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Tommy Jaud Der ist ja nur witzig

Die Masse findet ihn zum Brüllen: Ein Ausflug mit Comedy-Autor Tommy Jaud zu den Ursprüngen seines neuen Romans.

© Edgar Schoepal Den Stoff für seine Gags entdeckt Tommy Jaud im Alltag, etwa bei Trulli, der Hochlandkuh im Kölner Stadtwald, die in „Überman“ den nahenden Weltuntergang ankündigt.

Die Hochlandrinder Trulli und Lotta aus dem Tierpark im Kölner Stadtwald, die in „Überman“ eine hübsche kleine Rolle spielen, weiden eigentlich keine fünf Autominuten entfernt von jenem Weinkeller, der in Tommy Jauds neuem Roman Schauplatz eines abstrusen Showdowns ist. Doch jetzt ist Stau, die Fahrt zum zweiten Fototermin des Tages dauert eine gefühlte Ewigkeit. Jauds Pranken liegen entspannt auf dem Lenkrad seines BMW X1: „Über Dinge, die ich nicht ändern kann, rege ich mich nicht auf“, sagt der Zweiundvierzigjährige. Dann erzählt er, worüber er sich wirklich ärgert. Über seine neue Spülmaschine, zum Beispiel.

Julia Schaaf Folgen:

Eine Miele. Seine erste. „Ich wollte einfach, dass die leise ist“, sagt der Comedy-Autor fast entschuldigend. Schließlich habe die Vier-Zimmer-Wohnung, in der er mit seiner Freundin lebt, eine offene Küche. Die Premiummarke warb mit einer Maximallautstärke von 42 Dezibel, und das war Jaud stolze 1300 Euro wert. Leider, sagt er und meint das ernst, mache die neue Maschine doppelt so viel Lärm wie das Vorgängermodell. Er hat sogar gemessen. „Ich bin ja Geräusche-Salafist“, sagt Jaud: Sein iPhone verfügt über eine Dezibelmesser-App, weil er tatsächlich gerne weiß, bei welcher Lautstärke er abends einschläft. Mieles desaströse Bilanz: 60 Dezibel.

Nach einer Woche hat sich Tommy Jaud beschwert. Zunächst beim Händler, der ihn an den Kundendienst verwies. Der wiederum wollte ihn mit der Nummer vom Werkskundendienst abspeisen, da pampte Jaud ins Telefon, und siehe da: Er wurde verbunden, noch am selben Tag stand ein Techniker in seiner Wohnung.

Jaud redet schnell. Er spricht Kölsch, wenn er den ratlosen Handwerker imitiert, übernimmt für einen Moment dessen Perspektive auf die Luxussorgen des Designerwohnungs-Besitzers und probiert dasselbe Zitat in zwei, drei Versionen; Wiederholung als Steigerung. „Soll ich ’ne neue Maschine bauen?“, lässt er den entnervten Fachmann fragen. „Soll ich’s Wasser leiser machen?“

So ist Tommy Jaud. Und so funktionieren, im Prinzip, auch seine Bestseller: Die normalen Widrigkeiten des Alltags werden mit einer Mischung aus Ironie und heiligem Zorn aufgebläht und ausgeweidet. Das kann man banal, angestrengt oder auch langweilig finden. Viele finden es zum Brüllen: 4,3 Millionen Bücher hat Tommy Jaud verkauft, seit er mit seinem Erstling „Vollidiot“ 2004 einen Überraschungserfolg landete. Nächste Woche erscheint „Überman“ (Scherz-Verlag, 16,99 Euro), sein fünfter Band mit erbarmungswürdigen Männerfüßen auf einem Knallfarben-Cover. „Hummeldumm“, Jauds Parodie einer Gruppenreise durch Namibia, ausnahmsweise mit einem Erdmännchen auf dem Titel, war im Buchhandel der ungeschlagene Renner des Jahres 2010.

22143935 © INTERFOTO Vergrößern Sympathischer als im Roman: Oliver Pocher spielt „Vollidiot“.

Tommy Jaud kommentiert trocken: „Nur weil sich ein Buch super verkauft, heißt das ja nicht, dass ich die drei schönsten Jahre meines Lebens hatte.“ Der Autor, der seine Karriere als Gag-Schreiber für Harald Schmidt und Anke Engelke begann, ist kein Kalauertyp. Er meidet Fernsehauftritte und wirkt eher ernst. Nach Interviews bietet er an, beim Autorisieren den ein oder anderen Witz nachzureichen. Mit seiner Freundin, sagt Jaud, mache er zwar „eine Menge Quatsch“, und seine Bamberger Kumpel aus Studienzeiten zählten darauf, dass er sie mit lustigen Anekdoten unterhalte. Diese Erwartungshaltung seines privaten Publikums, glaubt er, habe seine Aufmerksamkeit für das Klein-Klein alltäglicher Komik geschult.

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