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Königin Elisabeth II. Sie ist die Krönung

 ·  So patriotisch gestimmt waren die Briten seit dem Sieg im Zweiten Weltkrieg nicht mehr: Das Diamantene Thronjubiläum Königin Elizabeths II. lässt das Volk und die Geschäftemacher jubeln.

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© Felix Schmitt Süße Stücke: „Charbonnel et Walker“ darf sich „Manufacturers of Chocolates to Her Majesty The Queen“ nennen; anlässlich des Jubiläums gibt es eine Auswahl der Preziosen.

Es nimmt kein Ende - und hat dabei noch gar nicht richtig angefangen: Die Zeitungsköchinnen des „Daily Telegraph“ kochen der Nation seit Wochen „Coronation Chicken“ vor, jenes Curry-Huhn, das einst zur Krönung Elizabeths II. erfunden wurde, und backen „Saxe-Coburg-Cake“, einen Schichtkuchen, der an die deutschen Vorfahren des Hauses Windsor erinnern soll. Der renommierteste britische Rosenzüchter stellte selbstverständlich zur Blumenschau in Chelsea seine „Royal Jubilee Rose“ vor, eine pinkfarbene Strauchrose, und hatte doch das Nachsehen gegenüber einem Konkurrenten, dessen champagnerfarbene „The Queen’s Jubilee“-Rose es immerhin in den Wettbewerb um die Pflanze des Jahres schaffte - während die Rose mit dem korrekten Namen „Diamond Jubilee“, die in Britannien momentan von der Kaufhauskette Marks & Spencer vertrieben wird, eine cremeweiße Floribunda, gar aus der deutschen Rosenzüchterei Tantau stammt.

Und dann die Fahnen: Zwar ist der Union Jack seit je eines der populärsten britischen Design-Motive, das den Kult-Status von Mini-Cooper-Autos, von Pop-Gruppen, von Taschen, Mützen und allerlei anderen Accessoires beförderte, aber so viel blauweißrotes Kreuzgeflagge wie gegenwärtig hat das Vereinigte Königreich seit der siegreichen Beendigung des Zweiten Weltkrieges nicht wieder gesehen. Der Patriotismus, der in der Person der zierlichen 86 Jahre alten Königin ankert, wirkt als Kaufanreiz für alles, was in das britische Nationalmuster eingewickelt ist: von den Digestive-Keksen über Teedosen, Küchentücher, Serviettenringe, Liegestühle bis hin zu Damenhandtaschen. Das Londoner Warenhaus Harrods hat seine grünen Sonnenblenden mit den Farben des Vereinigten Königreiches vertauscht, und einige britische Brauereien haben ihren Bierflaschen vorübergehend verkaufsfördernde Union Jacks übergezogen.

Schon vor einem Jahr, zur Hochzeit des Thronfolge-Enkels William, buchten die Party-Ausstatter Rekordumsätze mit dem Absatz von Wimpeln, Fähnchen, Servietten, Papiertischtüchern, nationaler Tischdekoration. Damals war noch aufmerksam darauf geachtet worden, dass die Familienfirma der Braut Catherine, ein Online-Vertrieb von Partyartikeln aller Art, nicht allzu offensichtlich in den Hochzeitsjubel einstieg und aus der Vermählung einer Betriebsangehörigen einen unlauteren Geschäftsvorteil zog. Dieses Mal sind Carol und Michael Middleton nicht weniger eifrig im Geschäft als ihre Mitbewerber. Ihr „ultimatives britisches Straßenparty-Set“ bietet Pappbecher, Teller und Servietten für 24 Gäste - das Dekor zeigt wechselweise Pferde, königliche Gardesoldaten, Nationalfahnen und Königswappen - sowie zwei Fähnchengirlanden, 40 Luftballons und zwei Papiertischtücher für umgerechnet etwa 60 Euro. Plastikbesteck muss extra zugekauft werden.

Wem das Pappbecher-Ambiente der Schwiegereltern von Prinz William (dessen Vater Charles an diesem Sonntag immerhin eine Schirmherren-Rolle beim feierlichen Jubiläumszug seiner Mutter auf der Themse innehat) zu bieder oder zu billig erscheint, der ist beim Hoflieferanten Fortnum & Mason besser aufgehoben. Der gediegenste Londoner Lebensmittelhändler, der in diesen Tagen häufig darauf hinweist, er beliefere die Monarchie seit zwölf Generationen, hat sich zwei Jahre lang auf diese Feier vorbereitet und liefert alles: Jubiläumsporzellan, Jubiläumsmarmeladen, Jubiläumspicknickkörbe samt Jubiläumschampagner, Jubiläumsteekannenwärmer und, besonders hübsch, die Jubiläumskeksdose aus Goldblech, in deren Boden eine Spieluhr mit Handaufzug steckt. Die spielt, ein bisschen hastig, die Nationalhymne: God save the Queen.

Fortnum ist womöglich der älteste, sicher aber der bekannteste Einzelhändler, der sich als Hoflieferant mit dem königlichen Wappen schmücken kann; eine Sonderstellung bescherte der Firma im März des Jubiläumsjahres den ehrenvollen Besuch der Monarchin mit ihrer Schwiegertochter Camilla und ihrer Schwiegerenkelin Catherine. Die drei Damen steckten während ihres Aufenthalts im Stammgeschäft in der Londoner Straße Piccadilly ihre Nase auch in eigens bereitgehaltene Präsentkoffer aus Weidengeflecht und zeigten sich vom Inhalt entzückt, angeblich vor allem, als sie darin neben den üblichen Picknick-Utensilien auch abgepackten feinen Hundekuchen entdeckten.

Es gibt mehr als 700 weitere offizielle Lieferanten des königlichen Haushalts, von denen viele gleichfalls den Glanz des diamantenen Thronjubiläums auf ihre Produkte lenken wollen. Der Schokoladenhersteller Prestat hat eine Jubiläums-Pralinenschachtel ins Programm genommen, simpel kalkuliert: Inhalt 15 Trüffel, Preis 15 Pfund. Andere Ausstatter des Königshofes geben sich zurückhaltender in ihren Geschäftsaussichten: Bei Swaine Adeney Brigg, dem königlichen Handschuh- und Reitpeitschenmacher, heißt es, der größte Auftrag sei wahrscheinlich schon im vergangenen Jahr abgearbeitet worden - damals hatte der Palast sechs neue lange Postillon-Peitschen für die Kutscher bestellt, die auch jetzt wieder die Karossen lenken, in welchen die Königin und ihr Gefolge am nächsten Dienstag vom Danksagungsgottesdienst in der St.-Pauls-Kathedrale durch die Stadt rollen werden.

Pünktlich zur diamantenen Jubiläumsfeier haben auch Berechnungen stattgefunden, welchen Markenwert die „Firma“ (wie die Königin ihr familiäres Repräsentationsunternehmen angeblich nennt) repräsentieren würde, wenn man Schlösser, Grundbesitz, Kronjuwelen, aber auch die wirtschaftlichen Werbeeffekte in Tourismus, Export und Souvenirhandel zusammenzählte. Die Kalkulation der Beratungsfirma Brand Finance ergibt eine Summe von 44 Milliarden Pfund - das ist mehr, als die größten britischen Einzelhänder (Tesco) und die bekanntesten (Marks & Spencer) zusammen auf die Waage brächten.

Doch trotz des atemberaubenden Pomps, der sich an diesem Sonntag beim Festumzug auf der Themse zu entfalten entspricht, fällt die Anmutung der meisten Jubiläumsdevotionalien eher ein wenig bieder aus. Viele der Keksdosen, Keramikbecher, Kissen, Tücher und Porzellantassen zitieren in ihrem Design jene glückliche Nachkriegszeit, in denen die Herrschaft Elizabeths II. einst begann. Darin steckt eine doppelte Botschaft: Einerseits ist die britische Gesellschaft im vierten Jahr der Wirtschafts- und Finanzkrise doch durchaus empfindlich gegenüber verschwenderisch üppigem Bling, glitzernden Demonstrationen eigenen Wohlergehens, andererseits glänzen eben dadurch die schlichten fünfziger Jahre wieder wie neu mit ihren nostalgisch einfachen Vergnügen und Zeitvertreiben, zu denen eben auch Straßenfeste mit Wimpelketten gehörten.

Die jüngsten Meinungsumfragen sehen die Zustimmung der Untertanen Ihrer Majestät zur Institution der Monarchie auf Rekordwerten; jedenfalls so hoch, wie sie seit dem Unfalltod Dianas, Princess of Wales, nicht mehr gewesen sind. Die 86 Jahre alte Monarchin symbolisiert Beständigkeit in den aktuellen unsicheren Zeiten, und sie lebt ihrer Nation eine beispielhafte Pflichterfüllung vor. In der offiziellen Jubiläumsansprache an die politische Elite des Landes, zu der die Königin im Mai in der mittelalterlichen Westminster Hall erschien, dem düsteren Zentrum des Parlamentspalastes an der Themse, versprach sie ausdrücklich, ihr Leben weiterhin dem Dienst an ihren Völkern widmen zu wollen.

Also rüsten sich an diesem Sonntag, aus Dankbarkeit und einer Art familiären Zuneigung, noch weit mehr Briten als zu Williams Trauung vor einem Jahr für Grillfeste und Nachbarschaftsfeten, dekorieren ihre Wohnzimmerfenster weißrotblau und prosten ihrer Herrscherin zu. Wenn alles vorbei und verdaut ist, bleibt am Ende der patriotische Griff zu den Papierrollen der Marke Andrex, als deren Markenzeichen auf der Verpackung seit je ein flauschiger Retriever-Welpe schlummert; auch sie aber tragen in diesen Tagen, wie so vieles, den Union Jack auf der Plastikhülle.

Unsere liebste Seifenoper – woher kommt die Royal-Begeisterung der Deutschen?

Seit 1918 sind die Deutschen kaiserlos, ihre Faszination von der Monarchie jedoch scheint ungebrochen. Die Quoten der Feiern für Elizabeth II., die auch bei uns im Fernsehen übertragen werden, dürften wie gewohnt respektabel sein; spätestens seit dem Mai 1965, als sie die noch junge Bundesrepublik stolze elf Tage lang bereiste, darf die britische Queen als deutsche Königin der Herzen gelten.

Für Peter Wende, den ehemaligen Direktor des Deutschen Historischen Instituts in London, liegt die anhaltende Begeisterung der Deutschen für die Windsors auch in der deutsch-englischen Vergangenheit begründet: „Das britische Königshaus hat seine Wurzeln in Deutschland. Seit dem 18. Jahrhundert bestimmte das Haus Hannover die Erbfolge. Diese bestehende Verbindung wurde durch die Hochzeit von Queen Victoria mit Albert von Sachsen-Coburg-Gotha weiter gefestigt.“ Sei das britische Empire einst für seine wirtschaftliche Stärke verehrt worden, hätten sich beide Länder später auch durch die Popkultur einander angenähert, die mit dem Siegeszug der Beatles begann.

Die Queen, so Wende, bewunderten die Deutschen besonders für ihre Disziplin: „Ihr Pflichtbewusstsein gegenüber den britischen Untertanen erinnert sie an ihre eigenen deutschen Tugenden.“ Elizabeth II. gelte als ruhender Pol im von Turbulenzen erschütterten britischen Königshaus. Gerade die bunte Mischung von Skandalen und königlicher Beständigkeit fasziniere die Öffentlichkeit: „Kein anderes europäisches Königshaus bietet so viele Geschichten. Aber auch wenn Elizabeths Nachfahren die bunten Blätter füllen, ihrer Vorbildfunktion schadet das nicht. Die Queen, als Mittelpunkt der königlichen Familie, lässt letztendlich alle Skandale zweitrangig werden.“

So bestaunen und beneiden die Deutschen den englischen Hof, auch weil er bessere Unterhaltung als jede Seifenoper bietet. Eine Alternative zur Demokratie stellt die Monarchie aber nur für ganz wenige dar. „Meine Mutter wäre begeistert gewesen, wenn auch Deutschland wieder ein gekröntes Staatsoberhaupt besäße, aber die Mehrheit der Deutschen sieht das anders“, sagt Wende. „Glanz und Gloria rund um die Royals sehen sie eher als Event.“

Sarah Engel

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Jahrgang 1962, politischer Korrespondent in Berlin.

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