Mein Chef, die Queen: Im Rahmen dessen, was das Protokoll zulässt, pflegt die Königin einen warmen, freundlichen Umgang mit dem Großteil des Personals. Während der Dienstzeiten geht es förmlich zu, aber wenn sie und ihre Angestellten außer Dienst sind, herrscht eine entspannte, informelle Atmosphäre.
Morgens im Palast
Routine ist für die Königin und für alle ihre Angestellten von größter Wichtigkeit. Ihr persönliches Dienstmädchen, man nennt sie ihre Ankleiderin, betritt ihr Schlafzimmer jeden Morgen Punkt acht Uhr mit einem Tablett, auf dem sich eine Tasse mit Earl-Grey-Tee befindet. Dann dürfen ihre geliebten Corgi-Hunde hereinstürmen und sie begrüßen. Wenn die Königin angekleidet und bereit für den Tag ist, sucht sie um genau neun Uhr ihr persönliches Speisezimmer auf, in der Hand ihr liebstes altes Radiogerät, um die Nachrichten zu hören. Direkt bevor sie hereintrat, plazierte ich ein Frühstücksgedeck für sie an ihrem Tisch. Das Frühstück war traditionsgemäß einfach, oft bestand es aus nichts mehr als einer Scheibe Toast mit Butter und Marmelade. Sie kochte sich oft selbst ihren Frühstückstee, während sie all die wichtigen britischen Tageszeitungen überflog, die ich für sie bereitgelegt hatte.ANTWORT: Sie liebt die Kreuzworträtsel des „Daily Telegraph“ und versucht immer, sie komplett zu lösen. Von all den Zeitungen allerdings greift sie als Erstes zum „Sporting Life“, die britische Publikation, die sich dem Pferderennen widmet. Die Königin besitzt zahlreiche erstklassige Rennpferde, von denen viele professionelle Rennen bestreiten. Über Pferde zu lesen oder der Übertragung von Pferderennen zu lauschen sind für sie Möglichkeiten, von ihren königlichen Pflichten abzuschalten.
Ein Arbeitstag
Pünktlich um zehn Uhr morgens ruft sie ihren Privatsekretär herbei. Er betritt dann ihr Wohnzimmer und steht an ihrem Schreibtisch, um mit ihr bis zu einer Stunde all die wichtigen gesellschaftlichen und politischen Angelegenheiten des Tages zu besprechen, ebenso wie alle wesentlichen öffentlichen Verpflichtungen, die ihr bevorstehen. An manchen Tagen im Palast sind die Stunden zwischen elf und ein Uhr für Privataudienzen mit wichtigen Persönlichkeiten reserviert. Dann empfängt sie Botschafter oder Minister der Regierung. Sobald die Formalitäten beendet waren, kam sie zu mir und fragte: „Paul, ist das Tablett mit den Getränken fertig?“
Cocktails
Direkt vor dem Mittagessen bereitet sich die Königin gewöhnlich ein großes Glas mit Gin und Dubonnet zu, mit einer Scheibe Zitrone und zwei Eiswürfeln. Das Mittagessen beginnt stets um eins und dauert ungefähr eine Stunde. Am Abend, gegen sechs, trinkt sie gerne einen Gin Tonic. Zum Abendessen, immer um 20.15 Uhr, mag sie hingegen ein Glas sehr guten Weines. Wie Sie sich vorstellen können, verfügen die königlichen Keller über einige der weltbesten Weine jeglicher Jahrgänge und Farbe.
Tea Time
Wo auch immer auf der Welt die Königin sich aufhält, der Tee wird pünktlich um 17 Uhr serviert. Ihr Lieblingsgetränk ist, wie gesagt, Earl Grey - mit einem Tropfen Milch. Dazu knabbert sie gern an einem Sandwich und isst hinterher gern noch etwas Süßes. Das wunderbar gehaltvolle heiße Teegebäck mit Früchten hingegen, das der Chef-Patissier frisch für sie zubereitet, bekamen oft die königlichen Corgis, die die Königin verhätschelt. Stehen abends keine offiziellen Cocktailpartys an, keine förmlichen Abendessen oder Staatsbankette, dann isst sie gerne privat mit Prinz Philip zu Abend. Kommt es vor, dass sie abends allein ist, isst sie gern vorm Fernseher und erfreut sich an einem Krimi oder einer guten Komödie, oder sie schaut Nachrichten.
At the End of the Day
Nach dem Abendessen betrat ich die Räume der Königin mit einer Flasche Mineralwasser für sie und einer Flasche gutem schottischen Whisky für Prinz Philip. Dann ging ich mit den Corgis auf ihre letzte Abendrunde und brachte sie zurück zum Palast in ihr Zimmer - welches übrigens an denselben Korridor grenzt wie die Räume Ihrer Majestät. Die Königin, die in ihre Hunde vernarrt ist, kam oft herein, wenn ich jeden von ihnen in sein kleines Bett legte, und ging - manchmal schon in ihrem Abendkleid und mit Juwelen - in die Hocke, um sich zu versichern, dass sie es bequem hatten. Außer wenn es eiskalt war, sagte sie dann stets zu mir: „Sorgen Sie dafür, dass das Fenster für sie offen ist. Gute Nacht, Paul.“ Ich persönlich habe davon nichts mitbekommen, doch ihr Dienstmädchen sagte mir, die Königin schreibe mit Bleistift in ihr Tagebuch, bevor sie dann ihr Nachtlicht löscht. Das Tagebuchschreiben ist eine Tradition, die bis zu ihrer berühmten Vorgängerin Queen Victoria zurückreicht.
Königlicher Small Talk
Die Gespräche drehten sich oft um jene Themen, die der Königin am wichtigsten sind: Hunde, Pferde, Prinz Philip und ihre Kinder. In der Reihenfolge ihrer Wichtigkeit, scherzte man im Personal. Das ist ein wenig unfair. Es ist einfach so, dass sie dieselbe Leidenschaft für Pferde und Hunde aufbringt wie für Menschen, selbst für jene, die ihr sehr nahestehen.
Queen of Comedy
Manche sagen, die Königin habe keinen Humor, doch das Gegenteil ist richtig. Die Königin muss in der Öffentlichkeit Anstand und Regeln bewahren, doch sie liebt Witze und lustige Geschichten, und sie hat einen recht frechen Humor. Ich habe sie mit Herzenslust über ein Comedy-Programm im Fernsehen lachen sehen. Sie trifft sehr gerne Entertainer, besonders große Komiker. Viele Leute wissen nicht, dass sie großartig darin ist, andere nachzuäffen. Sie spricht auch gern mit regionalen britischen Akzenten und den Akzenten anderer Nationen. Einige ihrer bevorzugten Akzente sind schottische, walisische und irische, gar nicht zu reden von australischen. Sie hat auch eine Leidenschaft für den Londoner Cockney-Akzent.
Gesund und munter
Die Königin ist von ziemlich robuster Abstammung. Als Prinzessin ist sie nie verwöhnt worden; ihre Eltern haben dafür gesorgt, dass sie und ihre Schwester Prinzessin Margaret, soweit möglich, an der frischen Luft aufwuchsen. Bis zum heutigen Tag schläft die Königin - außer wenn es sehr kalt ist - bei offenem Fenster, sogar in ihrer schottischen Residenz Balmoral, wo es wirklich sehr frisch sein kann. Außerdem liebt die Königin nichts so sehr wie lange Spaziergänge mit ihren Hunden und mit der Familie, was gut für die Gesundheit ist. Nicht zuletzt achtet die Königin auch sehr auf ihre Ernährung. Ich habe nie erlebt, dass sie zwischen den Mahlzeiten genascht hätte. Auch zu den Hauptmahlzeiten isst sie stets bescheidene Portionen.
Paul Burrell stand von 1976 bis 1997 in Diensten des britischen Königshauses. Bekannt wurde er vor allem als Butler von Prinzessin Diana (1987 bis 1997); über diese Zeit hat er zwei Bücher veröffentlicht. Zuvor war er als Diener für Königin Elisabeth tätig gewesen.
Europa braucht keine Monarchie
thomas ackermann (chefmixer)
- 05.06.2012, 13:25 Uhr