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Thierse bei der Fastnacht „Ich kann nichts außer Hochdeutsch“

 ·  Schwabenkritiker Wolfgang Thierse tut Buße und reist zur Fastnachtsfeier nach Baden-Württemberg. Im Europapark im badischen Rust bekommt er die „Goldene Narrenschelle“ - und mäßige Lacher.

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© dpa Vergrößern Wolfgang Thierse bei den badischen Narren: „Der Schwabe kann alles außer Hochdeutsch. Ich kann nichts außer Hochdeutsch.“

Zwei unachtsam ausgesprochene Sätze haben Wolfgang Thierse aus Prenzlauer Berg ins badische Disneyland befördert. Die Anfahrtsstraßen des Ruster Europaparks sind nachts beleuchtet wie Landepisten des Frankfurter Flughafens, eine Rekonstruktion des römischen Kolosseums grenzt an eine Kopie der Piazza del Campo in Siena.

In diese merkwürdige Kunstlandschaft, wenige Kilometer von der deutsch-französischen Grenze entfernt, hat sich der aus Thüringen stammende Wahlpreuße Wolfgang Thierse begeben müssen, weil er ein Interview gab, dessen Skandalpotenzial er mehr als fahrlässig unterschätzte.

„Wenn ich beim Bäcker erfahre, dass es keine Schrippen gibt, sondern Wecken. Da sage ich: In Berlin sagt man Schrippen, daran könnten sich selbst Schwaben gewöhnen.“ Und: „Ich wünsche mir, dass die Schwaben begreifen, dass sie jetzt in Berlin sind. Und nicht mehr in ihrer Kleinstadt mit Kehrwoche.“ Seitdem diese Sätze in der Welt sind, tobt der Schrippen-Wecken-Semmel-Diskurs. Thierses Auslassungen waren ein willkommenes Hornsignal für eine neue Schlacht im schwäbisch-preußischen Kehrwochen-Spätzle-Krieg.

Keine historische Erklärung schien zu weit hergeholt, um die Feindseligkeit zwischen Preußen und Schwaben herauszuarbeiten. Sogar die Schlacht von Königgrätz, bei der Preußen Österreich sowie die Mittelstaaten Württemberg und Baden besiegte, wurde herangezogen. Zum „gottsallmächtigen Grasdaggel“ hat man den Bundestagsvizepräsidenten gemacht. Die in religiösen Fragen gewöhnlich hochkompetente FDP schmähte den Sozialdemokraten als „pietistischen Zickenbart“. Germanisten wurden bemüht, um zu prüfen, ob es sich bei Weckla oder Zwetschendatschi tatsächlich um Substantive handelt, die nur zwischen Aalen und Stuttgart verwendet werden dürfen. Sogar die „Bäckerblume“ widmete sich dem Problem. Rechercheure wurden beauftragt zu prüfen, ob der früher „Ossi-Bär“ genannte Thierse aufgrund einer Traumatisierung vielleicht dem HO-Laden aus DDR-Zeiten hinterher trauert.

Schwitzend, sichtlich genervt und ein wenig desorientiert steht Wolfgang Thierse nun in dem mit Teppichboden ausgelegten Hotelsaal des Europarks, um diese „unernste Nebensächlichkeit“ endlich wieder aus der Welt zu schaffen. Der Abschnitt zwischen den Konfetti-Schnipseln scheint von Eventmanagern mit dem Lineal ausgemessen worden zu sein: Eine Fastnachtsfeier in einem Freizeitpark hat mit der alemannischen Fasnet wahrscheinlich soviel gemein wie eine Tiefkühlpizza mit dem Originalgericht. Und eigentlich hätte Thierse ja irgendwo in Altwürttemberg Abbitte leisten müssen und nicht im Badischen, denn sein Angriff galt ja den Schwaben.

Egal, die allmächtigen Schwäbisch-Alemannischen Narrenzünfte (VSAN) mit ihren 68 Mitgliedszünften wollen Thierse mit der „Goldenen Narrenschelle“ strafen. So blieb dem Mann nichts anderes übrig, als das „traurige Missverständnis“ mehrfach zu bedauern und die weite Reise nach Rust anzutreten.

Das übliche Flecklehäs hat sich Thierse nicht übergezogen, er trägt auch hier die Einheitskluft des Hauptstadtpolitikers: grauer Anzug, blaue Krawatte. Als er in die Bütt geht, muss er die brutalstmögliche Bußformel wählen: „Der Schwabe kann alles außer Hochdeutsch. Ich kann nichts außer Hochdeutsch.“

Auch seinen Berufsstand geißelt er: Er habe gar nicht gewusst, dass es außerhalb des Bundestags noch irgendwo auf dieser Welt Narren gebe. Dafür ringen sich die badischen Fasnachtsfreunde nur ein mäßiges Lachen ab. Narri-Narro.

Thierse hat Glück, dass seit zwei Jahren in Stuttgart Sozialdemokraten regieren, so ist Europaminister Peter Friedrich der Laudator. Friedrich tritt im Jakobiner-Kostüm ans Pult, als Badener ist für ihn die Sache ganz einfach, eigentlich seien die Schwaben und die preußischen Grasdaggel ja Brüder im Geiste: „Wenn der Berliner motzt, tut der Schwabe bruddeln, beide tun gerne in Baustellen buddeln. Und auch hier ergänzen sie sich kongenial: Für das gleiche Geld, für das man in Berlin nicht in den Himmel kommt, kommt man in Stuttgart nicht unter die Erde.“

Niemals könnten die Spätzlekrieger, die auf das Käthe-Kollwitz-Denkmal Teigwaren geworfen hätten, echte Schwaben sein: „Denn bei Spätzle, Weckle, Essig und Brot gilt für Schwaben das 11. Gebot: Nur nix verkomme lasse.“ Daran hält sich manchmal übrigens sogar die grün-rote Landesregierung - die Fasnachtsfeier in der Berliner Landesvertretung wurde in diesem Jahr erstmals gestrichen, das Geld reicht angeblich noch nicht einmal für schwäbisches Mineralwasser.

Am Ende muss Thierse niederknien, einen Fresskorb und die Goldene Narrenschelle bekommt er überreicht. Dann sagt ihm ein Fernsehreporter auf Schwäbisch eine Entschuldigungsformel vor - was für eine Demütigung, wo doch die Journalisten aus Thierses Sicht die Hauptschuldigen sind. Seine Bußfertigkeit ist ausgereizt, irgendwie will er nun doch wieder Recht behalten: „Ich habe nichts gegen die Schwaben gesagt, sondern Berlin verteidigt. Ich habe ganz eindeutig formuliert, da ist nichts Antischwäbisches drin gewesen.“ Der Fernsehreporter zieht enttäuscht von dannen.

Herbert Anton Bloeth alias Tony Marshall betritt die Bühne. Roter Anzug, schwarzes Einstecktuch, Achtziger-Jahre Miniplis-Frisur. Er stammt aus Baden-Baden, die Narrenschelle hat er auch schon einmal bekommen. „Jetzt läuft ein Yeti durch die Serengeti, er will nach Hause in sein Tibeti“, singt Marshall. Dann schmettert er noch „Oh happy day.“

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