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Terry Gilliam im Interview : „Ich bewahre mir meine Schamlosigkeit“

„Ich tue einfach, was ich tue“: Terry Gilliam Bild: dpa

Terry Gilliam, der Mitbegründer von Monty Python und Regisseur von Filmen wie „Brazil“, erzählt in einem Buch sein bewegtes Leben. Ein Gespräch über Phantasie, Freunde, Gegner und Monster.

          Die Porchester Hall im Herzen Londons ist wahrlich keine schlechte Adresse für einen Tischlersohn aus Minnesota, um seine Memoiren vorzustellen: ein edler Art-déco-Bau von 1929 mit imposanten Treppen, Kronleuchtern und Marmorwänden, vertäfelt mit Walnuss- und Eichenholz. Freunde der Komikergruppe Monty Python, die Terry Gilliam mitbegründet hat, kennen diesen Ort - als Schauplatz einer der denkwürdigsten, aber auch ekelhaftesten Essszenen des Kinos: In der Porchester Hall stand jener Restauranttisch, an welchem 1983 im „Sinn des Lebens“ der grotesk fettleibige Mr. Creosote Platz nahm, um das komplette Menü zu verspeisen, dabei wiederholt in Eimer zu speien und schließlich, nach dem Verzehr eines „hauchdünnen Pfefferminzblättchens“, auf wenig appetitliche Weise zu zerplatzen. Angeblich hat der sonst kaum zimperliche Quentin Tarantino die Creosote-Episode als einzige Filmszene überhaupt bezeichnet, die selbst er zu abstoßend fand.

          Jörg Thomann

          Redakteur im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Terry Jones, der den Creosote spielte, hätte lieber seinen Mit-Python Gilliam in der Rolle gesehen. Gepasst hätte das: Dem einzigen Nichtbriten der Gruppe fielen üblicherweise Minirollen in bizarren Maskeraden zu. Weit wichtiger für Monty Python als Gilliams seltene Auftritte vor der Kamera aber waren seine absurden Animationen, die die Sketche miteinander verbanden und vor zwangslustigen Schlusspointen bewahrten.

          Neben John Cleese hat Gilliam die beeindruckendste Nach-Python-Karriere gemacht und Filme gedreht wie „Time Bandits“, „Brazil“, „12 Monkeys“ und „König der Fischer“, welche geprägt sind durch den überbordenden Einfallsreichtum ihres Regisseurs, der jeden cineastischen Rahmen sprengte - und manchmal auch den finanziellen. So gilt Gilliam gleichermaßen als Visionär, der Stars für sich gewann wie Sean Connery, Robert DeNiro, Robin Williams, Brad Pitt, Bruce Willis, Christoph Waltz und Johnny Depp, und als vielleicht größter Bruchpilot der Filmgeschichte. Wollte man ein Gilliam’s Law formulieren, so wäre es dies: Jederzeit kann alles geschehen - das Beste wie das Schlechteste.

          Von den Überresten des unglücklichen Mr. Creosote ist nichts mehr zu finden in der Porchester Hall, alles ist pieksauber. Leider ist es auch verdammt kalt, vor allem in dem Hinterzimmer, das für unser Gespräch reserviert ist. Die Heizung geht nicht, und irgendwann platzen in das Interview zwei Männer mit einer Leiter hinein, um wenigstens das oberste Fenster zu schließen, was nicht klappt. Irgendwie ist es ein typischer Terry-Gilliam-Moment - von dem sich Gilliam selbst, der mit grauem Bart, dunklem Hemd und Cape-artigem Mantel etwas von einem Hexenmeister hat, aber nicht die Laune verderben lässt. Er hat in seinen 75 Lebensjahren schon ganz anderes überstanden.

          Mr. Gilliam, Ihre Autobiographie heißt „Gilliamesque“. Was genau bedeutet das?

          Das weiß ich gar nicht. Wenn Leute vom „Gilliam-Stil“ oder von „Gilliam-Filmen“ reden, dann frage ich mich, was sie meinen. Ich tue einfach, was ich tue, und pflege ganz sicher nicht bewusst einen bestimmten Stil.

          Sie schreiben, dass Sie nach jedem Film eine postnatale Depression befalle, wenn Sie die Kritiken lesen und den Film bewerben müssen. Wie ist es nun mit diesem Buch?

          Mehr oder weniger genauso. Ich bin es ziemlich leid, über mich selbst zu reden. Es ist sehr seltsam: Man schreibt das Buch, und ab einem bestimmten Punkt glaubt man, was darin steht. Ich bin gar nicht mehr sicher, ob das überhaupt noch mein wirkliches Leben ist (lacht).

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