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Theater Brigitte Mira: Kleine Frau mit großen Talenten

Wenige Wochen vor ihrem 95. Geburtstag ist die Schauspielerin Brigitte Mira gestorben. In ihrer langen Karriere machte sie sich auch als Balletteuse, Kabarettistin und Sängerin einen Namen. Ihr großes Potential bewies sie auch in Fassbinder-Filmen.

© dpa Vergrößern Brigitte Mira an ihrem 90. Geburtstag: Lebenslustig und unterschätzt?

Frech, pfiffig, gerade heraus und hochbegabt - mehr als 70 Jahre lang begeisterte die Schauspielerin und Sängerin Brigitte Mira ein Millionenpublikum. Neben Inge Meysel zählte sie zu den beliebtesten Volksschauspielerinnen Deutschlands. Nach längerem Klinikaufenthalt starb die Wahlberlinerin am Dienstag nachmittag im Alter von 94 Jahren im Berliner Emil-von-Behring-Krankenhaus. Das teilte ein Assistent der Filmproduzentin Regina Ziegler, einer engen Freundin Miras, mit.

Am 20. April wäre Mira 95 Jahre alt geworden. Ihr Tod hat die Lücke in der Garde altgedienter Schauspieler und Entertainer noch größer werden lassen. Bekannt wurde das quirlige Multitalent vor allem mit unterschiedlichen Fernsehrollen, darunter Rainer Werner Fassbinders „Angst essen Seele auf“ oder dem Serien-Dauerbrenner „Drei Damen vom Grill“. Darüber hinaus machte sie sich einen Namen als Balletteuse, Soubrette, Kabarettistin und Sängerin. Für ihre Kunst wurde Mira mehrfach ausgezeichnet.

Mit 19 auf der Theaterbühne

Musikpädagogin hätte Mira nach den Vorstellungen ihres Vaters - eines aus Rußland eingewanderten Konzertpianisten - werden sollen. Doch „Biggi“, wie sie von ihren Freunden genannt wurde, reizte die Bühne. Die am 20. April 1910 in Hamburg geborene und in Düsseldorf aufgewachsene Mira nahm Gesangs- und Ballettunterricht und debütierte 19-jährig in Köln als „Esmeralda“ in Smetanas „Die verkaufte Braut“.

Mira BfB.3 © picture-alliance / dpa/dpaweb Vergrößern Brigitte Mira feierte große Bühnenerfolge. Zuletzt mimte sie mit Evelyn Künneke (l.) und Helen Vita (r.) „Drei alte Schachteln auf Tour”

Ein Jahr später, 1930, bekam sie ihr erstes Engagement in Bremerhaven. Dramen, Operetten, Komödien, Weihnachtsmärchen - auf den Bühnen von Kiel bis Graz spielte Mira voller Begeisterung. „Das Schönste war, daß ich neben all den Stars der damaligen Zeit, Fritzi Massari, Richard Tauber, Leo Slezak und Lizzi Waldmüller - meinen Göttern -, spielen durfte“, gestand sie später ein.

1941 landete sie in Berlin im Theater am Schiffbauerdamm. Hier entdeckte Willi Schaeffers ihr komisches Talent und holte sie an sein legendäres „Kabarett der Komiker“. Diesem Genre blieb sie neben allen anderen Engagements treu: Sie brillierte in Günter Neumanns „Die Insulaner“ im Radiosender Rias, ging mit dem Kabarett „Die fröhlichen Spötter“ auf Tournee und feierte schließlich ab 1997 als eine der „Drei alten Schachteln“ zusammen mit Helen Vita und Evelyn Künneke Riesenerfolge. Die beiden jüngeren Kolleginnen waren vor einigen Jahren gestorben.

„Drei Damen vom Grill“

In den fünfziger Jahren entdeckte der Spielfilm die kleine, zierliche Frau mit den großen Talenten, die „Soubrette vom Dienst“, wie Mira sich selbst zu bezeichnen pflegte. Einer der Höhepunkte ihrer Fernsehkarriere wurde „Drei Damen vom Grill“. Die Serie lief mit kurzen Unterbrechungen von 1977 bis 1991 und begeisterte auch das jüngere Publikum.

Mehrfach war sie darüber hinaus an der Seite von Peter Alexander, Vico Torriani, Günter Pfitzmann und Harald Juhnke zu sehen. Die große Wende in ihrem künstlerischen Leben begann 1972, als sie am Bochumer Schauspielhaus Regisseur Fassbinder kennen lernte. Der gab ihr in dem sozialkritischen Film „Angst essen Seele auf“ die erste einer Reihe von Hauptrollen: die verwitwete Putzfrau Emmi Kurowski, die einen viel jüngeren arabischen Gastarbeiter heiratet.

Filmband in Gold

Die Anfeindungen der Gesellschaft, denen Emmi in dem Film ausgesetzt ist, kannte auch Mira: In ihrer letzten von insgesamt fünf Ehen war sie mit dem italo-amerikanischen Regisseur Frank Guerente verheiratet. Er war 23 Jahre jünger als sie und starb 1983.

Für ihre Rolle als Emmi erhielt sie 1974 in Cannes das Filmband in Gold. Diese Trophäe bekam sie 1989 noch einmal für ihr schauspielerisches Gesamtwerk. 1981 erhielt sie das Verdienstkreuz erster Klasse der Bundesrepublik Deutschland, 1995 wurde sie mit dem Bundesverdienstkreuz erster Klasse und 1996 mit dem Verdienstorden des Landes Berlin geehrt.

Gesundheitliche Probleme

Im Februar 2000 wurde ihr die Goldene Ehrenkamera verliehen. Mit zunehmendem Alter machten Mira gesundheitliche Probleme zu schaffen. Im August 2003 wurde ihr in der Zentralklinik Emil von Behring in Berlin-Zehlendorf per Notoperation ein Herzschrittmacher eingesetzt.

Die Teilnahme an der Verleihung des „B.Z.“-Kulturpreises Anfang Februar sagte sie ab. Berliner Zeitungen zitierten Freunde und Verwandte, wonach sich Mira von einem vor Wochen erlittenen Schwächeanfall nicht mehr richtig erholt habe. Die stark abgemagerte Schauspielerin werde künstlich ernährt und hänge auf der Intensivstation des Behring-Krankenhauses am Tropf, hieß es.

Immer schlagfertig

Mehr als 30 Jahre lang war Mira mit der Berliner Filmproduzentin Regina Ziegler befreundet. „Die Regina gibt mir immer eine Rolle, die paßt auf mich auf“, sagte sie in einem Interview. Ziegler gehörte zu denjenigen, die der beliebten Schauspielerin zu Ehren zum 90. Geburtstag eine große Gala veranstalteten.

Mira zeigte sich da topfit und schlagfertig. „Wie schafft es eine Frau, fünf Mal verheiratet zu sein, ohne kochen zu können?“, mußte sie sich von Talkmaster Alfred Biolek fragen lassen. Mit funkelnden Augen antwortete die Mira damals: „Ich hatte eben andere Qualitäten.“

Quelle: FAZ.NET mit Material von dpa und AP

 
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