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Lichtplaner und Lichtkunst: So baut man den Himmel auf Erden

So baut man den Himmel auf Erden

Von INA LOCKHART, Fotos von FRANK RÖTH

05.11.2017 · Torsten Braun ist der Mann hinter dem Künstler James Turrell. Unterwegs mit dem Lichtplaner aus Limburg.

T orsten Braun ist überall. Er steht in der Nähe von Innsbruck im Bergiseltunnel. Er fährt ins thüringische Walldorf zum Ortstermin für den Wiederaufbau der dortigen Kirchenburg. Er arbeitet im staubigen Neubau der Kunsthalle Mannheim. Wofür das alles? Natürlich fürs Licht. In Österreich schickt Torsten Braun zwei Wochen lang 48 Testpersonen im Auto in den Tunnel. Morgens und abends. Sie sind verkabelt und mit einer besonderen Brille ausgestattet, damit Herzrate, Hautwiderstand und Augenbewegungen gemessen werden können. Im Auftrag des Autobahnbetreibers testet der Lichtplaner, welche Art von verkehrssicherer Tunnelbeleuchtung Autofahrer noch als stressarm empfinden. Schauen die Probanden direkt ins Licht? Oder doch eher auf das Auto vor ihnen? Oder – noch besser – auf die Fahrbahn?

Und wie stark strengt sie der Übergang von einer Gegenstrahlbeleuchtung bei der Einfahrt in den Tunnel zu einer Mitstrahlbeleuchtung an, die bei der Durchfahrt den Autos hinterherleuchtet? Die Gegenstrahlbeleuchtung sorgt dafür, dass das menschliche Auge besser Gegenstände auf der Fahrbahn erkennt. „Das abschließende Ergebnis wird noch ein bis zwei Jahre auf sich warten lassen“, sagt der Lichtplaner. „Erst dann werden die 600 Stunden an Messreihen mit fünf Gigabyte an Daten pro Versuchsperson vollständig ausgewertet sein.“

Wie Lichtplaner Braun bei der Umsetzung Grenzen austestet. Video: Katrin Jakob

In Walldorf berät Braun den Pfarrer Heinrich Freiherr von Berlepsch bei der Innenbeleuchtung der Kirche, die auf einem Berg über dem Ortskern thront, umgeben von Befestigungsmauern. Am 3. April 2012 ist sie abgebrannt, Pfingsten 2018 soll sie der Gemeinde wieder zur Verfügung stehen. Braun findet eine Deckenleuchte, die in ihrer organischen Form den Vorstellungen des Pfarrers entspricht. Und er regt an, die Glasfenster, die der Künstler Julian Plodek mit unterschiedlichen Bildmotiven gestaltet hat, von innen zu beleuchten.

Das Kirchenfenser im thüringischen Walldorf hat Torsten Braun ins rechte Licht gesetzt. Foto: Heinrich von Berlepsch/Julian Plodek

In Mannheim ist Braun der verlängerte Arm des Lichtkünstlers James Turrell. Dort entsteht im Athene-Trakt, der das alte Jugendstilgebäude der Kunsthalle mit dem Neubau verbindet, der Raum für ein Werk Turrells aus der Serie „Tall Glasses“: eine Wandöffnung, auf der präzise plazierte Leuchtdioden (LEDs) für den Betrachter über längere Zeit eine neue Wahrnehmungswelt erschaffen. Diese LEDs bleiben unsichtbar. „Light kills light“, wie Turrell zu sagen pflegt. Die Lichtquelle darf nie zu sehen sein. Der 74 Jahre alte Amerikaner schafft faszinierende Illusionsräume, indem er das Licht zum Objekt der Betrachtung macht und so unsere Lichtwahrnehmung in Frage stellt. Denn meist nehmen wir Licht nur indirekt wahr – durch ein Objekt, das beleuchtet wird.

Die lichtdurchlässige Projektionsmembran der Wandöffnung misst 42 Quadratmeter. Ein Novum für Braun, obwohl er bestimmt schon 60 Projekte für Turrell verwirklicht hat: „In so einer Größe haben wir das noch nie gemacht.“ Ungewöhnlich ist es auch deshalb, weil das Lichtkunstwerk in einem Neubau entsteht. Mitten in Dreck und Lärm arbeitet Markus Streitler, der sonst auf Messen oder in Gebäuden Lichtdecken und Illusionsräume baut, um die kompliziert gerundeten Projektionswände zu schaffen. Alles ist auf den Millimeter berechnet. Lichtkunst entsteht nur aus perfektem Handwerk.

Die Baustelle in der Kunsthalle Mannheim, wo das Lichtkunstwerk von James Turrell den Neubau mit dem alten Museumsgebäude verbindet. Foto: Frank Röth
Lichtplaner Torsten Braun (l.) im Gespräch mit Markus Streitler, der die perfekte Wand schaffen muss, damit Turrells Lichtillusion gelingt. Foto: Frank Röth
Der Aluminiumkoffer ist Brauns treuer Begleiter, wenn er als Lichtplaner unterwegs ist. Hier brütet er gerade über den Plänen für Turrells Kunstwerk in Mannheim. Foto: Frank Röth

Wenn sie fertig sind, werden Besucher auf zwei Ebenen einen geheimnisvollen Lichtraum erleben, der allein durch die in den Wandöffnungen erscheinenden Lichtabfolgen und die gerundeten Wände geschaffen wird. Der Mittelgang, die leicht geneigte Brücke im zweiten Stock und die Wände werden schwarz sein, um störende Streustrahlung zu vermeiden. Nur die Projektionsfläche bleibt weiß. Die Wände rechts und links muten wie die Innenansicht einer überdimensionierten Eierschale an.

„Vor zehn Jahren wäre so etwas handwerklich nicht möglich gewesen“, sagt Braun und zieht die Pläne aus dem silbernen Aktenkoffer, den er immer dabeihat. Alles in dem Raum ist gerundet. Turrell schafft ein Ganzfeld, also ein konturloses, homogenes Sehfeld. Nur am Ein- und Ausgang zu dem Athene-Trakt gibt es Ecken, um dem Auge des Besuchers einen Orientierungspunkt zu bieten. „An runden Formen macht sich das Auge nicht fest“, sagt Braun. Kurator Sebastian Baden vergleicht das mit dem Whiteout-Effekt, den man vom Skifahren bei Neuschnee oder im Nebel kennt. Der Übergang zwischen Horizont und Piste wird plötzlich fließend.

Der Ganzfeld-Effekt wurde in der Wahrnehmungspsychologie schon in den dreißiger Jahren entdeckt. Durch systematischen Reizentzug schafft ein Ganzfeld einen monotonen Dauerreiz, den unsere Wahrnehmung aufgrund fehlender Kontraste und Unterschiede aber schnell ausblendet. Das Nervensystem eines Menschen, der einem Ganzfeld ausgesetzt ist, sucht bald automatisch nach Reizen. Das Gehirn beginnt, sich mit sich selbst zu beschäftigen. Schwache Stimuli, die in einer normalen Situation untergehen, werden plötzlich wahrgenommen.

Für Kunsthallendirektorin Ulrike Lorenz sind Braun und Streitler Teil eines Teams, das wie ein Orchester zusammenspielt. Eigentlich. Heute ist von der Harmonie nicht allzu viel zu spüren. Streitler, der mit seiner Firma im österreichischen Vorarlberg sitzt, ist grummelig. Er kann nicht weitermachen, wie es der Zeitplan vorsieht. Die Kabelvorarbeiten in der Decke sind nicht erledigt, wichtige Abstände und Abmessungen für die Deckenstrahler noch nicht final geklärt. Braun, der mit Streitler seit 2001 zusammenarbeitet, bleibt ruhig und greift zum Telefon. Der Lichtplaner als Troubleshooter: Er weiß, wie er die, mit denen er zusammenarbeitet, ansprechen muss, damit das Projekt Stück für Stück vorankommt.

Der Unterschied zwischen Dunkelheit und Finsternis – Lichtplaner Braun im Gespräch Video: Kathrin Jakob

Gemeinsam mit dem LED-Lieferanten, mit dem Braun seit Jahren zusammenarbeitet, findet er eine Lösung: Sie machen das Kunstwerk zeitweise zur Beleuchtung. „Für den Fall wird der Turrell auf weiß geschaltet“, sagt Braun. Und Lorenz ergänzt: „Dann wird Turrell zur Lampe. Sind unsere Mitarbeiter mit den Alltagsarbeiten fertig, schalten wir wieder auf Kunst.“ Dazu hat Braun jedoch noch eine kleine Anmerkung: „Zur Leuchte, so heißt es, nicht: zur Lampe.“

Troubleshooter ist Braun auch, als Lorenz ihn 2012 kurz vor knapp engagiert. Während der laufenden Sanierung des 1907 errichteten Jugendstilbaus wird plötzlich offensichtlich, dass eine Tageslichtplanung fehlt. „Ich habe ihn dann einfach angerufen, obwohl mir bis zu dem Zeitpunkt gar nicht klar war, dass er sein Geld als Lichtplaner verdient“, sagt Lorenz. „Ich hatte ihn als jemanden kennengelernt, der Projekte von Künstlern umsetzt.“ Nicht umsonst beschreibt sich Braun in seiner lockeren Bürogemeinschaft mit zwei beruflichen Weggefährten, mit denen er seit Anfang der neunziger Jahre zusammenarbeitet, als denjenigen, der „mit Künstlern und Architekten gut kann, also mit den Kunden mit mehr Phantasie“.

Interessenkonflikte muss man einfach in anderem Licht sehen. So passt Torsten Braun die Lichtplanung ganz unprätentiös an. In Mannheim erfährt er irgendwann, dass das Brandschutzkonzept eine Dauerbeleuchtung in Turrells Lichtraum vorsieht, denn alltägliche Arbeiten wie der Transport von Kunstwerken oder die Evakuierung des Gebäudes im Brandfall müssen möglich sein. Das aber wäre das Ende für die Installation.

Torsten Braun

Torsten Braun Foto: Frank Röth
verschlug es zum Psychologiestudium nach Trier – schuld daran war die zentrale Studienplatzvergabe. Sein Fokus lag unter anderem auf Wahrnehmungspsychologie. Schon in seiner Diplomarbeit beschäftigte sich der gebürtige Bremer mit dem Thema Licht. Seine erste Stelle bekam Braun 1988 als Projektleiter in Innsbruck bei Christian Bartenbach, einem der Pioniere der Lichtplanung. 1990 ging er zurück nach Deutschland, um für Zumtobel die Expansion voranzutreiben. Dort lernte der Neunundfünfzigjährige seine beiden späteren Büropartner Jörg Klasen und Klaus Hochschwarzer kennen. Nach fast sechs Jahren Angestelltendasein machte sich Braun mit dem Büro „Die Lichtplaner“ selbständig. Schon als Schüler hatte er den Wunsch gehegt, auf eigene Rechnung zu arbeiten. Der Vater dreier Kinder will das machen können, woran er Spaß hat. Und er will sich für gewisse Rituale Zeit nehmen – wie die alljährliche Angeltour auf der Müritz mit den beiden erwachsenen Söhnen. Wenn Braun nicht gerade für seinen Beruf auf Reisen ist, taktet sein Hund den beruflichen Alltag im Büro in Limburg-Staffel.

Der Lichtplaner liefert, der Zeitplan wird eingehalten, im Oktober 2013 eröffnet der Bau im neuen Glanz. Braun habe genau beraten und einen machbaren Preis genannt, erinnert sich die Direktorin. Er meistert die Aufhängung des komplexen Lichtobjekts, das der isländisch-dänische Künstler Olafur Eliasson für die Kuppeleingangshalle geschaffen hat. Braun erinnert sich an eine „dramatische Hängeaktion“ des Multiples aus Starbrick-Leuchten, die Eliasson mit dem Leuchtenhersteller Zumtobel kreiert hatte. Seine Freude an der damaligen Herausforderung ist für einen kurzen Moment wieder zu spüren.

Wie beeinflusst Licht unsere Wahrnehmung, sogar unser Handeln? Das interessiert den Lichtplaner. Daher verfolgt er Projekte wie das in der Kunsthalle Mannheim so leidenschaftlich, obwohl solche Aufträge mehr Ehre als Geld einbringen. Besonders Turrell begeistert ihn. Einiges verbinde Braun mit dem Künstler, sagt Kunsthallendirektorin Lorenz: Beide seien Perfektionisten. „Wir haben beide dieselbe Ausbildung und Wahrnehmungspsychologie studiert“, sagt Braun selbst, um gleich hinzuzufügen: „Ich bin kein Künstler.“ Das ist ihm ganz wichtig. Er sieht sich als Dienstleister, nicht als Gestalter. „Ich bin für Turrell auch kein Gesprächspartner auf Augenhöhe, was die Inhalte seiner Kunst angeht. Wir versuchen nur das, was er umsetzen will, zu realisieren“, sagt Braun, der einen ausgeprägten Sehsinn hat – und in seiner Phantasie das Licht von Objekten abziehen oder hinzufügen kann.

Z um ersten Mal begegnete er Turrell 1999. In London ging es damals um die Verwirklichung eines Lichtkunstwerks im Bertelsmann-Pavillon auf der Expo 2000 in Hannover. Seitdem arbeitet Braun für Turrell, ohne dafür von ihm bezahlt zu werden. „You have to work on my behalf“ – „Sie arbeiten in meinem Auftrag“ – steht auf dem Fax, das Braun vor fast 18 Jahren von dem Künstler bekam. Das ist alles, einen Vertrag gibt es nicht. Die Aufträge bekommt er von den anderen: von den Museen oder den jeweiligen Bauherren. Braun empfiehlt sich über die Kunstwerke, die er bereits für Turrell betreut hat.

Mit dem Arrangement kommt er gut zurecht, denn seine Bezahlung sichern dann nicht Künstler. Gleichzeitig kann er für einen der größten Lichtkünstler arbeiten. „Turrell ist für mich ein Katalysator“, sagt er. So lernt er neue Wahrnehmungswelten kennen und kann mit der neuesten Lichttechnik Grenzen austesten. Zum Beispiel in Mannheim, wo Turrell kurz vor der für Dezember geplanten Eröffnung des Neubaus erwartet wird, um die Programmierung des Lichts für sein bislang noch namenloses Werk zu betreuen und abzunehmen. „Mit der Steuerungstechnik, die hinter jeder einzelnen LED steckt, geben wir ihm alle künstlerischen Gestaltungsmöglichkeiten“, sagt Braun. „Für seine Kunstwerke verwenden wir immer die beste Lichtqualität, die es zur Zeit auf dem Markt gibt.“

Braun ist schon durch die Welt gereist, um an Ort und Stelle zu sein, wenn ein neuer Turrell installiert oder ein bestehender verändert wird. Beispielsweise um ein Werk auf den neuen Stand der Technik zu bringen. „Zum Glück sieht es der Künstler genauso, dass die Technik nicht Teil des Kunstwerks ist“, sagt Braun erleichtert. Turrell, der mit der Neontechnik groß geworden ist, hatte keine Einwände, als die DZ Bank 2015 seine mehrteilige Lichtinstallation „Crater Dusk“ von 1998 im 50. Stock des Kronenhochhauses in der Nähe des Frankfurter Hauptbahnhofs modernisieren wollte.

Zur Beleuchtung der Fensterlaibung wird die bestehende Neonbeleuchtung mit LED-Technologie ersetzt. Erstmals reflektiert das Glas der Panoramafenster nicht mehr das Licht – ein Nebeneffekt der damaligen Neontechnik, mit dem Turrell nie richtig glücklich war. In den Türrahmen und den beiden anderen Teilen der Installation, der „Wet Bar“ und der „Back Bar“, wird die Neonbeleuchtung hingegen belassen. Der von Turrell gestaltete Raum wird in der Bank im täglichen Betrieb genutzt und ist ständig für Veranstaltungen ausgebucht.

An der von James Turrell gestalteten „Wetbar“ in der Zentrale DZ Bank in Frankfurt gibt es zu trinken und zu gucken. In die Theke ist ein Modell des „Roden Crater“ eingelassen, des erloschen Vulkans in Arizona, in den Turrell seine einzigartige Wahrnehmungskunstwelt gefräst hat. Foto: Frank Röth

Trotz der langen Zusammenarbeit hat Braun den Künstler nur wenige Male getroffen. Doch wenn sie zusammenkommen, wird es intensiv. So wie im November 2014, als Braun mit Kunsthallendirektorin Lorenz, dem zuständigen Architekten und dem beteiligten Mäzen Turrell in seiner New Yorker Arbeitswohnung aufsuchte, um ihm die Architekturpläne und das grobe Modell für den geplanten Lichtraum zu zeigen. Respekt hatten sie wohl alle, denn mit seinem weißen Haarschopf und dem Vollbart wirkt der Künstler wie Gottvater persönlich.

Braun war sich unsicher, ob Turrell den Stift in die Hand nimmt, wenn so viele um den Tisch herumsitzen. Aber noch während der Architekt sprach, fing Turrell an, zeichnend nachzudenken. Am nächsten Tag bat er Braun und Lorenz zu einem spontanen Treffen. Das Projekt ließ ihm keine Ruhe. Er wollte es genauer hören, noch ein bisschen darüber reden, dann war er dabei.

James Turrell

James Turrell Foto: dpa
wurde 1943 in Los Angeles als Sohn einer Quäkerfamilie geboren. Zunächst studierte er Psychologie und Mathematik, später dann noch Kunst. Der begeisterte Hobbypilot lebt und arbeitet an verschiedenen Orten in Amerika. Sein Atelier, sein Arbeitsmaterial und seine Leinwand sind der Himmel, wie er selbst sagt. Die frühen Lichtarbeiten entstanden in seinem ersten Atelier – dem ehemaligen Mendota-Hotel in Kalifornien. In vollständig abgedunkelten Räumen untersucht Turrell mit seinen „Projection Pieces“ systematisch das Zusammenspiel von künstlichem und natürlichem Licht. Auf einem seiner Flüge entdeckt er 1974 in der Wüste von Arizona den Krater eines erloschenen Vulkans. „Roden Crater“ ist zu seinem Lebenswerk geworden, zu einem gigantischen „Skyspace“. Tunnel, Plattformen und gezielt plazierte Öffnungen im Vulkankegel machen den Himmel, das Licht, die Sonne und die Sterne in einzigartiger Weise erfahrbar. Turrells Skizzen haben eine hohen Wiedererkennungswert. Gerne arbeitet er mit rotem Filzstift. Korrekturen führt er mit flüssigem Tipp-Ex aus.

Brauns Begeisterung für die Sache wird geholfen haben. Lorenz schätzt ihn als jemanden, der unkompliziert ist, mit dem man gerne zusammenarbeite. „Ihm merkt man an, dass er ein Seiteneinsteiger ist. Obwohl er für die technische Umsetzung verantwortlich ist, wirkt er anders und agiert anders.“ Braun ist kein Ingenieur. Vieles, was ihn heute auszeichnet, hat er sich selbst angeeignet.

Noch heute nutzt er Bahnfahrten, um sich Fachbücher vorzunehmen. Gerne aus der büroeigenen Bibliothek, die er systematisch ausbaut: „Ich habe meine Wunschliste von Büchern, nach denen ich regelmäßig im Internet suche. Selbst wenn es 400 Euro kostet, kaufe ich es.“ Sein Kleinod: das „Handbuch für Beleuchtung“, das er 1985 für 48 Mark kaufte und mit allen Erweiterungsausgaben vervollständigte. „Heute ist das unbezahlbar.“

Der Wert seiner 25 Regalmeter an Büchern und 40 Regalmetern an Katalogen, die er als kreativen Ansporn in den Raum seiner Zeichnerinnen gestellt hat, ist schier unermesslich. Doch Braun kommt es auf den Inhalt an. Er zahlt eigens eine Mitarbeiterin dafür, die Sammlung bibliographisch à jour zu halten und darüber zu wachen, dass keines dieser Werke das Büro verlässt. „Benutzen und kopieren gerne – ausleihen aber nicht.“

Nächstes Jahr wird er 60 Jahre alt. „In zwei bis drei Jahren möchte ich das Ruder umlegen und mich auf die Dinge konzentrieren, die ich gut kann und gerne mache.“ Mehr schreiben und forschen will er. An der Technischen Universität Darmstadt hat er im Fachbereich Entwerfen und Gebäudetechnologie einen Lehrauftrag.

Und seine Tochter, die sich schon als Zehnjährige ganz selbstverständlich ihren eigenen Arbeitsplatz im väterlichen Büro eingerichtet hat und nun mit ihm im Bergiseltunnel stand? Wäre sie nicht eine gute Nachfolgerin? „Sie sagt erst einmal Nein, sie will etwas Eigenes machen“, antwortet Braun. Gerade baut sie einen Ableger des Limburger Büros in Rostock auf. Im Tunnel hatte Swantje Braun bereits die Chefrolle eingenommen und nahm die Testreihen vor. Ihr Vater hielt die Testpersonen bei Laune – und griff gelegentlich zum Telefon, wenn mal wieder etwas nicht so lief, wie es laufen sollte.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Magazin

Veröffentlicht: 05.11.2017 08:39 Uhr