Die Hochlandrinder Trulli und Lotta aus dem Tierpark im Kölner Stadtwald, die in „Überman“ eine hübsche kleine Rolle spielen, weiden eigentlich keine fünf Autominuten entfernt von jenem Weinkeller, der in Tommy Jauds neuem Roman Schauplatz eines abstrusen Showdowns ist. Doch jetzt ist Stau, die Fahrt zum zweiten Fototermin des Tages dauert eine gefühlte Ewigkeit. Jauds Pranken liegen entspannt auf dem Lenkrad seines BMW X1: „Über Dinge, die ich nicht ändern kann, rege ich mich nicht auf“, sagt der Zweiundvierzigjährige. Dann erzählt er, worüber er sich wirklich ärgert. Über seine neue Spülmaschine, zum Beispiel.
Eine Miele. Seine erste. „Ich wollte einfach, dass die leise ist“, sagt der Comedy-Autor fast entschuldigend. Schließlich habe die Vier-Zimmer-Wohnung, in der er mit seiner Freundin lebt, eine offene Küche. Die Premiummarke warb mit einer Maximallautstärke von 42 Dezibel, und das war Jaud stolze 1300 Euro wert. Leider, sagt er und meint das ernst, mache die neue Maschine doppelt so viel Lärm wie das Vorgängermodell. Er hat sogar gemessen. „Ich bin ja Geräusche-Salafist“, sagt Jaud: Sein iPhone verfügt über eine Dezibelmesser-App, weil er tatsächlich gerne weiß, bei welcher Lautstärke er abends einschläft. Mieles desaströse Bilanz: 60 Dezibel.
Nach einer Woche hat sich Tommy Jaud beschwert. Zunächst beim Händler, der ihn an den Kundendienst verwies. Der wiederum wollte ihn mit der Nummer vom Werkskundendienst abspeisen, da pampte Jaud ins Telefon, und siehe da: Er wurde verbunden, noch am selben Tag stand ein Techniker in seiner Wohnung.
Jaud redet schnell. Er spricht Kölsch, wenn er den ratlosen Handwerker imitiert, übernimmt für einen Moment dessen Perspektive auf die Luxussorgen des Designerwohnungs-Besitzers und probiert dasselbe Zitat in zwei, drei Versionen; Wiederholung als Steigerung. „Soll ich ’ne neue Maschine bauen?“, lässt er den entnervten Fachmann fragen. „Soll ich’s Wasser leiser machen?“
So ist Tommy Jaud. Und so funktionieren, im Prinzip, auch seine Bestseller: Die normalen Widrigkeiten des Alltags werden mit einer Mischung aus Ironie und heiligem Zorn aufgebläht und ausgeweidet. Das kann man banal, angestrengt oder auch langweilig finden. Viele finden es zum Brüllen: 4,3 Millionen Bücher hat Tommy Jaud verkauft, seit er mit seinem Erstling „Vollidiot“ 2004 einen Überraschungserfolg landete. Nächste Woche erscheint „Überman“ (Scherz-Verlag, 16,99 Euro), sein fünfter Band mit erbarmungswürdigen Männerfüßen auf einem Knallfarben-Cover. „Hummeldumm“, Jauds Parodie einer Gruppenreise durch Namibia, ausnahmsweise mit einem Erdmännchen auf dem Titel, war im Buchhandel der ungeschlagene Renner des Jahres 2010.
Tommy Jaud kommentiert trocken: „Nur weil sich ein Buch super verkauft, heißt das ja nicht, dass ich die drei schönsten Jahre meines Lebens hatte.“ Der Autor, der seine Karriere als Gag-Schreiber für Harald Schmidt und Anke Engelke begann, ist kein Kalauertyp. Er meidet Fernsehauftritte und wirkt eher ernst. Nach Interviews bietet er an, beim Autorisieren den ein oder anderen Witz nachzureichen. Mit seiner Freundin, sagt Jaud, mache er zwar „eine Menge Quatsch“, und seine Bamberger Kumpel aus Studienzeiten zählten darauf, dass er sie mit lustigen Anekdoten unterhalte. Diese Erwartungshaltung seines privaten Publikums, glaubt er, habe seine Aufmerksamkeit für das Klein-Klein alltäglicher Komik geschult.
Es kommt aber auch vor, dass Tommy Jaud mit Freunden zusammensitzt, eine seiner Lieblingsbeschäftigungen, und eine Stunde lang den Mund nicht aufmacht. Nichts so schlimm, sagt er, wie diese Treffen unter Autorenkollegen, bei denen alles zum Gag gedreht werde und man am Ende über gar nichts geredet habe. Jaud nennt das „Pointenschwanzvergleich“. Während er in seinem neuen Roman die Schimpfwörter nur so um sich schleudert, so dass seine Mutter beim Lesen ihres Vorabexemplars auf Seite 30 hängenblieb, ist das an diesem langen Nachmittag in Köln der beinahe einzige Griff in diese Kategorie.
Ein Bürogebäude im Belgischen Viertel, da, wo Köln laut Jaud „mittelhip und furchtbar nachhaltig“ ist: Im Gemeinschaftsraum stehen ein Tischkicker, second hand von der Stefan-Raab-Produktionsfirma Brainpool erworben, sowie ein „Afri-Cola“-Glaskühlschrank, der nicht mit in die Jaud’sche Eigentumswohnung durfte und wegen des horrenden Stromverbrauchs nur freitags angeschmissen wird, wenn sich die Bürogemeinschaft zum Kickern trifft: so hip, so nachhaltig - ein schöner Trost.
Eigentlich nämlich ist Tommy Jaud sein Autorendasein als Schreibtisch-Einzeltäter zu einsam. Wenn er von seinen Jahren beim Fernsehen erzählt, vom Arbeiten im Team und dem durch die Show geregelten Rhythmus, schwingt Wehmut mit. Jetzt sitzt er allein in einem weißen Raum hinter einer weißen Tischplatte mit einem weißen Bildschirm darauf und greift wahllos in den Papierhaufen vor sich: Rechnungen, ein Brief von der Sparkasse Koblenz, eine Einladung zur Premiere des neuen „James Bond“ in Berlin, wo er gerne hingegangen wäre, aber das hätte viel Zeit gekostet, und einen dunklen Anzug (Dresscode!) besitzt er auch nicht. Dann eine Mail seiner Assistentin, die sich einmal die Woche ums Organisatorische kümmert, „lieber Tommy, es fehlen folgende Belege“. Jaud stöhnt: „Ich habe den Eindruck, dass ich um jede Stunde kämpfen muss, die ich schreiben darf.“
Auch bei „Überman“ ist er wieder mit einem Überangebot Ideen gestartet. Wie immer hat er seine Einfälle von Anfang an in der Kneipe mit Freunden diskutiert. Er hat recherchiert (“Wenn man die Leute fragt, kriegt man die Ideen gratis“), Kapitelexposés am Rechner hin- und hergeschoben, das letzte halbe Jahr tatsächlich geschrieben und sich dann unter dem Druck des Abgabetermins eine Endfassung abgerungen. Im Regal stehen noch die Bücher über Verschwörungstheorien und den Weltuntergang, Grundlagenlektüre für seine neue Geschichte über den Unsympathen Simon Peters. Er hat einen „Urban Survival Kurs“ absolviert (“Wenn ich ganz ehrlich bin, hätte man das rausschmeißen können, aber wenn ich mir da schon ein Wochenende um die Ohren schlage, will ich auch darüber schreiben“). Als Jogger im Stadtwald hielt er bei den Hochlandrindern, um per iPhone-Kompass zu prüfen, ob die Viecher wirklich am liebsten auf einer Nord-Süd-Achse stehen, was ihren Magnetsinn beweisen soll. Ein andermal hat er Trulli gefilmt: „Ich kann doch keine Kuh beschreiben. Ich bin Comedy-Autor!“
Natürlich weiß Jaud, dass die Früchte dieser Arbeit von Feuilletonisten bestenfalls zertreten werden. Aber er kontert schnell: „Letztendlich sind die Amazon-Sterne die wahre Kritik. Das sind Leute, die haben mein Buch gekauft. Wenn man sich zum Selbstmord treiben will, liest man alle mit einem Stern. Wenn man gucken will, wie toll man ist, liest man fünf Sterne. Aber es gibt ja immer einen Schnitt. Ich nehme die Leser ernster als so manchen professionellen Rezensenten.“ Klingt das trotzig? Weh getan, sagt der Im-Schnitt-vier-Amazon-Sterne-Mann, habe ihm eigentlich nur die Kritik an der Verfilmung von „Resturlaub“. Er als Drehbuchautor habe den Kopf hinhalten müssen, obwohl ihm das Ergebnis nicht besonders gefallen habe; das, sagt er, gebe er jetzt zum ersten Mal öffentlich zu. „Ich kann mich ja nicht bei der Premiere hinstellen und sagen: So richtig zufrieden bin ich nicht, aber jetzt viel Spaß!“
Wenn, wie im „Resturlaub“-Film, die Komik darin liegen soll, dass jemand ständig gegen Wände läuft, ist das für Jaud der Inbegriff für das verkrampfte Verhältnis der Deutschen zum Humor - besonders im Alltag. Das fange schon in der Erziehung an, sagt er: „Mach nicht so’n Unsinn!“, heiße es da schnell, oder „Du bist ja nur witzig!“ Ihn selbst hat, weil der kleine Tommy eine Formel nicht wusste, ein Physiklehrer gescholten: „Du endest mal in der Komikerparade!“ Jaud sagt: „Es wird herablassend geguckt auf jemanden, der nur“ - er dehnt das u - „lustig ist. Dabei ist es eigentlich das Größte, Leute zum Lachen zu bringen, mindestens so schön wie das Krebsdrama im ZDF als Zweiteiler nach 17 Toten in der Tagesschau.“
Als dann noch der Kieferorthopäde einen Sprachfehler attestierte, begann für den einzigen Sohn eines Angestelltenpaares - der Vater in der Automobilzulieferindustrie, die Mutter bei der Post - die Entdeckung seines komischen Talents. Er bewarb sich beim Lokalradio in Schweinfurt, aus einem „Jetzt-erst-recht-Gefühl“, sagt er, aber vielleicht macht sich das auch nur in der Geschichte gut. Als Kind, sagt er, habe er so unter dem altsprachlichen Gymnasium gelitten, „da war ich, weiß Gott, kein Klassenclown“. Dafür war er sportlich. Leichtathletik gab ihm Kraft.
Der Rest ist Teil seiner Klappentextbiographie: Jaud wechselte zu Antenne Thüringen nach Weimar, wo er jahrelang das Samstagabend-Programm schmiss, bis er schließlich wagte, seine Witze über einen ehemaligen Kollegen auch beim Fernsehen einzureichen. Ursprünglich wollte er so sein Germanistikstudium in Bamberg finanzieren. Dann zog er nach Köln, wurde Creative Producer für Anke Engelkes „Ladykracher“ und exmatrikuliert.
Heute nennt Jaud sich Autor, kleidet sich unverdrossen als Berufsjugendlicher - die Lederjacke: immerhin „Boss Orange“ -, hat aber seine Bestseller-Einkünfte konservativ angelegt und einmal die Woche fest einen Tennisplatz gebucht. „Ich bin spießiger, als ich denke“, sagt Jaud. Kinder? „Meine Kinder werden gedruckt.“ Werte? „Liebe, Familie, Gesundheit.“ Wobei Gesundheit zurzeit vor allem die Abwesenheit von Stress bedeute.
Was kommt als nächstes? Perspektivisch, sagt Jaud, würde er am liebsten ein Drehbuch schreiben und für eine Fernsehshow arbeiten, bloß nicht gleich wieder an einem Roman. Aber nach der anstehenden Lesereise brauche er eine Pause. Viel Sport. Mit Freunden lange Abende beim Wein zusammensitzen. Einen Rhythmus finden. Anders als früher reizten ihn Hochglanzkataloge überteuerter Ferienressorts mit Überlaufpools gar nicht mehr, sagt er. „Das bringt nichts für die Entspannung. Dann stellt man Sachen in Frage, die man gar nicht in Frage stellen will.“ Was denn? „Lebensart.“ Jaud lenkt seinen Wagen auf den Parkplatz vor dem Weinkeller. „Wohnort“, sagt er. „Spülmaschine.“ Er grinst.
Tommy Jaud, 1970 in Schweinfurt geboren, hat als Radiomoderator sein komisches Talent entdeckt und als Gag-Schreiber für Harald Schmidt sein - später abgebrochenes - Germanistikstudium in Bamberg finanziert. Er zog nach Köln, wo er Chefautor der Sat.1-“Wochenschau“ wurde und kreativer Kopf von „Ladykracher“. Gleich sein erster Roman „Vollidiot“ erklomm 2004 die Bestsellerlisten, ähnlich erging es den Nachfolgern „Resturlaub“ und „Millionär“. „Hummeldumm“ war das erfolgreichste Buch des Jahres 2010. Jaud schrieb die Drehbücher zu seinen Roman-Verfilmungen sowie den mit dem Deutschen Comedy-Preis ausgezeichneten Zweiteiler „Zwei Weihnachtsmänner“ mit Christoph Maria Herbst und Bastian Pastewka. Jaud lebt mit seiner langjährigen Freundin, der Comedy-Autorin Nina Schmidt, in Köln.
Die "Titanic" 2006 zu Jaud's Roman "Resturlaub":
Julius Calvelage (julca)
- 15.11.2012, 12:46 Uhr