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Tierimimitation : Wo der Hirsch röhrt

  • -Aktualisiert am

Bild: Andreas Brand

Tasso Wolzenburg ist mehrmaliger Deutscher Meister im Hirschrufen. Diesen Titel will er auch dieses Jahr in Dortmund wieder erringen.

          Der Ton beginnt leise, schwillt langsam an, fängt sich in den Fichten, die sich dunkel gegen den Abendhimmel abzeichnen, und zieht sich dann, um die höchste Note wabernd, herzzerreißend durch das Tal. „Das ist ein Junghirsch“, sagt Tasso Wolzenburg und nimmt das Hirschrufrohr von den Lippen. „Da muss man die Sehnsucht hören.“

          Die hört man so gut, dass der Forstwirt aus dem Rothaargebirge in den vergangenen Jahren dreimal die Deutsche Meisterschaft im Hirschrufen gewonnen hat. Um in diesem Jahr in dem zum 15. Mal auf der Dortmunder Messe „Jagd und Hund“ ausgetragenen Wettbewerb gegen etwa 20 weitere Kandidaten zu bestehen, muss Wolzenburg nicht nur den brünftigen Junghirschen überzeugend mimen, sondern unter anderem auch seinen reiferen Artgenossen: „Ältere Hirsche klingen heiser und zornig, die Tonlage ist viel tiefer“, erklärt der Hirschrufer, während er durch den weitläufigen Garten seines alten Bauernhauses stapft, und demonstriert ein heiseres Bellen. Dabei hilft ihm das dreiteilige grüne Plastikrohr, das er in der Hand herumdreht: ein Faulhaber Hirschruf. „Das dient aber nur der Verstärkung. Das Röhren muss man schon selbst hinkriegen.“ Der Faulhaber Hirschruf ist nicht die einzige Verstärkungsmöglichkeit: Viele Hirschrufer verwenden Tritonmuscheln oder Hirschrufe aus Horn.

          Osteuropäer sind die besten Hirschrufer

          Das Hirschrufen hat eine lange Tradition. Ursprünglich wurde die Imitation von Tierlauten zur Jagd eingesetzt. Zur Brunftzeit ahmten die Jäger etwa die Laute brünftiger Platzhirsche nach, um Hirschkühe anzulocken und diese leichter schießen zu können. In Deutschland ist das heute selten geworden: „Es gibt nicht mehr viele Jäger, die noch wissen, wie man einen Hirsch nachahmt“, sagt Wolzenburg. Hirschrufen sei zum Hobby geworden. Etwa 130 Hirschrufer, so schätzt er, gibt es noch in Deutschland. Die meisten haben auch beruflich mit dem Wald zu tun, sind Jäger oder Forstwirte wie er selbst. In osteuropäischen Ländern dagegen ist die Pirschjagd inklusive Hirschrufen bis heute verbreitet.

          Das beeinflusst den Ausgang internationaler Wettbewerbe: Bei der Europameisterschaft gewinnen zum Beispiel meist Teilnehmer aus der Tschechischen Republik. „Die machen das eben jeden Tag und haben deswegen mehr Übung“, erklärt Wolzenburg. Er selbst trainiert nur unregelmäßig. Für die Vorbereitung auf die Meisterschaft hat er nur ein paar Abende aufgewendet. „Manchmal auch vor dem Fernseher, mit Filmaufnahmen der Hirsche.“ Seine Frau verlasse dann in der Regel ziemlich schnell das Zimmer.

          Zur vollendeten Nachahmung eines röhrenden Hirsches muss Tasso Wolzenburg noch an seiner Haltung arbeiten.

          Sonst geht Wolzenburg seinem Hobby meist nur im September nach. Das ist die spannendste Zeit für Hirschrufer, weil die Hirsche brünftig sind. „In der Abenddämmerung steht dann da drüben der ganze Hang voll mit denen“, sagt Wolzenburg und zeigt auf die andere Seite des Tals, wo sich der Fichtenbestand lichtet und den Blick auf einen Hang freigibt, der mit niedrigem Gestrüpp bewachsen ist. „Da stehen die und brüllen ununterbrochen, um die Damen anzulocken.“

          Zu dieser Zeit ist auch er in seinem Element, führt Wanderergruppen durch den Forst und lockt die Hirsche an. „Manchmal ahme ich einen brünftigen Platzhirsch nach. Darauf reagieren sie sehr zornig, weil sie einen Rivalen vermuten.“ Und wenn er eine Hirschkuh imitiert - mit einem kurzen, hohen Kieksen - schlägt sich auch schon mal ein kapitaler Hirsch durchs Gestrüpp in seine Richtung. Bis auf wenige Meter ans Haus kommen die Hirsche dann.

          Eine besondere Beziehung zu Manni

          Tasso Wolzenburg, der in der Umgebung aufwuchs, ist von Hirschen fasziniert, seit er denken kann. Schon als Kind ging er mit seinem Vater und Großvater regelmäßig in den Wald, um die Natur zu erleben und zu lernen, wie sich die Tiere darin verhalten. So lernte er nicht nur Hirsche nachzuahmen, sondern auch Wildschweine, wie er sofort durch überzeugendes Grunzen demonstriert.

          Später war er dann beim örtlichen Forsthaus für die Betreuung des Wildgeheges zuständig, wo er eine besondere Beziehung zu einem Platzhirschen namens Manni aufbaute. „Wir hatten einen besonderen Draht“, sagt er. „Dadurch hatte ich jederzeit Zugang zur Herde und konnte auch die anderen Hirsche gut beobachten.“ Manni starb im vergangenen Jahr. Das Bauernhaus der Familie Wolzenburg ist voll mit Fotos von dem Hirschen. Kurz vor Mannis Tod tat der Forstwirt ihm noch einen letzten Gefallen. Weil sich der Hirsch sich das Lid gerissen hatte, behandelte er die Stelle mit Sprüh-Pflaster und verabreichte Manni homöopathische Kügelchen aus dem Schrank seiner Frau, einer Heilpraktikerin. „Nach zwei Wochen war alles geheilt.“

          Hauptberuflich ist Tasso Wolzenburg heute für die Jugendarbeit beim Forstamt Siegen-Wittgenstein zuständig. Er führt Schülergruppen durch den Wald und bietet Seminare an. Nebenbei fertigt er mit der Motorsäge Holzskulpturen an. Auch seinen Söhnen hat er das Hirschrufen schon beigebracht. Sie sollen ihre Verbundenheit mit der Natur pflegen: „Nirgendwo“, findet Wolzenburg, „kann man so viel lernen wie im Wald“.

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