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Veröffentlicht: 09.05.2017, 16:36 Uhr

Das Leben als Paar Habt euch ganz doll lieb!

Eltern kümmern sich um die Kinder, den Haushalt und den Job. Dabei sollten sie sich als Paar nicht vernachlässigen, sagen die Experten. Das aber erzeugt nur noch mehr Druck im Familienchaos. Und nun?

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© dpa Ein Küsschen und am besten noch die Frage „Liebling, wie war dein Tag?“ Das lässt sich nach einem anstrengend Tag nicht immer umsetzen.

Abends, wenn die Kinder im Bett sind, beginnt die Aufarbeitung. Wie war der Tag? In Gedanken gehe ich alles durch: Der Morgen war okay. Na ja, bis auf den blöden Disput mit dem Schal. Ist kalt! Sagte ich. Will nicht! Sagte die Tochter. Immerhin: Ranzen war am Abend vorher gepackt. Pluspunkt! Nachmittags im Supermarkt. Kein Trotzanfall am Süßigkeitenregal. Prima! Dafür Streit im Auto, Nerven behalten (Doppelsmiley). Später Fernsehen, 20 Minuten überzogen. Konsequent gehandelt: Morgen bleibt der Fernseher aus! Kinder um 20.20 Uhr im Bett, besser wäre 20 Uhr. (Memo: Morgen Druck erhöhen.)

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Das ist der Zeitpunkt, an dem ich normalerweise einschlafe, mehr oder weniger zufrieden mit meinem Tagwerk. Neuerdings aber muss ich die interne Revision um einen wichtigen Punkt erweitern: Es geht nicht mehr nur darum, wie es mit den Kindern geklappt hat, ob die Wäsche erledigt oder der Termin beim Kinderarzt im Familienkalender eingetragen ist, nein, neuerdings geht es auch darum: Habe ich alles dafür getan, meine Ehe in Schwung zu halten?

Handlungsbedarf ist vorhanden

Zu den vielen Erziehungsratgebern, die den Markt fluten, hat sich eine neue Gruppe Bücher gesellt, die das Augenmerk auf die Eltern lenkt. Erziehung? Schön und gut. Das Verhältnis zu den Kindern? Wichtig! Das Leben als Paar? Essentiell! Der Familienoptimierungswahn – jetzt ist er bei den Eltern angekommen.

Einerseits verständlich, denn es besteht Handlungsbedarf: Jede zweite Ehe wird geschieden, bei etwa der Hälfte aller Scheidungen haben die Paare laut Statistischem Bundesamt minderjährige Kinder. 40 Prozent dieser Trennungen finden bereits im ersten Jahr nach der Geburt des ersten Kindes statt. Bis gestern dachte ich noch, ich könnte meine Beziehung schleifen lassen. Wenn man weniger schläft, der Haushalt aus dem Ruder läuft, das Sportprogramm auf Eis gelegt ist – darf man sich da nicht wenigstens bei seinem Partner ein bisschen gehen lassen?

Familie © dpa Vergrößern Wenn die Eltern häufig streiten, hat das auch Auswirkungen auf die Kinder. Manchmal muss man allerdings auch Tacheles reden.

Nein, sagt der dänische Familientherapeut Jesper Juul: „Familie braucht Eltern, die mehr an sich denken.“ Das ist der Untertitel seines jüngsten Buches „Liebende bleiben“. Klingt gut. Mehr an mich denken, das wäre schön. Denn in den 16 Stunden, die ich durchschnittlich am Tag nicht schlafend verbringe, denke ich vielleicht zusammengerechnet eine Stunde an mich, um meine Grundbedürfnisse zu befriedigen: Duschen, Zähne putzen, Toilettengang, Nahrungsaufnahme. Der Rest der Zeit ist meinem Arbeitgeber und meinen Kindern gewidmet. Typisch Frau, sagt Juul: „Mütter sind immer damit beschäftigt, was ist gut für mein Kind? Das sind aber nur 50 Prozent. Was ist gut für meinen Partner?“ Geht es nach Jesper Juul, müssen Mütter also künftig auf ihrer To-do-Liste notieren: Quality Time mit dem Partner.

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Es ist natürlich nicht so, dass ich nicht jetzt schon Zeit mit meinem Mann verbrächte, abends zum Beispiel, wenn die Kinder im Bett sind und wir darüber reden, wer am nächsten Tag den Kundendienst anruft, weil die Spülmaschine rattert. Danach treffen wir uns gelegentlich vor dem Fernseher und führen Dialoge wie diese: „Schon wieder ein Krimi? Gibt’s nicht was anderes?“ – „Doch, aber ich will den Krimi gucken.“ – „Dann gehe ich ins Bett.“ – „Gute Nacht.“

Kann man die Zeit zurück drehen?

Aber das meint der nette Herr Juul vermutlich nicht, wenn er von den „Schlüsselpunkten einer guten Beziehung“ redet. Schon auf dem Titel des Buches ist ein lächelndes junges Paar zu sehen, das sich küsst. Nicht so ein sachlicher Schmatzer auf die Backe, wenn Papa von der Arbeit kommt, sondern ein inniger Kuss, so, als habe man sich gerade erst kennengelernt.

Ein Bild, das allen schon länger verheirateten Paaren einen Stich versetzen dürfte. Gleichzeitig verspüre ich innerlich, ohne eine einzige Seite gelesen zu haben, einen leichten Druck. Wie viel Arbeit wäre es, damit alles wieder genauso wird wie vor 15 Jahren? Oder anders gesagt: Ist es nicht auch ohne Kinder ein Ding der Unmöglichkeit, die Zeit zurückzuschrauben? Denn der natürliche Verlauf einer Partnerschaft ist nun mal so, dass sie mit der Zeit in ruhigeres Fahrwasser gerät.

Das eigentlich aber wichtigere Thema sind die Auseinandersetzungen im Alltag. Junge Eltern streiten sich neunmal mehr als kinderlose Paare, las ich neulich und dachte nur: Na ja, ist halt so. Die Sprengkraft wird mir nach der Lektüre der neuen Paar-mit-Kindern-Bücher erst bewusst. Denn ein Streit belastet nicht nur die Beziehung, sondern auch die Kinder. Psychologen haben herausgefunden, dass Teenager, deren Eltern sich häufig stritten, als das Kind im Kindergartenalter war, öfter mit Depressionen, Ängsten und Verhaltensauffälligkeiten zu kämpfen hatten. Das steht in dem Buch der Amerikanerin Jancee Dunn „Bring deinen Mann nicht gleich um – Du könntest ihn noch brauchen“. Der Untertitel lautet: „Die Elternzeit als Paar überleben“.

Die Survival-Tipps lesen sich in munter heiterem Ton. Einer stammt sogar von einem FBI-Agenten, der sagt, dass man verstärkt auf Widerstand stoße, je mehr man den anderen bedränge – eine typische Reaktion, wenn Ehepartner eine Meinungsverschiedenheit haben. Verhandlungsführer sollten es also vermeiden, die Person – egal, ob es sich um den Ehegatten oder einen bewaffneten Geiselnehmer handelt – einzuschüchtern oder zu erniedrigen. Wenn man als Paar also mal wieder in eine „Opferkonkurrenz“ gerät und es darum geht, was der andere alles nicht und wie viel man dagegen selbst gemacht hat, helfen Worte wie: „Oh, das ist sicher ein blödes Gefühl. Ich verstehe, dass du so empfindest. Was kann ich denn sagen oder tun, damit du dich besser fühlst?“

Ehepaar © dpa Vergrößern Am besten sollte die Ehe nach 15 Jahren immer noch so sein, wie zu Beginn. Aber ist das realistisch?

Das erinnert mich an die Ich-Botschaften, die ich seit Jahren an meine Kinder sende, weil ich mal gelesen habe, dass statt „Räum dein Zimmer auf!“ es besser wäre zu sagen: „Ich würde mir wünschen, dass du das Zimmer aufräumst!“ Oft hat das allerdings zur Folge, A: dass trotzdem keiner aufräumt und B: dass meine Kinder mich seltsam anschauen, so als dächten sie darüber nach, warum ausgerechnet das Aufräumen ein so großer Wunsch ihrer Mutter ist, wo sie sich selbst doch eine Tafel Schokolade oder einen Tag ohne Hausaufgaben wünschen.

Jetzt also auch Ich-Botschaften an den Mann. Klassische Gefahrensituation: Feierabend! Wenn die Kinder den ganzen Nachmittag mit Streitereien und Nörgeleien zugebracht haben, liegen die Nerven blank. Weshalb schon die einfache Frage meines Mannes: „Was gibt’s zu essen heute?“ zum Vulkanausbruch führen kann: „Nix! Die Kinder nerven! Ich war nicht in der Lage zu kochen!“ Meistens wird dann doch noch alles gut, wenn der erste Rauch verflogen ist. Es gibt sogar was zu essen. Zu spät, wie ich jetzt weiß. Die Kinder leiden trotzdem.

Schwierig wird es, wenn beide den gleichen Wunsch haben

Stattdessen sollte ich also künftig achtsam flöten: „Ach, wie schön, dass du da bist. Ich bin schon so gespannt, was du alles im Büro erlebt hast. Ich würde mir auch wünschen, dass es dich interessiert, mit wie viel Freude ich die Mathematikhausaufgaben mit unserer ältesten Tochter gemacht habe.“ Wenn mein Mann dann sagen würde: „Im Büro war nur Stress!“, dürfte ich natürlich nicht erwidern: „Frag mich mal!“ Sondern: „Oh, das ist sicher nicht schön gewesen. Was kann ich denn sagen oder tun, damit du dich besser fühlst?“ Schwierig wird es nur, wenn der Mann antwortet: „Könntest du vielleicht die Kinder ins Bett bringen? Ich muss noch was arbeiten.“ Und das aber genau der Wunsch ist, den ich in diesem Moment auch habe.

Überhaupt liegt es mir nicht, in meinen Dialogen Regie zu führen. Ständig darüber nachzudenken, wie man was sagt, was zu welchen Ergebnissen führt und wie ich mich präsentiere, damit bei meinem Gegenüber die richtigen Botschaften ankommen. Ich habe keine Lust, mein Leben durchzucoachen, sondern will auch mal Tacheles reden. Natürlich bringt es nichts, im Vorwürfe-Marathon zu verharren, aber was soll der Ratschlag: „Wiederholen Sie die für Ihr Gegenüber wichtigen Punkte“? Soll ich zehn Minuten das Gesagte nachbeten: „Du möchtest also nicht die Spülmaschine ausräumen, das Zähnenputzen bei den Kindern durchsetzen, den Müll runterbringen, das Gemüsefach im Kühlschrank ausräumen?“ Am Ende des Monologs stünde für mich nur: „Ich auch nicht!“

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Entscheidender als die Optimierung der Dialogführung ist für mich der Hinweis auf gemeinsame Zeiten. Jancee Dunn nennt die Paarzeit eine „kitschige Notwendigkeit. Im Restaurant sitzen, reden, ohne unterbrochen zu werden, über andere lästern, ohne deshalb ein schlechtes Vorbild für die Kinder zu sein, und angesäuselt nach Hause zu kommen, das stärkt die Beziehung.“ Hilfreich auch dieser Tipp: „Nicht auf das Geschenk pinkeln.“ Wenn sie ihn samstags auf den Fußballplatz lässt, darf sie ihm nicht am Sonntag deshalb Vorwürfe machen.

Trotzdem sollte sich der Optimierungswahn in der Familie in Grenzen halten. Vielleicht sollte man Durststrecken auch einfach mal akzeptieren. Gerade die Familie ist ein Ort, wo man sich nicht verstellen möchte, wo man auch mal die Nerven verlieren darf – solange man nicht die Einrichtung demoliert oder die Nachbarn die Polizei rufen. Ich finde es daher auch okay, zumindest in der ersten Zeit, wenn die Kinder noch klein sind und man sich an die Elternrolle erst gewöhnen muss, die Partnerschaft mal schleifen zu lassen.

Und wenn es dann den Bach runtergeht? Auch dafür hat der Therapeut Verständnis. Jesper Juul ist schließlich in zweiter Ehe geschieden und hat das letzte Kapitel in seinem Buch dem Thema gewidmet: „Wann ist Trennung der bessere Weg?“

Jesper Juul: „Liebende bleiben: Familie braucht Eltern, die mehr an sich denken“, Beitz-Verlag 2017, 251 Seiten, 18,95 Euro

Jancee Dunn: „Bring deinen Mann nicht gleich um – Du könntest ihn noch brauchen: Die Elternzeit als Paar überleben“, Mosaik-Verlag 2017, 384 Seiten, 15 Euro

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