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Veröffentlicht: 13.11.2016, 15:01 Uhr

Ein Jahr nach Paris-Attentat Als ihre Herzen stehen blieben

Heute vor einem Jahr griffen islamistische Attentäter Paris an. Sie töteten 130 Menschen. Opfer, Hinterbliebene und Bewohner der Stadt erzählen von der Nacht und dem Leben danach.

von , , Estelle Marandon,
© dpa Bloß weg hier: Menschen, die am 13. November 2015 aus dem Konzertsaal Bataclan in Sicherheit gebracht wurden.

Christiane Junker ist mit einer Freundin im „Le Baromètre“, einem Bistro auf dem Boulevard Voltaire nur 50 Meter vom Konzertsaal „Bataclan“ entfernt, als sie plötzlich Schüsse hört. „Wir guckten uns an und fanden das beide komisch, aber dann sagte ich: ‚Bestimmt ein Feuerwerk‘“, erinnert sie sich. Im nächsten Moment rennen Leute über die Straße, Gäste werfen sich auf die Knie oder kriechen unter Tische. Junker robbt hinter die Theke, ihre Freundin sperrt sich in eine Besenkammer ein. Weitere Schüsse fallen. „Ich habe versucht, zu verstehen, was gerade passiert, und ich konnte im Fernseher, der in dem Bistro hing, sehen, dass auch an anderen Orten Schüsse fallen“, erzählt die Fernsehjournalistin. Rund dreißig Minuten harren sie so aus, dabei linst sie immer wieder über die Theke und sieht schließlich „so was wie das deutsche SEK eintreffen, mit schweren Maschinenpistolen, aber ohne Helme. Ich dachte an eine Kneipenschießerei, Hells Angels oder so“, erinnert sich Junker. Sie ist beruhigt, weil sie denkt: Wenn die Polizei da ist, wird sich das alles schon klären. Das Ausmaß dessen, was gerade geschieht, begreift sie in diesem Moment nicht.

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Es ist die Nacht vom 13. November vergangenen Jahres, als in Paris 130 Menschen ums Leben kommen, weil islamistische Terroristen zum zweiten Mal innerhalb weniger Monate Anschläge in der Stadt verüben. Ausgerechnet in Paris, der Stadt der Liebe, die nun droht, zu einem geradezu lebensfeindlichen Ort zu werden. Bloß weg hier, so denken sich einige Bewohner schon in diesen erschreckenden ersten Stunden, ab nach Marseille oder Bordeaux, wo es für das gleiche oder gar weniger Geld ein Haus mit Garten gibt und Sonne, die einem ins Gesicht strahlt.

In den Tagen nach den Anschlägen werden in manchen Kindergärten Ausflüge zum Spielplatz verboten, Sankt-Martins-Umzüge abgesagt. Schwer bewaffnete Militärs werden auf einmal an jeder Ecke stehen. „Meine damals drei Jahre alte Tochter fing an, von bösen Menschen zu sprechen. Es war bedrückend“, wird eine Pariser Mutter von zwei kleinen Kindern berichten. Das Gefühl, dass da ein Lebensgefühl endet, in dieser Terrornacht kommt es hoch, es erfasst alle, die in der Hauptstadt leben.

43333324 © AFP Vergrößern Ein Pariser am 14. November 2015 vor der Bar „Le Carillon“. Hier starben 15 Menschen.

Julius Tang hat erst wenige Wochen zuvor sein Masterstudium in Paris begonnen, als er und ein paar befreundete Kommilitonen auf die Idee kommen, sich das Freundschaftsspiel Deutschland gegen Frankreich im Stade de France anzuschauen. „Die Tickets waren nicht teuer, 30, 40 Euro, also haben wir eine Woche vorher gesagt: Okay, das machen wir“, erzählt der deutsche BWL-Student. Vor dem Stadion lassen sie noch ein Foto von sich machen, um 21.03 Uhr ist Anpfiff. Ihre Plätze sind weit oben, aber auch dort ist der erste Knall 14 Minuten später deutlich zu hören.

„Keiner von uns hat das in diesem Moment verstanden, dieser Riesenknall kam von der gegenüberliegenden Seite“, sagt Tang. „Zunächst dachten wir an übermotivierte Fans, die ein Zeichen setzen wollten, aber andererseits haben die französischen Fans, die deutlich in der Überzahl waren, überhaupt nicht reagiert. Sie haben jedenfalls nicht gejubelt.“

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Tatsächlich hatte einer der Attentäter versucht, kurz nach Spielbeginn noch ins Stadion zu kommen. Als der Sicherheitsdienst die Sprengstoffweste entdeckt, flüchtet der Attentäter und zündet die Bombe außerhalb des Stadions. Ein Passant kommt mit ihm ums Leben. Es ist der erste Knall von etlichen an diesem Abend. Bis zur zweiten Explosion sterben im Stadtzentrum 15 Menschen infolge der Schießerei.

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