch findet sich ein ganzer Katalog solcher Fragen, von denen der Musiker glaubt, dass sich Kinder von Indonesien bis in die Antarktis damit die Zeit vertrieben. „Nachdenken über ganz normale Sachen“, nennt er das, was freilich untertrieben ist. Denn letztlich geht es um Geschichten, die man einander erzählt, um aus der Normalität eine Essenz herauszuschälen, eine Art Fingerabdruck des eigenen Seins.

          Jede Menge quasi-philosophische Betrachtungen

          So kommt es, dass in Uhlmanns Roman der Tod vor der Türe des Ich-Erzählers steht, und nur weil plötzlich auch seine Exfreundin klingelt, gewinnt der Protagonist ein paar Tage Zeit bis zu seinem eigenen Ableben. Was dann passiert, ist eine Art literarisches Roadmovie zu dritt, wobei auch der resoluten Mutter der Hauptperson eine zentrale Rolle zukommt. „Sophia, der Tod und ich“ (Kiepenheuer & Witsch, 17,99 Euro, von Donnerstag an im Handel) ist ein spielerischer Text über letzte, aber auch ganz normale Dinge, witzig, berührend, mitunter erhellend. Es gibt pointierte Dialoge, eine Sexszene, der man auch als Frau etwas abgewinnen kann, und jede Menge quasi-philosophische Uhlmann-Betrachtungen, wie man sie aus dessen Songtexten kennt, einem Umfeld abgeschaut, das sich nicht entscheiden kann, ob es lieber Zielgruppe von „Neon“ oder „Nido“ sein will.

          Weil nun die Romanform mehr Platz bereitstellt als ein Songtext, aber auch mehr Entschiedenheit verlangt als ein Thekengespräch, entpuppt sie sich als Glücksgriff. Uhlmanns Lieder sind, eingeengt zwischen Refrain und Reim, oft ein bisschen verrätselt. Wenn der Sänger zu reden beginnt, überlässt er sich dem Labyrinth seiner Gedanken, abrupte Wendungen und Sackgassen inklusive. Auch auf der Bühne ist der Musiker für ausschweifende Moderationen bekannt. „Ja, ich erzähle gern“, sagt er, und dass er als Kind habe Showmaster werden wollen, sein großes Vorbild: Rudi Carrell. Seine Art des ziellosen Erzählens, bei der es weniger um Information und Wahrheit geht als um die gute Geschichte, die nicht nur unterhalten, sondern inspirieren soll, nennt er auf Plattdeutsch „sabbeln“. Eine Art Fachbegriff für den bekennenden Norddeutschen, der aus einem Dorf im Landkreis Cuxhaven stammt.

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