03.09.2006 · Endlich männlicher Nachwuchs für Japans Prinzessin Kiko? Wenn alles gut geht, wird erstmals seit mehr als vierzig Jahren ein Sohn in die kaiserliche Familie geboren. Die Diskussion um eine Frau auf dem Thron wäre damit schlagartig beendet.
Von Anne Schneppen, TokioPrinzessin Kiko ist seit 16 Jahren der Prototyp einer kaiserlichen Schwiegertochter: ruhig und bescheiden im öffentlichen Auftritt, immer dezent hinter ihrem Mann, Prinz Akishino, stets lächelnd und formvollendet zurückhaltend.
Vielleicht hatte sich die Mutter zweier Töchter schon länger ein drittes Kind gewünscht, aber angesichts der Schwierigkeiten ihrer Schwägerin Masako, Japan den männlichen Thronfolger zu gebären, mehr oder weniger freiwillig verzichtet. Jetzt ist Kiko aus dem langen Schatten des Kronprinzenpaares herausgetreten: Sie erwartet weiteren Nachwuchs.
Der erste Kaiserschnitt in der Kaiserfamilie
„Am Mittwoch morgen, dem 6. September“, so verkündete das kaiserliche Haushofamt, soll Kiko entbinden. Nicht nur wird es der erste Kaiserschnitt in der Geschichte der Kaiserfamilie, es wird auch die erste Geburt außerhalb eines Palastes.
Eigentlich wäre der Termin erst Ende September, doch wegen Komplikationen haben die Ärzte zu einem frühen Eingriff geraten. Schon seit dem 16. August ist die 39 Jahre alte Prinzessin in der Obhut des Tokioter Aiiku-Krankenhauses, eine der besten Adressen des Landes, spezialisiert auf Risikoschwangerschaften und komplizierte Geburten.
Westlich-moderne Versorgung
Dort im feinen Stadtteil Hiroo, zwischen deutscher und chinesischer Botschaft, angrenzend an einen kleinen Park, gebären gern bürgerliche Japanerinnen und Ausländerinnen, die eine westlich-moderne Versorgung wünschen und bezahlen können.
Ohne Bindungen zum Palast ist das Krankenhaus freilich nicht, es wurde 1938 zur Erinnerung an den fünf Jahre zuvor geborenen Akihito, den heutigen Tenno, erbaut und trägt bis heute das Emblem einer kaiserlichen Stiftung.
Chrysanthementhron
Wenn alles gut läuft, das heißt die Hoffnungen der Traditionalisten in Erfüllung gehen, wird erstmals seit mehr als vierzig Jahren ein Sohn in die kaiserliche Familie geboren. Das Bangen um den Fortbestand der ältesten Monarchie der Welt hätte ein Ende und damit wohl auch die Diskussion um die Emanzipation im letzten Kaiserhaus der Welt.
Mangels männlichen Nachwuchses waren die Überlegungen nämlich schon recht fortgeschritten, eine weibliche Erbfolge zuzulassen und der vierjährigen Prinzessin Aiko, dem einzigen Kind des Kronprinzenpaares, den Weg auf den Chrysanthementhron zu ebnen.
Riß in der Familie sichtbar
Sollte Prinzessin Kiko nun einen Jungen zur Welt bringen, wäre dieser in der Thronfolge die Nummer drei hinter Kronprinz Naruhito und dessen jüngerem Bruder Akishino. Diese Fügung wäre dem erzkonservativen Haushofamt wie auch tennotreuen Nationalisten weitaus lieber als eine Frau auf dem Thron.
Im Idealfall hätte natürlich die Kronprinzessin selbst noch einen Sohn zur Welt gebracht. Doch die sogenannten „Anpassungsschwierigkeiten“ der einstigen Karriere-Diplomatin an das streng reglementierte Leben am Hof und die damit einhergehenden Depressionen haben die Aussichten auf eine weitere Schwangerschaft der jetzt Zweiundvierzigjährigen nicht nur sinken lassen, sondern mit den Jahren einen Riß in der Familie sichtbar gemacht.
Dolchstoß gegen den Bruder
Ungewöhnlich deutlich trat Kronprinz Naruhito seiner leidenden Frau zur Seite und kritisierte öffentlich, daß sie sich am Hof nicht ihren Fähigkeiten entsprechend entfalten könne und zunehmend unter Druck stehe. Solch eine Attacke gegen Kaiserpaar und Haushofamt hatte es aus der erlauchten Familie noch nie gegeben, und die Abstrafung folgte prompt durch den jüngeren Bruder, der unverhohlen jenen beipflichtete, die Naruhitos Bemerkungen ungebührlich fanden.
Nachgebend oder vielmehr um des inneren Friedens willen entschuldigte sich der Kronprinz schließlich für die Unannehmlichkeiten, die er dem Kaiser bereitet habe. Akishinos dritte Vaterschaft könnte nun als weiterer Dolchstoß gegen den Bruder gewertet werden.
Zu den wenigen überlieferten Gemütsregungen aus dem Inneren des Palastes gehörte, daß Masako „erfreut“ auf die Nachricht von Kikos Schwangerschaft reagierte. In den Boulevardblättern las sich das mitunter auch etwas anders.
„Besonderes Verständnis“ für Masako
Zum Ende von Kikos Schwangerschaft jedenfalls durfte sich Masako mit Mann, Tochter und Arzt in den fernen Niederlanden erholen. Die japanische Presse hob hervor, es sei das erste Mal, daß eine kaiserliche Familie nur zur Muße ins Ausland gefahren sei.
Sie folgte einer Einladung von Königin Beatrix, und sofort wurde in japanischen Medien vermerkt, daß dieses Königshaus wegen der Depressionen des verstorbenen Prinz Claus „besonderes Verständnis“ für Masako haben dürfte.
Übereinstimmend berichteten der niederländische und der japanische Hof, die Kronprinzessin und ihre Familie hätten sich mit vielerlei Aktivitäten entspannt: Spaziergängen, einer Kutschfahrt im nahen königlichen Wald und beim Füttern der Enten im Schloßgraben. Besondere Erwähnung fand ein Besuch im Zoo.
Die Reise als Teil ihrer Therapie
Doch es ist nicht abzusehen, ob die „traurige Prinzessin“ je wieder die selbstbewußte, extrovertierte und tatkräftige Frau wird, als die man sie einmal kannte, bevor die Ansprüche des Kaiserhofs sie brachen. Auch für das über die Erste Familie wachende Haushofamt scheint schwer einzuschätzen, wann Masako wieder ihre offiziellen Pflichten voll übernehmen kann, von denen sie sich seit nunmehr zwei Jahren weitgehend zurückgezogen hat.
Die Reise in die Niederlande könne als Teil ihrer Therapie angesehen werden, sagte Issei Nomura, der Hofmeister des Kronprinzenpaares, gegenüber der Palastpresse in Tokio: „Sie müssen bedenken, daß sie immer noch in Behandlung ist.“
Kiko mit größerer Leichtigkeit angepaßt
Anders als Masako, die offenbar stets unter dem Verlust ihrer Freiheit und Persönlichkeit litt, sich an die neue Rolle nicht gewöhnen konnte, scheint Kiko sich ihrer Welt mit größerer Leichtigkeit angepaßt zu haben - freilich stand sie auch nie so sehr im Rampenlicht oder unter Erwartungsdruck wie ihre Schwägerin und war deshalb auch nicht so eingeengt.
Strenggenommen ist Kiko die dritte Bürgerliche, die neben Masako und der heutigen Kaiserin Michiko in das Kaiserhaus eingeheiratet hat. Die einzige Tochter eines Volkswirtschaftsprofessors der renommierten Gakushuin-Universität wuchs unter anderem in Amerika und Österreich auf, wo ihr Vater zwischenzeitlich lehrte.
Heirat erst vier Jahre nach dem Antrag
Sie studierte Psychologie an dessen Tokioter Hochschule, und dort traf sie auch ihren späteren Mann, Prinz Akishino. Das Paar ließ sich Zeit, die Verbindung öffentlich zu machen, vier Jahre nach Akishinos erstem Heiratsantrag wurde im Juni 1990 die Ehe geschlossen.
Aus Kiko Kawashima wurde Ihre Königliche Hoheit Prinzessin Akishino, genannt Prinzessin Kiko. Die beiden Töchter, Mako und Kako, kamen 1991 und 1994 zur Welt.
Ohne Fasson und Gesicht zu verlieren
Mehr als die junge Michiko, die einer reichen Unternehmerfamilie entsprang, und Masako, die überaus gebildete, intelligente und kosmopolitische Tochter eines hochrangigen Diplomaten, der heute als Richter in Den Haag sitzt, verkörpert Kiko für viele Japaner das Mädchen von nebenan: gut bürgerlich natürlich, in der Ehe bemüht, eine perfekte Schwiegertochter und Mutter.
Während der unglücklichen Masako mehr und mehr die Rolle der Schwierigen zufiel, fügte sich Kiko, von außen betrachtet, harmonisch ins Bild, überstand selbst schwierige Zeiten, ohne Fasson und Gesicht zu verlieren, als die japanische Boulevardpresse ihrem Mann auf Dienstreise in Thailand ein Techtelmechtel unterstellte. Ihre Loyalität ist Kaiser und Hofamt sehr wohl aufgefallen.
Die Situation gebot Zurückhaltung
Die Ankündigung von Kikos Schwangerschaft und der Geburtstermin im September kamen für Japan völlig überraschend. Selbst der Ministerpräsident erfuhr die frohe Kunde aus dem Fernsehen. Die Offenbarung durch das Haushofamt fiel zu einem pikanten Zeitpunkt, denn Japans Parlamentarier debattierten schon eine Änderung des Hofgesetzes von 1947, um eine weibliche Thronfolge zuzulassen.
Immerhin hatte es in der zweitausendjährigen Geschichte mehrere Kaiserinnen gegeben. Die Bevölkerung schien aufgeschlossen. Regierungschef Koizumi, der des öfteren als Verteidiger alter japanischer Werte eintritt, zählte in diesem Fall zu den Progressiven. Doch seine Regierung ließ angesichts der Neuigkeiten sämtliche Optionen wieder in den Schubladen verschwinden - die Situation gebot Zurückhaltung.
Hofschranzen geben Unwissen vor
Wider alle technischen Möglichkeiten will das Elternpaar laut Hofamt das Geschlecht seines Kindes angeblich erst zur Geburt erfahren. Und auch die Hofschranzen geben Unwissen vor.
Die Nachrichtenarmut, die Ruhe und Gelassenheit am Hofe wird von der Klatschpresse indessen schon eindeutig interpretiert. „Die Geburt eines Jungen!“ kündigte bereits das Wochenmagazin Shukan Post an. Das allerdings hatten viele andere auch vor der Geburt der kleinen Aiko prophezeit.