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Tom Pauls über seinen Dialekt : „Der Sachse geizt mit Komplimenten“

  • Aktualisiert am

Tom Pauls hält Sächsisch nicht nur für einen Dialekt, sondern auch für eine Weltanschauung. Bild: PR

Laut einer Studie ist Sächsisch der unbeliebteste Dialekt in Deutschland. Tom Pauls, Dresdner Schauspieler und Kabarettist, verteidigt im Interview den vom Aussterben bedrohten Dialekt und lobt seine Feinheiten und Vorzüge.

          Herr Pauls, Sächsisch ist laut einer Umfrage mal wieder der unbeliebteste Dialekt der Deutschen.

          Ja, das ist ja nichts Neues. Dabei ist Sächsisch eine ganz facettenreiche, heitere Sprache. Wir nehmen solche Umfragen nicht so ernst und tun stattdessen alles, den Dialekt zu häschn und zu fläschn.

          Auf Hochdeutsch...

          ...heißt das hegen und pflegen.

          Sie sind Gründer und Vorsitzender der Ilse-Bähnert-Stiftung, die sich der sächsischen Sprache und Kultur verschrieben hat. Ist das Sächsische eine Sprache?

          Es ist ein Dialekt, aber vor allem eine Weltanschauung.

          Und wie sieht die Welt aus sächsischem Blick aus?

          Oh, da könnten wir jetzt sehr lange drüber reden. Der Sachse hat einen sehr speziellen Blick auf die Welt. Einer seiner Kernsätze lautet: ‚Es könnte noch viel schlimmer kommen.‘ Die Sachsen können leiden und fischelant sein, was soviel wie pfiffig bedeutet. Sie machen aus allem irgendwie das Beste.

          Und das drückt sich auch in der Sprache aus. Aber ist das Sächsische bedroht?

          Ja, das ist es, wie alle Mundarten. Es wird heute viel vereinheitlicht.

          Auch deshalb wählen Sie jährlich das beliebteste, bedrohte und schönste sächsische Wort. Gerade eben haben in diesen Kategorien Didschn, Renfdl und Plumbn gewonnen. Klären Sie uns auf!

          Renfdl ist der Anfang und das Ende eines Brotes, hm, herrlich, ä Renfdl mit Butter, das wird ja heute kaum noch gesagt. Plumbn heißt sowohl Unmengen an Flüssigkeit zu sich zu nehmen, als auch ununterbrochener, starker Regen. Es kommt von Pumpe, die etwas in übergroßen Mengen ausspeit. Der Sachse sagt auch nicht Pumpe, sondern Plumbe. Wie Sie das schreiben, ist vollkommen egal, weil P und B genauso wie T und D in Sachsen een und dasselbe sind.

          Fehlt noch das „Didschn“ - auch fast eine Weltanschauung?

          Absolut. Gedidschd wird die Kartoffel oder der Kloß in die Soße und der trockene Keks oder der Streuselkuchen in den Kaffee.

          Haben Sie sächsische Lieblingsworte?

          Dschidschoriengrien zum Beispiel, auch weil es dazu eine so schöne Geschichte gibt. Lenins erster Außenminister hieß Georgi Tschitscherin, und der soll so unmögliche Schlipse umgehabt haben, dass der Sachse seitdem merkwürdige Grüntöne als Dschidschoriengrien bezeichnet. Oder die Hornzsche, das steht für Bruchbude und kommt aus dem Slawischen, von Hornca, das Zimmer. Ganz faszinierend ist auch: bomforzionös, ein Ausdruck für allerhöchste Güte. Stammt aus der Napoleonzeit und ist eine Abwandlung von „bonne force“, was sinngemäß soviel wie „großartig“ heißt.

          Einfach „großartig“ zu sagen ist dem Sachsen zu profan?

          Der Sachse geizt ja traditionell mit Komplimenten. Die Kategorien gut, sehr gut und ausgezeichnet verwendet er nicht. Wenn er etwas gut findet, sagt er „Kannste machen“, wenn etwas sehr gut ist: „Ni schlecht“, und wenn er etwas als ausgezeichnet empfunden hat: „War ma was Anderes.“ Nur wenn er so überwältigt ist, dass ihm die Spucke wegbleibt, dann ist das bomforzionös.

          Im Fernsehen sprechen Figuren aus dem Osten häufig Sächsisch, selbst wenn die Geschichte in Rostock spielt. Wie kommt das?

          Sächsisch ist eben der einzige erkennbare ostdeutsche Dialekt.

          Zu Luthers Zeiten soll Sächsisch das wahre Hochdeutsch gewesen sein. Sehen Sie Hoffnung, das Sächsische von seinem zuverlässig letzten Platz der beliebtesten Dialekte zu befreien?

          Ma guggn. Wir pflegen das Sächsische innerhalb Sachsens, denn auch hier ist es vom Aussterben bedroht. Die Leute sprechen ja nur noch Hochdeutsch, weil das offenbar verlangt wird, um Karriere zu machen. Das Optimale wäre natürlich, wenn man beides kann. Es gibt ja auch ein Sächsisch, das man nicht versteht. Wenn der Sachse aber richtig spricht, hochlautendes Sächsisch, sage ich dazu, dann versteht man jedes Wort, und das ist sehr sympathisch. Nur wenn genuschelt wird oder die Lautbildung in Hals und Nasenwurzel stecken bleibt, ist es schon eine Zumutung.

          Die Fragen stellte Stefan Locke.

          Quelle: F.A.Z.

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