Home
http://www.faz.net/-gun-74a5w
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER
50 plus

Tommy Jaud Der ist ja nur witzig

Die Masse findet ihn zum Brüllen: Ein Ausflug mit Comedy-Autor Tommy Jaud zu den Ursprüngen seines neuen Romans.

© Edgar Schoepal Vergrößern Den Stoff für seine Gags entdeckt Tommy Jaud im Alltag, etwa bei Trulli, der Hochlandkuh im Kölner Stadtwald, die in „Überman“ den nahenden Weltuntergang ankündigt.

Die Hochlandrinder Trulli und Lotta aus dem Tierpark im Kölner Stadtwald, die in „Überman“ eine hübsche kleine Rolle spielen, weiden eigentlich keine fünf Autominuten entfernt von jenem Weinkeller, der in Tommy Jauds neuem Roman Schauplatz eines abstrusen Showdowns ist. Doch jetzt ist Stau, die Fahrt zum zweiten Fototermin des Tages dauert eine gefühlte Ewigkeit. Jauds Pranken liegen entspannt auf dem Lenkrad seines BMW X1: „Über Dinge, die ich nicht ändern kann, rege ich mich nicht auf“, sagt der Zweiundvierzigjährige. Dann erzählt er, worüber er sich wirklich ärgert. Über seine neue Spülmaschine, zum Beispiel.

Julia Schaaf Folgen:  

Eine Miele. Seine erste. „Ich wollte einfach, dass die leise ist“, sagt der Comedy-Autor fast entschuldigend. Schließlich habe die Vier-Zimmer-Wohnung, in der er mit seiner Freundin lebt, eine offene Küche. Die Premiummarke warb mit einer Maximallautstärke von 42 Dezibel, und das war Jaud stolze 1300 Euro wert. Leider, sagt er und meint das ernst, mache die neue Maschine doppelt so viel Lärm wie das Vorgängermodell. Er hat sogar gemessen. „Ich bin ja Geräusche-Salafist“, sagt Jaud: Sein iPhone verfügt über eine Dezibelmesser-App, weil er tatsächlich gerne weiß, bei welcher Lautstärke er abends einschläft. Mieles desaströse Bilanz: 60 Dezibel.

Nach einer Woche hat sich Tommy Jaud beschwert. Zunächst beim Händler, der ihn an den Kundendienst verwies. Der wiederum wollte ihn mit der Nummer vom Werkskundendienst abspeisen, da pampte Jaud ins Telefon, und siehe da: Er wurde verbunden, noch am selben Tag stand ein Techniker in seiner Wohnung.

Jaud redet schnell. Er spricht Kölsch, wenn er den ratlosen Handwerker imitiert, übernimmt für einen Moment dessen Perspektive auf die Luxussorgen des Designerwohnungs-Besitzers und probiert dasselbe Zitat in zwei, drei Versionen; Wiederholung als Steigerung. „Soll ich ’ne neue Maschine bauen?“, lässt er den entnervten Fachmann fragen. „Soll ich’s Wasser leiser machen?“

So ist Tommy Jaud. Und so funktionieren, im Prinzip, auch seine Bestseller: Die normalen Widrigkeiten des Alltags werden mit einer Mischung aus Ironie und heiligem Zorn aufgebläht und ausgeweidet. Das kann man banal, angestrengt oder auch langweilig finden. Viele finden es zum Brüllen: 4,3 Millionen Bücher hat Tommy Jaud verkauft, seit er mit seinem Erstling „Vollidiot“ 2004 einen Überraschungserfolg landete. Nächste Woche erscheint „Überman“ (Scherz-Verlag, 16,99 Euro), sein fünfter Band mit erbarmungswürdigen Männerfüßen auf einem Knallfarben-Cover. „Hummeldumm“, Jauds Parodie einer Gruppenreise durch Namibia, ausnahmsweise mit einem Erdmännchen auf dem Titel, war im Buchhandel der ungeschlagene Renner des Jahres 2010.

22143935 © INTERFOTO Vergrößern Sympathischer als im Roman: Oliver Pocher spielt „Vollidiot“.

Tommy Jaud kommentiert trocken: „Nur weil sich ein Buch super verkauft, heißt das ja nicht, dass ich die drei schönsten Jahre meines Lebens hatte.“ Der Autor, der seine Karriere als Gag-Schreiber für Harald Schmidt und Anke Engelke begann, ist kein Kalauertyp. Er meidet Fernsehauftritte und wirkt eher ernst. Nach Interviews bietet er an, beim Autorisieren den ein oder anderen Witz nachzureichen. Mit seiner Freundin, sagt Jaud, mache er zwar „eine Menge Quatsch“, und seine Bamberger Kumpel aus Studienzeiten zählten darauf, dass er sie mit lustigen Anekdoten unterhalte. Diese Erwartungshaltung seines privaten Publikums, glaubt er, habe seine Aufmerksamkeit für das Klein-Klein alltäglicher Komik geschult.

1 | 2 | 3 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Michel Houellebecq in Köln Erschöpfungsgeschichte in neuem Lichte

Michel Houellebecq hatte sich seit den Anschlägen auf die Charlie Hebdo-Redaktion zurückgezogen. Mit der Vorstellung der deutschen Ausgabe seines provokanten Romans Unterwerfung kehrt er nun in Köln ins Rampenlicht zurück. Mehr Von Oliver Jungen

20.01.2015, 04:29 Uhr | Feuilleton
Derby Köln gegen Gladbach elektrisiert

Das Lokal-Derby Köln gegen Gladbach steht traditionell unter einem besonderen Stern. Ähnlich wie beim Derby Schalke gegen Borussia Dortmund gilt ein Sieg gegen den Erzrivalen als besonders wertvoll. Die Polizei wird am Sonntag mit einem Großaufgebot in Köln sein. Das Kölner Stadion ist ausverkauft. Mehr

19.09.2014, 15:00 Uhr | Sport
Die Instagram-Jugend Wer nicht auf dieser Bühne spielt, ist raus

Die Fotosharing-Plattform Instagram ist, was Facebook einmal war: der Ort der sozialen Vernetzung, an dem Jugendliche sich inszenieren. Aber was bedeutet es, wenn Heranwachsende sich permanent selbst darstellen? Mehr Von Melanie Mühl

17.01.2015, 13:13 Uhr | Feuilleton
Lesung in Köln Houellebecqs einziger Auftritt in Deutschland

Der französische Autor Michel Houellebecq ist das erste Mal seit den Anschlägen in Paris in Deutschland aufgetreten. Houellebecq las in Köln aus seinem neuen Buch Unterwerfung. Mehr

20.01.2015, 08:49 Uhr | Feuilleton
Anke Engelke im Interview Elternsprecher? Um Gottes willen!

Anke Engelke spielt in ihrem neuen Film Frau Müller muss weg eine Übermutter. Im Interview spricht sie über entspannte Erziehung, egoistische Erwachsene und privaten Müll im Klassenraum. Mehr

15.01.2015, 16:40 Uhr | Gesellschaft
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 14.11.2012, 18:27 Uhr

Dank an Stephen Hawking „Danke, dass du mich in deine Umlaufbahn gelassen hast“

Schauspieler Eddie Redmayne bedankt sich bei Stephen Hawking, die neue Miss Universe kommt aus Kolumbien und Entertainer Jay Leno wirbt für mehr Opfer-Verständnis – der Smalltalk. Mehr 8

Nachrichten in 100 Sekunden
Nachrichten in 100 Sekunden