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Suizid im Kindsalter Hast du das gewollt?

Benni war ein normaler Sechstklässler. Spitze in der Schule. Ein begeisterter Sportler. Bis seine Leiche gefunden wird. Aber können Kinder sich umbringen wollen?

© plainpicture / B. Jaubert Vergrößern Die Leere danach: Das für den Nachmittag anberaumte Fußballspiel seiner Mannschaft war abgesagt worden.

Manchmal sieht sie seine Kumpels, wie sie morgens zur Schule gehen. Dann denkt sie: Guck, da wärst du jetzt dabei. Manchmal geht auf der Straße ein Junge vor ihr, der die gleiche Größe und den gleichen blonden Kurzhaarschnitt hat. Dann zuckt sie zusammen. Manchmal sieht sie, wie eine Mutter ihr Kind schimpft, weil es sich im Supermarkt vor Wut auf den Boden geworfen hat. Dann denkt sie: Sei froh, dass du dein Kind noch hast.

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Ihr eigener Junge ist jetzt woanders. Eines Tages, vier Monate nach seinem zwölften Geburtstag, hat er sich aufgehängt. Einfach so.

Britta und Markus Riedeler, 45 und 53 Jahre alt und seit 22 Jahren verheiratet, sitzen nebeneinander am Esstisch ihrer Wohnung in einer ostwestfälischen Kleinstadt. In Wirklichkeit heißen sie und auch Benni anders, doch um ihren zweiten Sohn zu schützen, möchten sie anonym blieben. Britta Riedeler ist blond, resolut und kräftig, manchmal fällt sie ihrem Mann ins Wort und verbessert ihn. Er ist dunkelhaarig, zurückhaltend und schmal, die Arme hält er die ganze Zeit vor dem Körper verschränkt, als wolle er sich wärmen.

Ein Leben vor dem Tod und eins danach

Vor ihnen stehen ein aufgeschnittener Marmorkuchen und ein gerahmtes Foto von Benni, das die Schule ihnen kurz nach seinem Tod geschickt hat, weil sie überall herumgefragt haben, ob noch irgendjemand Fotos von ihm hat. Er steht vor der Tafel und lächelt ein etwas verlegenes Lächeln, auf seinem grünen T-Shirt steht der Schriftzug Vacation in Wyoming. „Manche Leute verstehen nicht, dass wir hier noch Fotos von ihm haben“, sagt Britta Riedeler, „aber die können sich nicht vorstellen, wie das ist.“

Das ist nämlich so: Es gibt ein Leben vor diesem Moment und eins danach. Ein Leben, in dem du sagst: „Meine Kinder“, wenn du von Benni und seinem älteren Bruder Jan redest. Und eins, in dem du sagst: „Mein Sohn.“ Weil du nur noch einen hast. Ein Leben, in dem es selbstverständlich für dich ist, den Geruch und das Aussehen deines Kindes und den Klang seiner Stimme zu kennen. Und eines, in dem all das immer mehr verschwimmt. Eines, in dem dein und sein Körper unversehrt sind. Und eines, in dem er nicht mehr da ist und sein Tod sich für dich wie eine Wunde anfühlt. Mal ist der Schorf dick, mal ist er dünn. Aber verheilen tut sie nie. „Wenn du ein Kind verlierst, dann verlierst du einen Teil von dir selbst. Man sieht es dir nur nicht an“, sagt Markus Riedeler.

Benni war ein Spitzenschüler

In dem Leben vor diesem Moment war Benni ein zappeliger, impulsiver Sechstklässler mit unbändigem Ehrgeiz, dem alles gelang. Er war ein Spitzenschüler, seinem Bruder um Längen voraus. Er war gerade Kreismeister im Crosslauf geworden, spielte Handball im Verein und Fußball in der Kreisauswahl. Seine Eltern waren stolz.

In dem Moment danach hing Benni unter seinem Hochbett, mit seinem Schal um den Hals, Erbrochenem in der Luftröhre und entleerter Blase. Benni, hast du das wirklich so gewollt?

„Es war ein Unfall“, sagt seine Mutter. „Es war ein Suizid“, schrieb die Unfallversicherung. Das war für die Riedelers wie ein Schlag ins Gesicht. Können Kinder sich umbringen wollen? Wissen sie, was der Tod ist? Und konnte Benni wissen, was passieren würde, als er den Kopf in die Schlinge steckte?

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