Eine Klingel ohne Namensschild, daneben eine Videokamera und eine Stimme aus dem Lautsprecher: „Kommen Sie herein, Tamara ist gleich fertig.“ Das schwarze Eisentor geht auf, und damit öffnet sich der Blick auf eine andere Welt. Ein Bentley und ein Ferrari parken im Innenhof, an die Wand sind rosafarbene Schmetterlinge gemalt, daneben steht in verschlungener Schrift: „Home sweet home“. Willkommen in Chelsea, in einer der begehrtesten und teuersten Gegenden von London. Willkommen bei Tamara Ecclestone, bei einer der reichsten Frauen auf diesem Planeten. Erst kürzlich nahm das Magazin „Forbes“ sie in die Reihe der „Heißesten Milliarden-Erbinnen“ auf.
Auf einmal steht sie im Esszimmer und reicht einem die Hand mit den knallroten Fingernägeln. Schlank ist sie, trägt High Heels und eine Leggings mit Leopardenmuster, das Lächeln versteckt Tamara Ecclestone hinter sehr viel Make-up. Sie setzt sich, den Rücken kerzengerade, ihr Visagist zieht noch einmal die Lippen nach und benetzt die dunklen Locken mit Haarspray. Auf dem flauschigen Teppichboden liegt Duke, ihr Chihuahua. Sie nickt zufrieden. Die Siebenundzwanzigjährige ist die älteste Tochter von Bernie Ecclestone, dem mächtigen Vermarkter der Formel 1, und Slavica Radic, einem ehemaligen Armani-Model. „Aber die Leute wissen nicht, wer ich wirklich bin“, sagt sie.
Begeben wir uns also auf Spurensuche und tauchen ein in ihr Leben. Im Treppenhaus ihrer Villa hängt ein Foto von ihr, darauf schwebt sie waagerecht in der Luft, gehalten von zwei Luftballons an den Armen und Füßen. Genauso stellt man sich gemeinhin den Alltag der Superreichen vor: schwerelos und sorgenlos. Schon Ende der neunziger Jahre hat Ecclestone für seine Frau und die beiden Töchter Tamara und Petra einen Treuhandfonds gegründet und soll ihnen rund 3,5 Milliarden Euro überschrieben haben. 2009 ließ er sich von seiner Frau scheiden und musste ihr noch einmal 843 Millionen Euro überweisen. Summen, mit denen Tamara aufgewachsen ist; als Model oder Moderatorin müsste sie schon lange nicht mehr arbeiten.
Nervös spielt sie mit ihren Fingern, zupft immer wieder die Haare zurecht. Paparazzi sind ganz wild auf neue Bilder von ihr. Einige davon zeigen sie im knappen Bikini auf einer Yacht, auf anderen steht sie im Pyjama an der Straße und sieht dabei zu, wie der neue Ferrari angeliefert wird. Die britischen Magazine sezieren ihr Leben wie unter einem Brennglas, und manche sehen ihn ihr schon die englische Version von Paris Hilton, Hotelerbin und Partygirl aus Amerika. „Ich hoffe nicht, dass das wahr ist, wir sind vollkommen unterschiedliche Charaktere“, sagt Ecclestone. Und warum? „Nun, von mir gibt es zum Beispiel kein Sexvideo im Internet zu sehen.“
Mehr als zweihundert Paar Schuhe
Dafür gewährt sie andere Einblicke. Im vergangenen Jahr wurde in England „Billion Dollar Girl“ ausgestrahlt, danach wurde das Reality-TV-Format über das Leben der Tamara Ecclestone auch nach Australien, Neuseeland, Belgien, Italien, Estland, Finnland und Norwegen verkauft, im Mai dieses Jahres kommt die Serie nach Deutschland. „Die ganze Welt ist besessen davon, etwas über die Leben der anderen zu erfahren. Das verstehe ich, mir geht es doch genauso“, sagt Ecclestone. „Aber die Leute verbreiten so viele Lügen, es steht so viel Mist in den Zeitungen über mich. Viele denken, ich sei ein Dummkopf, ein verwöhntes und reiches Mädchen - das ist nicht die Wahrheit.“
Aber vielleicht ein Anfang. Sie besitzt mehr als zweihundert Paar Schuhe, unzählige Kleider und Handtaschen im Wert von beinahe einer Million Euro. „Andere sammeln Sportwagen oder Kunst“, sagt sie. „Ich liebe Mode. Und ich würde lügen, wenn ich sage, dass mir Luxus nicht gefällt.“ Für ein paar Tage mit dem Privatjet nach Cannes, Partynächte in den angesagtesten Clubs dieser Welt - ihrem Vater gefällt diese Art von Leben überhaupt nicht.
Bernie arbeitet, arbeitet und arbeitet
Im vergangenen Oktober ist Bernie Ecclestone 81 Jahre alt geworden, und noch immer steht er jeden Morgen auf und geht an seinen Schreibtisch. So ist er zu einem der reichsten Briten geworden. Seinen Stil hat er trotzdem nicht verändert: schwarze Schnürschuhe, graue Hose, weißes Hemd - seine Uniform. „Wenn ich mein Vater wäre, würde ich mal einen Golfkurs in Florida beginnen“, sagt Tamara Ecclestone. Aber er arbeitet weiter. Schon in der Schule handelte er mit Pausenbrötchen, später mit Gebrauchtwagen, und schließlich machte er die Formel 1 zu einer globalen Gelddruckmaschine. Ecclestone ist einer der geheimnisvollsten Sportmanager der Welt. „Der Tag, an dem ich nicht mehr in mein Büro gehe, ist der Tag, an dem ich ins Grab gelegt werde“, sagt er. Die Verschwendung seines Reichtums ist ihm fremd.
Genauso wie das Leben seiner Töchter. So hatte er beispielsweise den Traum, dass Tamara einmal eine erfolgreiche Rechtsanwältin wird. Doch sie hatte andere Pläne. Nach der Privatschule ging sie zunächst auf die London School of Economics, brach das Studium aber ab: „Das war nichts für mich, es hat mich gelangweilt.“ Sie fing in einem Armani-Geschäft als Verkäuferin an und war schockiert von der Realität: „Ich konnte nicht glauben, wie grob reiche Menschen mit anderen Leuten umgehen, das war schrecklich.“ Nach sechs Monaten hörte sie auf, begann einen Kurs als Make-up-Artist, arbeitete kurz als Assistentin des Vaters und ließ sich schließlich in Unterwäsche für das Magazin „FHM“ ablichten. Spätestens damit wurde sie zu einer Frau des öffentlichen Interesses. Das Fernsehen fragte an, für Sky Sports in Italien durfte sie eine Saison lang die Formel 1 präsentieren.
Hund als kleiner Herzog
Ihr Chihuahua wird unruhig, er schnüffelt über den Boden und pinkelt an die Tasche des Fotografen. „Duke!“, sagt Ecclestone und lacht. In ihrer Welt ist auch der Hund ein kleiner Herzog, fünf davon leben bei ihr. Oft geht sie mit ihnen zum Luxuskaufhaus Harrods und lässt ihnen die Nägel lackieren. Von wem sie den schönsten Kuss ihres Lebens bekommen habe? „Duke!“
Im Mai des vergangenen Jahres hat ihre jüngere Schwester Petra in Rom geheiratet. Mehr als vierzehn Millionen Euro soll die Party der Dreiundzwanzigjährigen gekostet haben. Eric Clapton, die Black Eyed Peas und ein Teil des Royal Philharmonic Orchestra traten auf. Ein Feuerwerk für rund 120 000 Euro, die Flasche Wein für 5000 Euro. „Es war eine tolle Hochzeit, die beste, auf der ich jemals gewesen bin“, sagt Tamara. „Als Nächstes bin ich dran, und es soll eine genauso beeindruckende Feier werden.“ Den Mann dafür hat sie offenbar schon gefunden: Omar Khyami, ein Börsenmakler mit syrischen Wurzeln.
Nach und nach soll ihr Leben einen anderen Sinn bekommen, auch als Geschäftsfrau will sie sich einen Namen machen. Noch in diesem Jahr soll ihre eigene Shampoo-Linie auf den Markt kommen. Einen Namen hatte sie sich schon ausgedacht: „Formula Uno“. Doch ihr Vater widersprach: „Er sagte mir, dass es einen Haufen Leute gibt, die einen Haufen Geld dafür bezahlen, dass sie mit dieser Marke werben dürfen. Ich hatte keine Chance, ich konnte es mir nicht leisten.“ Ein Rückschlag, doch kein Grund aufzugeben. „Mir ist es wichtig, dass ich mein eigenes Geld verdiene“, sagt sie. „Mein Vater wird immer stolz sein, solange ich etwas mache und einen Grund habe, am Morgen aufzustehen.“
Alles hat seine Grenzen
Ihr Schlafzimmer möchte sie allerdings nicht zeigen, genauso wenig wie den begehbaren Kleiderschrank und das kleine Schwimmbecken. Der Blick in ihre Privatsphäre hat Grenzen und wird streng kontrolliert. Denn der Rest dieses Hauses besitzt viel Luxus, aber so gut wie keinen persönlichen Charme. Die moderne Küche sieht im Vorübergehen aus, als habe sie nie jemand gebraucht, kein Staubkorn liegt im Esszimmer, die Sofakissen im Wohnzimmer sind penibel nebeneinander drapiert, in der Ecke steht eine überdimensional große Champagner-Flasche. Doch vor allem die Fotos an den Wänden und auf den Tischen fallen auf. Eines zeigt Tamara Ecclestone, wie sie mit ihrem Freund Omar im Swimming-Pool liegt, die Haare nass, das Glück im Gesicht. Eine Momentaufnahme, die sie ungeschminkt zeigt und beweist, dass hinter der Fassade eine durchaus hübsche Frau steckt.
Neues Haus mit 55 Zimmern
Sie hat sich ein neues Haus in Kensington gekauft und lässt es gerade renovieren. In England schreiben die bunten Blätter, dass es mehr als fünfzig Millionen Euro kosten soll, allein die aus weißem Kristall geformte Badewanne soll ihr mehr als eine Million Euro wert sein. 55 Zimmer, ein sechzig Quadratmeter großes Ankleidezimmer mit einem rotierenden Schuhschrank, eine Bowlingbahn, ein kleines Kino mit künstlichem Sternhimmel, ein Swimming Pool - ein Leben wie in Zuckerwatte. Oder doch Größenwahn?
Das Lächeln verschwindet aus ihrem Gesicht, die Stimme wird ernster: „Ich bin sehr glücklich darüber, dass ich mir um das Geld keine Sorgen mehr machen muss. Aber dies bedeutet nicht, dass ich den Respekt davor verloren habe.“ Das habe sie ihrem Vater zu verdanken. Beim Zähneputzen mache sie das Wasser aus, und nachts drehe sie die Heizung runter. „Dad hat mir immer gesagt, dass ich mich nicht dafür schämen soll, wenn ich im Geschäft nach dem Preis frage, wenn ich auf das Etikett eines Kleides schaue oder im Restaurant die Rechnung überprüfe“, sagt sie. „Einmal waren sieben Martinis mehr darauf. Es hätte nicht das Ende der Welt bedeutet. Aber es ist gut, wenn du nur für die Sachen bezahlst, die du auch bekommst.“ Sie habe kein Bargeld im Portemonnaie, nur ihre Bankkarte, in dieser Hinsicht sei sie wie die Queen.
„Ich hatte eine wunderbare Kindheit“
Seit einigen Jahren engagiert sich Tamara Ecclestone für verschiedene Charity-Projekte, ganz besonders für das Great Ormond Street Hospital in London. Kinder aus der ganzen Welt werden dort behandelt, die meisten von ihnen leiden unter Herz- oder Lungenkrankheiten, einige überleben nicht. „Ich hatte eine wunderbare Kindheit“, sagt Tamara Ecclestone. Der Vater brachte die Töchter zur Schule, erzählt sie, die Mutter holte sie ab und kochte, und in den Ferien zeigten ihnen die Eltern die Welt. „Aber viele Mädchen und Jungen wachsen ganz anders auf. Um sie will ich mich kümmern. Ich versuche, einen Teil von meinem Glück an andere weiterzugeben“, sagt Ecclestone. Seit vier Jahren organisiert sie eine Formel-1-Party und hat so mehr als zwei Millionen Euro eingenommen. Im Internet kann man bei www.tamaragivesback.com getragene Designer-Kleider und -Schuhe von ihr kaufen; der Erlös geht an das Kinderkrankenhaus.
Tamara Ecclestone nimmt Duke auf den Arm, steht auf und führt einen hinaus. „Mein ganzes Leben ist wie eine Achterbahn, und das genieße ich sehr“, sagt sie. „Ich liebe das, was ich tue. Natürlich gibt es auch ein, zwei Prozent in meinem Leben, die mir nicht gefallen. Aber ich will mich nicht beschweren.“ Morgens war sie beim Pilates-Training, mittags hat sie einem Fernsehteam gezeigt, wie sie lebt. Dann dieses Interview, danach zu einer Auktion von Fabergé-Eiern, und spät am Abend twittert sie: „Hat noch jemand das Gefühl, dies war der längste Tag überhaupt?“